Better Call Saul 6x10

Better Call Saul 6x10

Mit der neuen Episode Nippy nimmt die Serie Better Call Saul einen unerwarteten Umweg hin zum Serienfinale, welches schon in wenigen Wochen ansteht. Ob sich der Schlenker in Schwarz-Weiß gelohnt hat, ist bei den Fans nicht unstrittig.

Bob Odenkirk und Carol Burnett in der Serie Better Call Saul - hier unser Review zu Episode 6x10, Nippy. (c) AMC
Bob Odenkirk und Carol Burnett in der Serie Better Call Saul - hier unser Review zu Episode 6x10, Nippy. (c) AMC
© ob Odenkirk und Carol Burnett in der Serie Better Call Saul - hier unser Review zu Episode 6x10, Nippy. (c) AMC

Das pacing, also mit welcher Geschwindigkeit die Handlung vorangetrieben wird, bleibt der auffälligste Problemfall der Finalstaffel der Serie Better Call Saul. Nachdem sich die Serienmacher:innen rund um Vince Gilligan und Peter Gould den Großteil dieser überlangen Season sehr viel Zeit ließen, kam die endgültige Wandlung von Jimmy McGill hin zu Saul Goodman (Bob Odenkirk) in der vergangenen Woche so plötzlich, dass sie sich eher wie ein Bruch angefühlt hat. Doch auch die ungeduldigen Fans kriegen jetzt nicht, was sie wollen, denn mit der neuen Episode Nippy (6x10) kommt es gleich wieder zur nächsten Vollbremsung (und das drei Wochen vor dem großen Showdown).

Die Folge hebt sich schon mit ihrem süßen Titel von den anderen Ausgaben der laufenden Staffel hervor, die bislang immer dem „X & Y“-Schema entsprachen. Bedeutend ist aber vor allem, dass es sich um die erste Episode der „Saul“-Geschichte handelt, die vollständig nach den Ereignissen der Mutterserie Breaking Bad spielt. Das Bild bleibt also die ganze Zeit schwarz-weiß - außer im Intro, das mit einem blauen Störsignal versehen wurde. Die erfahrene Regisseurin Michelle MacLaren und die Autorin Alison Tatlock wollen keine Zweifel daran lassen, dass „Nippy“ ganz für sich steht.

Der Hauptdarsteller Odenkirk ist tatsächlich auch der Einzige aus dem regulären Cast, der in der Episode zu sehen ist. Neu dabei sind dafür die Fernsehlegende Carol Burnett, die selbst großer Fan des Franchise sein soll, Parks and Recreation-Alumnus Jim O'Heir sowie Pat Healy, der Don Harvey in der seltenen, aber nicht ganz unwichtigen Gastrolle des Taxifahrers Jeff ersetzt, nachdem Letzterer wegen eines Terminkonflikts ausschied (wir berichteten).

Was passiert?

Wir befinden uns also in der Zeit nach „Breaking Bad“, als Saul Goodman aus Albuquerque fliehen musste, weil sich einer seiner Klienten als größter Drogenboss des Landes herausgestellt hat. Unter dem Decknamen Gene Takovic leitet unser Protagonist nun eine Cinnabon-Filiale in einer Mall irgendwo in Nebraska. Sein Alltag ist geprägt von Gebäck und Langeweile. Nach Feierabend greift Gene gern zum Glas, um nicht von den Albträumen seiner früheren Leben geplagt zu werden. Erst, als ihn der Taxifahrer Jeff, der mal selbst in Albuquerque gelebt hat, erkennt, kommt wieder Spannung auf.

Dass Genes Cover aufgeflogen ist, sahen wir bereits in Staffel vier und fünf. In „Nippy“ erfahren wir endlich, wie er damit umgeht. Dadurch beantwortet sich auch die uralte Frage, ob Menschen in der Lage sind, sich zu verändern - oder ob sie immer wieder dieselben destruktiven Kreisläufe vollziehen. „Slippin' Jimmy“ übernimmt nämlich das Ruder, um für Gene das Jeff-Problem zu lösen. Mit einem unfassbar umständlichen Plan, will er den möglichen Erpresser zuerst erpressen...

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Schritt eins betrifft die rüstige alte Dame Marion (Carol Burnett), mit der sich Gene anfreundet, indem er vorgibt, sein entlaufenes Hündchen Nippy zu suchen. Marion ist Jeffs Mutter, der natürlich alles andere als erfreut ist, seinen früheren Fahrgast plötzlich in der eigenen Küche vorzufinden. Als geborener Verkäufer will Gene sowieso nur einen Fuß in die Tür kriegen, um Jeff den Deal seines Lebens anzubieten: Er will dem notorischen Loser nämlich beibringe, wie man „das Spiel“ gewinnt, also das Spiel des Lebens. Mit Lug und Betrug können es selbst die unscheinbarsten Spieler bis ganz nach oben schaffen. Als Paradebeispiel wird tatsächlich Heisenberg angeführt, was aber die einzige Erwähnung des „Breaking-Bad“-Protagonisten bleibt (viele Fans hatten auf das Cameo von Bryan Cranston oder Aaron Paul gehofft).

Hat man erst mal akzeptiert, dass diese neue Folge wirklich nur davon handelt, wie Gene sich um Jeff kümmert, kann man etwas befreiter den spaßigen Teil genießen: die Vorbereitungen für den großen Armani-Heist. Gene freundet sich über mehrere Tage mit dem Sicherheitsmann Frank (Jim O'Heir) an, indem er diesem zu Beginn der Nachtschicht ein süßes Gebäck vorbeibringt und über Football quatscht. Dabei stoppt er jedes Mal die Zeit, um zu sehen, wie lang man Frank so von seinen Monitoren ablenken kann. Jeff soll derweil üben, in weniger als vier Minuten so viele Luxusklamotten wie möglich mitgehen zu lassen (aber auch nicht zu viele, damit es nicht auffällt).

Als der große Tag schließlich gekommen ist, läuft der idiotensichere Überfall zunächst voll nach Plan. Doch Jeff ist so ein außergewöhnlicher Pechvogel, dass trotzdem noch was schief geht. Auf dem frisch gebohnerten Fußboden rutscht der Dieb spektakulär aus und bleibt bewusstlos liegen. Gene muss improvisieren und schüttet Frank sein Herz aus, was nur so überzeugend sein kann, weil er dabei echte Tragödien von Jimmy kanalisiert.

Zu sehen, wie Gene eine Show abzieht und gleichzeitig alles wahr ist, was er sagt, bricht einem das Herz. Eine starke Szene für Odenkirk, der zum Ende der Episode noch eine weitere Facette zeigen kann, als er Jeff bedrohlich einschüchtert. Sollte er ihn verraten, gehen beide ins Gefängnis. Sicherlich hätte es für Gene viel einfachere Lösungen gegeben, Jeff in den Griff zu kriegen. Doch die allerletzte Szene, in der er sich einen kunterbunten (wenn auch schwarz-weiß gefilmten) Saul-Goodman-Anzug anschaut, zeigt, dass er diese Nummer auch für sein eigenes Selbstbewusstsein durchziehen musste. Jimmy/Saul/Gene muss hustlen, um zu überleben, wie ein Hai immer weiterschwimmen muss...

Wie ist es?

Insgesamt kann man gut verstehen, dass viele Fans von der neuen Better Call Saul-Episode Nippy ein wenig enttäuscht waren. So kurz vor dem Serienfinale kann eine solche Verschnaufpause eher den Stress erhöhen, statt zu entspannen. Andererseits kann man die Folge aber auch als letzten Abgesang auf die gute, alte Hustle-Zeit der Serie betrachten. Zumal sie auch mit Blick auf die Charakterzeichnung unseres Titelhelden eine wichtige Funktion erfüllt. Wir kriegen nämlich den Beweis vorgelegt, dass er ist, wer er ist - und sich niemals ändern können wird. Wie befriedigend eine solche Botschaft nun erscheint, mag wiederum eine ganz andere Frage sein.

Ich hoffe vor allem, dass „Nippy“ nicht ohne Konsequenzen bleibt, sondern auf den letzten Metern nachhallt. Die finalen drei Folgen werden übrigens von den drei Serienchefs Thomas Schnauz, Vince Gilligan und Peter Gould beigesteuert, was die Erwartungen zusätzlich anheizen darf. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Figur der Marion nicht noch eine entscheidende Wendung bringt, zumal Carol Burnett ja behauptet hat, dass sie mehrere Auftritte hinlegt. Es hätte eine wunderbare Ironie, wenn am Ende ausgerechnet eine alte Lady, die Jimmy und Saul stets so aus der Hand gefressen haben, Gene zum Sturz bringt. Vielleicht wird es ihre Rache für das, was ihrem Jeffy angetan wurde...

Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 27. Juli 2022
Episode
Staffel 6, Episode 10
(Better Call Saul 6x10)
Titel der Episode im Original
Nippy
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 25. Juli 2022 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 26. Juli 2022
Autoren
Vince Gilligan, Peter Gould, Alison Tatlock
Regisseur
Michelle MacLaren

Schauspieler in der Episode Better Call Saul 6x10

Darsteller
Rolle

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