Better Call Saul 6x09

Better Call Saul 6x09

Eine Woche nach der spektakulären Midseason-Premiere nimmt sich die neue Folge von Better Call Saul wieder mehr Zeit für Charaktermomente. Zum Ende hin erleben wir dennoch einen Wendepunkt, der die Spielregeln verändert.

Rhea Seehorn in der Serie Better Call Saul (c) AMC
Rhea Seehorn in der Serie Better Call Saul (c) AMC
© hea Seehorn in der Serie Better Call Saul (c) AMC

Passend zum Anwaltsthema liegt die Hauptaufgabe der sechsten und letzten Staffel von Better Call Saul bislang darin, alle alten Akten abzulegen, damit wir uns zum Schluss ganz auf den Fall von Jimmy McGill aka Saul Goodman (Bob Odenkirk) konzentrieren können. Erst wurde die Akte Nacho (Michael Mando) abgelegt - auch wenn Mike (Jonathan Banks) nun noch mal einen Blick darauf werfen musste -, dann die Akten Howard (Patrick Fabian) und Lalo (Tony Dalton) - überraschenderweise im selben Ordner - und nun ist tatsächlich auch die Akte Kim (Rhea Seehorn) dran.

Die neue Episode Spaß und Streiche (im Original: „Fun and Games“) nimmt nach der fulminanten Midseason-Premiere wieder etwas Tempo raus, kann damit aber trotzdem einen der wichtigsten Wendepunkte der gesamten Serie hinlegen. Es handelt sich um die Folge, die die Transformation von Jimmy zu Saul abschließt, der wir so lange entgegengefiebert hatten. Dass sie nun so wehtut, ist ein Beweis der hohen Schreibkunst der Serienmacher:innen und des Schauspiels Odenkirks und Seehorns (Letztere hat übrigens endlich ihre längst überfällige Emmy-Nominierung eingeheimst).

Die Regie lag diesmal in den Händen von Michael Morris, für den es die fünfte und letzte Inszenierung beim Breaking Bad-Prequel war. Das Drehbuch stammt von Ann Cherkis, die ebenfalls nun ihre fünfte Folge beisteuert. Auch darf sie einer unserer Lieblingsfiguren vielleicht die letzten Worte in den Mund legen: „Because I was having too much fun.

Kim und Jimmy

Die Episode beginnt mit einer wieder mal brillanten Montagesequenz zum Harry-Nilsson-Song „Perfect Day“ (hier der YouTube-Link). Wir sehen abwechselnd, wie Kim und Jimmy nach der Horrornacht mit Lalo ihrem Alltag nachgehen, als wäre nichts gewesen. So hat es Mike ihnen aufgetragen, der währenddessen mit seiner Crew die Wohnung der beiden säubert. Auf wunderbar zynische Art und Weise werden uns Übergänge präsentiert, in denen ein wässriger Automatenkaffee einem vor Blut tropfenden Besen gegenübergestellt wird. Ganz am Ende sehen wir, wie Mike die letzten Beweise in einer Feuertonne loswird (neben den kreativen Schnitten spielt der Regisseur Morris hier auch viel mit dem Licht).

Erst nach Feierabend fällt bei Kim und Jimmy die Maske. Während er ihr einredet, dass sie eines Tages alles vergessen haben werden, und dabei einen Rat von Mike benutzt, den dieser ihm nach der gemeinsamen Wüstenwanderung mitgegeben hatte, reagiert sie überhaupt nicht mehr. Dennoch ist Kim diejenige, die bei Howards Trauerfeier im HHM-Gebäude die Contenance bewahrt. Howards Witwe Cheryl (Sandrine Holt) nimmt vor allem Jimmy voll in die Mangel, sodass er nicht länger in der Lage ist, die Lüge mit den Drogen aufrechtzuerhalten. Diesen seelenzerstörenden Part überlässt er einmal mehr seiner sehr viel stärkeren Frau. Später im Parkhaus, wo wir die beiden zu Beginn der Serie erstmals gemeinsam sahen, gibt sie ihm einen Kuss, der sich schon nach Abschied anfühlt...

Giancarlo Esposito in Better Call Saul
Giancarlo Esposito in Better Call Saul - © AMC

Zum Ende der Episode erwischt uns der eigentlich vorhersehbare Bruch der beiden Hauptfiguren bitterkalt. Kim hat eine Entscheidung getroffen: Nach allem, was passiert ist, kann sie nicht länger als Anwältin arbeiten - und schon gar nicht mit dem Mann verheiratet bleiben, den sie zwar liebt, der für sie aber wie Gift wirkt. Beziehungsweise wirken Kim und Jimmy füreinander wie Gift, ganz gleich, wie viel Spaß die zwei zusammen haben. Kim stiehlt sich keineswegs aus der Affäre, sie übernimmt sogar die Hauptverantwortung für die Tragödie rund um Howard, weil sie Jimmy verheimlicht hatte, dass Lalo noch am Leben war. Nun schickt sie sich selbst ins Exil, was für uns Fans sicher besser ist als ihr lange Zeit befürchteter Tod. Trotzdem schmerzt der Abschied sehr, zumal Seehorn wieder ihre ganze Schauspielwucht auffährt.

Genial ist auch, wie nach Kims letzten Worten sofort der brutale Cut zur Saul-Goodman-Zeit erfolgt. Mit der Trennung von Kim ist Jimmy endgültig gestorben, und bestattet hat er sich in der Persona, die einst seine Frau für ihn erfand. So „Saul-ig“ wie hier haben wir Odenkirk seit Breaking Bad nicht mehr erlebt. Ein widerwärtiger, aufgeblasener Witz von einem Anwalt, der den Schmerz in seinem Inneren übertönen will, indem er einfach konstant quatscht und quatscht. Hauptsache, er muss nicht mehr an Kim denken, wobei wir natürlich darauf hoffen, dass sich die beiden vielleicht noch mal in der Zukunft wiedersehen. Immerhin ist Gene ausgerechnet in Kims Heimatstaat Nebraska untergetaucht. Gut möglich, dass Seehorn vor dem Serienfinale in Schwarz-Weiß-Szenen auftritt. Ansonsten wäre ihr Abschied ein bisschen unterwältigend...

Mike und Gus

Auch die Akte Gus wird in dieser Folge für die Zeit in der Produktion Better Call Saul abgeschlossen. Nach dem Showdown mit Lalo reist der Hähnchenmann zu Don Eladio (Steven Bauer), um sich für die Vorwürfe seines Erzfeindes Hector Salamanca (Mark Margolis) zu verantworten. Dass es der Szene etwas an Spannung mangelt, liegt nicht nur daran, dass wir schon wissen, dass Gus nichts befürchten muss. Man spürt schnell, dass Eladio den alten Hector eh nicht ernst nimmt. Völlig würdelos schickt er den Salamanca-Patriarchen ins Bettchen, während dieser wütend mit der Klingel bimmelt. Gus und Juan Bolsa (Javier Grajeda) kriegen dann sogar noch eine Beförderung - ein Sieg auf voller Linie.

Interessant ist allerdings, dass der vermeintlich stumpfsinnige Kartellchef ganz genau durchschaut, dass Gus ihn verachtet. In einem denkwürdigen Zitat erklärt Eladio seinem Untergebenen, dass ein bisschen Hass völlig in Ordnung sei, solange er nicht vergessen würde, wer für wen arbeitet. Diese Dynamik sieht man wenig später gespiegelt auch bei Gus und seinem eigenen Untergebenen Mike, der sichtlich angewidert ist, dass Gus sofort mit dem Laborbau fortfahren will, nachdem gerade so viele Leute im eigenen Sicherheitsteam gestorben sind.

Gus' Besuch in seiner Lieblingsweinbar, mit dem er seinen gewonnen Kampf zelebrieren will, ist in meinen Augen der schwächste Teil der Episode. So nett der Sommelier David (Reed Diamond - beide standen übrigens schon bei Homicide: Life on the Street gemeinsam vor der Kamera) auch sein mag, seine Geschichten ziehen sich ein bisschen. Nur Gus sieht das anders, weil er verliebt ist. Die Sexualität des Superschurken wurde bislang nur leicht angedeutet, was daran liegen könnte, dass sich niemand wirklich dafür interessiert. Am Ende soll sowieso nur der Punkt gemacht werden, dass man im Haifischbecken Drogenhandel nur überleben kann, wenn man solche persönlichen Gefühle unterdrückt. Meine Empathie ist mir allerdings zu schade, um sie für einen kalten Fisch wie Gus aufzubrauchen.

Dann spare ich sie mir doch lieber für Mike auf, bei dem menschliche Schwächen immer gern gesehen sind. Wie anfangs angedeutet, hat er mit der Akte Nacho noch nicht ganz abschließen dürfen. Man fühlt sich fast an die Kurzgeschichte „Das verräterische Herz“ von Edgar Allan Poe erinnert, wie der Ausweis von Nachos Vater Manuel (Juan Carlos Cantu) unter Mikes Holzboden diesem einfach keine Ruhe lässt... Er will sein Gewissen erleichtern, was er dann wiederum dem unschuldigen Manuel aufbürdet. Als er ihm verspricht, für Gerechtigkeit zu sorgen, hat sein Gegenüber nur Hohn für ihn übrig. Wie alle Gangster würde er Gerechtigkeit mit Rache verwechseln.

Mike sieht in diesem Moment ähnlich würdelos aus wie der alte Hector, als man ihn nicht ernst nimmt. Doch bei Mike schmerzt dieses Bild noch mehr, gerade weil er sonst so viel Würde hat. Würde ist vielleicht insgesamt das Hauptthema der Episode, was auch durch sehr eindeutige Kameraeinstellungen unterstrichen wird. Man muss nur mal sehen, wie winzig klein zum Beispiel Kim und Jimmy aussehen, als sie vor Cheryl stehen. Kim könnte nun die Einzige in der Serie sein, die sich ihre Würde zurückholt. Saul versinkt derweil ins Bodenlose...

Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 19. Juli 2022
Episode
Staffel 6, Episode 9
(Better Call Saul 6x09)
Deutscher Titel der Episode
Spaß und Streiche
Titel der Episode im Original
Fun and Games
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 18. Juli 2022 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 19. Juli 2022
Autoren
Vince Gilligan, Peter Gould, Ann Cherkis
Regisseur
Michael Morris

Schauspieler in der Episode Better Call Saul 6x09

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