Banshee 2x06

Nach der ungewöhnlich ruhigen und fast schon einfühlsamen Episode The Truth About Unicorns (2x06) wird dem Zuschauer in Armies of One sehr schnell deutlich gemacht, dass Banshee die weichen Bandagen wieder abgelegt hat. Statt Charakterzeichnung steht schnell wieder unverfälschte Gewalt im Vordergrund.
In diesem Zusammenhang profitiert die Serie durch die kraftvollen Auftritte des walisischen Schauspielers Andrew Howard, der wirklich das Beste aus seiner bescheidenen Gastrolle herausholt. Den Serienverantwortlichen gelingt es somit auch abseits der Kampfhandlungen, erinnerungswürdige Szenen hervorzubringen.
Leben und Sterben
Mit dem Briten Quentin (Howard) wird Banshees Aufgebot an unorthodoxen Gestalten um eine weitere denkwürdige Figur ergänzt. Der Handlanger, der auf den langfingrigen Jason Hood (Harrison Thomas) angesetzt ist, macht schon nach wenigen Momenten einen sehr viel vielversprechenderen Eindruck als seine Zielperson. Neben hübschen Tricks im Nahkampf begeistert er durch kleine Marotten: „I now feed booze to the birds.“
Ebenso wie der FBI-Agent Jim Racine (Zeljko Ivanek) scheidet jedoch auch Quentin viel zu früh wieder aus der Handlung aus.
Indem seine Figur gerade jetzt dem Charakter von Lucas Hood (Antony Starr) gegenübergestellt wird, soll fraglos dessen Antrieb betont werden, sich zu bessern. Während Quentin vollkommen in der Rücksichtslosigkeit seines Jobs aufgeht, müht sich Lucas mittlerweile darum, sich human zu verhalten.
Gute Vorsätze
Obwohl Hood ja eigentlich nichts mit dem Sprössling des Mannes verbindet, dessen Identität er übernommen hat, stürzt er sich in erhebliche Komplikationen, um Jason eine zweite Chance zu ermöglichen. Zum einen manifestiert sich in dem altruistischen Akt sicher eine Wehmut darüber, dass ihm als junger Mann keine Möglichkeit für einen Neubeginn zuteil wurde („You are not the first guy to make a mistake“). Gleichzeitig wird anhand von Lucas' Bestrebungen, Konflikte fortan lieber mit Worten zu lösen, deutlich, dass er sich zu einem Schutzpatron für Banshee entwickelt hat.
Auch in Hoods Beziehung zu Siobhan Kelly (Trieste Kelly Dunn) wird eine Sehnsucht nach Normalität und nach Redlichkeit deutlich. Doch noch hat er keine Zeit für Alltag und Schmusereien. So sind selbst nach Quentins irrsinniger Enthauptung schließlich noch genügend Charaktere auf freiem Fuß, die einem glücklichen Lebensabend für Hood wohl noch in die Quere kommen werden.

Die Macht des Proctor
Sowohl Alex Longshadow (Anthony Ruivivar) als auch Rebecca (Lili Simmons) geraten immer hoffnungsloser in das toxische Umfeld von Kai Proctor (Ulrich Thomsen). Ruivivar gelingt es gut, den Schmerz darüber nach außen zu tragen, sich mit seinem Erzfeind verbünden zu müssen, um seine Machtposition im Stamm zu festigen. Im etwas überdramatischen roten Licht sieht man die Ideale des bedrängten Häuptlings förmlich dahinschmelzen.
Die Geschäftsbeziehung zwischen Alex und Kai ist besiegelt, selbst wenn sich die Auswirkungen des Paktes lediglich erahnen lassen. Als sehr viel undurchschaubarer erweist sich jedoch Proctors Verbindung zu seiner Nichte: „You're either with me - or you're not“, sagt der Gangster Rebecca, nachdem er ihren Liebhaber Jason hat ermorden lassen.
Wie so oft wird auch in der Episode Armies of One gleich mehrfach der Eindruck befeuert, dass es zwischen Proctor und seinem Protegé auch eine sexuelle Komponente gibt. Doch hat Proctor Jason aus Eifersucht getötet?
Nach Jasons Tod wird Rebecca von ihren Emotionen regelrecht geschüttelt. Könnte es sein, dass ihr Onkel mit dem Mord zu weit gegangen ist? Es ist ohnehin etwas merkwürdig, sich die potentielle Nachfolgerin mit perfiden Demonstrationen von Allmacht gefügig zu machen. Nun stellt sich die Frage, ob Proctor Rebecca tatsächlich auf sich eichen kann, indem er alle anderen menschlichen Kontakte schlichtweg ausradiert. Entweder Kai erschafft hier tatsächlich eine ebenbürtige Partnerin, die ihm im Bezug auf Kälte in nichts nachsteht, oder aber Proctor ist auf dem besten Weg, sich seinen eigenen Untergang heranzuziehen...
Hoffnungslose Hopewells?
In dieser Episode von Banshee werden wieder die Auswirkungen thematisiert, die Carries (Ivana Milicevic) Vergangenheit als Anastasia für ihre Familie bedeutet. Deva (Ryann Shane) ist mit den Nerven völlig am Ende und verliert während einer Fahrstunde die Kontrolle über ihre Wut. In Anbetracht der „Notbremse“ im Fußraum des Fahrlehrers macht ihr lebensgefährlicher Ausraster zwar keinen sonderlich plausiblen Eindruck. Nichtsdestotrotz lässt die Irrfahrt den Puls kurzzeitig in luftige Höhen steigen.
Auf Seiten der Hopewells kann sich zudem der (sich chronisch bestrippen lassende) Gordon (Rus Blackwell) wieder ein Stück rehabilitieren. Zuletzt wenig mehr als eine Karikatur seiner Selbst steuert er nun einen emotionalen Höhepunkt zur Episode bei. Als Hopewell unter der Last der Überforderung und des Alkohols kollabiert und Max (Gabriel Suttle) ihm in die Arme fällt, wird in einer einzelnen Szene sehr effektiv das Leid der Familie eingefangen.
Umso erlösender wirkt es, dass sich eine angemessen zaghafte Annäherung zwischen Deva - die gerne öfter auf ihr Make-Up verzichten dürfte - und ihrer Mutter anbahnt.

Brock
Als wäre den Drehbuchautoren gerade schmerzlich bewusst geworden, dass Gordon zu schwach ist, um Hood bezüglich des Identitätsdiebstahls Probleme zu machen, fühlt sich nun unvermittelt ein anderer Charakter zu störrischer Skepsis berufen. Zwar ist Brock Lotus (Matt Servitto) durch Gordon schon vor geraumer Zeit damit beauftragt worden, Hood im Auge zu behalten. Dass er aber ausgerechnet jetzt, nachdem sich innerhalb der Gruppe der Gesetzeshüter doch ein gewisser Zusammenhalt herauskristallisiert hat, seine Nachforschungen intensiviert, wirkt etwas sprunghaft. Während die Szene, in der Brock sich gegenüber Sugar Bates (Frankie Faison) unbeholfen durch eine Lüge aus der Affäre zieht, recht authentisch geraten ist, macht Lotus' Figur im Rest der Episode einen allzu kindischen Eindruck.
Ode an Clay
Während die große Offenbarung, dass Hood 15 Jahre seines Lebens für eine handvoll Glas im Gefängnis verbrachte, inmitten von all den anderen Entwicklungen nicht den erwünschten Knalleffekt liefert, sorgt eine harmlose Nebenpassage für Aufsehen. Endlich, endlich gibt es wieder etwas mehr über Proctors Gehilfe Clay Burton (Matthew Rauch) zu sehen. In einer Choreografie, der nicht zuletzt dank der gehobenen musikalischen Untermalung etwas Elegantes anhaftet, werden eindrucksvoll und häppchenweise neue Details über die schweigsame Figur offenbart. Es ergibt sich das Bild eines Menschen, der seine Existenz triebhaft in vollen Zügen genießt. Die gesamte Sequenz jagt einem bis zu ihrem ebenfalls stimmigen, abrupten Ende meisterhaft Schauer über den Rücken. Die verräterische Uhr des echten Steriff Hood verkommt dabei eindeutig zur Nebensache.
Fazit
Armies of One wartet gleich mit einer ganzen Reihe von Szenen auf, die durch ihre Intensität beeindrucken. Der stumme Blickwechsel zwischen Rebecca und Kai, dem gerade Oralsex zuteil wird, kann so in ähnlicher Weise verstören wie die ganzen effektvoll zerberstenden Knochen.
Bei Kai handelt es sich nach wie vor um einen der vielversprechendsten Charaktere in Banshee. Seine Pläne in Bezug auf die rebellischen Kinaho machen ebenso neugierig wie seine durch und durch unangenehme Beziehung zu Rebecca.
Die gefälschten Diamanten machen deutlich, dass Mr. Rabbit ein noch durchtriebenerer Fiesling ist, als erwartet. Dies ist insofern interessant, als dass Hood durch die Erkenntnis und der damit einhergehenden Rachegelüste vielleicht wieder von seinen gemäßigteren Wegen abgebracht werden könnte. Die Aussicht darauf, dass sich der Spieß nun umdreht, und Rabbit zum Gejagden wird, ist durchaus verlockend.
So betroffen die Rezensentin darüber ist, Andrew Howards Quentin nicht näher kennnenlernen zu düfen, so froh ist sie doch über seinen imposanten Kurzauftritt. Ähnlich wie bei Burtons kleiner Lektion im Saubermachen stellt Banshee seinen Einfallsreichtum unter Beweis. Hoffentlich werden die Zuschauer auch in den vier Episoden, die von der zweiten Staffel übrig sind, noch möglichst oft vor den Kopf gestoßen.
Verfasser: Thordes Herbst am Sonntag, 16. Februar 2014(Banshee 2x06)
Schauspieler in der Episode Banshee 2x06
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