Banshee 1x04

Banshee 1x04

Die neue Episode der Serie Banshee ist in ihrer Gänze ein rasanter Ritt, der begeistert. Es gibt - wie immer - Sex und auch ein abgetrenntes Ohr. Mehr noch erfreuen allerdings die bissigen Dialoge und das Gefühl, dass die Figuren zum Leben erwachen.

Sheriff Lucas Hood (Antony Starr) mit seinem Komplizen Sugar Bates (Frankie Faison) in „Banshee“ / (c) Cinemax
Sheriff Lucas Hood (Antony Starr) mit seinem Komplizen Sugar Bates (Frankie Faison) in „Banshee“ / (c) Cinemax

Die Einblicke, die Cinemax in das Sexualleben der Carrie Hopewell (Ivana Milicevic) aus der Serie Banshee zulässt, sind gewohnt großzügig bemessen. Auch Carries Ehemann Gordon ( Rus Blackwell) lernen wir zum Folgenauftakt ein ganzes Stückchen... näher kennen. Doch mit dem halbherzigen Sex ist der Höhepunkt der Episode Half Deaf Is Better Than All Dead noch lange nicht erreicht.

Ein Sheriff auf Abwegen

Sheriff Lucas Hood (Antony Starr) sieht sich derweil mit einer unangenehmen Situation der anderen Art konfrontiert. Er hat seine Dienstwaffe gegen Einbruchhandschuhe getauscht und sich für einen Raubzug in das State Museum von Harrisburg eingeschlichen. Jetzt versperrt eine unüberwindbare Stahltür Hoods Rückweg in ein rechtschaffeneres Leben. In seiner Not wendet sich Lucas an seinen Stammhacker Job (Hoon Lee), der erneut seine Kompetenz unter Beweis stellt, indem er von einem Diner aus erst einmal das Heulen der Alarmsirenen abstellt.

Im Anschluss entspinnt sich ein wahres Feuerwerk aus Ereignissen: Während der schillernde Exot Job ein paar pöbelnden Hinterwäldlern auf eindrucksvolle Weise Manieren beibringt, muss sich Hood neben der Gefahr, die sich durch die nahende Polizei abzeichnet, auch noch mit seiner Exfreundin Carrie auseinandersetzen. Als wäre das alles noch nicht komplex genug, werden noch diverse Rückblenden aus Hoods Zeit als Gefängnisinsasse mit der Gegenwart verwoben. Wie seine ungebremsten Aggressionen im Umgang mit dem Vergewaltiger Damien Sanchez (Cedric Stewart), verdeutlichen auch die Bilder von dem gequälten Gefangenen, wie fragil das Innenleben des Mannes ist.

Retterin in der Not

Wie schon vor 15 Jahren, als Carrie noch Anastasia genannt wurde, ist sie auch heute für Hood der Fels in der Brandung. Erst ebnet sie für Lucas den Weg aus seiner Panikattacke. Dann kommt sie in ihrem wuchtigen SUV selbst ins Spiel, um den Expartner im letzten Moment aus der Bredouille zu befreien. Das Team aus Carrie und Lucas funktioniert nach wie vor tadellos: Sie fährt, ihr Auto öffnet im richtigen Moment den Kofferraum, Hood verfehlt den Reifen des heranrasenden Streifenwagens nicht mit seiner Knarre und für den Rest sorgt das Glück der Gewagten.

Charakterzeichnung

Hinter den mehr oder weniger plausiblen Actionsequenzen im ersten Drittel von Banshee tut sich für den Zuschauer auch der verletzliche Hood hervor. Sobald sich jedoch Menschen in seiner Nähe befinden, pflegt Lucas wieder sein Paradeimage des „wreckless Thrill-junkie“.

Auch Carrie trägt im Alltag eine Maske. Während sie vorgibt, nun mit ganzem Herzen ihrer Familie verschrieben zu sein, fehlt ihr insgeheim das adrenalingeschwängerte Leben an der Seite von Hood. Dieser Eindruck wird im Verlauf der Episode immer weiter - und auch auf subtile Weise - verstärkt.

Ein hübscher Hinweis auf die Tatsache, dass Hood mit seinen ungewöhnlich schlagfertigen Methoden so manchen Bewohner von Banshee bereits für sich gewinnen konnte, liefert der lässige Faustcheck, den Lucas mit der Empfangsdame im Polizeirevier austauscht.

RIP, Reed

Senator Robert Schumacher (Wayne Pere) bringt mit seinem Besuch in Hoods Büro weiteren Tiefgang in die Handlung. Der Politiker, den die Trauer um seinen Sohn Reed (Hunter Garner) zerfrisst, will sehen, wie Hanson dingfest gemacht wird. Dabei zeigt sich Robert fast ebenso sehr vom amerikanischen Rechtssystem beeindruckt wie der Sherrif selbst: „Fuck jurisdiction!

Der Urheber der verunreinigten Ecstasypillen hatte zwar bereits in der Episode The Rave für seine Vergehen bezahlt. Aber mit seinen wütenden Schuldzuweisungen hat Schumacher bei Hood den richtigen Nerv getroffen. Mit der Hilfe von Deva Hopewell (Ryann Shane) rollt Hood den Fall um den toten Reed wieder auf.

Nicht zuletzt dank der ausgezeichneten schauspielerinschen Leistung der jungen Ryann Shane erkennt man erneut, dass sich zwischen Deva und Lucas eine zwischenmenschliche Verbindung der besonderen Art manifestiert.

Hitlers traurige Schergen

Zusammen mit seinem schwarzen Kollegen Emmett Yawners (Demetrius Grosse) stattet Lucas daraufhin „Hitlers Bunker“ einen Besuch ab. Die Mitglieder der „Aryan Nation“ sind allesamt dem Klischeetopf für Neonazis entsprungen und schwingen allerhand Schlagwerk, während sie grimmig mit den Zähnen knirschen. Sowohl Yawners als auch Hood zeichnen sich durch einen ausgesprochen erquicklichen Umgang mit dem arischen Abschaum aus. Emmetts „This is where the master race collects their unemployment cheques“ wird dabei nur noch durch Lucas' zynischen Kommentar übertroffen, dass es sich bei seinem Kollegen in Wahrheit um „einen von uns“ handle, weil er ja schließlich mit einer weißen Frau verheiratet sei.

Als Hood das erste der dankbaren Opfer schlagkräftig unschädlich macht, guckt Emmett zwar noch ein wenig skeptisch. Doch als der Junkie Arno sich noch auf dem Boden liegend zu einer weiteren Beleidigung hinreißen lässt, legt auch er Hand an - in diesem Falle an das Riechorgan des Neonazis...

Arno sorgt als heruntergekommener Junkie, der sich in seiner Freizeit zu ohrenbetäubendem Gegröle selbst tätowiert, dank seiner Schnoddrigkeit bis zur Selbstaufgabe für einen hohen Unterhaltungsfaktor. Mit Zitaten wie „I am kind of addicted to breathing“ oder „Oscar for best picture goes to Arno Webber“ bleibt er definitiv in Erinnerung.

Hood vs. Proctor

Der amische Gangsterboss Kai Proctor (Ulrich Thomsen) kann durch seinen ersten Auftritt in der Episode Half Deaf Is Better Than All Dead ebenfalls begeistern. In der Gesellschaft von Rottweiler Preacher und dem nicht minder gehorsamen Clay Burton (Matthew Rauch) stählt Proctor seine Fäuste an einer hölzernen Konstruktion. Auch an dieser Stelle können die Dialoge ebenso überzeugen wie die Ausstrahlung der Darsteller, in der sich eindrucksvoll das stumme Kräftemessen der Beteiligten widerspiegelt.

If you are gonna be arresting me every time someone shows up dead, we might as well get to know each other.“ Unterschwellige Drohungen, spitzfindige Beleidigungen und ein CRRASH!

Die Moodys manövrieren sich per Truck eindrucksvoll zurück in das Geschehen. Wie nicht anders zu erwarten, kann sich Hood - mit ein wenig Hilfe von Proctor und Yawners - aber gegen die drei Brüder durchsetzen. Statt die Ganoven jedoch wegen versuchten Totschlags oder eines ähnlichen Vergehens festzunehmen, reicht Hood in der Welt von Banshee ein „Get the fuck out of here!“, um die Geschwister des von Lucas erschossenen Cole Moody loszuwerden - nicht ohne Bruder Markus noch sein Ohr hinterherzuwerfen.

Nackt, aber mit Tatsachen

Selbst Szenen, in denen Cinemax-typisch der Fokus auf die Tatsache gelegt wird, dass wenig Textilien im Spiel sind, transportieren neben der straffen nackten Haut auch inhaltliche Relevanz. Indem Carrie zu den Bildern einer gemeinsamen Zukunft mit Lucas in der Badewanne masturbiert, wird ebenso viel Bedeutung transportiert wie mit der Tatsache, dass sie nach dem misslungenen Befriedigungsversuch in das Bett ihres Ehemannes zurückkehrt. Überhaupt birgt die Konstellation aus Lucas, Carrie und Gordon eine Menge Potential in sich. Das liegt vor allem daran, dass der liebenswerte Gordon viel mehr ist, als nur ein chronischer Unsympath, der kurzfristig den Platz an Carries Seite für Lucas freihält.

Prosit!

Während man sich noch insgeheim darüber ärgert, dass Cat Moody die Chance auf eine potentiell vielversprechende Aussprache zwischen Carrie und Lucas zunichtegemacht hat, reißen einen oktoberfest'sche Klänge aus der Melancholie zurück in die irrwitzige Serienrealität: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“ Von Proctor! In erstklassigem Deutsch! In der Endlosschleife!

Im Zusammenspiel mit den genervten Zwischenrufen von Siobhan Kelly (Trieste Kelly Dunn) entfaltet sich eine vorzügliche Sequenz, bevor dem entzückten Zuschauer immer weitere Verquickungen präsentiert werden. So hat auch „The Wunderkind-Mayor“ Dan Kendell (Daniel Ross Owens) eine Rechnung mit Proctor offen...

Fazit

Wer sich in einem Format wie Alan Balls Banshee zu einer Suche nach Realismus hinreißen lässt, wird am Ende nicht allzu viele Begebenheiten auf seiner Liste verbuchen können. Doch innerhalb der Serienrealität gehen die unorthodoxen polizeilichen Methoden auf und ergeben ein stimmiges Bild. Packend inszenierte Verfolgungsjagden sind dem Sehvergnügen so auch dann zuträglich, wenn das Timing einfach zu gut ist.

Die Episode Half Deaf Is Better Than All Dead ist von der ersten Minute an spannend. Auch das Ende der Folge ist mit der Entführung von Arno, der ja im Fall Proctor als Kronzeuge fungiert, äußerst vielversprechend. Die Aussicht auf eine verstärkte Präsenz von Job in den künftigen Folgen ist ebenso erfreulich wie die Tatsache, dass mit dem Charakter des Emmett endlich auch ein Schwarzer in Banshee auftaucht, der sich keiner kriminellen Verstrickungen rühmen kann.

Viele Handlungsstränge, die in den vorangegangenen Episoden ihren Anfang genommen hatten - wie der Todesfall von Reed und die anstehende Rache der Gebrüder Moody - werden wieder aufgenommen. Das führt zu einer spürbaren Verdichtung des Banshee-Universums. Sex und Gewalt kommen zwar spürbar zum Tragen, können jedoch nachvollziehbar in den Rest der Handlung integriert werden. Eine großartige Episode, so kann es gerne weitergehen. Jesus Christmas!

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 4. Februar 2013
Episode
Staffel 1, Episode 4
(Banshee 1x04)
Deutscher Titel der Episode
Der einzige Zeuge
Titel der Episode im Original
Half Deaf is Better Than Half Dead
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 1. Februar 2013 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 1. August 2013
Autoren
Jonathan Tropper, David Schickler
Regisseur
Greg Yaitanes

Schauspieler in der Episode Banshee 1x04

Darsteller
Rolle
Ivana Milicevic
Ulrich Thomsen
Frankie Faison
Hoon Lee
Job
Rus Blackwell
Matt Servitto
Demetrius Grosse
Trieste Kelly Dunn
Ryann Shane
Daniel Ross
Ben Cross
Matthew Rauch

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