Banshee 1x03

In der neuen Folge von Banshee zeigt Sheriff Lucas Hood (Antony Starr) - gemäß dem Episodentitel Meet the New Boss - wer in dem Städtchen das Sagen hat. Doch Vorsicht - die Methode, die er dabei an den Tag legt, ist nichts für sensible Zeitgenossen.
Von Beginn an gelingt es auch der dritten Episode von Banshee, die Zuschauer unmittelbar in ihren Bann zu ziehen. Während Carries (Ivana Milicevic) Überrumpelung eines Wachmannes noch choreografiert wirkt, ist das was folgt umso spektakulärer: Carrie Hopewell hat ihren Expartner Lucas Hood über den Verbleib der gestohlenen Diamanten belogen, und - ach ja - der respekteinflößende Mr. Rabbit (Ben Cross), in dessen Blick stets ein Hauch von Wahnsinn mitschwingt, ist ihr Vater!
Gordon vs Lucas
Nach der Beerdigung vom Senatorensohn Reed Schumacher (Hunter Garner), der in der Episode The Rave durch eine verunreinigte Ecstasy-Pille ums Leben gekommen war, wird Lucas von Carries Mann, dem Bezirksstaatsanwalt Gordon Hopewell (Rus Blackwell) zum Essen eingeladen. Dabei lernt man Gordon als freundlichen Mann mit Rückrat zu schätzen. Gleichzeitig erhalten Lucas und Carrie zwischen Burgern und Bier die Gelegenheit, sich verschwörerische Blicke zuzuwerfen. So wird unterschwellig angedeutet, dass Gordon seiner Frau nie so nahe kommen wird, wie es damals mit Lucas der Fall gewesen war.
Sugar Bates (Frankie Faison) gibt sich erneut als ambivalenter Mann zu erkennen, der auch mit Proctor zusammenarbeitet. Diesen verständigt Sugar darüber, dass die amische Rebecca Bowman (Lili Simmons) sich wieder in seiner Kneipe vergnügt. Nach einem neuerlichen sexuellen Aufeinandertreffen von Rebecca und Lucas wartet so auch jemand vor der Tür auf das promiskuitive Mädchen: kein geringerer als ihr Onkel Kai Proctor.
Der komplexe Proctor
Die amerikanischen Ureinwohner von „Banshee“ arbeiten mit Proctor zusammen, um in ihrem sanierungsbedürftigen Kinaho Moon-Kasino einen profitablen Kampf gegen Damien Sanchez (Cedric Stewart) auf die Beine zu stellen. Bei dem Aufeinandertreffen der Minderheiten ist auffällig, wie authentisch sowohl Kai Proctor (Ulrich Thomsen) als auch Benjamin Longshadow wirken.
Das einzige, was Kai von den pazifistischen, täuferisch-protestantischen Werten der Amischen bewahren konnte, ist deren manischer Arbeitseifer. In der vorangegangenen Folge hatte Proctor erst den Finger und dann den Rest eines gescheiterten Angestellten an seinen Rottweiler verfüttert und sich somit als eiskalter Geschäftsmann mit Hang zum Sadismus zu erkennen gegeben. Als Kai mit seiner Nichte Rebecca alleine ist, lernen wir aber eine neue Facette an seiner Figur kennen:
Der Mann, der sich stets so selbstbewusst und unantastbar gibt, leidet darunter, von seiner Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu sein. In dem Gespräch, das teilweise in Pennsylvaniadeutsch geführt wird, gibt sich der Mörder pädagogisch wertvoller als der zweifelhafte Held Hood, der Carries kranken Sohn Max (Gabriel Suttle) dadurch aufheiterte, dass er seine Dienstwaffe berühren durfte.
Die Interaktion zwischen Rebecca und Kai verhilft dem Charakter des Proctor zu einer neuen Tiefe und wirft gleichzeitig eine Reihe von Fragen auf: Was bringt Proctor dazu, so grausam zu sein? Wieso wurde sein Wunsch nach Selbstbestimmtheit so groß, dass er dafür die Isolation durch seine Familie in Kauf nahm? Wann verwandelten sich seine Bemühungen, das Beste für Banshee zu tun, in den Durst nach absoluter Macht? Doch ähnlich wie Rebecca fällt es auch der Rezensentin schwer, dem Geschäftsmann seine Aussprüche wie das selbstmitleidige „You can't begin to understand how alone I am“ abzunehmen.
Bodenlos böse
Während Proctor seine feinfühligere Seite zum Vorschein bringen durfte, offenbart sich der Kämpfer Sanchez als wahres Monster. In einer schrecklich verstörenden Szene setzt er die Kellnerin Chloe (Leslea Fisher) erst unter Drogen um sie dann - im Anschluss an einvernehmlichen Sex - brutal zu vergewaltigen. Dank dem Zusammenspiel aus den gnadenlosen Schlägen und einer gnadenlosen Kamera, die den vollen Schrecken der Situation einfängt, ist es unmöglich, das Geschehen ungerührt mitzuverfolgen.
Nach der grenzenlosen Grausamkeit von Sanchez ist man fast erstaunt, dass der Boxer Chloe mit dem Leben davonkommen lässt. Dieser Akt zeugt aber weniger von einem letzten Hauch von Menschlichkeit auf Seiten von Sanchez, als vielmehr von dessen Arroganz und seiner festen Überzeugung, unantastbar zu sein.
Der feinfühlige Hood
Als Hood und seine Kollegin Siobhan Kelly (Trieste Kelly Dunn) im Krankenhaus die Aussage der Kellnerin aufnehmen, sind auch Carrie und ihr Ehemann Gordon Hopewell (Rus Blackwell) vor Ort. Die Anwesenheit des Bezirksstaatsanwaltes ist hier vielleicht noch nachvollziehbar. Doch warum sollte Carrie dabei sein?
Bei einem überfallartigen Besuch hatte sie Hood noch nahegelegt, mit Hilfe der Diamanten ein neues Leben zu beginnen. Sie gibt ihm bei der Gelegenheit auch zu verstehen, dass von seiner einstigen Liebenswürdigkeit nichts mehr übrig geblieben sei. Als Carrie Lucas jetzt jedoch dabei beobachtet, wie er sich um das Opfer kümmert, umspielt ein Lächeln ihre Lippen - ein wenig Güte hat sich ihr Exfreund offensichtlich doch bewahrt.
Der gnadenlose Hood
Aber Lucas Hood kann auch anders. In Konfrontation mit dem reuelosen Sanchez schreckt er nicht vor einer körperlichen Auseinandersetzung der deftigen Art zurück. Während seine Polizeikollegen in einem anderen Ort als „Banshee“ mit Sicherheit einschreiten würden um der Gewalt ein Ende zu machen, begnügen sie sich hier damit, die blutige Auseinandersetzung mit ihrem Handy zu filmen. Auch als Hood den „Special-Move“ von Mike Tyson anwendet, eine Vielzahl von Knochen brechen, Gewebe zerreißt und das Blut nur so spritzt, greift niemand ein. Selbst nachdem man zuvor das grausame Wesen des Sanchez bezeugen durfte, ist diese Orgie der außergewöhnlich hemmungslosen Gewalt nur schwer zu ertragen.
Noch als der siegreiche Hood, der unverkennbar von seinem „Kampftraining“ im Gefängnis profitiert hat, gestützt durch Sugar Bates von dannen humpelt, kann man sich schwer aus seiner Schreckstarre befreien. Daran kann auch das humorige Nachspiel nichts ändern, in dem Lucas seinem Vermieter die goldene Uhr präsentiert, die er seinem Gegner gestohlen hatte.
Nach dem Gemetzel im Kasino möchte Kai Proctor den Sheriff an seinen Platz verweisen: „Do you know why they are afraid of me? Because they should be.“ Der Ex-Amische hatte ja bereits eindrucksvoll demonstriert, warum man ihn nicht gegen sich aufbringen sollte. Außerdem kann Proctor auf Gehilfen wie den Brillenträger Clay Burton (Matthew Rauch) zurückgreifen. In Bezug auf die Effizient des Handlangers sprechen die angst-, und sicherlich auch schmerzerfüllten Schreie von Sanchez Manager für sich, die Alan Ball den Zuschauern noch nach dem Abspann präsentiert. Doch Lucas Hood hat Carries Diamanten nicht abgelehnt, um sich jetzt vor irgendjemandem unterjochen zu lassen.
Der Fluch des 2.0
Alles könnte so - nicht schön - aber geregelt sein: Sheriff Hood hat Herrn Proctor seine Grenzen aufgezeigt, die Karriere eines Vergewaltigers zerstört, und sich in der Gunst seiner großen Liebe - zumindest temporär - wieder rehabilitiert. Doch jetzt stellt einer seiner Polizeikollegen die Videoaufnahmen des spektakulären Kampfes ins Netz. Damit wird das neue Leben von Lucas Hood genauso bedroht, wie die Sicherheit von Carrie und ihrer Familie.
Fazit
Das auffälligste Merkmal der Episode Meet the New Boss ist unverkennbar der verschwenderische Einsatz von Gewalt. Die Tatsache, dass Sanchez bei der Vergewaltigung jegliche Menschlichkeit eingebüßt hat, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Hood ihn derartig zerstören darf. Nur so kann Lucas in seinem Blutrausch nicht selbst alles Gute einbüßen - schließlich agiert er ja als Rächer der Hilflosen. Die betreffenden Bilder sind so verstörend, dass sie den Rest der Handlung zu überlagern drohen. Gleichzeitig tragen sie aber dazu bei Hood in seiner Gänze verstehen zu lernen.
Im Schatten des Blutes spielen sich unterdessen gewichtige Entwicklungen ab. Besonders hervorzuheben ist dabei die enge Beziehung zwischen Rebecca und Kai, die als die schwarzen Schafe ihrer tief religiösen Familie durch einen besonderen Bund zusammengeschweißt werden. Es ist dem Charakter des Proctor sehr zuträglich, dass man einen Blick hinter seine kalte Fassade werfen kann. Im Gegenzug wirkt die Profilierung per Schachspiel, mit der Mr. Rabbit als begnadeten Taktiker ausgewiesen wird, reichlich einfallslos.
Das ungewöhnliche Verhältnis zwischen Mr. Rabbit und Carrie heizt die Vorfreude auf weitere Episoden von Banshee hingegen weiter an und das Vorhandensein von gleich zwei großen Gegnern birgt ein beachtliches Spannungspotential.
Einige Ungereimtheiten trüben zwar den Sehspaß. Doch wenn man es schafft, die brutalen Exzesse ohne psychische Schäden zu überstehen, kann man sich an den vielversprechenden Charakteren durchaus ergötzen.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 28. Januar 2013(Banshee 1x03)
Schauspieler in der Episode Banshee 1x03
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