Babylon 5 1x22

Babylon 5 1x22

Mit interessanten Gedanken und einer leicht-seichten Nebenhandlung biegt die erste Staffel endgĂŒltig Richtung Finale ein, erfreut dabei mit sympathischen Figuren und unterfĂŒttert deren Motivationen. Kurz gesagt: Babylon 5 im gehobenen Mittelmaß.

Szenenbild aus der Episode „The Quality of Mercy“ (c) TNT
Szenenbild aus der Episode „The Quality of Mercy“ (c) TNT
© zenenbild aus der Episode „The Quality of Mercy“ (c) TNT

Was passiert?

Dr. Franklin findet heraus, dass eine Heilerin an Bord der Station einer nicht ganz alltĂ€glichen Arbeit nachgeht. Gleichzeitig befasst man sich mit einem geistesgestörten Massenmörder, ĂŒber dessen Schicksal es zu richten gilt. Londo und Lennier zeigen sich von derart dĂŒsteren Themen gĂ€nzlich unbeeindruckt und besuchen einen Nachtclub. Chaos scheint also vorprogrammiert zu sein ...

Dies & das

  • Jim Norton war bereits in Grail als Richter Wellington zu sehen.
  • Mark Rolston kennt man aus „Aliens“ sowie Auftritten in verschiedenen Trek- und Genre-Rollen.
  • Laut JMS schrieb er dieses Drehbuch unter dem Einfluss einer schweren „MĂ€nnergrippe“ und konnte sich danach nicht mehr an den Vorgang des Schreibens erinnern.

Synchro-Anomalien

  • Zwei FĂ€lle von verschenktem Humor sind dieses Mal zu vermelden. Als Garibaldi erfĂ€hrt, dass Lennier und Londo sich geprĂŒgelt haben, sagt er eigentlich ĂŒberrascht „What!?“. Im Deutschen hat man diesen Ausruf einfach weggelassen. Und auch Londos AnzĂŒglichkeit, als er auf die Aussage „We'll be in touch“ mit „Touch this!“ kontert und dabei in die Region seiner Centauri-Genitalien deutet, wurde nur zu „Das schlĂ€gt einem auf den Magen“ - hier fehlte dem Drehbuch vermutlich ein erklĂ€render Hinweis.

Zitat

„I did the necessary thing. That is not always the same as the right thing.“ (Laura Rosen)

Fun with Londo: Ab ins Nachtleben!

Der erste Teil der gedrittelten Episode befasst sich mit Londos Auftrag, mehr auf die anderen Kulturen an Bord der Station einzugehen. Senator Virini werden wir in Zukunft ĂŒbrigens noch hĂ€ufiger sehen und dann auch erst seinen Namen offiziell erfahren.

Londo folgt in dieser Sache natĂŒrlich einem ganz eigenen Ansatz. Ausgerechnet mit dem schĂŒchternen Lennier besucht er einen Nachtclub, was zu einigen Verwicklungen fĂŒhrt. So erfahren wir endlich eine Menge ĂŒber den Lebenslauf des sympathischen Minbari, lernen, dass seine Spezies keinen Alkohol vertrĂ€gt und dĂŒrfen uns an einem von Londos sechs Penissen erfreuen, den er sogar zum Schummeln beim GlĂŒcksspiel einsetzt. Ja, wirklich! Hier schlug sich definitiv der Zustand von JMS im Drehbuch nieder, witzig sind die Szenen aber dennoch. Dass der Ausflug des ungleichen Paares am Ende zu einer zĂŒnftigen KneipenschlĂ€gerei gerĂ€t und sie lĂ€diert vor Sinclair enden lĂ€sst, ist allerdings ziemlich vorhersehbar. Dennoch ist es auch schön, einmal mehr ĂŒber Lennier erzĂ€hlt zu bekommen und ihn in dieser ungewöhnlichen Konstellation zu erleben. Tiefere Relevanz besitzt die Handlung jedoch weder fĂŒr die aktuelle Episode, noch fĂŒr die Gesamtgeschichte.

Im Angesicht des Bösen: Der Massenmörder

Das grĂ¶ĂŸte erzĂ€hlerische Potential bietet die Handlung aber rund um den weniger netten Herrn Mueller, der nicht nur unzĂ€hlige Leben auf dem (wenn denn ĂŒberhaupt vorhandenen) Gewissen hat, sondern sich im psychologischen Sinne eindeutig auch nicht bester Gesundheit erfreut. Wie so oft bei diesen Gelegenheiten diskutiert das Drehbuch verschiedene Standpunkte durch, ohne dabei zu einem wirklichen Ergebnis zu kommen. JMS liebt es eben offen und frei fĂŒr eigene Gedanken.

Bevor man das GedĂ€chtnis des Mannes löscht (wobei es sich um eine gebrĂ€uchliche Variante der Todesstrafe handelt), soll Talia ihn noch einmal scannen. Dabei handelt es sich um eine traumatische Erfahrung fĂŒr sie, da sie auf die AbgrĂŒnde dieses Individuums nicht vorbereitet war.

Garibaldi zeigt sich - ĂŒbrigens wie sein Darsteller Jerry Doyle es zu Lebzeiten oft geĂ€ußert hat - als Hardliner und plĂ€diert eindeutig fĂŒr die Todesstrafe, die zu diesem Zeitpunkt und im B5-Universum somit auch noch praktiziert wird. Dr. Franklin hingegen lehnt diese ab und hĂ€lt auch die Löschung des Geistes fĂŒr nicht akzeptabel oder zumindest fragwĂŒrdig.

Als Zuschauer darf man sich ebenfalls die Frage stellen, was eine solche Vorgehensweise an Rattenschwanz mit sich bringt. Erschafft man damit ein vollkommen neues Individuum, das einen Neustart in ein besseres Leben erhĂ€lt? Oder glaubt man vielleicht an eine tiefere (genetische?) Veranlagung, die auch bei diesem Verfahren irgendwann wieder durchkommen wird? Ist die Todesstrafe ĂŒberhaupt ein adĂ€quates Mittel? Sind solche Menschen therapierbar? Sollte man sie fĂŒr immer wegschließen? JMS nutzt das auch heute noch brisante Thema fĂŒr ein paar spannende DenkansĂ€tze.

Dass Mueller am Ende durch einen Einfluss aus der dritten Handlungsebene stirbt, nimmt diesem Teil der Episode leider ein wenig die Auflösung.

Tu Gutes und sprich darĂŒber: Die Heilerin

Eher leichtgewichtig kommt zunĂ€chst diese dritte Geschichte daher, in der Franklin mit einer ehemaligen Ärztin zusammenarbeit, die einen ganz eigenen Weg gefunden hat, BedĂŒrftigen zu helfen. Dass sich der gute Doktor dabei auch romantisch engagiert (und am Ende ein Date mit der Tochter plant) gönnt man ihm natĂŒrlich, es wird jedoch leider nie wieder aufgegriffen.

Viel interessanter ist ohnehin, was wir hier ganz nebenbei noch ĂŒber den Doktor erfahren. So betreibt er auf der untersten Ebene heimlich eine kostenlose Praxis fĂŒr Mittellose. Hier schreibt JMS dem Arzt einen Charakterzug zu, der spĂ€ter noch relevant wird. Auch ist interessant, wie deutlich man an solchen Stellen macht, dass im B5-Universum lĂ€ngst nicht alles perfekt ist. Die Stims-AbhĂ€ngigkeit der Heilerin sollte man in diesem Kontext ebenso wenig vergessen, wie die Alien-Maschine.

Summa Summarum

Mit diesen drei HandlungsfÀden zeigt die Serie gegen Ende der ersten Staffel noch einmal, wie gut sie sowohl das serielle Prinzip, als auch - wie zum Beispiel in der vergangenen Episode - das horizontale ErzÀhlen beherrscht. Diese Kunst kam im ersten Jahr zwar noch gar nicht wirklich zum Tragen, ab der zweiten Staffel feuerte JMS jedoch dann aus allen Rohren.

Technisch betrachtet

Mark Rolston liefert eine tolle Darstellung des Massenmörders Mueller ab. Der Rest der Episode bewegt sich - wie auch die Dramaturgie - auf gutem Niveau. Die Genitalien Londos konnte man ĂŒbrigens offenbar nur zeigen, weil seitens des Studios und Senders niemand verstand, was man da sah.

The Reviewer's Wife

RĂŒckfall! Nachdem sie zuletzt schier begeistert war, musste sie hier wieder herzhaft gĂ€hnen. Zu flau waberte ihr die Handlung dahin, zu wenig konnten sie die drei Geschichten abholen. Über Londos Tentakel-Penis wollte sie lieber gar nicht konkreter sprechen, war aber in jedem Fall amĂŒsiert darĂŒber, wie die Serie mit dem Thema umgegangen ist. „Was Kosh in der Hinsicht wohl unter der Haube versteckt?“ - Kopfkino-Alarm!

Gib dem Kind einen Namen

The Quality of Mercy: Hierbei handelt es sich um ein Zitat aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, das man natĂŒrlich auf Dr. Rosen, Franklin und Mueller anwenden kann.

Die Heilerin: Die deutsche Fassung macht es sich etwas einfacher und wÀhlt den typischen Der-Die-Das-Titel, ohne auf den Subtext beziehungsweise die Mehrdeutigkeit der Originalversion einzugehen. Plump aber okay.

Fazit

Vor dem Staffelfinale prÀsentiert man uns nochmal eine Baukasten-A-B-C-Geschichte, die durchweg unterhÀlt, zum Nachdenken anregt, Humor und Spannung bietet und sogar einige kleine Informationen fallen lÀsst, die das Gesamtbild betreffen und abrunden. Das ist zwar nicht spektakulÀr, aber trotzdem richtig gut.

Finaale, Finaaaaleee. In 14 Tagen beenden wir die erste Staffel!

Verfasser: Björn SĂŒlter am Sonntag, 26. November 2017
Episode
Staffel 1, Episode 22
(Babylon 5 1x22)
Deutscher Titel der Episode
Die Heilerin
Titel der Episode im Original
The Quality of Mercy
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 17. August 1994 (TNT)
Autoren
J. Michael Straczynski, Bairbre Dowling, Cacey Riggan
Regisseure
Janet Greek, Karen Kim, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Babylon 5 1x22

Darsteller
Rolle
Michael O'Hare
Claudia Christian
Mira Furlan
Richard Biggs
Stephen Furst

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