Avatar - Der Herr der Elemente: Kritik zum Serienstart bei Netflix

© Netflix
Vieles sprach im Vorfeld gegen Netflix' (bereits 2018 begonnenes) Unterfangen, die legendäre „Avatar“-Serie von Nickelodeon, die bald 20 Jahre alt wird, als Live-Action-Adaption aufzubereiten. Am lautesten hallte natürlich noch immer der furchtbare Fehlschlag von M. Night Shyamalan nach („Die Legende von Aang“ wird gehasst wie kaum ein anderer Fantasy-Film). Außerdem fragten sich viele Fans vom Zeichentrick, warum man überhaupt eine Neuverfilmung braucht, wenn das Original doch schon perfekt war und jederzeit rewatcht werden kann.
Andererseits sollten die beiden Urschöpfer Michael Dante DiMartino und Bryan Konietzko das Projekt leiten, womit kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie den richtigen Ton einfangen würden. Als sie „wegen kreativer Differenzen“ mit Netflix zwei Jahre später von Bord gingen, wurde auch dieses vormalige Proargument plötzlich zu einem fetten Kontra... Die Entwicklung pausierte danach allerdings auch wegen der Corona-Pandemie. Im Sommer 2021 übernahm schließlich der ehemalige Sleepy Hollow-Produzent Albert Kim den Showrunner-Posten. Bald danach wurden mit den Youngsters Gordon Cormier, Kiawenti:io Tarbell, Ian Ousley und Dallas James Liu zudem die Hauptrollen von Aang, Katara, Sokka und Zuko besetzt.
Hoffnung machte letztes Jahr dann auch Netflix' sehr gelungenes Remake One Piece (2023). Und spätestens, als die ersten Vorschauvideos und Bilder zum neuen Avatar: The Last Airbender (oder auf Deutsch: „Avatar: Der Herr der Elemente“) erschienen, war wieder Zuversicht da, dass es diesmal wirklich gut werden könnte. Acht jeweils einstündige Episoden wurde in der ersten Staffel der neuen Realfilmserie produziert, die nun allesamt am heutigen Donnerstag, den 22. Februar 2024 bei der Streaming-Plattform hochgeladen wurden. Die Pilotfolge namens Aang haben wir für Euch gesichtet...
Ist der Start der Netflix-Adaption von „Avatar: Der Herr der Elemente“ gelungen?
Vorweg sei schon verraten: Die neue „Avatar“-Adaption erkennt die Stärken der Vorlage an und versucht trotzdem ein Stück weit ihr eigenes Ding zu machen - was in der Theorie genau die richtige Strategie sein sollte. Die erste kreative Abwandlung erweist sich allerdings als Fehltritt: Der düstere Prolog von Episode eins hat sowohl die schlechtesten visuellen Effekte als auch die schwächsten Dialoge. Zumal man das Publikum sehr unsanft abholt, was das neue Maß an erwachsener Ernsthaftigkeit angeht. Der böse Feuerlord Sozin (Hiro Kanagawa), der 100 Jahre vor der eigentlichen Erzählung die Luftbändigernation auslöscht, verbrennt Menschen bei lebendigem Leib. So drastisch war das in der (bereits ab sechs Jahren freigegebenen) Originalserie natürlich nicht dargestellt.
Tatsächlich fehlt eben genau dieser ganze erste Anfangsteil, der vor Aangs langem Dornröschenschlaf spielt, in der Vorlage (Fragmente davon werden erst später nachgeliefert). Doch die neue Netflix-Fantasyserie stellt uns auch direkt Aangs Mentor Gyatso (Lim Kay Siu) vor, der seinem talentierten Lieblingsnovizen offenbart, dass er der neue Avatar ist und das Gleichgewicht der vier Elemente beschützen muss. So zentral die Szene sein sollte, erweist sie sich dennoch als ziemlicher Tiefpunkt, da sie schlecht geschrieben und leider auch nicht überzeugend gespielt ist. Alles, was Aang subtil durchblicken lassen könnte, wird im Sinne einfachster Exposition laut ausgesprochen.
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Besser wird die Folge erst, als wir schließlich in der Gegenwart beim südlichen Wasserstamm ankommen, wo wir dann auch die künftigen „Gaang“-Mitglieder Sokka und Katara kennenlernen. Sokka-Schauspieler Ousley ist eindeutig der scene stealer im Auftakt, denn sein Humor lockert die angespannte Anfangsnervosität der Serie ganz klar auf. In seiner Gegenwart blüht dann auch Cormier spürbar auf, der mit nur zwölf Jahren die gigantische Last einer Netflix-Blockbusterserie tragen muss (dieses Gefühl kennt sonst wohl nur Millie Bobby Brown von Stranger Things). Am meisten erinnert seine Performance an den „echten“ Aang, als er sein fliegendes Bison Appa sucht, das angenehm flauschig designt wurde.
Recht vielversprechend werden auch Prinz Zuko und sein Onkel Iroh (Paul Sun-Hyung Lee) eingeführt, die bekanntlich auf der Suche nach dem Avatar sind, um das letzte Hindernis für die pure Dominanz der Feuernation auszuschalten. Als sie Aang später tatsächlich in die Finger kriegen, kommt es zu einem ersten spannenden Austausch zwischen dem weisen Iroh und dem blauäugigen Titelhelden. Der Moment ist erwähnenswert, weil Lee und sein 40 Jahre jüngerer Kollege Cormier auf Anhieb eine gute Chemie erkennen lassen. Außerdem hat man hier vielleicht am meisten das Gefühl, man würde den Ton der Originalserie wiedererkennen - also diese schwer zu beschreibende Mischung aus beängstigender Verantwortung und Macht mit kindlicher Verspieltheit und Unschuld.
Netflix' Neuinterpretation von „Avatar: Der Herr der Elemente“ ist ein großer Fortschritt
... Zumindest im Vergleich zur eingangs erwähnten Filmversion von Shyamalan. Angefangen haben die richtigen Entscheidungen ja schon beim Casting, denn - anders als bei „Die Legende von Aang“ - wurden die Figuren diesmal nicht allesamt „weißgewaschen“. Auch die Welt fühlt sich insgesamt wirklich groß und echt an, wobei es immer wieder kleine Ausrutscher gibt, durch die man rausgezogen wird. Sehr wenig ausbalanciert sind zum Beispiel auch die Effekte der Bändigerkräfte: Während die Luft-, Erde- und Feuerattacken alle sehr cool aussehen, plätschert es beim Wasser bislang eher so dahin. Das könnte aber auch daran liegen, dass Katara ihre Fähigkeiten erst trainieren muss.
Dieser Aspekt sei nochmal besonders betont, weil es beim Shyamalan-Streifen ja einer der Hauptkritikpunkte war, wie lächerlich die Bändigerkämpfe aussahen (man denke an den kleinen Steinbrocken, der in der Luft schwebt). Daran werden sich die Fans bei der Neuverfilmung also nicht mehr stören müssen. Obwohl man sich ein bisschen Sorgen machen kann, was das Thema Beleuchtung angeht. Denn beim ersten Kampf im Prolog sieht man manches nicht sehr gut, weil die Szene viel zu dunkel ist. Aber das ist inzwischen leider ein typisches Problem bei vielen Serien und Filmen (Game of Thrones und die DC-Superheldenstreifen lassen grüßen).
Ein weiteres Problem, das sich in der ersten Episode zeigt und das für die kommenden Folgen noch größer werden könnte, ist das Pacing. Die Folge wirkt sehr vollgestopft, zumal man einige Szenen so früh noch gar nicht gebraucht hätte (eben der ganze Prolog in den ersten circa 20 Minuten). Serienchef Kim steht vor der großen Herausforderung, 20 sehr facettenreiche und bündige Einzelfolgen aus Staffel eins der Originalserie in nur acht dicke Bretter bei der Netflix-Version umzuwandeln. Mehr Ausgaben waren für die Neuverfilmung leider nicht drin, was vor allem Budgetgründe haben dürfte.
Unter diesem Gesichtspunkt des Zeitdrucks kann man auch nachvollziehen, warum sich viele Dialogszenen so gehetzt anfühlen (man sagt einfach, was gesagt werden soll, statt es nuanciert heranzuführen). Sollten am Ende aber auch die Nebenabenteuer von Aang und seinen Freunden wegrationalisiert werden, dann wäre die Netflix-Serie eine echte Enttäuschung. Denn genau in diesen spielerischen Ablenkungen auf dem langem Weg zum Endkampf liegt das wahre Herz vom Original...
Vorsichtige dreieinhalb von fünf „bald little guys“ für den Auftakt!
Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur neuen Serie „Avatar: Der Herr der Elemente“: