Arrow 1x02

Wenn man fünf Jahre lang spurlos verschwunden war, nehmen die Menschen im persönlichen Umfeld das Schlimmste an. So auch im Fall von Oliver Queen (Stephen Amell), der wie sein Vater und alle Beteiligten am Schiffbruch für tot gehalten wird. In der Episode Honor Thy Father wird dieser Umstand thematisiert.
Wieder unter den Lebenden
Oliver erscheint vor Gericht, um nicht nur von seinem unfreiwilligen Insel-Exil zu berichten und seine zurechtgebogene Version der Ereignisse zu erzählen, sondern auch um seine Sterbeurkunde ungültig zu machen. Denn wie die Öffentlichkeit inzwischen weiß, ist es ihm gelungen, nach Starling City zurückzukehren.
Nach seinem Termin, der ihn nach eigenem Bekunden mehr mitnimmt als gedacht, trifft er dort auf Laurel (Katie Cassidy), die gerade dabei ist, einen Prozess gegen Martin Somers (Ty Olsson), einem Kriminellen, zu führen. Diesem werden Verbindungen zur chinesischen Triad nachgesagt, er soll mit Drogen handeln und ist offenbar für den Tod des Vaters von Laurels Klientin verantwortlich. Zufälligerweise steht Somers auch auf der Liste, die Oliver von seinem Vater vermacht bekam, einer Liste mit Namen von Menschen, die Starling City ausbeuten und Schaden zufügen. Also nimmt er insgeheim in seiner Identität als Arrow das Gesetz als maskierter Vigilant in die eigene Hand und will ihn mit „unkonventionellen“ Mitteln zum Reden bringen.
Doch damit nicht genug: Da Laurel Lance dem Kriminellen zur Gefahr zu werden droht, spielt er seine Verbindung zur Triad aus und heuert deren besten Agenten China White (Kelly Hu, „X-Men 2“, The Vampire Diaries) an, um Lance zur Strecke zu bringen.
Ollies Mutter Moira (Susanna Thompson) und sein Stiefvater Walter (Colin Salmon) versuchen Oliver derweil dazu zu überreden, die Geschicke der Firma Queen Consolidated zu übernehmen. Doch dieser scheint dazu nicht bereit zu sein. Denn als „Arrow“ hat er bereits alle Hände voll zu tun. Doch wie bringt man das der Mutter schonend bei?
Väter soweit das Auge reicht
Einige der Figuren in der Episode Honor Thy Father stehen deutlich im Schatten ihrer Väter. Laurels Klientin möchte Genugtuung für den Mord an ihrem Vater, Oliver handelt hauptsächlich aufgrund des Vermächtnis, das ihm sein Vater durch seinen Freitod hinterließ, und Laurel versucht aus dem beschützenden Schatten des Vaters herauszutreten. Denn wie sich herausstellt, handelt es sich hierbei um den Polizisten Quentin Lance (Paul Blackthorne), der nach wie vor versucht, seine Tochter zu beschützen.
Einerseits verständlich, da er ja bereits eine Tochter verloren hat, was Oliver Queen deutlich zu spüren bekommt. Andererseits sind Quentin und Laurel auch nur zwei Kehrseiten derselben Medaille. Beide setzen sich für Starling City ein und versuchen, die Stadt und ihre Bewohner zu beschützen - sie wollen demnach eigentlich das Gleiche. Quentin als Polizist und Laurel als Anwältin. Und doch kommen beide nicht mit der Bedrohung durch die Triad klar. Während Quentin Polizisten zum Schutz seiner Tochter abstellt, die jedoch den Angriff nicht überleben, sind es doch Diggle (David Ramsey) und Oliver Queen - in geheimer Mission - die die Angreifer ausschalten können - denn was sonst passiert wäre, kann sich jeder ausmalen. Wie sich herausstellt, sind sich Diggle und Oliver nämlich ähnlicher als zunächst angenommen...
Under the Hood

Honor Thy Father ist gleichzeitig eine Episode, in der Oliver sich öffnet - und das gleich mehreren Personen. Seiner Schwester Thea (Willa Holland) öffnet er sich unfreiwillig, als sie beim Umziehen seine zahlreichen Narben sieht. Wo zumindest eine davon herkommt, sieht man in dem reichlich interessanten Flashback-Cliffhanger der Episode, der direkt Lust auf die nächste macht. Wer schoss den Pfeil? Und wie kommt Ollie aus dieser Lage? Ein Verdacht liegt nahe, wenn man aufmerksam den Pilot geschaut hat und die Comics ein wenig kennt. Ebenfalls neugierig machen die Absichten von Moira Queen. Mit wem spricht sie im Auto? Und was genau verbirgt sie eigentlich? Die eigene Mutter als Antagonist bietet reichlich Konfliktpotenzial.
Aber wir schweifen ab. Zurück zu Ollies langsamer emotionalen Öffnung: Laurel öffnet er sich, nachdem er sie in Pilot erst von sich gestoßen hat - eigentlich um sie zu beschützen. Doch mit einer großen Portion Eiscreme kommt man sich hier wieder näher. Auch wenn trotzdem der Tod der Schwester und der Untreue-Faktor im Raum steht. Was jedoch super zusammenschweißt, ist eine Lebensrettungsaktion vor den Killern der Triade. Ahnt Laurel nun etwas? Schließlich bemerkte Ollie die Bedrohung schon im Anfangsstadium. Und als Anwältin sollte Laurel doch sicherlich eins und eins zusammenzählen können, möchte man meinen.
Diggle ist die erste Figur, die explizit zu merken scheint, dass Oliver Queen und der Kapuzenträger vielleicht mehr gemeinsam haben, als alle denken. Denn wer sonst kann ein Küchenmesser mit solch einer Präzision im Kampf einsetzen? Ob Diggle wohl bald zu Ollies Alfred wird? Und auch Quentin, der nach dem Anschlag auf das Leben seiner Tochter Oliver dazu rät, von ihr fern zu bleiben, und deutliche Zweifel an der Daseinsberechtigung des Vigilanten hat, wird spätestens durch einen Trickpfeil mit einem Aufnahmegerät wohl eines Besseren belehrt. Zwar dürfte das in den Augen des Cops immer noch nicht rechtfertigen, warum „Arrow“ einen Leichenhaufen hinterlässt, aber ihm zumindest ein paar Sympathien einbringen. Ob das im Piloten angesprochene „Nobody can know my secret“ von Oliver Queen also lange Bestand haben wird, steht in den Sternen. Vorstellbar ist, dass mindestens eine der Figuren schon bald in die Doppelidentität eingeweiht wird.
Dialoge und Gaststars noch ausbaufähig

Die zweite Episode fällt im Vergleich zum guten Serienpiloten etwas schwächer aus, was sich vor allem in der ersten Episodenhälfte bemerkbar macht. Die zweite Hälfte ist deutlich stärker. Gut ist beispielsweise der actionreiche Einstieg mit einigen Pfeil-und-Bogen-Einlagen. Schwächen liegen vor allem in den Dialogen, die manchmal doch etwas zu platt und soapig wirken, auch das Voice-Over in der Arrow-Identität passt nicht immer hundertprozentig und funktioniert wohl besser in einem gedrucktem Medium - ist aber vielleicht auch Gewöhnungssache. Es fehlt vor allem in einigen Dialogen die Substanz und die emotionale Tiefe, andererseits haben wir es hier auch erst mit der zweiten Episode zu tun, also wird man dort sicherlich noch etwas finetuning betreiben.
Verzeihbar ist, dass diese Folge anfangs wie ein Recap der bisherigen Ereignisse fungiert - was bedeutet: mehr Exposition als üblich. Vielleicht hat nicht jeder den Piloten sehen können, und auch in den Comics ist ja ein bisschen Exposition mit einem Was-bisher-geschah durchaus an der Tagesordnung.
Auch die Gaststars - und damit sind nicht die Nebendarsteller gemeint - bleiben in dieser Episode blass. Kelly Hu wird regelrecht verheizt und muss leider eine unvorteilhafte Perücke tragen. Hoffentlich sieht man noch mehr, vor allem etwas mehr Substanz von ihr. Die wenigen Kampfszenen gegen Arrow waren zumindest schon einmal sehenswert. Ty Olsson wird wohl kaum groß in Erinnerung bleiben, denn seine Leistung war leider recht austauschbar. Aber dafür kündigen sich ja bereits deutlich vielversprechendere Gegenspieler an „43734“.
Der Rezensent ist sich in dieser Episode auch nicht ganz sicher, was er von der Leistung von Katie Cassidy halten soll. Auch hier geht es vornehmlich um die erste Hälfte der Episode, wo sie teilweise deutlich schwächer wirkte, als noch im Serienpiloten. Aber vielleicht ist es noch zu früh für ein Urteil. Erneut gut unterhalten hat dafür Colin Donnell mit seinen flotten Sprüchen, und die Dynamik zwischen Oliver und seiner Schwester Thea hat ebefalls gefallen.
Leichte Abstriche müssen auch bei der Atmosphäre und dem Score der Episode Honor Thy Father gemacht werden. Denn beides wirkte noch nicht so stimmig, wie es sein könnte. Etwas mehr von Beidem, wie im Serienpiloten, und die Balance sollte wieder stimmen. Vor allem die Eiscreme-Szene zwischen Ollie und Laurel hätte davon profitiert.
Klar ist inzwischen, dass „Arrow“ wohl ein Superheld oder besser gesagt ein maskierter Vigilant bleibt, der auch über Leichen geht. Somit ist er weniger Batman und dafür mehr Punisher, woran man sich vielleicht noch gewöhnen muss. Die Doppelidentität erinnert hingegen deutlich an Christopher Nolans Batman-Trilogie, in der Bruce Wayne grundsätzlich die Maske für die Batman-Identität spielt. Wie hier am Ende der Episode deutlich gemacht wird, bevorzugt Ollie in der Öffentlichkeit das Image eines über die Strenge schlagenden Playboys und Taugenichts. Vielleicht ändert sich dies im weiteren Verlauf auch noch, aber im Moment scheint das zu passen.
Fazit
In der Episode Honor Thy Father nimmt die neue The CW-Serie Arrow etwas das Gas vom Pedal und offenbart einige kleine Schwächen respektive Faktoren, die es zu verbessern gilt. Dass das im weiteren Verlauf der Debütstaffel passieren wird, steht eigentlich außer Frage, denn noch muss die Comicadaption zu sich selbst finden. Doch der Cliffhanger der Episode und einige Charaktermomente, die es hier zu sehen gab, lenken die Serie in eine durchaus interessante Richtung und sorgen dafür, dass man dranbleiben möchte.
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 19. Oktober 2012(Arrow 1x02)
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