Anthracite 1x01

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Das passiert in der Pilotfolge der Thrillerserie „Anthracite“
Die todkranke Webdetektivin Giovanna (Camillle Lou) landet auf der Suche nach ihrem entführten Vater in einem Dorf, in dem 30 Jahre zuvor eine junge Frau ermordet wurde. Täter soll der Sektenguru Caleb (Stefano Cassetti gewesen sein, der am Tag nach der Tat seine Jünger in den Freitod trieb, aber selbst überlebte. Seitdem vegetiert er vollgepumpt mit Medikamenten in einer geschlossenen Psychiatrie vor sich hin.
Eines Tages taucht der wegen Drogenhandels auf Bewährung verknackte Jaro (Hatik) im Ort auf, um ein neues Leben zu beginnen.

Als kurz darauf eine Jugendliche spurlos verschwindet, gerät er aber unter Verdacht. Doch dann trifft er Giovanna, die über Informationen verfügt, die nicht nur sein bisheriges Leben gründlich auf den Kopf stellen, sondern auch glaubwürdige Hinweise darauf bieten, dass Caleb das Mädchen 30 Jahre zuvor nicht umbrachte. Doch wer ist der Täter? Und warum beginnt er ausgerechnet jetzt erneut mit seinem grausamen Werk? Und was haben Giovannas Vater und Jaros Mutter mit der mysteriösen Geschichte zu tun? Fragen über Fragen, denen die beiden von nun an auf dem Grund gehen.
Rätsel über Rätsel

Es ist schon selten, dass eine Serie in der ersten von sechs Folgen so viele Fässer aufmacht und es dabei schafft, das Publikum vollkommen im Dunklen tappen zu lassen. So geschehen in der französischen Mysteryserie/Thrillerserie Anthracite, die in Sachen Suspense erfolgreich alle möglichen Register zieht. Die Geschichte beginnt mit einem Blick ins Jahr 1994, als eine Polizeispezialeinheit das Anwesen einer kleinen, aber offenbar gefährlichen Sekte rund um den Guru Caleb stürmt, der gerade eben Gift geschluckt hat. Der Sektenführer wird gerettet, doch im Haus der Jünger bietet sich den hartgesottenen Cops ein Bild des Grauens. Zwölf Mitglieder liegen tot auf dem Fußboden, um ihrem Erlöser ins Paradies zu folgen.
Dass ein solcher Start nicht nur bedrückend ist, sondern zudem auch Spannung erzeugt, liegt auf der Hand. Noch besser wird es aber, wenn man über die restlichen rund 40 Minuten der Debüt-Episode miterleben darf, wie die Serienmacher das Grundthema in die Istzeit der Serie überführen und die beiden Hauptfiguren in ein Rätsel unvorhersehbaren Ausmaßes hineinziehen. Giovanna hat eine weltweite Community gegründet, die sich auf eine besondere Art von Detektivspiel spezialisiert hat. Sie selbst leidet unter Krebs und wird bald sterben.
Zuvor will sie aber noch ihren über alles geliebten Vater finden, der während eines Telefonats mit ihr aus bisher unbekannten Gründen entführt wurde. Schnell wird allerdings klar, dass jener Fall und der der Sekte irgendwie miteinander zusammenhängen. Denn Giovannas Vater hat, wie wir später in der Episode erfahren, niemals an Calebs Schuld geglaubt. Vielmehr vermutete er etwas viel Größeres dahinter, das aber zunächst mehr als vage angedeutet wird...
Damit ist das Interesse am Plot geweckt, der bis zum Finale der Folge so mysteriös wird, dass man als Zuschauender nicht die geringste Ahnung davon bekommt, was genau hier eigentlich los ist. Weiter ausgebaut wird das Ganze durch die zweite Hauptfigur der Serie namens Jaro. Eigentlich ein intelligenter Twen, ist er auf die schiefe Bahn geraten und wurde schließlich wegen Drogenhandels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Strafmildernd wirkte sich dabei aus, dass er ein umfassendes Geständnis ablegte, als er erfuhr, dass einer seiner Kunden an einer Überdosis starb.
Die Information ist für das Verständnis ungemein wichtig, weil wir so erfahren, dass Jaro zwar seine Fehler hat, aber garantiert Menschenleben nicht gleichgültig gegenübersteht. Deshalb wissen wir auch, dass die Kommissarin Ida auf dem Holzweg ist, wenn sie ihn nach dem Verschwinden einer jungen Frau verdächtigt. Interessant ist indes, dass Giovannas Vater einst ausgerechnet seine Mutter interviewte und Jaro daher trotzdem mehr oder weniger direkt in den Fall involviert ist.
Figurenpoker
Andererseits hat Ida aber - wie die beiden anderen Hauptfiguren auch - ihr Päckchen zu tragen. Um was genau es sich handelt erfahren wir klugerweise in der Pilotfolge noch nicht. Die wenigen Schnipsel, die die Autoren uns zur Verfügung stellen, reichen lediglich aus, um zu erfahren, dass ihre Glaubwürdigkeit darunter gelitten hat. Deshalb nimmt sie auch bis zu dem Zeitpunkt, bis man die Leiche der Vermissten im Eis findet, nicht gerade ernst. Jeder Protagonist in „Anthracite“ hat also eine erzählenswerte Vergangenheit, womit der Figurenkonstellation eine starke Dynamik verliehen wird, die sich positiv auf dem Bildschirm bemerkbar macht.
Noch spannender wird die Geschichte erstens dadurch, dass niemand Ida wirklich ernst nehmen will und zweitens, dass das Gesicht der Leiche, die man kurz nach ihrem Verschwinden im Eis findet, mit „Anthracite“ (also Anthrazit) beschmiert ist, dem Zeichen der ausgelöschten Sekte. Die Idee ist herrlich Gänsehaut erzeugend, zumal sich die seltsamen Ereignisse häufen und man nicht die geringste Ahnung hat, worauf die Story letztlich hinausläuft.
Hinzu kommt, dass sich die Legende um den Massenselbstmord offensichtlich im Dorf verselbstständigt hat und von der Jugend auf skurrile Weise als Partygag missbraucht wird. Mit anderen Worten wird man quasi in jeder Minute an die Geschehnisse von vor 30 Jahren erinnert, die sehr klar mit den Ereignissen rund um Jaron und Giovanna zusammenhängen. Wie genau, werden hoffentlich die restlichen fünf Folgen zeigen. Die Staffel-Länge der ersten Season ist jedenfalls ein Indiz dafür, dass sich das Ganze nicht allzu sehr in die Länge ziehen wird und relativ schnell auf den Punkt kommt. Warten wir es ab...
Fazit

Die Pilotfolge von „Anthracite“ ist vor allem eins: dicht in jeder Hinsicht. Die Einführung ist packend erzählt und lebt eindeutig von dem mysteriösen Element, dass die Serienmacher bislang geschickt in den Plot eingewoben haben. In manchen Situationen könnte man beinahe an einen übernatürlichen Suspensefaktor glauben, doch das wäre wahrscheinlich dann doch zu einfach. Wie undurchsichtig die Story letztlich bleibt, muss sich noch zeigen, ein guter Anfang ist auf jeden Fall gemacht, der der Serie zu Recht einen Einstieg in oberen Rängen bei Netflix gesichert hat.
Wir vergeben vier von fünf Punkten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 12. April 2024(Anthracite 1x01)
Schauspieler in der Episode Anthracite 1x01
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