House 6x09

Wenn der Postmann zweimal klingelt …
Die Bücherei macht einen guten Eindruck. Trotz der gepflegten Sorgfalt hat man nicht das Gefühl, der Besitzer verzichte auf die Gemütlichkeit in seinen Räumen, welche solche Geschäfte immer benötigen, um den Menschen die Vorstellung heimatlicher Wärme zu vermitteln. Es ist noch früh am Morgen, als der Postbote kommt, um ein Paket abzuliefern. Der Besitzer der Bücherei zögert kurz, dann aber erkennt in dem Zusteller keinen anderen als das berühmte, hochintelligente Wunderkind James Sidas (Esteban Powell). Schnell hat er eines der Bücher von Sidas zur Hand und bittet den Boten um ein Autogramm. Der zögert erst, will dem Betreiber aber doch den Gefallen tun. Als er zum Schreiben ansetzt, muss er entsetzt feststellen, dass ihm seine Hände den Dienst verweigern.
Im Krankenhaus wird er House (Hugh Laurie) und dessen Team überstellt. House selbst akzeptiert die Akte von Cuddy (Lisa Edelstein) überraschend schnell. Er leistet sogar so wenig Widerstand, dass Cuddy House die ursprüngliche Akte wieder wegnehmen muss, um ihm den richtigen Fall zu übertragen. Sie hatte fest damit gerechnet, dass House niemals ihr erstes Angebot akzeptieren würde. Doch der Diagnostiker gibt sich erst einmal ganz zahm.
Im Büro stellt das Team die vorschnelle Diagnose TTP und versucht sich den Alltagsgeschäften im Plainsboro zu widmen. House beschäftigt sich mit Dingen, die ihn eigentlich gar nichts angehen sollten, während Taub (Peter Jacobsen) den neuen Patienten untersucht. Dort erfährt der Zuschauer, dass Sidas seinen gegenwärtigen Job macht, weil „er nicht denken muss“. Aus ähnlichen Gründen liebe er seine Frau, da sie sich nie darum gekümmert habe, wie klug er sei oder was er erreicht habe. Taub beginnt an der Intelligenz des Patienten zu zweifeln. Im Gespräch mit 13 (Olivia Wilde) äußert er, Sidas sei für ein solches Genie eigentlich „zu normal“. Für ihn ist die Ausgangsdiagnose damit schon wieder vom Tisch.
„Liebe ist das charmanteste Unglück, das uns zustoßen kann“ (Curt Goetz)
House muss lange warten, bis sein bester Freund endlich zur Arbeit kommt. Dann kann er in seinem bekannt latenten Mitteilungsbedürfnis Wilson (Robert Sean Leonard) berichten, dass er eine Entscheidung getroffen hat: Er will Cuddy und Lucas (Michael Weston) auseinanderbringen. Das ganze soll ausgerechnet an Thanksgiving stattfinden. An diesem Tag wird es ein großes Festessen bei Cuddys Schwester geben. House ist fest entschlossen, auch zu kommen und die Beziehung seiner Chefin zum Privatdetektiv zu sprengen. Wilson fragt seinen Freund, warum er die Beziehung denn beenden wolle. Sollte er auf ein Liebesgeständnis von House gehofft haben, muss er mit einer weiteren Enttäuschung leben. House antwortet: „Weil es nur zwei Möglichkeiten gibt, was mit Cuddy und Lucas passiert. Entweder die beiden werden sich trennen oder für immer zusammenbleiben. Was es auch immer sein mag, mein Plan wird helfen, es herauszufinden.“

Dummerweise braucht House aber erst einmal eine Einladung zu der Feier. Und eine Adresse wäre auch nicht schlecht. Also muss er Cuddy davon überzeugen, nett und höflich zu sein. Nicht die leichteste Übung für den berühmten Arzt. Er wählt die Variante über freiwillige Mitarbeit in der Klinik. Und endlich bekommen wir wieder einmal ein paar Szenen des „Praxisdienstes“ zu sehen. Diese sind wie immer extrem gut gelungen. Beispielhaft sei von der Szene erzählt, als sich House mit einer Patientin im Untersuchungsraum streitet, er aber weiß, dass sie glücklich und zufrieden den Raum verlassen muss, um Cuddy zu überzeugen. House zögert nicht lange. Und besticht sie ganz einfach.
Inzwischen hat das Team in Sidas Wohnung eine versteckte Wodkaflasche gefunden. Dieser beteuert aber, nur „hin und wieder einen Drink zu nehmen“. Die Vermutung „Alkoholiker“ zerschlägt sich aber aufgrund eines „sauberen“ Tests. Trotzdem fallen die Nieren des Wunderkindes aus. Bei einer tiefergehenden Untersuchung kommen Taub und Chase (Jesse Spencer) ins Gespräch. Chase scheint mit dem Weggang seiner Frau (Jennifer Morrison) überraschend gut zu Recht zu kommen. Taub glaubt das allerdings nicht und drängt dem Kollegen Hilfe auf: Er lädt ihn zu Thanksgiving ein, wird aber ziemlich hart von Chase abgekanzelt. Ein erster Hinweis, dass der Chirurg doch nicht so leicht mit Camerons Abschied umgehen kann.
Fürchte die Dunkelheit …
Lucas, dessen Charakterzeichnung für meinen Geschmack zu sehr von der ursprünglichen Version aus Staffel Fünf abweicht, kommt gegen Abend nach Hause, schließt die Wohnungstür der noch unbeleuchteten Wohnung auf und erleidet einen Schock: In der Finsternis sitzt im Sessel zusammengekauert House. Dieser hat die Wartezeit scheinbar genutzt, um sich zu betrinken. Als Lucas schließlich in der Wohnung ist, fällt House vor dem Privatdetektiv auf die Knie.
„Ich bin abstoßend“, beginnt er schluchzend, „ich verdiene sie nicht!“
Lucas hat ein gutes Herz und bietet House an, bei ihm zu übernachten. Der Lucas aus Staffel Fünf hätte diesen Trick von House durchschaut. Damals musste er aber Wilson ersetzen und daher einigermaßen mit House' Intelligenz mithalten können. Nun ist das nicht mehr nötig, daher verfehlt House' Schlussbemerkung an Lucas auch nicht ihre Wirkung: „Ich liebe sie!“
Am nächsten Morgen stellt Cuddy House im Krankenhaus zur Rede. Scheinbar hat Lucas die Beziehung zu ihr beendet. Sie stellt in ziemlich drastischen Worten klar, dass es niemals etwas mit House geben werde. House ist trotzdem zufrieden und kann so stolz an Wilson berichten, sein Plan sei voll aufgegangen. Aber was für einen schwachen Eindruck Lucas auch machen mag, Cuddy ist ein anderes Kaliber …

Parabeln
House findet nach seinem „erfolgreichen“ Eingreifen in die Beziehung von Cuddy und Lucas nun Zeit, sich ausführlicher um seinen Patienten zu kümmern. Im Gepäck eine neue Diagnose. Ich bin an dieser Stelle versucht zu schreiben: „Alle Fans von House light müssen jetzt ganz tapfer sein!“
So glaubt House, Sidas nehme etwas (DXM), um sich selbst dümmer zu machen. In Kombination mit Alkohol führt das zu den aufgetretenen Symptomen. Er stellt den Postboten zur Rede und dieser bestätigt House' Diagnose.
„Wenn mein Gehirn nur auf niedrigem Niveau arbeitet, wirkt alles nicht so elend“, rechtfertigt er sein Vorgehen. Und ist daher nicht sicher, ob er ohne die Drogen leben kann. Muss jetzt noch jemand spontan an einen bärbeißigen Arzt aus dem Princton Plainsboro denken, der in der Regel einen Stock braucht, um zu gehen?
Eigentlich ist man sich nun sicher, und gerade als Sidas nach Absetzen des DXM wieder klüger wird, was schon früh seine Ehe zu gefährden beginnt, versagen seine Beine. House hat in der Folge eine ziemlich schmerzhafte Teambesprechung. Sein Team hat nämlich überhaupt keine Idee, so sagt er wütend und greift auch schon zum Hörer, er würde dann eben Cameron anrufen. Das war zu viel! Chase schlägt ihn k.o., was Taub zu einem späteren Zeitpunkt die Chance gibt, ein Foto von House' ramponiertem Gesicht zu machen und seiner Frau zu zeigen. Er sagt, er sei es gewesen. Die Belohnung lässt nicht lange auf sich warten. Nach dem ganzen Ärger, den Taub schon in seiner Ehe hatte, ist es ihm zu gönnen.
Leben heißt verzichten
House kann Sidas helfen. Nachdem dieser ihm von einem Selbstmordversuch vor 12 Jahren berichtet hat, erkennt der brillante Diagnostiker, dass die ursprüngliche Diagnose TTP richtig war, aber die Folgen des Selbstmordversuches noch nicht vollständig beseitigt waren. Sidas gibt sich seiner Schwäche hin und erklärt, er werde zum DXM zurückkehren, weil er damit glücklicher war.
Inzwischen war auch das Thanksgiving Dinner. Cuddy hat House eine falsche Adresse gegeben. Während also Cuddy und Lucas im Kreise der Familie speisen konnten, war House ganz alleine in einem fremden Haus. Als er später zurück im Plainsboro ist, möchte er sich mit Cuddy versöhnen und will ihr zwei Eintrittskarten für den Zoo schenken, damit sie etwas mit ihrer Tochter unternehmen kann. Cuddy verweigert die Annahme.
Im Gespräch mit Wilson schlussfolgert House, dass Cuddy ihn angelogen habe, was die Trennung von Lucas anginge. Für ihn sei damit die Sache jetzt klar und er werde daher nicht weiter versuchen, die beiden zu trennen. In einem ähnlichen Gespräch zwischen Lucas und Cuddy erzählt die Verwaltungschefin ihrem Freund, dass sie nicht mehr glaube, dass House ihnen beiden Böses wolle. Sie wisse aber nicht, warum. Lucas beendet die Folge mit seiner Meinung: „Vielleicht ist House doch nicht so schlecht!“
Fazit - The Road to Vicodin
Die Folge war ein Quantensprung im Vergleich zur letzten Woche. Die Geschichte war interessant, die schauspielerische Leistung durchgehend überzeugend und das menschliche Drama schlüssig. Ich hatte erst Zweifel, als ich House' Plan vernehmen musste, einen Sprengsatz an die Beziehung von Cuddy und Lucas zu legen. Es erschien mir zu offensichtlich, zu einfallslos. Die Umsetzung überzeugte jedoch voll und ganz. Aus dem humorvollen Beginn (Praxisdienst) wurde das menschliche Drama, das sich ergeben muss, wenn ein Mensch derart drastisch in die Leben anderer Menschen eingreift.
Ähnliches lässt sich über die Szenen mit Chase sagen. Es war menschlich nachvollziehbar, den Schmerz über Camerons Abgang wegzuschieben, um dann mit einem Schlag (wortwörtlich) zu explodieren. Diese Woche passte sich der medizinische Fall in das Drama um House ein. Jede Woche sollte man das nicht tun, aber dieses Mal war das ein gelungenes Stilmittel über die Parallele House/Sidas noch tiefer in die Gefühlswelt des Diagnostikers eintauchen zu können.
Zu kritisieren gibt es natürlich auch in dieser Episode ein paar Dinge. Keinesfalls der kleine Plot von Foreman (Omar Epps), der inzwischen wieder einen weißen Kittel trägt und somit seine höheren Ambitionen wohl erst einmal aufgegeben hat. Es war definitiv nicht zu wenig Foreman. Was mir aber wirklich nicht gefallen hat, war der schon erwähnte Umgang der Autoren mit Lucas. Er ähnelt fast gar nicht mehr dem Mann aus Staffel Fünf und scheint auch DXM zu nehmen, denn er wirkt naiv bis dumm. In einem Jahr kann sich ein Mensch mit Sicherheit verändern, aber dann steht die Serie noch in der Bringschuld, die Sache auch zu beleuchten. Figuren einfach als „Werkzeug“ einzuführen, um in diesem Fall das Verhältnis von House und Cuddy durcheinanderzubringen, steht keiner Serie gut zu Gesicht. Schon gar nicht House. Das heißt, wenn man Lucas schon einbringt, dann bitte auch richtig und nicht nur oberflächlich.
Insgesamt geht im Plot der für mich wenig erfreuliche Trend weiter, dass House zum Vicodin zurückkehren wird. In einem früheren Review habe ich geschrieben, dass er noch einiges Elend wird durchmachen müssen, bis er wieder der „Alte“ ist. Das scheinen wir gerade zu erleben. Die Szenen mit Cuddy, die nun in nachvollziehbarer Weise ihr Glück über das von House stellt, brachten einen wirklich zum Schlucken. Als sie die Eintrittskarten für den Zoo abgelehnt hat, befürchtete ich kurzzeitig, House würde schon in dieser Folge zu den weißen Pillen greifen.

(House 6x09)
Schauspieler in der Episode House 6x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?