Zwei Seiten des Abgrunds 1x01

Zwei Seiten des Abgrunds 1x01

Die sechsteilige Miniserie „Zwei Seiten des Abgrunds“ von RTL+ und Warner TV Serie erzählt die Geschichte der Polizistin Luise Berg, deren Tochter vor sieben Jahren von dem psychisch labilen Dennis ermordet wurde. Als er vorzeitig aus der Haft entlassen wird, beginnt ein spannendes, sehenswertes Spiel um Schuld, Mitschuld, Verzweiflung und Gerechtigkeit.

Poster zur Serie „Zwei Seiten des Abgrunds“
Poster zur Serie „Zwei Seiten des Abgrunds“
© Warner TV Serie/RTL+

Das passiert

Die Polizistin Luise Berg (Anne Ratte-Polle) hat vor sieben Jahren ihre Tochter Merle verloren, als der psychisch labile Jugendliche Dennis Opitz (Anton Dreger) sie in einer Unterführung nahe der Wuppertaler Schwebebahn mit über 20 Messerstichen ermordete. Der Tod warf die trauernde Mutter emotional aus der Bahn, so dass sich ihr Mann irgendwann von ihr trennte und ihre jüngere Tochter Josi (Lee van Acken) mit sich nahm. Seitdem lebt Luise ein beinahe selbstzerstörerisches Leben zwischen Beruf, Tinder-Sex, Alkohol und der Tatsache, dass sie Merles (Josephine Thiesen) Tod nicht verwinden kann.

Eines Tages trifft sie zufällig auf Dennis, der zu einem gutaussehenden Mann gereift ist und mit einer hervorragenden Sozialprognose vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Sie ist außer sich. Als er auch noch immer wieder in ihrer Nähe auftaucht und in Belgien ein Mann stirbt, der mit Dennis in Verbindung stand, nimmt Luise eigenmächtig Ermittlungen auf. Ihr Ziel: Den Mörder ihres Kindes ein für allemal für seine Tat büßen zu lassen, koste es, was es wolle.

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Schuldfragen

„Zwei Seiten des Abgrunds“
„Zwei Seiten des Abgrunds“ - © Warner TV Serie/RTL+

Schuld und Sühne. So lässt sich die Kernthematik von Zwei Seiten eines Abgrunds vielleicht am besten auf den Punkt bringen. In der deutschen Miniserie von Kristin Derfler unter der Regie von Anno Saul dreht sich im Grunde genommen alles darum, wer woran Schuld hat und dass selbst das vermeintliche Böse eine nachvollziehbare Motivation haben kann. Insofern ist es nicht immer leicht, der Argumentation der Geschichte zu folgen, obwohl das Drehbuch Wert darauf legt, den Protagonisten genug Substanz zu verleihen, um verstehen zu können, was gerade auf dem Bildschirm geschieht.

Als Kulisse dient für das komplexe Storytelling die nordrheinwestfälische Stadt Wuppertal, wobei die Schwebebahn immer wieder als Aufhänger herangezogen wird - und das im mehrfachen Sinne. Schon im Intro schwebt das Gefährt in der sich drehenden Schräge durch das triste und beinahe traurig anmutende Bild.

Und tatsächlich spielt jenes öffentliche Verkehrsmittel keine unwesentliche Rolle in dem Thrillerdrama, das sich da vor unseren Augen entspinnt. Denn Merle, die hübsche Tochter der Polizistin Luise Berg, wurde sieben Jahre vor Serienbeginn unter einer Brücke in Sichtweise der Schwebebahn ermordet. Ein allmählich verwitterndes Holzkreuz erinnert einsam an die Tat und ist ein Hinweis darauf, dass Luise nicht loslassen kann und will, weil sie sich Mitschuld an der Tragödie gibt.

Zeitsprünge

Um die Hintergründe zu erforschen, springt die Serie nicht immer ganz nachvollziehbar zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her und zeigt einerseits, wie sich seit der Haftentlassung von Dennis die Ereignisse immer weiter zuspitzen und andererseits, wie eine einst glückliche Familie in Folge einer Tragödie zerbrach und Luise als emotionales Wrack zurückließ. Nach Merles Ermordung beschäftigte sie sich mit dem Tod ihrer Tochter, statt sich den Lebenden zu widmen und entfremdete sich deshalb ihren Lieben.

Das alles ist bedrückend und in einer Ruhe inszeniert, die die Dramatik der Ereignisse unterstreicht, vor allem auch deshalb, weil in der ersten Hälfte der Pilotfolge vornehmlich Luises Privatleben als Kontrapunkt entgegengestellt wird. Sie ist eine gute Polizistin, die ein Herz für Underdogs hat, in Fällen, die ihr zuwider sind, aber hart durchgreift. Ihre Freizeit verbringt sie hingegen zwischen One-Night-Stands, bei denen ihr ihre Partner herzlich egal sind, Alkohol und Einsamkeit. Lediglich ihrer jungen Kollegin gelingt es, ihr ein wenig näher zu kommen.

Das Gesicht des Bösen

Am anderen Ende der Skala steht Dennis, dessen Vergangenheit so dramatisch mit dem von Luises verbunden ist. Er verbrachte seine Kindheit im Heim und war ein dicklicher, fetthaariger Riese, der kaum sprach und auf seine Mitmenschen abstoßend und dumm wirkte. Erst als er Merle im Heim kennenlernte, und sie ihm Nachhilfe gab, blühte er auf - bis es zur Tat kam, derer Hintergründe lange im Dunkeln bleiben. In Haft absolvierte er eine Ausbildung, trieb Sport und ist nun ein gutaussehender junger Mann. Doch auch für ihn gilt, dass ihn die Vergangenheit vor sich hertreibt.

Im Verlauf der ersten zwei Folgen arbeitet das Drehbuch heraus, welche Qualen Dennis als Kind durchlitt und wie sie ihn prägten und zu der geschundenen, aber auch brutalen Seele machten, die er ist. Er beginnt systematisch jeden zu ermorden, der ihm wehtat. Da ist kurz hinter der belgischen Grenze der Obdachlose Candyman, der Kinder mit Süßigkeiten anlockt, um sich an ihnen zu vergehen. In Wuppertal hat Dennis mit einem Triebwagenführer eine Rechnung offen, der ihn als Kind mehrfach anal vergewaltigte und nun die schreckliche Rechnung dafür zahlt. Die Kompromisslosigkeit des Racheaktes, die Art, wie der junge Mann ihn zelebriert, offenbart schonungslos, dass er zwar ein Psychopath ist, aber eben nicht grundlos mordet.

Vielmehr geht es ihm um Gerechtigkeit, das wird vor allem in einer Szene der zweiten Folge deutlich. Dennis arbeitet bei einem Neonazi, der ihm im Knast half und der im Begriff ist, eine Terrorzelle zu gründen. Als ein schwarzer Kollege, der in der Firma beschäftigt ist, von zwei Skinheads gequält wird, greift er ein und legt sich mit den Schlägern an. Es ist also nicht so, dass er gefühlskalt wäre oder den Unterschied zwischen Gut und Böse lediglich intellektuell, aber nicht auf sozialer und empathischer Ebene versteht. Die Umstände seiner Kindheit haben Dennis vielmehr geformt und ihn auf einen Weg geführt, dem er nicht mehr zu entrinnen vermag.

Das ist ein überaus starker Denkansatz, der von den Hauptakteuren mitreißend vorgetragen wird und fesselt. Allerdings überziehen Derfler und Saul bisweilen, so dass einige Szenen ins Karikaturistische abzudriften drohen. So gut Anton Dreger die Rolle des erwachsenen Dennis mit seiner eindringlichen Mimik ausfüllt, so wenig stimmig gelingen im Gesamteindruck die in der Vergangenheit verorteten Szenen. Einerseits ist es dem kleinen Team um Maskenbildnerin Hanna Scharmann-Klein nicht gelungen, Dennis' Fettleibigkeit überzeugend zu gestalten, andererseits tut sich Dreger im schlecht sitzenden Bodysuite äußerst schwer. Mehr Recherche (etwa ein Studium des Gangbildes von stark übergewichtigen Personen) und eine längere Trainingszeit hätten hier sicherlich Abhilfe geschaffen...

Hinzu kommt, dass Derfler dem Publikum eine übertrieben wirkende Variation von „Die Schöne und das Biest“ anbietet, die aufgrund der traumatischen Vergangenheit von Dennis nicht nötig gewesen wäre. Das wirkt ebenso plakativ, wie Dennis' Ausbilder, der einer „Kameradschaft“ angehört, aber in seiner Firma trotzdem People of Color beschäftigt, die von zwei Skinheads angegriffen werden. Dass die typisch Glatzköpfigen auch noch von einem russischen Waffenschieber begleitet werden, der die neu gegründete Terrorzelle versorgen wird, überspitzt die Situation ins Groteske... Beinahe könnte man an eine Satire glauben. Die Neigung zur Übertreibung zieht die Spannung aus der Situation, was ein wenig schade ist, zumal die ersten Folgen ansonsten vieles richtig machen.

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Fazit

„Zwei Seiten des Abgrunds“
„Zwei Seiten des Abgrunds“ - © Warner TV Serie/RTL+

Die ersten beiden Folgen von Zwei Seiten eines Abgrunds überzeugen auf emotionaler und psychologischer Ebene. Die Geschichte entführt das Publikum in eine abgrundtiefe Gedankenwelt von Schuld, Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Rache und Liebe, die sich in der grau-blauen, winterlichen Farbpalette, den schräg gelegten Szenenbildern und einer unaufdringlichen Setdekoration widerspiegelt. Auch das Ensemble passt sich der Themenschwere entsprechend an. Lediglich Josi (toll gespielt von Lea van Acken bringt ein wenig Licht in die Tristesse und in das Leben des Mörders seiner Schwester.

Ob er sich ihr anbiedert, um Rache an Luise zu nehmen, seiner vermeintlich verlorenen Liebe Merle nachtrauert oder wirklich etwas für sie empfindet, bleibt im ersten Drittel der Staffel völlig offen. Doch dass sie ihm eigentlich guttut, ist offensichtlich. Dieser Aspekt kontrastiert die Figurenzeichnung auf spannende und interessante Weise. Abgesehen von den oben angesprochenen inhaltlichen Überzeichnungen, bietet die Produktion somit ein stimmig inszeniertes Storytelling mit Niveau. Vier von fünf Punkten.

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Zwei Seiten des Abgrunds“, die nun beim Streamingdienst RTL+ abrufbar ist und bei Warner TV Serie läuft:

Verfasser: Reinhard Prahl am Montag, 8. Mai 2023

Zwei Seiten des Abgrunds 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Zwei Seiten des Abgrunds 1x01)
Titel der Episode im Original
Die Nacht findet dich
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 8. Mai 2023 (RTL+)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Montag, 8. Mai 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 8. Mai 2023
Autor
Kristin Derfler

Schauspieler in der Episode Zwei Seiten des Abgrunds 1x01

Darsteller
Rolle
Anton Dreger
Ann-Kathrin Kramer
Lea van Acken
Dirk Martens

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