Zeit der Geheimnisse: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie

© zenenfoto aus Zeit der Geheimnisse (c) Netflix
Neu ist das ja alles nicht unbedingt, ein einsam gelegenes Familienhaus in markanter, deutscher Landschaft, das als Versammlungsort während der Feiertage für eine zerrissene Familie dient. Doch die Netflix-Serie Zeit der Geheimnisse macht daraus eine wunderbar erzählte und fesselnde Miniserie. Auf dem Spielfeld der Öffentlich-Rechtlichen zeigt der Streamingdienst dabei allen, wer das kreative Sagen hat. Die Produktion mit Corinna Harfouch und Christiane Paul ist schon vor Totensonntag eine Anwärterin auf den Thron der diesjährigen Weihnachtsserien.
Worum geht es?
Der Plot - grob berichtet - findet sich seit Beginn des deutschen Fernsehfilms in unzähligen Fernsehzeitschriften wieder: Die Mitglieder eine Familie finden sich über die Feiertage im Haus der Ältesten zusammen, so richtig Lust hat niemand, aber so macht man das halt. Man hält die Augenwischereien der anderen aus, die Lügen und die unterdrückten Gefühle, bis es vorbei ist und man schnell wieder in sein eigenes Leben in Berlin, Hamburg oder sonstwo entschwinden kann. Schon der Titel bereitet uns auf die altbekannte Schiene vor. Denn dieses Jahr wird alles anders, dieses Jahr kommen die Geheimnisse auf den Tisch und alle Familienmitglieder müssen einen harten Blick auf sich und die anderen dulden. Am Ende der Tragödien steht dann aber der wohlverdiente Weihnachtsbraten, um den Tisch versammeln sich die reingewaschenen Mütter, Töchter und die anderen Verwandten.
Zeit der Geheimnisse beginnt mit einem Klassiker aus dem Repertoire von ZDF und ARD: Jemand lässt vor Entsetzen ein liebevoll bestücktes Tablett voller Essen auf den Boden knallen. Doch der Schock ist nur von kurzer Dauer, denn Eva (Harfouch) ist gar nicht tot. Den angereisten Enkelinnen Vivi (Svenja Jung) und Lara (Leonie Benesch) fällt ein Stein vom Herzen.
Schließlich sind sie bei ihrer Großmutter und deren Haushälterin Ljubica (Anita Vulesica) aufgewachsen. Ihre sprunghafte Mutter Sonja (Paul) hatte dafür weder die Ausdauer noch die Stärke. Doch in vier Zeitebenen erfahren wir, dass es die Frauen der Familie zu Weihnachten immer wieder in das Haus am Meer zieht, ob sie nun aus Berlin oder Ibiza anreisen. In der Gegenwart stehen die beiden Enkelinnen an der Schwelle dazu, zu entscheiden, wer sie als Erwachsene sein wollen und wie sie ihr Leben selbst gestalten wollen. Mutter Sonja ist jüngst trocken geworden und versucht, ebenfalls ein neues Blatt aufzuschlagen. Oma Eva, die über die Jahrzehnte die Stellung im Haus gehalten hatte, geht es gesundheitlich nicht besonders gut. Doch vor ihrem Abschied will sie noch ein paar Geheimnisse loswerden. Die Bühne ist also bereitet, um in bester Samstagsfilm-Manier jeden der Charaktere der Reihe nach ihr Geheimnis zu entlocken. Doch, nachdem das Tablett auf dem Boden aufkommt, nimmt die Netflix-Serie eine entschieden andere Richtung. Über die Rückblicke, die uns jeweils zu früheren Weihnachten bringen, erfahren wir, wie die Entscheidungen die unterschiedlichen Leben jahrelang beeinflussen. Dabei stehen weniger die großen klischeehaften Tragödien im Mittelpunkt, auch wenn die manchmal durchaus vorkommen. Doch die Story wird insgesamt eher von den kleinen Abzweigungen im Leben bestimmt.
Wie kommt es rüber?
Sicher, irgendwo in den Dünen ist etwas vergraben, was die anderen früher oder später finden und ein großes Geheimnis aus dem Jahr 1989 erfahren. Damals, als die junge Sonja ihren neuen Freund mit zum Weihnachtsessen brachte und ihr Vater unter mysteriösen Umständen starb. Doch wichtiger als die Frage, was ihm denn nun genau zustieß, ist für die Geschichte der Moment, in dem sie ihm als erstem aus der Familie von ihrer Schwangerschaft erzählte und ihr Vater darauf dann mit der Behauptung reagierte, dass sie einst ihren kleinen Babybruder mit Keuchhusten ansteckte und er es nicht überlebte.
Es sind die stillen oder leisen Verletzungen, die über Jahre wiederholt werden, von anderen oft übersehen oder abgewertet, die ein Leben nachhaltig bestimmen, die zum Erhalt oder Zusammenbruch des Selbstvertrauens beitragen und dadurch den Lebensweg eines Menschen leiten. Diese Einsicht unterscheidet ein starkes Charakterdrama von den einschlägig bekannten Produktionen, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen.
Dass man schnell in die Story findet und sich trotz der dreieinhalb Zeitlinien schnell orientieren kann, haben wir als Zuschauer vor allem dem bemerkenswert starken Cast zu verdanken. Besonders Corinna Harfouch dient über die Zeitlinien als charismatischer Anker in ihrer Darstellung der Eva.
Viel zum Inhalt der drei Episoden kann man nicht sagen, ohne dabei zu viel zu verraten. Über die Jahrzehnte begleiten wir die Frauen der Familie durch die Feiertage, die Männer tragen höchstens zum komödiantischen Element bei. Sie sind fast ausschließlich als arrogant-harmlose Neuverlobte oder sehnsüchtige Verliebte im Drehbuch vertreten. Doch mit einer Ausnahme werden sie nicht verteufelt oder für das Unglück verantwortlich gemacht. Sie spielen schlicht keine besonders tragende Rolle für das Schicksal der Frauen, sie laufen nebenher, amüsant, sehnsüchtig oder verblendet.
Fazit
Die dreiteilige Miniserie Zeit der Geheimnisse lässt sich auf das Klischeegenre des deutschen Familiendramas ein und bringt dabei eine besonders starke Version auf die Mattscheibe. In der Netflix-Produktion zeigt sich, was man aus einer altbekannten Prämisse alles herausholen kann. Der starke Cast und ein wunderbares Drehbuch bringen so einen Anwärter auf die beste deutsche Fernsehserie der Weihnachtssaison an den Start.
Hier abschließend der Trailer zur neuen Netflix-Miniserie: