Y - The Last Man 1x01

© zenenfoto aus der Serie Y - The Last Man (c) FX/Walt Disney
Es gibt wohl wenige Comicstoffe, die in letzter Zeit eine so lange und stolprige Adaptions-Geschichte hatten wie Y - The Last Man. Comickenner werden natürlich direkt „Watchmen“ nennen. Denn vor der Zack-Snyder-Adaption wurde ebenfalls mehrfach probiert, den Stoff ins Kino zu bringen, ehe 2009 dann der erste Versuch seine Premiere feierte und das Werk aus dem Jahr 1986 optisch zumindest recht werkgetreu umsetzte. Seit der ersten Ausgabe von „Y - The Last Man“ gab es zahlreiche Versuche, die Comicreihe von Brian K. Vaughan und Pia Guerra zu adaptieren. Zunächst einige Jahre als Kinofilm, dann wechselten die Rechte zu FX, bei welchem mehrere Ansätze entstanden und einmal fast der gesamte Cast getauscht wurde, bis 2021 nun inmitten der Pandemie die nächste Seuchenserie kommt. Somit hat man ein ähnlich bedauerliches Timing wie Sweet Tooth von Netflix erwischt, was beiden aber hoffentlich nicht schadet. Beide Projekte sind jedoch - aus unterschiedlichen Gründen, einen Blick wert. Zur baldigen Deutschlandpremiere am 22. September 2021 im Star-Bereich von Disney+ hatten wir die Chance, die ersten drei Episoden der zehnteiligen ersten Staffel vorab zu sehen und uns so einen Ersteindruck zu verschaffen. Showrunnerin ist übrigens Eliza Clark (Animal Kingdom) und hinter den Kulissen arbeiten auch sonst überdurchschnittlich viele Frauen. Ich kenne das Comic dabei ebenfalls. Die Vorlage von Autor Brian K. Vaughan sowie den Zeichnern Pia Guerra, Goran Suduuka und Paul Chadwick wurde zwischen 2002 und 2008 in 60 Heftausgaben beim DC-Imprint Vertigo veröffentlicht. Wie ist die Umsetzung also gelungen?
Worum geht es in Y - The Last Man?

„Y - The Last Man“ erzählt die Geschichte von Yorick Brown (Ben Schetzer), einem jungen Mann und Tagelöhner als Hobbymagier und Entfesselungskünster, der mit seinem Kapuzineraffen Ampersand ein plötzliches Massensterben überlebt, das alle anderen Wesen mit einem Y-Chromosom auslöscht. Einige Tage später taucht er wieder auf und ist plötzlich das wertvollste Wesen der Welt, denn er gilt als beste Hoffnung der verbliebenen Frauen auf eine Zukunft. Die meisten Politiker wurden ebenso dahingerafft, weswegen Yoricks Mutter Jennifer Brown (Diane Lane), eine US-Senatorin, die kurzzeitig Speaker of the House war, nun die Macht über die USA hat. Yoricks Schwester Hero Brown (Oliver Thirlby) ist als Sanitäterin im Einsatz und tötet bei einem Handgemenge ihren Partner versehentlich, kurz bevor der Rest der Männer stirbt, versteckt dieses Geheimnis jedoch. Nun plagen sie Gewissensbisse und sie versucht, anderen zu helfen, die von den übrigen Behörden in Stich gelassen werden.
Weitere wichtige Rollen haben Amber Tamblyn als konservative Kimberly Campbell Cunningham, die mit ihren Verbündeten ein Gegengewicht zu Jennifer Brown bildet und die republikanischen Werte vertritt. Aber auch die Mutter Nora (Marin Ireland), die versucht, mit ihrer Tochter über die Runden zu kommen. Doch sehr schnell werden die Mittel knapp und auch die früheren Weggefährten überlegen sich zweimal, wie viele Münder sie stopfen können und wollen.

Inmitten dieser Situation kann sich die mysteriöse Agentin 355 (Ashley Romans) das Vertrauen der amtierenden Präsidentin erarbeiten und davon überzeugen, dass ihr Sohn ein schützenswertes Objekt ist, das man vor wütenden Mobs und anderen Gefahren bewahren muss. Also schleust sie ihn aus der Gefahrenzone. Oder bringt sie ihn gerade erst hinein...?
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Y - The Next Pandemie (again)?!?

In bestimmten Belangen ist Y - The Last Man dem Zombieerfolg The Walking Dead sehr ähnlich. Die Comics kamen zu ähnlichen Zeiten zuerst raus. „Y“ kam sogar etwas vor Robert Kirkmans „TWD“ heraus, könnte also als Pionier gelten. In beiden Serien sterben große Teile der Bevölkerung und wissen nicht genau, warum. Vergleicht man die Piloten miteinander, wiederholen sich natürlich einige unheimliche Muster (leere Straßen, plötzliche Verluste, Zusammenbruch der Gesellschaft, Extremsituationen), was aber keine Kritik sein soll, sondern einfach zum Pandemiegenre dazugehört. Wie schon bei Sweet Tooth muss man sich als Zuschauer fragen, ob man in Stimmung für dieses sehr ernste Thema ist, wenn man denn in der Realität schon die Pandemie lebt...
Doch, wo „TWD“ die ollen Zombietropen bedient, ist das Konzept von „Y - The Last Man“ sehr viel spannender und schon in den ersten drei Episoden zeigen sich viele offene Fragen, die im Laufe der Zeit wohl angesprochen werden. Die - nennen wir es - Seuche, rafft alle mit Y-Chromosom hin, was in bestimmten Berufsgruppen weltweit für einen plötzlichen Kahlschlag sorgt. Das Patriarchat, an das sich viele gewohnt haben, ist urplötzlich weg. Die meisten Machthaber sind nicht mehr vorhanden. Die betroffenen Personen verschwinden aber nicht einfach spurlos wie in The Leftovers oder „Avengers: Infinity War“, sondern die Leichen pflastern weiterhin die Straßen und die übrigen Frauen können sie nicht fortschaffen. Diejenigen, die es können, schützen die Leichen der Liebsten zumindest mit Planen und Decken (was aber nicht immer hilft, wenn etwa Aasfresser angelockt werden...). Vielfach bleiben die Körper auf den Straßen oder den Orten liegen, an denen sie verstorben sind, was ziemlich morbide daherkommt. Flugzeuge fallen vom Himmel und ganze Berufszweige sind von einem Moment auf den anderen Weg. Zudem tickt die Zeit natürlich. Es gibt noch einige eingefrorene Spermienvorräte oder Embryos, doch die Forscher wissen nicht, ob diese nutzbar sind. So droht das schleichende Aussterben der Menschheit ohne Fortpflanzungsmöglichkeit... Alles sehr spannende Themen, die in den ersten Folgen angeschnitten werden.

Wer andere FX-Serien kennt, der kann ungefähr erahnen, wie das Erzähltempo abläuft. Ich würde auch sagen, dass die Auftaktfolge alleine sogar schon mit ein paar Längen in der Mitte daherkommt und empfehle deswegen das Dranbleiben bei den ersten verfügbaren Episoden sowie einen langen Atem, denn zum Ende der Episode geht es dann wirklich dramatisch und grafisch sehr explizit zu, wenn ein Mann nach dem anderen tot umfällt. In den Folgen danach geht es damit konsequent weiter und die Lage spitzt sich gefühlt noch viel schneller zu als bei anderen Survival-Horror-Formaten oder Pandemieserien. Denn es scheint, dass die Vorräte dann doch schneller schwinden, als allen lieb ist. Ein kleines Beispiel: LKW-Fahrer oder Zugführer können Waren ja wahrscheinlich gar nicht mehr liefern und die wenigen Frauen, die es können, sind natürlich sehr gefragt. Ähnlich verhält es sich bei Aufträgen aus dem Militärbereich. Doch da muss man sich dann fragen: Wo liegt die Loyalität - oder gibt es gar Grabenkämpfe? Denn blitzschnell kommt es zu Plünderungen oder der Stürmung des Weißen Hauses.
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Y - Diese Modernisierungen?!

Schon die Comicvorlage hatte viele Facetten der spannenden Prämisse gezeigt. Doch das Original hat bald auch schon 20 Jahre auf dem Buckel und obwohl Vaughan als Autor seitdem viel als Storyteller gelernt hat und sehr viel inklusiver wurde, was seine Figuren angeht (siehe sein Epos „Saga“), fehlen gewisse Thematiken in seiner Vorlage. Schon in den ersten drei Folgen wird deutlich, dass man das Ganze eher zu einem Ensemble-Stück macht und Yorick entsprechend zwar weiterhin die Hauptperson bleibt, aber eben doch viele der oben genannten Frauen jeweils mit eigenen Handlungsbögen ausgestattet werden. Zudem werden Transpersonen nicht ausgespart und auch die Probleme, die sie ohne wissenschaftliche Unterstützung zu erwarten haben. Denn sobald man männlich konnotiert ist, dürfte man in dieser Welt sehr gefragt sein und sogar von gewissen Gruppen gejagt werden. Oder aber auch vor neuen Problemen stehen...
Natürlich kann es nicht nur strahlende Heldinnen geben und so werden einige unterschiedliche Konflikte aufgezeigt. Das Thema liberale versus konservative Strömungen beispielsweise. Entsprechend hat Tamblyn einen undankbaren Job, die Unsympathin zu geben, was sie aber fabelhaft macht. Bei den Storys rund um Nora bin ich nicht immer ganz sicher, wie sie ins Puzzle passt, wobei man als alleinerziehende, verzweifelte Mutter so natürlich ein weiteres tragisches Schicksal abbildet. Hero steht eher für die etwas jüngere Zielgruppe, die an der Bürokratie scheitert, welche ihre eigene Mutter mit repräsentiert und Senatorin Brown muss die schwierigen administrativen Entscheidungen treffen und wird tagtäglich mit Hiobsbotschaften konfrontiert. Allerdings geht es da auch darum, die Macht zu sichern und extreme Lager in Schach zu halten. Irgendwie ist Yorick als Figur dementsprechend der Verlierer, weil er bisher die undankbarsten Szenen und Handlungen hat und recht passiv rüberkommt sowie ein Spielball der eigenen Mutter ist. Das kann und wird sich bestimmt aber noch ändern, wenn die „Nachfrage“ nach ihm steigt.

Die angeschnittenen Themen der ersten Folgen sind also vielfältig und in meinen Augen vielversprechend. Das tragische world-building ist für mich nahbarer als bei „The Walking Dead“, The Leftovers oder Sweet Tooth, weil man sich nach Corona sehr gut vorstellen könnte, dass dieser Super-GAU ein „realistisches“ Szenario sein könnte. Vielleicht bin ich deswegen auch fasziniert vom Dargebotenen und noch ist - sorry für die Wortwahl - die Kacke noch nicht einmal richtig am Dampfen. Denn zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist noch gar nicht bekannt, dass Yorick - zufällig der Sohn des POTUS - und sein Äffchen die womöglich einzigen Y-Chromosom-Träger sind, die auf der Welt noch übrig sind. Das schreit geradezu nach Eskalation und Chaos. Und wie man auf Englisch sagt: „I am here for it“.
Y - Is the Fazit, Man?!?

„Y - The Last Man“ hangelt sich an der Prämisse der Comicvorlage entlang, bietet aber genug Selbstständigkeit von der Vorlage, dass die Entdeckung von beiden komplementär genug sein kann, um beides eigenständig zu genießen. Es ist wahrscheinlich ein Fiebertraum, weil zwar einige hunderttausend Zuschauer - vielleicht ein paar Millionen - davon erreicht werden, aber vielleicht sorgt die Serie ja dafür, dass das weibliche Geschlecht nicht immer für selbstverständlich und oft nur als „Care Person“ wahrgenommen wird und so gewisse Ungleichheiten bei Rollenverteilungen der Geschlechter entlarven kann. Allerdings würde es ja auch schon reichen, nur bestimmte Menschen mal etwas zu sensibilisieren. Wenn das nicht klappt, dann haben wir zumindest einen spannenden neuen Pandemie-Stoff, der einige neue Seiten und Facetten aufzieht, die es so bisher selten in der Popkultur gegeben hat und dem man zumindest mal eine Chance geben sollte.
Hier abschließend noch der Originaltrailer zur neuen Serie „Y - The Last Man“ - bald auf Disney+:
Y - The Last Man steht ab dem 22. September bei Disney+ wöchentlich zum Streamen bereit.
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Verfasser: Adam Arndt am Mittwoch, 15. September 2021Y - The Last Man 1x01 Trailer
(Y - The Last Man 1x01)
Schauspieler in der Episode Y - The Last Man 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?