Wolf Hall: Spiegel und Licht 1x01

© (c) BBC Two
Die bekannte britische Historie um dem englischen König Heinrich VIII. (Henry VIII), welcher sich mit der Ausrufung seiner eigenen Kirche und dem damit verbundenenen aufkeimenden Prostetantentum in England seinen Platz in den Geschichtsbüchern verdiente, wurde bereits mehrfach in medialen Produktionen verarbeitet. Sei es der unsterbliche Barde William Shakespeare selbst gewesen, der mit seinem Drama „Henry VIII“ dem temperamentvollen Herrscher ein Bühnenstück widmete, oder auch diverse Produktionen aus Film und Fernsehen. Ein Beispiel wäre der Spielfilm „Die Schwester der Königin“ („The Other Boleyn Girl“) mit Natalie Portman, Scarlett Johansson und Eric Bana in den Hauptrollen, ein anderes die langjährige Showtime-Serie The Tudors, in der Jonathan Rhys Meyers (Dracula) den exzentrischen Protagonisten mimte.
Pick your prince
„The Tudors“ mag angesichts der neuen Miniserie Wolf Hall von BBC Two am ehesten in Erinnerung gerufen werden, jedoch werden innerhalb kürzester Zeit große Unterschiede zwischen diesen beiden Formaten deutlich. „Wolf Hall“ könnte urbritischer nicht sein und glänzt mit einem hervorragenden Cast aus etablierten Theater- und Charakterdarstellern. Während das Showtime-Drama weitaus reißerischer sowie freizügiger daherkam, baut man in der Adaption der Bestsellerbücher „Wolf Hall“ und „Bring up the Bodies“ von Hilary Mantel eher auf die subtilen Nuancen der hier agierenden Figuren und ihren Interaktionen untereinander. Dementsprechend muss man als Zuschauer sicherlich auch einiges an Geduld mitbringen. Investiert man jedoch Zeit in die Handlung und ihre Hauptfigur, wird man mit exzellentem Schauspiel und einer vielversprechenden dramatischen Tiefe belohnt.
Der bekannte Drehbuchautor Peter Straughan („Tinker Tailor Soldier Spy“, „The Men Who Stare at Goats“, „Frank“) zeichnet für die serielle Umsetzung der literarischen Vorlage verantwortlich und lässt kein einziges Mal Zweifel aufkommen, dass er nicht in der Lage dazu wäre, intelligente Dialoge zu schreiben oder komplexe Figuren zu entwerfen. Sehr bedächtig werden wir in diese Welt eingeführt, in der größtenteils geredet wird und viele Handlungen eher im Hintergrund ablaufen.

Mercy
Diese selbstbewusste Ruhe von Straughan und Regisseur Peter Kosminsky, nicht auf Biegen und Brechen das Tempo anziehen zu wollen, sondern der Geschichte ihre Zeit zu geben, sich zu entfalten, imponiert und stellt eine willkommene Abwechslung zu geläufigen Formaten dar, in denen viele Serienschaffenden oftmals eine hochdramatische Wendung auf die nächste folgen lassen, aus Angst, der Zuschauer könnte sich zu schnell langweilen. In „Wolf Hall“ traut man seinem Publikum des Öfteren stark entschleunigte Szenen zu, in denen die einzelnen Darsteller mit feinen und oftmals sehr subtilen Darbietungen auftrumpfen können. Durch seine unaufgeregte Erzählweise entwickelt „Wolf Hall“ bereits sehr früh seinen ganz eigenen Reiz, der Zuschauern, die ein flotteres Erzähltempo gewohnt sind, wohl eher weniger zusagen wird.
Interessant ist in „Wolf Hall“ darüber hinaus die Perspektive, die wir hier als Betrachter der Handlung einnehmen. Anstatt Henry VIII, dessen Eskapaden und Kampf um die Scheidung von seiner derzeitigen Frau gegen den Papst in Rom in den Mittelpunkt zu stellen, folgen wir dem Großteil der Zeit einer anderen Figur. Diese steht mehr am Rand all dieser Ereignisse und stellt auf den ersten Blick nur ein kleines Zahnrad im gewaltigen Uhrwerk des königlichen Hofes zu London dar. An der Seite von Thomas Cromwell (Mark Rylance), Berater des Kardinals Wosley (Jonathan Pryce), werden wir in die zahlreichen Figurenkonstellationen und Mechaniken der komplexen Ränke- sowie Machtspielen zu dieser Zeit eingeführt. Letzterer hat wiederum von Henry VIII den Auftrag bekommen, die Auflösung seiner Ehe mit Catherine von Aragon (Joanne Whalley) möglich zu machen, die ihrem Gatten keinen Sohn und somit keinen Erben gebähren kann.
The King's heart's desire
Cromwell verkörpert dabei den perfekten Avatar für den Zuschauer. Still und bedacht beobachtet er das Geschehen, während er seinen Platz genauestens kennt. Er entstammt eher ärmlichen Verhältnissen und hatte in seiner Kindheit unter seinem gewalttätigen Vater zu leiden, doch er hat sich sukzessive hochgearbeitet und in eine aussichtsreiche Position neben dem Kardinal gebracht. Diesem ist er treu ergeben, jedoch muss sich der ambitionierte Cromwell schon bald die Frage stellen, wie es mit ihm weitergehen soll. Dem Kardinal droht nämlich die Absetzung durch Henry VIII. Der Geistliche ist einfach nicht in der Lage dazu, die Wünsche beziehungsweise Forderungen in die Tat umzusetzen, weshalb sein Stuhl gewaltig wackelt.
So begeben sich unzählige weitere Spieler in Position und wittern ihre Chance, die Gunst des englischen Königs für sich zu gewinnen. Cromwell ist ein kluger Mann, bei Weitem nicht so devot wie viele seiner Nebenleute, die es sich nicht ansatzweise trauen würden, ihrem Herrscher Kontra zu geben. So loyal der Ehemann und Familienvater auch ist, immer wieder können wir einen kurzen Blick hinter dessen stets regungslose Fassade werfen, was uns nur erahnen lässt, dass er sich den Konsequenzen der baldigen Entlassung des Kardinals vollends bewusst ist. Mit den Gedanken bei seiner Familie weiß er, dass nur eine falsche Entscheidung alles zunichte machen könnte, was er sich so mühevoll aufgebaut hat.
Always a talker
Mark Rylance (der passenderweise auch in „Die Schwester der Königin“ eine Filmrolle übernahm) wirkt wie ein Fels in der Brandung, an dem eine Welle nach der anderen zerberstet. Sein kühles und sehr stoisches Schauspiel könnte für den einen oder anderen äußerst gewöhnungsbedürftig sein, jedoch sind es gerade die kleinen Nuancen in diesem, die deutlich machen, mit welcher emotionalen Kraft der erfahrene Darsteller viele Szenen tragen kann. Selbst ein Hauch von dem typisch britischen Humor macht sich hier in ein paar wenigen Szenen bemerkbar, wobei vor allem die nachdenklichen Momente seiner Figur überwiegen.

Rylances Cromwell stellt einen guten Fixpunkt für uns Zuschauer dar, um uns die Prämisse und das Setting von Wolf Hall zu vermitteln. Einige wenige Szenen dienen vielleicht ein wenig zu sehr der Exposition, um uns verständlich zu machen, warum welcher Krieg welche Konsequenzen nach sich zieht oder weshalb diese Person nicht diese oder jene heiraten darf. Insgesamt gelingt die Erschaffung dieser historischen Serienwelt jedoch eher subtil, eine hervorragende Ausstattung sowie glaubwürdige Bühnenbilder geben der Miniserie ihre geschichtsträchtige Authentizität, die von ihr erwartet wird.
One simple thing
Neben Rylance konnten die Serienmacher darüber hinaus einen beeindruckenden Cast versammeln, der mit zahlreichen bekannten Namen gespickt ist. Damian Lewis (Homeland) übernimmt zum Beispiel die Rolle von Henry VIII, wobei er in der Pilotepisode gerade einmal für gut zwei Minuten zu sehen ist. Er nutzt jedoch diesen kurzen Auftritt, um uns bereits einen kleinen Vorgeschmack auf den berühmt-berüchtigten König Englands zu geben, der nicht immer die besonnendsten Entscheidungen traf - die Enthauptungen zahlreicher seiner Liebschaften stellen nur ein Beispiel dafür dar.
Des Weiteren scheint es so, als wäre die halbe Besetzung von Game of Thrones mit von der Partie, was angesichts der Casting-Beauftragten Nina Gold und Robert Sterne, die beide die gleiche Aufgabe bei dem Fantasyepos von HBO inne haben, nicht verwundert. Jonathan Pryce, Mark Gatiss, Thomas Brodie-Sangster, der aufstrebende Harry Lloyd oder auch Anton Lesser geben sich hier die Klinke in die Hand.
Aber auch vielversprechende Schauspieltalente wie Claire Foy oder auch der junge Tom Holland („The Impossible“) (in dieser Episode noch nicht zu sehen) sowie erfahrene Recken wie Bernard Hill („Der Herr der Ringe“) und Mathieu Amalric („Grand Budapest Hotel“) treten in „Wolf Hall“ auf. Aus einer derartig starken Besetzung kann man natürlich perfekt aus dem Vollen schöpfen, gleichzeitig weckt man das Interesse an den Figuren und daran, wie sich diese im Laufe der sechsteiligen Miniserie entwickeln und von den jeweiligen Darstellern dargebracht werden könnten.
His Majesty's favour
Für Freunde von historischen Stoffen könnte Wolf Hall genau richtig sein, jedoch muss man, wie bereits erwähnt, etwas Geduld mitbringen und oftmals auch zwischen den Zeilen lesen, um das Drama in seiner Gänze wertschätzen zu können. Die Pilotepisode hält sich vornehm zurück und überzeugt durch ihre Gelassenheit, in aller Ruhe verschiedene Figuren und Konflikte zu etablieren. Bei mir persönlich funktioniert dieses Vorgehen sehr gut. Mein Interesse an Thomas Cromwell und wie sich dieser nach der Absetzung seines Mentors dem Kardinal sowie einem fatalen familiären Schicksalsschlag am königlichen Hof, wo man sich dem Titel der Miniserie entsprechend gerne wie ein Rudel Wölfe gegenseitig zerfleischt, auskommen wird, ist auf jeden Fall vorhanden.
Als Kritikpunkt kann ich maximal eben jenen familiären Schicksalsschlag für Cromwell herauspicken, wobei Rylance auch diese tragische Szene so gut trägt, dass es sich mehr um eine Kritik auf sehr hohem Niveau handelt. Dass unser Protagonist plötzlich sowohl seine Frau als auch seine beiden Töchter verliert, bläht das Drama um ihn und seine Zukunft noch einmal ein wenig auf. Inwiefern dies bereits in der Pilotepisode passieren muss, mag ich nicht einzuschätzen können. Interessant ist aber wiederum, dass die Umstände der Todesfälle seiner Liebsten nicht voll und ganz ersichtlich sind und diese womöglich klassische casualties of war sind, die bewusst von Cromwells ausreichend vorhandenen Widersachern ausgeschaltet wurden. Vielleicht interpretiere ich hier aber auch einfach zu viel hinein (Game of Thrones lässt grüßen).
Darüber hinaus weckt dieses Ereignis mitunter die neue Motivation Cromwells, nicht zurückzustecken und sich weiter durchzubeißen. Dabei vertritt er rigoros seine Standpunkte, auch seinem König gegenüber, und ist mitnichten so gottesfürchtig wie viele andere um ihn herum. Besonders viel hat er eh nicht mehr zu verlieren, eine übergeordnete Macht hat ihn noch nie vor etwas Schlimmem bewahrt. Wenn er seine Lebenslage verändern wollte, lag es stets an ihm selbst und niemand anderem. Dieses Credo könnte Cromwell wiederum für Henry VIII noch sehr interessant machen, was am Ende der Pilotepisode bereits leicht angedeutet wird.

Fazit
Die historische Miniserie Wolf Hall legt mit ihrer Pilotepisode Three Card Trick einen überzeugenden und durchaus vielversprechenden Auftakt hin. Das Erzähltempo ist eigenwillig und angenehm unaufgeregt, die Charaktere werden nuanciert eingeführt und mit Blick auf die visuelle Aufmachung des Formats lassen die Macher ebenfalls nicht viel zu wünschen übrig. Einige Szenen sind vielleicht ein wenig zu dunkel gehalten, insgesamt sagen einem die glaubwürdigen Kulissen und die zurückhaltende Inszenierung des Dramas aber zu.
Hier steht eindeutig klassisches Drama im Mittelpunkt, das von einer tollen Riege an Darstellern vermittelt wird. Angeführt von einem sehr gut aufgelegten Mark Rylance, der den Hauptcharakter von „Wolf Hall“ exzellent porträtiert, liegt hier auf jeden Fall die Stärke der neuen Serie von BBC Two. „Wolf Hall“ wird mit Sicherheit nicht jedem gefallen, da bereits jetzt schon sehr deutlich wird, mit was für einer Geschwindigkeit die Macher ihr Format vorantreiben wollen. Der historische Kontext ist ebenfalls eher etwas für Interessierte, birgt jedoch reichlich Potential für spannende Konflikte und interessante Entwicklungen. Fans von klassischen, britischen Historiendramen, die gerne mal den Gewohnheiten des modernen Fernsehens trotzen, sollten bei „Wolf Hall“ definitiv mal einen Blick riskieren.
Serientrailer zum Historiendrama „Wolf Hall“:
Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 22. Januar 2015Wolf Hall: Spiegel und Licht 1x01 Trailer
(Wolf Hall: Spiegel und Licht 1x01)
Schauspieler in der Episode Wolf Hall: Spiegel und Licht 1x01
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