We Were Liars 1x01

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Das passiert in der Serie „We Were Liars“ aka „Solange wir lügen“
Cadence (Emily Alyn Lind), Gat (Shubham Maheshwari), Mirren (Esther McGregor) und Johnny (Jospeh Zada gehören in der Serie We Were Liars dem superreichen Sinclair-Clan an, der die Sommermonate auf einer Privatinsel verbringt. Hier wachsen die vier als beste Freunde auf und nennen sich scherzhaft „die Lügner“.
Doch im „Sommer 16“ ändert sich alles. Cadence' Eltern lassen sich scheiden, sie und Gat bemerken, dass sie sich seit Kindheitstagen lieben und plötzlich bricht das Unfassbare über die Teenager herein. Zwei Monate nach dem ersten Kuss wird Cadence nur in Unterwäsche bekleidet und verletzt am Strand aufgefunden. Sie leidet unter einer schweren Amnesie und kann sich an die Ereignisse nach besagtem Kuss nicht mehr erinnern.
Zwei Jahre später kehrt sie zur Insel zurück, um endlich herauszufinden, was damals eigentlich geschah. Dabei dringt sie in eine Welt voller Geheimnisse, Intrigen und Lügen vor, die ihre Familie lieber totschweigt, als über sie zu reden. Das Schlimmste ist aber, dass ihre drei Freunde offensichtlich etwas verschweigen. Nach und nach enthüllt Cadence alle Rätsel und die scheinbare Idylle zerbricht in tausende Scherben...
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Mystery?
Klären wir eingangs einmal kurz ab, was das Wort „Mystery“ im deutschsprachigen Raum bedeutet. Was in den USA nämlich eher wörtlich zu verstehen ist - Mystery =Rätsel - meint hierzulande etwas ganz anderes. Im literarischen und genretechnischen Sinn handelt es sich um einen Teilbereich der Fantastik, in dem Übersinnliches und Übernatürliches (Geister, PSI-Fähigkeiten und Ähnliches) eine prägnante Rolle einnehmen.
Falls Ihr Euch nun fragt, welchen Sinn diese Erläuterung hat, verweise ich auf die zahlreichen Ankündigungen, die „We Were Liars“ als Mysteryserie ausweisen - eine Einschätzung, die ich nach Begutachtung der Pilotfolge so nicht teilen möchte.
Vielmehr haben wir es mit einer Young-Adult-Thrillerserie zu tun, der irgendwann nach dem Staffeldebüt sowohl Surprise als auch Suspense verspricht. Wie bereits angedeutet, ist davon ist den ersten rund 50 Minuten allerdings - abseits einiger scharf geschnittener Vorausblicke auf den Auslöser der Story - nicht viel zu spüren.
Die Struktur
Grundsätzlich wird die Geschichte aus der Sicht der Hauptfigur und auktorialen (auch bekannt als „allwissenden“) Erzählerin Cadence vorgetragen, womit der Serienstart eine überlange Rückblende und Vorausschau auf die initialen Ereignisse ist. Wir lernen die Protagonisten und ihre Lebensumstände kennen und erleben in Flashbackmanier eine Vorausschau (aus der Jetztzeit der Erzählung, aber immer noch in der Vergangenheit angesiedelt) auf das wie auch immer geartete Unglück, welches die junge Frau ereilt.
Der Hauptteil der Handlung dürfte irgendwann in der zweiten oder dritten Episode zwei Jahre nach den rätselhaften Ereignissen ansetzen und die Jetztzeit der Story abbilden. Das wäre grundsätzlich kein Problem, hat aber den Nachteil, dass wir in Teil eins im Grunde genommen nichts anderes als das nicht ganz so makellose Leben einer superreichen Familie vor Augen geführt bekommen.
Anfangs sind Johnny, Bess, Gat und Cadence Kinder, später Teenager, in denen sich sowohl Gefühle zärtlicher Liebe als auch die ersten sexuellen Fantasien regen. Der Fokus liegt dabei klar auf Gat und Cadence. Ihre unzertrennliche Freundschaft bewegt sich immer mehr in Richtung love interest, bis es nach einigen typischen Tun-sie-es-oder-tun-sie-es-nicht-Momenten zum ersten Kuss kommt.
Leider stellt Serienerfinderin und Showrunnerin Julie Plec (The Vampire Diaries) die Geduld des Publikums allerdings bereits hier auf die Probe und überdehnt die Zeit bis zum großen Augenblick gnadenlos. Das mag für einige Zuschauende vielleicht romantisch sein, andere könnten sich aber irgendwann gelangweilt fühlen.
Wann passiert endlich was?
Langeweile ist ein gutes Stichwort. Obwohl wir die ganze Zeit wissen, dass ein großes Damoklesschwert über der Szenerie schwebt und etwas Schreckliches geschehen wird, lässt uns die Folge eiskalt im Dunkeln stehen. Mit anderen Worten geschieht nichts Weltbewegendes außer dem oben erwähnten Kuss, ein Stelldichein in einem Bootschuppen und mehr oder weniger kryptischen Verweisen auf das Kommende.
So entsteht der Eindruck, dass Plec Zeit gewinnen wollte, um die bestellten acht Episoden irgendwie zu füllen, obwohl es womöglich sechs oder vier Folgen ebenso getan hätten. Man darf sich durchaus die Frage stellen, warum es ansonsten so lahm zugeht und das Produktions-Team in der wichtigen Debütepisode nicht ein klein wenig mehr auf das Tempo drückt.
Innerhalb der superreichen und superschönen Inselgemeinschaft schlummert ein riesiges, fraglos erforschenswertes Konfliktpotential. Insofern hätten mehr Andeutungen in die Richtung den Spannungsbogen in die Höhe getrieben und für Unterhaltung gesorgt. 40 von 50 Minuten vier Jugendliche bei ihrem sorglosen Leben zu beobachten, erfüllt diesen Zweck jedenfalls auch dann nicht, wenn wir um die uns erwartende Dramatik wissen.
Bedacht ist geboten

Allerdings bedeutet das nicht, dass „We Were Liars“ insgesamt als Serie versagen muss. Wie gesagt, ist die Frage, was Cadence geschah, der Dreh- und Angelpunkt. Ihre Nachforschungen werden sie mit großer Sicherheit dazu führen, dass ihre Grundfesten bis ins Mark erschüttert werden und so ziemlich jedes Mitglied der Sinclair-Familie mindestens eine sprichwörtliche Leiche im Keller hat.
Wir dürfen also davon ausgehen, dass es noch richtig spannend werden kann, sofern man nach dem mittelmäßigen Einstieg Lust auf das Weiterschauen verspürt. An den Schauspielenden dürfte ein möglicher vorzeitiger Abbruch indes jedenfalls nicht liegen. Emily Alyn Lind und Shubham Maheshwari sind im positiven Sinne ein zuckersüßes Gespann, bei dem es auf dem Bildschirm nicht nur knistert, sondern lichterloh brennt. Joseph Zada verkörpert den verantwortungslosen Lebemann Johnny darüber hinaus ebenso glaubwürdig wie Esther McGregor die schwer zu durchschauende Mirren.
Auch auf der Produktionsebene lässt sich nicht viel aussetzen. Die Kameraführung ist zwar nicht sonderlich innovativ, aber routiniert, die kurzen Suspense-Momente, in denen Cadence ohne Kleidung und Gedächtnis ans Ufer gespült wird, verweisen auf das kommende Thrillerfeeling und die Sorglosigkeit des Insellebens ist betont sommerlich inszeniert.
Fazit
Sommer, Sonne, Sonnenschein, eine Lovestory und ein paar vage Andeutungen reichen nicht, um Neugier zu erwecken - jedenfalls nicht, wenn ich auf eine handfeste Thrillerhandlung mit Coming-of-Age-Elementen warte. Von Letzterem gibt es in der Pilotfolge von „We Were Liars“ reichlich, von Ersterem so gut wie nichts.
Das hätte man sicherlich eindeutig pfiffiger lösen können. Statt Cadence aus dem Off erzählen zu lassen, wäre es besser gewesen, die Serie in der Jetztzeit der Geschichte zu starten und mit einer Kombination aus Auktorialität, Flashbacks und Dialogen einzusteigen. So hätte man automatisch für mehr Dynamik gesorgt und die überlange Einführung der Figuren abgemildert.
Dennoch birgt die Story eindeutig großes Potential und vielleicht entpuppt sich die relativ üppige Staffel-Länge sogar als Vorteil. Das ändert allerdings nichts daran, dass mir die Pilotfolge weder strukturell noch inhaltlich zusagt.
Mit Luft, aber auch der Tendenz nach oben gibt es deshalb von mir drei von fünf Sonnenliegen.
Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 18. Juni 2025(We Were Liars 1x01)
Schauspieler in der Episode We Were Liars 1x01
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