Was wir fürchten 1x01

© ZDF / Jan Hromadko / Bavaria Fiction GmbH 2022
Das passiert in der Serie „Was wir fürchten“
Lisa (Mina-Giselle Rüffer) ist in „Was wir fürchten“ gerade mit ihrer Mutter Franka (Marie Leuenberger) aus Stuttgart ins ländliche Großstetten gezogen, wo diese die neue Polizeidienststellenleiterin im Dorf wird. Ein Jahr zuvor erschütterte ein schrecklicher Amoklauf den Ort und viele Fragen blieben unbeantwortet.
Als sich der labile Expolizist Lukas König während der Gedenkfeier erhängt, beginnt Franka der Sache nachzugehen. Doch auch Lisa wird auf mysteriöse Weise in den Fall hineingezogen, denn immer wieder erscheinen ihr die Toten, um ihr irgendetwas mitzuteilen. Und da wäre noch der streng christlich erzogene Simon, der von seinem Vater in ein Heilcamp für Schwule geschickt wird, weil er einen anderen Jungen liebt.
Welche Verbindung gibt es zwischen Königs Selbstmord, Lisas Visionen und Simons Sexualität? Und woher stammen Lisas Visionen? Findet der Horror nur im Kopf der unter Panikattacken und Mobbing leidenden Schülerin statt, oder geht in Großstetten das Übersinnliche um?
Klassischer Horror

Schöpfer und Regisseur Daniel Rübesam sagt über „Was wir fürchten“: „Ich hatte schon immer eine große Affinität zum Genrefilm, aber nach meinem Filmstudium auch schnell gemerkt, dass insbesondere das Horrorgenre im deutschen Fernsehen bislang eher eine Seltenheit ist. Umso mehr habe ich mich gefreut, gemeinsam mit Torsten Lenkeit in die Entwicklung dieses wirklich spannenden Projekts zu starten.“
In Anbetracht der Tatsache, dass die interessanten deutschen Genreprojekte bislang der Streaming-Konkurrenz Netflix (Dark), Amazon Prime Video (Hohlbeins - Der Greif) und Paramount+ (Kohlrabenschwarz) zuzuschreiben sind, ist es durchaus überraschend, dass sich diesmal mit ZDFneo ein öffentlich-rechtlicher Sender zur Zusammenarbeit für eine Genreserie fand. Beinahe noch erstaunlicher ist allerdings die Qualität, mit der „Was wir fürchten“ punktet.
Insofern ist dem Künstler seine oben erwähnte Freude erfreulicherweise auch bei der filmtechnischen Umsetzung anzumerken. Rübesam, Head-Autorin Judith Angerbauer und Lenkeit lassen schon direkt in der ersten Szene keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie uns mit allen bekannten Genremitteln das Gruseln lehren wollen.
Eine junge Frau stolpert durch die halbdunklen Gänge einer Schule. Untermalt mit einem hübsch Gänsehaut erzeugenden Score, der durchaus Anleihen an Klassiker wie („The Omen“) und „The Exorcist“ nimmt, flackernden Lichtern und Kameraeinstellungen, die Enge und Angst vermitteln, ahnt das horroraffine Publikum, dass wir uns auf einen fiesen Schockmoment zubewegen.
Jener folgt sozusagen auf dem Fuße, als ein von vorne gefilmter Over-the-Shoulder-Shot einen Vermummten offenbart, der heimlich hinter ihr steht. Doch damit ist des Schauderns noch nicht genüge getan, denn kurz darauf erleben wir, wie sie jemanden - oder etwas - auf den Knien verfolgt, nur um plötzlich an den Beinen in die Schwärze gezogen zu werden.
Nun kann man selbstverständlich argumentieren, dass ein derartiger Einstieg ja nichts Ungewöhnliches im Genre, und der Beginn daher wenig innovativ sei. Das mag einerseits natürlich stimmen. Andererseits offenbart der spannungsgeladene Start aber auch das Beste an sich: dass sowohl Regisseur Daniel Rübesam als auch Schauspielerin Mina-Giselle Rüffer ihr Handwerk verstehen.
Das nährt die Hoffnung auf weitere Schockeffekte in „Was wir fürchten“, die tatsächlich relativ sparsam, aber intelligent eingesetzt werden und damit den typisch inflationären Effekt des „Zu-viel-des-Guten“ verhindern. Sicherlich: Die meisten vorkommenden Horrorszenen sind genretypisch vorbereitet, doch es gibt auch den einen oder anderen Moment, den man als Zuschauender nicht voraussieht und in dem einem das sprichwörtliche Herz in die Hose rutscht. Um was es sich hierbei genau handelt, soll aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden, schließlich schaut man sich so eine Serie zu Halloween an, um dem Unheimlichen zu frönen.
Die Geschichte

Bevor wir zum Story-Telling übergehen, sei an dieser Stelle noch kurz das vorbildliche Sounddesign von Robin Pohle und Christoph von Schönburg sowie vor allem auch die VFX (Marco Muñoz) und die SFX (Frantisek Sloup) lobend erwähnt, die einen großen Teil zum Gelingen von „Was wir fürchten“ beitragen.
Was technisch schon gut funktioniert, setzt sich in der gut geschriebenen, mysteriösen Geschichte fort. Rübesam platziert die 17-jährige, unter Panikattacken leidende Lisa als Hauptfigur und erschafft damit ein stetes Bedrohungsmoment, das diese zarte und feinfühlige Person umgibt.
Warum sie genau von Visionen (?) geplagt wird, seit sie mit ihrer Mutter nach Großstetten zog, bleiben uns die ersten beiden hochunterhaltsamen Teile bislang schuldig. Klar ist jedoch, dass im Dorf nicht nur ein schrecklicher Amoklauf stattfand, sondern auch sonst einiges im Argen liegt. Da ist zum Beispiel der von Peter Jordan gespielte fundamentalistische Gemeindegeistliche Karl Schneider, der seinen Sohn in eine Art Bootcamp schickt, in welchem man ihm das „Schwulsein abtrainieren“ will.
Die dort angewandten Methoden sind selbstredend vollkommen abstrus und von verschwörungstheoretischem, pseudoreligiösem Unsinn geprägt. Doch gerade, dass Campleiter Jasper (Christopher Schärf fest an die „Behandlung“, die eher einer Gehirnwäsche gleichkommt, glaubt, macht die Sache so schwer auszuhalten.
Und da wäre dann noch der schwarze Davi Cruz (Esmael Agostinho), der rassenfeindlichen Diskriminierungen seitens seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ausgesetzt ist und sich mit Lisa anfreundet. Last but not least gibt es noch Davis Mutter, die Psychologin Janaina (Denise M'Baye) und den 17-jährigen Leon (Alessandro Schuster), die alle irgendwie in die Geschichte verwickelt sind. Doch was verschweigt Janaina?
Und was hat Leon wirklich gesehen, als er die Ermordung seiner Freundin während des Amoklaufs miterleben musste? Fragen über Fragen die sich zu denen rund um die Figur Lisa gesellen, und die am Ende der Miniserie zu einem runden Abschluss führen müssen. Doch nach Sichtung der ersten Folgen, Jahrestag und Der rote Teufel darf man diesbezüglich guter Dinge sein.
Fazit
Was wir fürchten ist als Horror-Mysteryserie letztlich auch genau das: mysteriös, spannend, gruselig und undurchsichtig. Damit erfüllt die Show beinahe alle Kriterien, die man sich von einer unterhaltsamen Genreserie wünscht. On top gibt es noch eine technisch starke Umsetzung, ein (mit einer Ausnahme) gut gewähltes Ensemble und ein Storytelling, das viel Feingefühl für das richtige Timing und ebenso für Empathie beweist.
Denn Rübesam scheut sich keineswegs davor, die Fantastik als Transportmittel für die Verhandlung sozial relevanter Themen wie Diskriminierung, Mobbing und den Wahn fundamentalistischer Glaubensrichtungen zu verhandeln. Damit befindet sich der Showrunner übrigens in bester Gesellschaft, denn schon Horrorklassiker wie George A. Romeros „Dawn of the Dead“ waren wesentlich mehr als lediglich pure Unterhaltung und stellten ihre Themen unaufdringlich, aber gut sichtbar zum Diskurs. Genau das gelingt auch in diesem Fall. Viereinhalb von fünf Halloweenkürbissen.
Verfasser: Reinhard Prahl am Dienstag, 31. Oktober 2023(Was wir fürchten 1x01)
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