Warum ich? 1x01

© ARD Degeto Film, Superfilm Filmproduktions GmbH
Das passiert in der ersten Episode der Serie „Warum ich?“
Jeff Kanter (Charly Hübner) war in der Episode Cowboys der Comedyserie Warum ich? einst ein gefragter Star und per Du mit den Größen der Schlagerwelt. Heute hat er 800.000 Euro Schulden, ist abgehalftert und tingelt mit seinem kleinen Wohnmobil von Wohnzimmerkonzert zu Wohnzimmerkonzert. Als er von der einsamen Monika (Andrea Sawatzki) angeheuert wird, nimmt sein Leben eine ungeahnte Wendung...
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Jede Story anders
Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Review kann aufgrund des Anthologie-Charakters der sechsteiligen Miniserie „Warum ich?“ nur einen kleinen Eindruck von dem Gesamtkonzept vermitteln, mit dem uns Serienerfinder und Regisseur David Schalko (Altes Geld, Braunschlag, Kafka) in der ARD Mediathek beglückt.
Ausgehend von der Pilotfolge ist das Wort „beglücken“ allerdings recht gut gewählt, denn die Debüt-Episode offenbart nicht nur reichlich Kammerspielcharme, sondern auch eine herrlich skurrile Idee und massenhaft zynischen schwarzen Humor.
„Cowboys“ thematisiert auf verrückte, aber erfrischend offene und ehrliche Art das Leben von Prominenten, deren Beliebtheit irgendwann im Lauf ihrer Karriere verblasst und die nun vom Ruhm vergangener Tage zehren. Jeff Kanter ist einer jener Menschen, die einst vor Tausenden Konzerte spielten und das Leben in vollen Zügen genossen. Er lebte so lange über seine Verhältnisse, bis sich ein Berg Schulden angehäuft hatte. Als die Einnahmen ausblieben, begann für ihn schließlich ein Leben in nostalgischen Erinnerungen auf der Straße.
Ähnliche Schicksale kennen wir reichlich aus der Unterhaltungsbranche, denken wir beispielsweise nur an Matthias Reim, der sich im Gegensatz zu unserem gefallenen Cowboy-Helden allerdings gut gefangen hat. Mit schrägen Songtexten, einer fast schon gemein direkten Kameraführung und drei so unglaubwürdigen Figuren, dass sie schon wieder wie voll aus dem Leben gegriffen wirken, macht sich Schalko indes daran, uns in eine fremde Welt zu entführen, die vor Unvernunft geradezu strotzt.
Kanter ist eine gescheiterte Existenz, der nach seinem Beliebtheitsverlust ein Narrativ erschuf, mit dem er sich leidlich über Wasser hält. Sein Leben wird von Wohnzimmerauftritten für je 1.000 Euro Gage, Alkohol und einem Parkplatz für sein Wohnmobil vor einem abgewrackten Motel bestimmt.
Eigentlich müsste uns seine permanente Realitätsverweigerung Mitleid entlocken, doch so einfach macht es uns der kantige Gitarrenspieler nicht, denn Schalko lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Kanter selbst Schuld an seiner Lage trägt und nicht grundlos zum Gespött von sensationsheischenden Moderatoren wurde.
Das alles in insgesamt nur 28 Minuten Laufzeit zu pressen, ist schon schwierig genug. Um jedoch noch eins draufzupacken, hat der Drehbuch-Autor aber noch ein wundervoll ausgefallenes Ende für den Sänger parat, das zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken einlädt.
Das Ende der Geschichte

Nach einem Streit mit seinem Parkplatzvermieter fährt Kanter zu seinem neuesten Auftrag, einen Auftritt im Wohnzimmer einer schwarzen Witwe, die ihm vormacht, er müsse zum Geburtstag ihres Mannes singen. Dieser fault allerdings in einem geheimen Kellerverlies seit Jahren vor sich hin, da seine Gattin Monika nicht nur irre, sondern auch rachsüchtig ist.
Das erfahren wir, nachdem Jeff für sie einen schrägen Auftritt hinlegte, sich mit ihr betrank und sogar im Kinderzimmer ihres Sohnes eingeschlafen ist. Man fragt sich unwillkürlich, was abgesehen davon und von der ungeschickten Anmache seitens Monikas noch schieflaufen kann, da schlägt das Schicksal zu. Jeff lehnt die Avancen der Frau höflich ab und „darf“ als Belohnung für sein Gentlemanbenehmen schließlich im Keller neben seinem größten Fan schmachten.
Schauspiel zum Niederknien
Bis dahin muss man sich aber einige Male das Lachen verkneifen, nicht zuletzt, weil Charly Hübner und Andrea Sawatzki ihre Rollen mit einer großen Portion Humor und Süffisanz ausstatten. Hübner verleiht seiner Figur eine gewisse Versagerattitüde, gibt ihm aber doch so etwas wie einen strengen moralischen Kompass mit auf dem Weg.
In der Szene mit dem oben erwähnten Moderator zeigt sich Jeff außerdem als echter Profi und bleibt trotz aller Beleidigungen ruhig und sachlich. Das macht Kanter durchaus zu einer interessanten und einfühlsamen Persönlichkeit. Auch, wenn man wenig Mitleid mit ihm hat, mag man ihn doch irgendwie.
Im Gegensatz dazu sorgt Sawatzki dafür, dass man Monika schon beim ersten Anblick als seltsam empfindet. Ihr steht die Verrücktheit geradezu ins Gesicht geschrieben. Schnell wird klar, dass Jeffs Auftritt keineswegs zum Geburtstag ihres Mannes stattfindet, jedenfalls nicht so, wie der Sänger sich es vorstellt.
Die Schauspielerin bleibt bei aller Überzogenheit des Charakters ihrer Figur dennoch todernst bei der Sache und schafft es mit einem hervorragenden Gestik- und Mimikeinsatz, dem Publikum dennoch immer wieder ein Schmunzeln zu entlocken.
Das große Finale endet für Kanter schließlich im Keller, in welchem er seinen Geburtstagsauftritt für Günter (so der Name des unglücklichen Gatten) in gewisser Weise doch noch absolviert. Der erkennt sein Idol nämlich sofort und schlussfolgert, dass heute sein Ehrentag sein müsse, wenn sein Lieblingsstar zu ihm ins Verlies geschickt wird. Damit endet die Folge ebenso gemein bissig, wie sie begann - herrlich!
Fazit
„Cowboys“ ist irgendwie irre, abgedreht und nimmt das maskuline Gehabe von Möchtegernmachos gekonnt auf die Schippe. Man nimmt die Episode keine Sekunde lang ernst und soll es auch erst gar nicht versuchen. Dennoch ist die Geschichte sowohl auf inhaltlicher als auf auch emotionaler Ebene mit Sinn und Verstand geschrieben.
Gute und intelligente Comedy ist in der Fernsehlandschaft nicht leicht zu finden. Wenn die restlichen fünf Folgen mit den Titeln Regensburg, Lebenskerze, Freunde, Mondfenster und Casa Carmen in eine ähnliche Kerbe schlagen und die Tonalität beibehalten, steht einem unterhaltsamen Abend mit insgesamt 150 Minuten Unterhaltung nichts mehr im Weg. Gut gemacht, Herr Schalko.
Wir verteilen daher gleich viereinhalb von fünf „Warum-ich?“-Momente.
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 20. Juni 2025(Warum ich? 1x01)
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