Vikings 4x06

Aufbruchstimmung in Vikings: Nachdem in der vorangegangenen Episode Promised noch die bevorstehende Reise der Nordmänner nach Frankreich vorbereitet wurde und wir zahlreiche fesselnde Einblicke in die angespannte Lage in Kattegat, aber auch in Paris und England erhaschen konnten, werden nun die Segel gesetzt. Ragnar (Travis Fimmel) begibt sich mit seinen Mannen und alten wie neuen, unberechenbaren Verbündeten abermals auf große Schifffahrt. Die Vorzeichen sehen dabei jedoch weit weniger optimistisch als noch in der letzten Staffel aus, als Ragnar voller Vorfreude und energiegeladen gen fremde Ländereien in Frankreich aufbrach.
Seitdem ist einiges an Zeit vergangen, Ragnar wäre im Zuge des Raubzugs in Paris beinahe ums Leben gekommen und trägt nun ein Trauma mit sich herum, dem er versucht mit Rauschmitteln entgegenzuwirken. Er verlor seinen besten Freund, Athelstan (George Blagden), der wiederum von einem sehr anderen besten Freunde Floki (Gustaf Skarsgaard) umgebracht wurde. Seine Frau Aslaug (Alyssa Sutherland) betrog ihn mit dem Wanderer Harbard (Kevin Durand), der nun in What Might Have Been seine unerwartete Rückkehr feiert. All dies hat seine Spuren bei dem Wikingerkönig hinterlassen, der in den eigenen Reihen von potentiellen Gefahren umgeben ist, sei es in Person des ambitionierten Harald (Peter Franzen) oder aber auch Floki.
First steps
So verwundert es kaum, dass sich der nachdenkliche, manchmal sogar schon fast geistesabwesende (Yidus „Medizin“ trägt ihren Anteil dazu bei) neuerdings immer wieder in Momenten der Selbstreflexion wiederfindet, in denen er sich und die mitunter drastischen Veränderungen in seinem Leben hinterfragt. „What might have been...“, was hätte alles sein können, wenn Ragnar nicht den Weg gegangen wäre, den er letztlich eingeschlagen hat? Seine Neugier, seine Ambitionen und seine großen Plänen haben ihm die Chance auf ein Leben genommen, dass er nun wortwörtlich an sich vorbeiziehen sieht, als er mit seiner Meute die Seine entlang in Richtung Paris schippert.

Coming of age
„Don't waste your time looking back“, verschwendet eure Zeit nicht damit, zurückzublicken, sagt Ragnar zu seinen beiden Söhnen Ubbe (Luke Shanahan) und Hvitserk (Stephen Rockett), die der sicheren Umarmung ihrer Mutter entrissen werden und die Reise nach Paris mit antreten. Doch ihr Vater schaut selbst zurück und sieht das perfekte Familienglück mit seiner einstigen Ehefrau Lagertha (Katheryn Winnick), dem jungen Bjorn (Nathan O'Toole) und der tragisch verstorbenen Tochter Gyda (Ruby O'Leary). Selbst Athelstan steht dort mit am Strand, als Ragnar noch ein einfacher Mann war und eigentlich alles hatte, was er zum Leben brauchte.
Ist diese Einbildung nur das Ergebnis von einem weiteren Drogentrip? Oder legt dieser nicht vielmehr eine tief verborgene Sehnsucht Ragnars frei, eine Wunschvorstellung, ein simples Ideal, dass er für seine persönlichen Ziele aufgegeben hat? Selbst Lagertha lässt in einem kurzen Gespräch zwischen den beiden durchscheinen, dass sie doch einst etwas Besonderes hatten und Ragnar mit seiner Ruhelosigkeit dafür verantwortlich war, dass es in die Brüche ging. Was kümmert es ihn jetzt, dass die schwangere Lagertha mit nach Frankreich kommt und ihr Leben riskiert? Ragnar blickt kurz zurück auf das, was hätte sein können. Dann folgt der Blick nach vorne. Noch einmal kurz über die Schulter geschaut, dann lässt er diesen Traum zurück. Weil er keine andere Wahl hat. Weil alle Augen auf ihn gerichtet sind. Weil er es sich nicht erlauben kann, von seiner Verantwortung wegzulaufen, so sehr er es auch möchte. Es gibt kein Zurück mehr. „Don't waste your time looking back. You're not going that way.“
Among friends
Doch was genau liegt vor Ragnar? Die Reise nach Frankreich steht zunächst unter keinem guten Stern, was man als Zeichen der Götter interpretieren kann, sorgt ein Sturm doch dafür, dass die gewaltige Wikingerflotte in alle Winde zerstreut wird. Es ist auch ein deutliches Sinnbild dafür, dass es bei den Nordmännern nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu offen ausgelebten inneren Konflikten und Reibereien kommt. Allein Haralds Präsenz, der den nordischen Gottheiten treu ergeben, brutal in seinen Methoden und auf christliches Blut aus ist, verheißt nichts Gutes. Floki fühlt sich zu dieser rauen, ignoranten Wikingermentalität, dass es eben nur diese Kultur und diesen Glauben gibt und alles andere nichts wert ist, natürlich hingezogen. Während Bjorn (Alexander Ludwig) Harald und seine Anhänger skeptisch beäugt, verbrennen diese ein paar fränkische Späher am lebendigen Leibe. Und auch Ragnar dürfte sich der Bedrohung seiner Machtposition durch Harald schon längst bewusst sein.
Während Ragnar Harald in manchen Zügen in nicht viel nachsteht (eine menschliche Boje soll die verlorenen gegangenen Schiffe der Wikinger in Kenntnis davon setzen, dass ihr König angekommen ist), merkt man ihm aber auch ein gewisses Unbehagen bei seiner Rückkehr in Frankreich an. Es sind die bereits erwähnten Erinnerungen, aber auch das, was vor ihm liegt und ihn beunruhigend stimmt. Rollos (Clive Standen) Verrat überschattet dabei alles, der Augenblick, als er stolz und fest entschlossen am Rand des Flusses zu sehen ist, hat fast schon epischen Charakter und lässt uns Zuschauer nur noch umso mehr diesem abermaligen Bruderduell entgegenfiebern.
Don't look back
Überrascht, dass Rollo - nicht weniger ambitioniert als sein Bruder - ihn und seine Wikinger hintergangen hat, ist Ragnar nicht, während Sohnemann Bjorn da schon weitaus emotionaler reagiert. Eine kleine, wütende Reaktion Ragnars zeigt aber, dass etwas in ihm gehofft hat, Rollo wäre ihm treu geblieben. Doch auch dieser schaut nicht zurück und verschwendet seine Zeit nicht mit Überlegungen, was alles hätte sein können. Er steht nun vollkommen hinter Charles und sieht sich als Franzmann. Der Kampf gegen die gut vorbereiteten Franken wird nun nur noch umso schwieriger, zum einen, weil Rollo seine Landsleute und ihre Taktiken nur zu gut kennt, und zum anderen, weil für Ragnar nun eine emotionale Komponente mit ihm Spiel ist. Dies kombiniert mit den potentiellen Unruhen unter den Wikingern, die bisher vor allem unter der Oberfläche angedeutet wurden, macht den zweiten Raubzug in Paris zu einer komplett neuen Herausforderung. Wen verwundert es da noch, dass Ragnar tatsächlich auf eine längst vergangene, einfache Zeit und einfaches Leben zurückschaut, ob der Aufgabe, die sich ihm nun stellt?

Signals
Doch so, wie es bei den Nordmänner nach baldiger Eskalation scheint (auch Bjorn hat noch ein Hühnchen mit dem schmierigen Erlendur (Edvin Endre) zu rupfen), herrscht auch Uneinigkeit bei deren Feinden, zumindest hinter verschlossenen Türen. Während Rollo von Charles (Lothaire Bluteau) zum alleinigen Hoffnungsträger im Kampf gegen die Wikinger ernannt wird, schäumt Odo (Owen Roe) geradezu vor Wut. So traut er nicht nur Rollo kein bisschen, auch Charles präsentiert sich für seinen Geschmack erneut als viel zu schwach und jämmerlich. Odo plant seinen eigenen Aufstieg zum Herrscher, möchte Paris vor den Wikinger beschützen, somit die Gunst der Bevölkerung gewinnen und letztlich einen Coup starten. Auch der innere Frieden bei Ragnars Gegner steht also auf wackligen Beinen.
Dass Odo seine Gedankenspiele so herrlich offen mit seiner Gespielin teilt, die wie wir wissen Informationen für Charles einholt, ist vielleicht ein Stück weit zu einfach und für Odos Verhältnisse viel zu naiv gedacht. Auch im Handlungsstrang um die Wikinger schleicht sich das eine oder andere zweckdienliche Plotelement ein, so zum Beispiel, das genau die Schiffe von Ragnar, Lagertha und Harald zur gleichen Zeit in Frankreich ankommen. Die aktuelle Lage um und in Paris verspricht aber so viel Spannung, dass man über diese Makel (wenn man sie denn überhaupt so nennen kann) hinwegsehen kann. Der Angriff der Wikinger auf den Spähtrupp, von dem wir nur die grässlichen Folgen sehen, diverse visuelle Leckerbissen (die wunderbare Beleuchtung der Räumlichkeiten in Charles' Palast oder auch das Design von Odos Folterkämmerchen) oder aber einfach die finale Aufnahme von dem kampfbereiten Rollo lassen einen erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
Untold dangers
Die zwei Nebengeschichten um die in Kattegat verbleibende Aslaug und dem neuerlichen Stühlerücken unter Anleitung Ecberts (Linus Roache) in Wessex gehen in What Might Have Been da schon etwas unter, wobei zumindest eine von beiden sich durchaus interessant gestaltet. Als Gemeinsamkeit zwischen den beiden Handlungssträngen kann man den schwierigen Abschied einer Mutter von ihrem Kind beziehungsweise ihren Kindern sehen, muss sich doch Aslaug von Ubbe und Hvitserk trennen, ebenso wie Judith (Jennie Jacques) dem kleinen Alfred (Conor O'Hanlon) für längere Zeit Lebewohl sagen muss. Dessen Großvater hat nämlich große Pläne für den Knaben, der sich mit seinem Vater Aethelwulf (Moe Dunford) und dem Mönch Prudentius (Sean T. O Meallaigh) auf seelenreinigende Pilgerfahrt nach Rom aufmachen soll.
Für Ecbert ist dies die perfekte Möglichkeit, Alfred auf seine Zukunft vorzubereiten und sein Vermächtnis zu sichern, wobei so eine lange Reise durchaus auch einige Gefahren birgt. Kurzfristig verschafft es dem König von Wessex aber vor allem erst einmal etwas Ruhe, indem er seinen Sohn, deren beiderseitiges Verhältnis etwas am Wanken ist, vom Hofe schickt. Somit kann der clevere Ecbert weiteres Intrigantentum von Kwenthrith (Amy Bailey), der zuzutrauen ist, dass sie Aethelwulf einen Flo ins Ohr setzt, einen Riegel vorschieben. Seine Entscheidung, so eigenmächtig über Alfreds Schicksal zu bestimmen, könnte aber vielleicht in Judith eine von im unerwartete Reaktion hervorrufen, tut sie sich mit diesem Abschied doch sichtlich schwer. Andererseits fügt sie sich auch schnell wieder, weiß sie wohl, dass ihr Sohn von Ecberts Plänen in Zukunft nur profitieren kann. Ecbert selbst gibt sich indes weiterhin gottesfürchtig und fromm und wahrt damit seine Fassade, wissen wir doch spätestens seit der letzten Folge, wie es wirklich um ihn und den christlichen Glauben steht.

Lost faith
Eine gewisse spirituelle Note hat auch die Rückkehr von Harbard nach Kattegat, der plötzlich vor Aslaug steht. Diese fühlt sich immer machtloser und muss sich den Entscheidungen ihres Gatten beugen, während sie sich liebevoll um ihren Sohn Ivar (James Quinn Markey) kümmert. Harbard bietet ihr nun einen Weg aus ihrer Misere, was einige Fragen aufwirft. Sollte es sich bei Harvard tatsächlich um eine menschgewordene Form von Allvater Odins handeln, könnte man sein Angebot so deuten, dass Aslaug ihm nach Walhalla folgen, also womöglich Selbstmord begehen soll.
Andererseits ist Harbard vielleicht wirklich nur ein „Wanderer“ mit einer besonderen Verbindung zur nordischen Mythologie und den Göttern, der Aslaug einen Ausweg, sprich die Flucht aus ihrer belastenden Lage ermöglichen möchte. Es bleibt vage und so kann man nur spekulieren, was Harbards erneutes Auftreten für Folgen haben wird. Die neuesten Entwicklungen um Aslaug im wie leergefegten Kattegat holen mich aber noch nicht so sehr hinter dem Ofen hervor, wie zum Beispiel Ecberts eifriges Pläneschmieden, der sich in naher Zukunft wohl auch als Kriegsherr versuchen möchte. Womöglich, weil die Nebenhandlung um Harbard bereist in der letzten Staffel extrem nebulös und geheimnisvoll war und mehr Fragen als Antworten mit sich brachte. Vielleicht gelingt Michael Hirst nun in Staffel 4, dieser Figur mehr als nur eine mysteriöse Aura zu geben. Denkbar, dass der Serienmacher diesen Charakter aber nur aus diesem einzigen Grund erschaffen hat.
Fazit
What Might Have Been funktioniert vor allem als spannende Charakterstudie unserer Hauptfigur Ragnar Lothbrok ausgesprochen gut und lässt noch einmal bevor es ans Eingemachte - der Kampf um Paris - geht geschickt Revue passieren, warum unser „Held“ vor der schwierigsten Herausforderung seines bisherigen Daseins steht. Zwar ist das Tempo nicht ganz so aufregend und mitreißend wie noch in der Vorwoche, die Erwartungen bleiben aber unverändert hoch. Ein paar kleine Kritikpunkte sowie eine Nebengeschichte, bei der wir uns noch nicht ganz sichern sein können, woran wir sind, ziehen die Bewertung der Folge ein klein wenig hinunter. Insgesamt bleibt aber eine überdurchschnittliche Vikings-Episode, die definitiv Lust auf mehr macht.
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 26. März 2016(Vikings 4x06)
Schauspieler in der Episode Vikings 4x06
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