Unsolved 1x01

© omies: Biggie (Wavyy Jonez, l.) und Tupac (Marcc Rose) (c) USA Network
Eines der schönsten Dinge, die einem als TV-Kritiker passieren können, sind genuine Überraschungen. Über potentielle Hits erfährt man oftmals schon vorher von US-Kollegen, die früher Zugang zu Screenern bekommen. Und manchmal ist man so übersättigt von einem Genre, in diesem Fall ist es True Crime, dass man trotz eines grundlegenden Interesses an der Materie, in diesem Fall Hip Hop, keine große Lust verspürt, ein neues Format zu besprechen. Im Nachhinein bin ich also wahnsinnig froh, dass ich die Pilotepisode von Unsolved rezensieren durfte.
Kids, man
Sie ist nämlich eine der größten positiven Überraschungen des bisherigen Serienjahres. Die erste Staffel der Anthologieserie behandelt die bis heute unaufgeklärten Morde an den Rappern Tupac (Marcc Rose) und Biggie Smalls aka The Notorious B.I.G. (Wavyy Jonez), die zum Zeitpunkt ihres Todes 25 respektive 24 Jahre alt waren. Erzählt wird die Geschichte auf unterschiedlichen Zeitebenen. Im Jahre 1997 folgen wir den ungleichen Mordermittlern Russell Poole (Jimmi Simpson) und Fred Miller (Jamie McShane) bei ihren Aufklärungsbemühungen.
Da diese jedoch ultimativ fruchtlos verlaufen sind, bekommt der erfolgreiche Undercover-Ermittler Greg Kading (Josh Duhamel) im Jahre 2006 den Auftrag, eine Taskforce zusammenzustellen, um vor allem den Fall Biggie neu aufzurollen. Der größte Antrieb ist dabei jedoch nicht die Motivation des Los Angeles Police Department (LAPD), vergangene Fehlleistungen auszubügeln, sondern viel eher eine Klage von Biggies Mutter Voletta Wallace (Aisha Hinds) gegen die Behörde. Sie fordert nichts weniger als die Einnahmen, die ihrem Sohn wegen seines frühen Todes entgangen sind, geschätzt auf 400 Millionen Dollar.
Es gibt aber noch eine dritte Zeitebene, die für das Gelingen der Pilotepisode ungemein wichtig ist. Sie zeigt im Jahre 1993 nämlich, dass Biggie und Tupac gar nicht wirklich verfeindet waren, sondern viel eher Freunde. Das behauptet Voletta auch vier Jahre später noch gegenüber Poole, dem sie - wie viele andere Mitglieder der schwarzen Community - als Stellvertreter des LAPD vorwirft, kein wirkliches Interesse an der Aufklärung eines Mordes an einem schwarzen Superstar zu haben. Wäre Bruce Springsteen in L.A. niedergeschossen worden, hätte das Department demnach Himmel und Hölle bewegt, um den Fall aufzuklären.

Es ist diese Rassenkomponente, die der Serie eine Brisanz - und Aktualität - verleiht, wie wir sie seit der ersten Staffel von American Crime Story in keinem der seitdem boomenden True-Crime-Formate gesehen haben. Widergespiegelt wird das, wenn auch in humoristischer Form, in den Reaktionen der Ermittler auf beiden Zeitebenen. Das überwiegend weiße Team hat keine Ahnung vom Streit zwischen der Ost- und Westküsten-Rapszene, später eröffnet Kading seinem schwarzen Partner Dupree (Bokeem Woodbine), keine Lust darauf zu haben, bei der Arbeit zu Biggie auch noch dessen Musik zu hören.
Tryin' to be like you, G
Die Serie findet gleich zu Beginn eine sehr ausgewogene Mischung zwischen Crimedrama und Charakterstudie. Obwohl wir längst wissen, dass Pooles Ermittlungen nicht zu einer Aufklärung führen werden, sind seine Szenen spannend umgesetzt, was an einer schnellen Etablierung der Konfliktlinien innerhalb des Departments liegt, an einer herausragend besetzten Darstellerriege sowie einer gelungenen Dialogarbeit. Wer hat Biggie und Tupac erschossen? Wir werden es auch nach den zehn Episoden dieser Staffel nicht wissen, aber unterhalten werden wir auf dem Weg dorthin sicherlich bestens.
Serienschöpfer Kyle Long und Regisseur Anthony Hemingway lassen sich allerlei einfallen, um ihre Geschichte mitreißend zu inszenieren. Es gibt Einstellungen aus der Vogelperspektive, eine wilde Verfolgungsjagd und eine elegante Vermischung von Filmszenen und realen Aufnahmen von damals. Aus der Tatnacht gibt es allerlei Videomaterial, weshalb es noch mehr verwundert, dass es nicht sofort danach eine ernstzunehmende Spur gab. Der Verdacht, ein als „Keefe D“ bekanntes Mitglied der berüchtigten Gang „Crips“ aus Compton könnte etwas mit dem Mord zu tun haben, erhärtet sich nicht. Dafür beschert uns seine Vernehmung ein Wiedersehen mit Jamie Hector aka Marlo Stanfield aus The Wire.
Das Herz der Serie ist die Beziehung zwischen Tupac und Biggie. Die Pilotepisode zeigt uns in mehreren wunderbaren Szenen, dass die beiden - zumindest anfänglich - dicke Freunde waren. Tupac kam früher zum Erfolg, weshalb Biggie zu ihm aufschaut und ihn als eine Art Mentor betrachtet. Mit großen Augen wandert er durch dessen Bibliothek und lässt sich über Machiavelli belehren. Wenig später blödeln die beiden schon wieder mit ungeladenen Maschinengewehren herum. Beeindruckend ist auch der Freestyle-Battle zwischen ihnen, wobei vor allem Wavyy Jonez stimmlich kaum vom echten Biggie zu unterscheiden ist.
Sollte es in dieser Mischung und in diesem Erzähltempo weitergehen, könnten wir mit Unsolved einen der größten Überraschungshits des Jahres haben.
Trailer zu Episode 1x02: 'Nobody Talks'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 1. März 2018Unsolved 1x01 Trailer
(Unsolved 1x01)
Schauspieler in der Episode Unsolved 1x01
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