Unorthodox Staffel 1
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In der vierteiligen Netflix-Serie Unorthodox, die auf wahren Gegebenheiten beruht (siehe das 2012/2016 erschienene, gleichnamige Buch von Deborah Feldman), flieht eine 19-jährige Frau namens Esther „Esty“ Shapiro (Shira Haas) aus ihrer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft in Williamsburg, New York und zieht nach Berlin. Dort versucht sie, sich ein neues Leben aufzubauen und ihr altes Leben abzuschütteln, während dieses sie verfolgt.
Ihr Gott hat mehr von mir verlangt, als ich aushalten konnte
Esty wächst in einem jüdisch-orthodoxen Teil von Williamsburg, Brooklyn auf. Mit 17 Jahren wird sie von einer Heiratsvermittlerin mit einem jungen orthodoxen Juden, Yakov „Yanky“ Shapiro (Amit Rahav), verkuppelt. Nach einem kurzen Treffen der zwei, in dem beide äußerst nervös sind und kaum wissen, was sie sagen sollen, findet ihre Hochzeit statt. Esty ist überglücklich und freut sich sowohl auf die Hochzeit als auch auf ihre Ehe mit Yanky.
Doch schnell muss sie feststellen, dass das Eheleben doch nicht so toll ist, wie sie es sich vorgestellt hat: Die beiden können keinen Sex miteinander haben, weil sie dabei Schmerzen hat. Das oberste Gebot einer jüdischen Ehe nach dieser Art der Religion ist es jedoch, Kinder zu gebären, um den Tod der sechs Millionen Juden auszugleichen. Durch Yankys Mutter (Delia Mayer) wird zusätzlicher Druck ausgeübt, was die Lage nicht gerade einfacher gestaltet. Aus einem Streit und Wut heraus zwingt sich Esther dazu, mit ihrem Mann zu schlafen, woraus eine Schwangerschaft entsteht.

Bevor sie das Yanky jedoch mitteilen kann, verlangt er die Scheidung. Das bringt bei ihr das Fass zum Überlaufen: Sie entschließt sich dazu, aus diesem Leben auszubrechen. Da ihre Großeltern aus Deutschland kommen, darf sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Zusammen mit ihrer weltoffenen Klavierlehrerin bereitet sie ihre Flucht nach Berlin vor.
Ich bin anders
Als sie in Berlin ankommt, möchte sie sich an ihre dort lebende Mutter wenden. Doch diese ist nicht da. Durch Zufall trifft sie auf den Berliner Robert (Aaron Altaras), der Musik studiert. Die Leidenschaft für die Musik hegt sie auch, doch konnte sie nie aufgrund ihres strengen Glaubens nie ausleben. Sie sieht ihre Chance nun, ihren Traum zu verwirklichen und macht sich an die Arbeit.
Dort freundet sie sich mit den Musikern an, die ihr die Welt Berlins zeigen. Diese stellt ein komplettes Kontrastprogramm zu ihrer Welt in Williamsburg dar. Diese völlige Freiheit schockiert und beängstigt sie erst einmal. Doch auch ihre große Neugierde und Vorfreude ist deutlich spürbar - eine faszinierende Mischung!
In der Zwischenzeit erfährt ihr Mann von ihrer Flucht und später von ihrem Aufenthaltsort. Zusammen mit seinem Cousin Moische (Jeff Wilbusch, Bad Banks), der selbst mal abtrünnig war, begibt er sich auf die Suche nach seiner Frau. Dabei repräsentieren die zwei Männer die Extreme der jüdisch-orthodoxen Gläubigen. Während Yanky streng gläubig ist und sich an seinen Glauben hält (Anhänger der Gruppierung der Satmar), hat Moische bereits vor dem Antritt der Reise nach Berlin gezeigt, wie locker er sich an die Regeln seines Glaubens hält: Er besitzt beispielsweise ein Smartphone und ist eindeutig spielsüchtig - beides wäre mit seinem Glauben eigentlich nicht vereinbar. Dabei können die beiden die Werte des anderen generell nicht nachvollziehen und verachten einander immer mehr. Während sich Moische nach der Freiheit, die Berlin ausstrahlt, sehnt, fürchtet sich Yakov viel eher davor. Als er bemerkt, dass diese Freiheit gar nicht so beängstigend ist wie gedacht, wird er - ohne es zu bemerken - von ihr verändert.
Im Endeffekt begibt Esty sich auf den gleichen Pfad wie ihre Mutter damals - auf einen Pfad der Ungewissheit: Sie weiß nicht, welche Art Zukunft sie erwartet. Und so endet auch die Serie. Wir können erahnen, wie ihr zukünftiges Leben aussehen wird, aber wir wissen es nicht. Wird sie das Stipendium für das Konservatorium bekommen? Wie wird ihre Zukunft mit/ohne Yanky aussehen? Wie sieht ihre Zukunft mit Robert aus? Wie sieht ihre Zukunft mit ihrem Kind und ihrer Mutter aus?
Sein letzter Versuch sie zu überzeugen, mit in seine Welt zurückzukehren, zeugt von dem Grad seiner Verzweiflung. Er gibt dafür sogar einen Teil seines Glaubens auf, indem er seine Zöpfe abschneidet. Damit will er Esty beweisen, wie belanglos solche Dinge sind. Doch das reicht nicht (mehr). Sie hat sich schon zu weit von ihm und seinem Lebensstil entfernt. Sie hat sich zu sehr weiterentwickelt. Die beiden werden von nun an getrennte Wege gehen. Wie sich ihre (getrennte) Leben mit einem gemeinsamen Kind jedoch genau gestalten werden, erfahren wir nicht und das bleibt dementsprechend unserer Vorstellungskraft überlassen.
Ich persönlich finde es außerdem immer wieder schön zu sehen, wenn in unserer Hauptstadt gedreht wird. So bekommen wir in Unorthodox berühmte Schauplätze wie den Hackeschen Markt, das Brandenburger Tor, Unter den Linden, den Bahnhof Zoo und vieles mehr zu sehen.

Ihre Welt war nicht meine
Gegen Ende der von Maria Schrader inszenierten Serie liegt hinter allen Charakteren eine Reise - weniger eine geografische, sondern viel mehr eine Reise in das eigene Innere, in das, was einen selbst ausmacht. Das wird aber erst durch den äußeren Einfluss ausgelöst, der auf sie einwirkt, also durch die neuen Eindrücke, die die neue Umgebung mit sich bringt. Bei ihrer Reise nach Berlin entdecken sie eine völlig neue Welt - eine Welt, in der die Menschen so frei sind, frei von Regeln, Druck und Unterdrückung. Sie können einfach sie selbst sein und sich ausleben.
Offensichtlich beeinflusst dieser Umstand am meisten Esty. Immerhin sehnte sie sich genau nach diesem Lebensgefühl. Doch auch Yanky kann nicht anders, als diese andere Lebensart und ihre Wirkung wahrzunehmen. Nach ihrer Reise ist keine der Figuren mehr wie vorher.
Ich kenne mich selbst nicht mal besonders gut
Die Erzählung der Handlung schwankt konstant zwischen Estys gegenwärtigem Leben in Berlin und ihrem vergangenen Leben in Williamsburg. Dabei überwiegen in der Vergangenheit die negativen Emotionen, die unterschwellig in Esty brodeln. Im Gegensatz dazu legt sie in Deutschland ihr vergangenes Selbst, ihre vergangenen Bräuche und Zwänge ab, um sich zu dem Menschen zu entwickeln, der schon immer in ihr steckte.

Ein großes Lob muss an dieser Stelle an die Darstellerin von Esther ausgesprochen werden, Shira Haas. Als Zuschauer kann man ihren Wechsel von Furcht, Einschüchterung, Unsicherheit, Nervosität und Wut hin zu Neugierde, dem Drang nach Leben, was sich letztlich in Lebensfreude verwandelt, und ihre Selbstsicherheit ganz genau nachvollziehen. Bis hierhin ist mir die Schauspielerin noch nie aufgefallen. Doch von nun an werde ich sie im Blick behalten und das solltet Ihr auch. Auch der Darsteller ihres Ehemanns, Amit Rahav, vollbringt eine starke Schauspielleistung in der vierteiligen Netflix-Serie. Auch der Rest des Casts schafft es, überzeugende Performances abzuliefern.
Fazit
Schon lange wurde ich von einer Serie nicht mehr so sehr (positiv) überrascht und schon lange wurde ich von einer Serie nicht mehr so sehr an den Stuhl/vor den Fernseher gefesselt. Die Produktion zieht einen in ihren Bann und lässt dann bis zum Ende nicht mehr los. Erst, wenn Esty ihre Freiheit erlangt hat, werden wir wieder zurück in unsere Freiheit entlassen.
Man findet alles in allem eine langsam erzählte Geschichte von Selbstbefreiung und -bestimmung vor, die eine große Spannung entwickelt und es vermag, einen für die Dauer der Serie komplett vor die jeweiligen Geräte zu fesseln. Die Produktion ist daher auch für jeden interessant, der sich generell für solche Themen oder das (orthodoxe) Judentum an sich interessiert.
Hier noch der Trailer zur neuen Netflix-Miniserie „Unorthodox“:
«Unorthodox» Trailer
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