Undone 1x01

Undone 1x01

Amazons erwachsene Zeichentrickserie der BoJack-Horseman-Produzenten lässt die Wirklichkeit einer Komapatientin auf kunstvolle Art aus den Fugen geraten. Wie das aussieht und wie es wirkt, verraten wir Euch in unserem Review zum Auftakt von Undone.

Szene aus der Amazon-Animationsserie Undone (c) Amazon
Szene aus der Amazon-Animationsserie Undone (c) Amazon
© zene aus der Amazon-Animationsserie Undone (c) Amazon

Diese Kritik bezieht sich auf die ersten drei Episoden von Undone.

Es hieß immer, im Animationsbereich könne gezeigt werden, was im Realfilm nicht möglich sei. Das ist im Zeitalter immer höher entwickelter CGI-Spezialeffekte nicht mehr ganz der Fall. Animation besitzt jedoch den Vorteil, dass die fantastischen Elemente einer nicht ganz bodenständigen Geschichte mithilfe nativer Mittel des Mediums entstehen und nicht durch einen importierten, visuellen Zaubertrick hinzugedichtet werden müssen. Manche behaupten, die für den Filmgenuss wichtige immersion werde dadurch nicht gebrochen. Was aber, wenn eine Serie sich einer Mischform der Animation bedient, die sich der Realität annähert, dabei die zügellosen Qualitäten einer fantasievollen Zeichentrickserie beibehält und sich diese Diskrepanz auch thematisch zunutze macht?

Rotoskopieverfahren lautet das Zauberwort, bei welchem Animation über konventionell gedrehte Live-Action-Sequenzen hinübergezeichnet wird. Der dabei entstehende Look sieht gleichzeitig realistischer und unwirklicher aus als ein gewöhnlich produzierter Zeichentrick. Ein Cartoonhybrid mit Wohnsitz im Uncanney Valley. Regisseur Richard Linklater verwendete das Verfahren effektiv bei seinem philosophischen Filmexperiment „Waking Life“ und später auch in seiner kommerzielleren Adaption von Philip K. Dicks „A Scanner Darkly“. Animefans sind sich hingegen uneinig, ob die Manga-Umsetzung Aku no Hana - Die Blumen des Bösen oder Shunji Iwais Coming-of-Age-Film „The Case of Hana & Alice“ aufgrund der Rotoskopie-„Schummelei“ überhaupt als Anime durchgehen.

Undone von Amazon Prime Video ist der jüngste Vertreter dieses kontroversen Animation-Subgenres und nutzt die gewollte Unrealität des Mediums auf beste Art und Weise aus. Die Story der sympathischen, wenn auch nachweislich egozentrischen und traumatisierten Alma (Rosa Salazar) involviert nämlich nicht nur einen verheerenden Autounfall plus Koma, sondern auch ihre Angst vor geistigen Krankheiten, wie ihre Großmutter sie hatte. Dass wir uns nicht ganz sicher sein können, ob Halluzinationen Almas Wirklichkeit aus der Bahn werfen oder eben der verstorbene Vater (Bob Odenkirk), der sie mithilfe von Quantenquatsch für eine mysteriöse Mission rekrutiert, ist wichtiger Bestandteil des audiovisuellen Trips, wenn nicht sogar der springende, nicht ganz greifbare Punkt.

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Alma kann ganz plötzlich im Pastellfarbenmeer verschwimmen, Bilder und Gegenstände hinzudichten oder verschwinden lassen, vollkommen das Setting wechseln oder in der Zeit hin- und herspringen. Gleich im Anschluss an ihr Koma ist sie wie die Protagonistin der Serie Russian Doll erst einmal in einem Loop gefangen, nur dass „Undone“ weniger definierten Regeln unterliegt und viel assoziativer funktioniert. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die im Begriff ist, ihren langweiligen Verlobten zu heiraten, wünscht Alma sich ein weniger konventionelles Leben, fürchtet jedoch, ihrer Familie damit erneut Kummer zu machen, wie damals nach ihrem Suizidversuch. So versucht sie, der Realität nicht ganz zu entschwinden, während sie gleichzeitig Quantendetektivin spielt und in Kindheitserinnerungen der Wahrheit um den tödlichen Autounfall ihres Vaters auf den Grund geht. Und: War ihr eigener Unfall überhaupt ein Unfall?

Falls Euch der Art Style von „Undone“ bekannt vorkommt, habt Ihr vielleicht die Kurt-Cobain-Dokumentation „Montage of Heck“ gesehen, bei der ebenfalls die Animationskunst des Niederländers Hisko Hulsing zum Einsatz kam, dessen preisgekrönter Debütfilm „Junkjard“ ebenfalls online unter die Lupe genommen werden kann. Sein pastelliges Design geht Hand in Hand mit einer verträumten Soundscape, die uns manchmal sogar erlaubt, in nahezu vollkommener Stille zu versinken, wann immer Alma beschließt, auf ihr Hörgerät zu verzichten.

Hauptdarstellerin Rosa Salazar gelingt es, die komplexen Emotionen ihrer Serienfigur auch durch die dicke Schicht der kunstvollen Animation hindurch zu transportieren und sie wirkt um einiges lebhafter als zum Beispiel ihr Freund Sam (Siddarth Dhananjay), der in manchen Szenen reglos wie eine Sockenpuppe mit Bart dasteht. Nicht ohne Filter auf dem Bildschirm aufzutauchen, ist sie immerhin durch ihre Motion-Capture-Arbeit am Sci-Fi-Actionfilm „Alita: Battle Angel“ gewohnt.

Fazit

Hätten wir im Vorfeld nur die erste Folge von Undone zur Ansicht bekommen, würde sich die Begeisterung womöglich trotz des umwerfenden Rotoskopie-Looks und der angenehm komplizierten Hauptfigur in Grenzen halten. Ab der zweiten Episode werden die Möglichkeiten dieser Kunstform dann aber so vollmundig ausgenutzt, dass die Serie sich auf einen Schlag mit den Besten ihrer Artgenossen messen kann. Im Ästhetiklimbus zwischen Realität und Zeichentrickfantasie werden sich besonders Fans von Richard Linklaters früherer Filmografie und dem ambitionierten Animationsfilm „Loving Vincent“, aber auch Freunde unbändiger Animation im Allgemeinen, gut aufgehoben fühlen.

Hier der Trailer:

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Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 13. September 2019

Undone 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Undone 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Der Unfall
Titel der Episode im Original
The Crash
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 13. September 2019 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 13. September 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 13. September 2019
Regisseur
Hisko Hulsing

Schauspieler in der Episode Undone 1x01

Darsteller
Rolle
Rosa Salazar

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