UnREAL 2x03

UnREAL 2x03

Läuft UnREAL nur im Schongang, ist die Serie schon böse. Will sie aber explizit böse sein, kommt eine Episode wie Guerilla heraus, die an Niedertracht seitens der Figuren kaum zu überbieten ist. Gepaart mit dem halsbrecherischen Erzähltempo ist das beste Unterhaltung.

Coleman (Michael Rady) bekommt eine Lehrstunde von Rachel (Shiri Appleby). / (c) Lifetime
Coleman (Michael Rady) bekommt eine Lehrstunde von Rachel (Shiri Appleby). / (c) Lifetime

Zwischen all dem Wahnsinn, der sich in der UnREAL-Episode Guerilla ereignet, gibt es eine ruhige Szene, die nicht nur eine weitere Schicht Charakterzeichnung aufträgt, sondern auch dabei hilft, die Protagonistinnen nicht als reine Monster zu betrachten. Rachel (Shiri Appleby) lässt ihren neuen Showrunner Coleman (Michael Rady) darin wissen, wieso sie immer noch diesen abstoßenden Job ausübe. Sie habe lange dafür gekämpft, den ersten schwarzen Bachelor anzuheuern, und glaube, damit lasse sich bedeutende gesellschaftliche Veränderung herbeiführen.

Give me damage and give me pain

Das mag angesichts all ihrer vorherigen Aussagen über das Produzieren dieser Realityshow zynisch klingen, jedoch verraten ihre Augen, dass sie wirklich daran glaubt. Es sind ja durchaus Argumente dafür zu finden, popkulturelle Erzeugnisse als Vehikel für soziale Errungenschaften einzusetzen. Andererseits ist der Preis dafür vor allem bei einer Serie wie „Everlasting“ ziemlich hoch, wie wir in dieser Episode am Beispiel der bemitleidenswerten Brandi (Monique Ganderton) sehen können. Es spricht für die Komplexität der Figur Rachel, dass zwei Herzen in ihrer Brust schlagen - ein soziales und ein kommerzielles.

Mit Ausnahme besagter Szene galoppiert der Plot dieser zweiten Staffel weiterhin in atemberaubender Geschwindigkeit voran. Dieses Mal steht jedoch nicht etwa Rachel ganz oben auf der Pyramide der Widerwärtigkeit, sondern ihre Mentorin Quinn (Constance Zimmer). Deren Kampfgeist wurde nach der Ankunft von Grünschnabel Coleman erst so richtig geweckt, was sie ihn sogleich wissen lässt. Dabei übersieht sie, dass es vielleicht gar nicht schlecht ist, jemanden in führender Position am Set zu haben, der noch nicht so korrumpiert ist wie alle anderen.

Aber wie sollte sie das auch sehen, wenn sie die Endstufe dieser moralischen Verrohung repräsentiert? Stattdessen schiebt sie ihre jüngsten Misserfolge auf das Patriarchat: „If I was a man, this wouldn't happen to me. I'd be wearing sweatpants, scratching my nuts and boning 22-year-olds.“ Unrecht hat sie damit natürlich nicht, allerdings wäre sie gut beraten, sich einen kurzen Moment zu besinnen, um ihre jüngsten Aktionen zu reflektieren. Sie entscheidet sich jedoch für das Gegenteil - volle Kraft voraus: „I'm going balls-deep in this bitch.

Quinn (Constance Zimmer; l.) ist auf der Suche nach neuen Opfern. © Lifetime
Quinn (Constance Zimmer; l.) ist auf der Suche nach neuen Opfern. © Lifetime

Nachfolgend erleben wir Quinn in Hochform, was natürlich bedeutet, dass vor allem ihre abscheulichen Charaktermerkmale zum Vorschein kommen. Von Set-Psychologin Wagerstein (Amy Hill) lässt sie sich die Kandidatinnen geben, die mit dem größten Problembündel angereist sind, wobei Brandi und Chantal (Meagan Tandy) in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit rücken - für beide eine furchteinflößende Aussicht, was sie aber nicht wissen können. Zupass kommt Quinn überdies, dass Chet (Craig Bierko) eine nicht enden wollende Reihe selbstverschuldeter Misserfolge einheimst.

Buff boys and giggly girls

Geplagt mit dem Sorgerechtsstreit um seinen neugeborenen Sohn, der zunehmend wie ein aussichtsloses Unterfangen erscheint, lässt er seiner kreativen Energie bezüglich seines Alternativprogramms „Everblasting“ freien Lauf. Heraus kommt ein Hindernisparcours für die Kandidatinnen, dessen erste Runde im Beinahe-Desaster endet. Darius (B.J. Britt) hat sich da längst geweigert, daran teilzunehmen, wobei erst am Ende der Episode bestätigt wird, was Rachel schon zu Beginn vermutet: Der Footballstar ist äußerst verletzungsanfällig.

Erwähnter Wettlauf endet mit einem Zweikampf zwischen Brandi und Chantal, bei dem erstgenannte handgreiflich wird, um den Sieg davonzutragen. Chantal stürzt dabei vom Klettergerüst und landet mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. In der Regie sind alle darüber bestürzt - mit Ausnahme von Quinn, die genau weiß, wie sie aus diesem Zwischenfall das Drama macht, das ihrer Serie die angestrebten Einschaltquoten einbringt. Während selbst Chet panisch davonstürmt, kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Brandis Ausraster geht ein erster Annäherungsversuch seitens Quinn voran, bei dem sie behauptet, eine einsame Kindheit mit einem Vater verbracht zu haben, der Alkoholiker war. Dort hört ihre Intrige jedoch längst nicht auf. Nachdem sich Darius - von Rachel dazu angespornt - als perfekter Freund für Chantal ausgegeben hat, besucht Quinn deren Widersacherin im „Loch“, einer kleinen Zelle, in der sie eingesperrt wurde. Rachel und Coleman beobachten, wie Quinn weitere Samen des Chaos sät, um den Todesstoß vorzubereiten. Dabei wird nicht nur Brandi vorgeführt, sondern auch Darius.

Chet (Craig Bierko; M.) erlebt keinen guten Tag. © Lifetime
Chet (Craig Bierko; M.) erlebt keinen guten Tag. © Lifetime

Nachdem ihm von einer Schauspielerin vorgegaukelt wurde, dass ihre angebliche Tochter Brandi eine pathologische Lügnerin sei und sie sich die Geschichte ihres tragischen Aufwachsens nur ausgedacht habe, beschließt er, die Entscheidungszeremonie umzugestalten und statt vier Teilnehmerinnen nur Brandi rauszuwerfen. Die reagiert darauf so, wie es sich Quinn wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte. Vor laufender Kamera greift sie Darius an und muss von mehreren Sicherheitsbediensteten eingefangen werden.

Go in for the kill

Coleman zeigt sich davon gegenüber Rachel beeindruckt: „You two together are terrifying.“ Schon zuvor hatte er eine Lehrstunde in der Manipulation der Teilnehmerinnen bekommen: „That's how you make the show.“ Bisweilen hat es zumindest bei Quinn den Anschein, als glaube sie wirklich, zwei nach Liebe Suchende in ihrer Sendung verkuppeln zu können. Übertüncht wird das aber stets durch ihre verabscheuungswürdigen Aktionen. Hier muss das Autorenteam aufpassen, dass sie nicht zu stark als Super-Bösewichtin gezeichnet wird. In der ersten Staffel hatte sie noch Chet als Antagonistenfolie, nun erscheint sie manchmal böse, weil sie Spaß daran hat.

Eine neue Widersacherin lässt indes nicht lange auf sich warten. Am Ende der Episode erfährt Quinn von Senderchef Gary (Christopher Cousins) von Rachels Verrat. Deren zu Beginn geäußerte Loyalitätsbekundung löst sich somit in nichts auf. Die komplizierte Beziehung zwischen den beiden war schon immer das interessanteste Element von UnREAL - nun wird sie auf die nächste, vielfach konfliktbeladenere Ebene gehoben. Daran lässt sich erkennen, wie unbarmherzig schnell die Serie derzeit ihre eigenen Geschichten verschlingt.

In diese Kategorie fällt auch die zunächst zart erblühende, dann heftig ausbrechende Romanze zwischen Rachel und Coleman. Sie kann im bevorstehenden Kampf gegen die eigene Mentorin jeden Beistand gebrauchen, wobei wir Coleman noch nicht gänzlich in ihrer Ecke wähnen sollten. Wer weiß schon, welche Ziele dieser ambitionierte junge Fernsehmacher wirklich verfolgt? Über all dem schwebt überdies Rachels letzte Affäre mit Adam (Freddie Stroma), der mit seinem unbeantworteten Anruf auf ihrem Handy bereits angekündigt hat, dass er noch einmal auftauchen wird. Das ist eine willkommene Nachricht - neues Drama braucht diese außergewöhnliche Serie nämlich wie keine andere.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 21. Juni 2016
Episode
Staffel 2, Episode 3
(UnREAL 2x03)
Titel der Episode im Original
Guerilla
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 20. Juni 2016 (Lifetime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 24. Juni 2016
Autor
Alex Metcalf
Regisseur
Adam Kane

Schauspieler in der Episode UnREAL 2x03

Darsteller
Rolle
Jeffrey Bowyer-Chapman
Jay
Josh Kelly
Michael Rady
Meagan Tandy
Christopher Cousins

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