UnREAL 2x01

UnREAL 2x01

Die Lifetime-Serie UnREAL, eine der Überraschungen des vergangenen Fernsehjahres, kehrt zum Auftakt ihrer zweiten Staffel mit der Episode War zurück. Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass das Format nichts von seiner Brillanz eingebüßt hat. Im Gegenteil - es wird noch düsterer.

Rachel (Shiri Appleby, l.) und Quinn (Constance Zimmer) bleiben nicht allzu lange Freundinnen. / (c) Lifetime
Rachel (Shiri Appleby, l.) und Quinn (Constance Zimmer) bleiben nicht allzu lange Freundinnen. / (c) Lifetime

Vor ziemlich genau einem Jahr gelangte eine Dramaserie auf unsere Bildschirme, die sich mittlerweile wohl zur größten Überraschung dieser Peak-TV-Ära gemausert hat. UnREAL machte aus einem zunächst uninteressant erscheinenden Konzept in wenigen Episoden must-see television und sorgte nebenbei für die legitime, längst überfällige Ankunft feministischer Antiheldinnen im Fernsehen. Die an „The Bachelor“ angelehnte TV-Show „Everlasting“ dient dabei lediglich als Folie für das tiefe Eintauchen in das chaotische Seelenleben der beiden Protagonistinnen.

Maybe her dad was a creep, or a pedophile, hopefully

Die erste Staffel beschäftigte sich überwiegend mit der verhängnisvollen Dynamik zwischen der talentierten Produzentin Rachel Goldberg (Shiri Appleby) und ihrer Chefin Quinn King (Constance Zimmer). Zu Beginn war die problembeladene Rachel, von der eigenen Mutter mit mehreren psychischen Erkrankungen diagnostiziert, widerwillig ans Set der Show zurückgekehrt - aus ebenso praktischen Gründen (Geldschulden) wie persönlichen (Talent). Fortan lernten wir nicht nur die beiden, ihre bemitleidenswerten Untergebenen und verabscheuungswürdigen Chefs kennen, sondern auch ihre furchteinflößenden Manipulationskünste.

Den Aufstieg in den Rang einer herausragenden Serie schaffte das Format, indem es sich weder über die ganz spezielle Welt des Reality-TVs lustig machte, noch sich darüber moralisch erhob. Trotzdem konnte es bitterböse, zynisch und schockierend sein. Wir fieberten mit Rachel und Quinn mit, wenngleich ihre Methoden bald viel zu oft die Grenze des Erträglichen überschritten. Dabei agierten sie mal witzig, mal angsteinflößend, mal skrupellos, mal herzlich, mal eiskalt. Einfach war es nicht, zwischen Wahrheit und Manipulation zu unterscheiden.

Entsprechend groß war die Vorfreude auf die nun gestartete zweite Staffel. Das hat in Deutschland wohl auch Amazon mitbekommen, weshalb dort pünktlich zu deren Auftakt sämtliche Episoden der ersten Staffel und im Wochenrhythmus auch die der zweiten veröffentlicht werden. Vorab sei gesagt: Die Auftaktepisode War hält alles, was die vorherigen zehn versprochen haben. Sie ist witzig, böse, mit unvorhergesehenen Wendungen, brillanten Dialogen und hervorragenden Darbietungen versehen.

Gleiche Tattoos schweißen nur bedingt zusammen. © Lifetime
Gleiche Tattoos schweißen nur bedingt zusammen. © Lifetime

Nachdem es Quinn am Ende der ersten Staffel gelungen ist, ihre beste Producerin vom Absprung abzuhalten, hat sich deren Verhältnis gewandelt. Aus der verhängnisvollen gegenseitigen Abhängigkeit scheint eine ehrliche Zuneigung entstanden zu sein, die mit drei Worten zusammengefasst werden kann: „Money. Dick. Power.“ Ebendiese Worte lassen sich beide auf ihre Handgelenke tätowieren - wohlgemerkt im alkoholisierten Zustand, den sie sich gönnen, um den bevorstehenden Abschluss eines lukrativen Produktionsdeals für Quinn zu feiern, der auch für Rachel eine Beförderung beinhaltet.

The more white pussy, the better

Damit sind die Feierlichkeiten aber noch lange nicht zu Ende, denn Sendermanager Brad (Martin Cummins) hat nach Las Vegas geladen - und das nicht nur, um den Geschäftsabschluss zu feiern, sondern auch, um - ziemlich traurige - Fernsehgeschichte zu schreiben. Der neue Bachelor soll nämlich zum ersten Mal schwarz sein, und sogar berühmt. Darius Hill (B.J. Britt) ist ein professioneller Footballspieler und dringend auf der Suche nach einer Imagepolitur, hat er doch kürzlich erst einen Skandal ausgelöst, weil er eine Reporterin vor laufender Kamera als „bitch“ bezeichnet hat.

Am nächsten Morgen, als alles Koks geschnupft, aller Sekt geschlürft und alle Körperflüssigkeiten ausgetauscht sind, stellt sich heraus, dass die Feier wohl etwas voreilig war, ist Senderchef Gary (Christopher Cousins) doch noch gar nicht eingeweiht. Erwartungsgemäß - deswegen: traurig - reagiert er empört auf die simple Idee, einen Afroamerikaner zum Mittelpunkt der Sendung zu machen. Die anschließende Konversation zwischen ihm und Quinn ist UnREAL in Reinform - ebenso abstoßend wie faszinierend, und zugegebenermaßen sehr, sehr lustig.

Wenig überraschend gelingt es Quinn, ihren Vorgesetzten mit der Aussicht auf gigantische Einschaltquoten zu ködern. Die Alternative hört sich aber auch nicht wirklich verlockend an: „Or I could just get you another small-dicked white boy from Missouri with a bunch of horny kindergarten teachers, 'cause nobody's bored by that.“ Diese Drohung garniert sie mit der Aussicht auf besonders streitwütige Kandidatinnen - eine Rassistin, eine Geistliche, ja sogar eine Terroristin. In die Realität umsetzen soll das alles Rachel: „I'm Chet, you're Quinn. I say crazy shit and you make it happen.

Darius Hill (B.J. Britt) ist der erste schwarze %26bdquo;Bachelor%26ldquo;. © Lifetime
Darius Hill (B.J. Britt) ist der erste schwarze %26bdquo;Bachelor%26ldquo;. © Lifetime

Besagter Chet (Craig Bierko) treibt sich derweil in der argentinischen Pampa Patagoniens herum, auf der Suche nach neuem Lebenssinn und dem Verlust überflüssiger Körperfülle. Er wird später zurückkehren, um das Leben seiner Ex Quinn - wie schon in der ersten Staffel - zur Hölle zu machen. Dabei wird er die Zweifel von Bachelor Darius ausnutzen, die von Rachel zuvor mühsam zerstreut werden müssen: „This is a one-time thing, this is not gonna make who you are.“ Natürlich, Rachel, kein Mensch wird jemals wieder darüber sprechen.

The queen of the freakin' fairies

Die kurze Unterredung zwischen ihr und Darius zeigt beispielhaft, welch meisterhafte Manipulantin sie ist. Als sie merkt, dass sie mit herbeifantasierten Argumenten nicht weiterkommt, greift sie in ihre bestens ausgestattete psychologische Trickkiste. Sie erzählt nun von ihrem eigenen Zusammenbruch, der sehr öffentlich war, und von dem sie trotzdem wieder zurückkehrte. In welchem Zustand sie das tat, verschweigt sie natürlich. Es sind nur wenige Worte, die Darius zum Umdenken bewegen: „I can bring you back.

Hätte er mit anderen Angestellten gesprochen, hätte er wohl schnell Reißaus genommen. In Frage käme zum Beispiel Rachels verbitterter Exfreund Jeremy (Josh Kelly), der ihr ohne Umschweife und völlig emotionslos einen weiteren meltdown und sogar Schlimmeres wünscht: „I'm actually ok with you hurting yourself.“ Verachtung erntet sie auch von Producer Jay (Jeffrey Bowyer-Chapman), der es immer noch nicht ganz verstehen kann, wie weit sie gehen würde, um die Kandidatin mit dem größten Konfliktpotential zu casten.

Anschauungsmaterial bekommt Jay postwendend. Weil er sich weigert, die Ausbildung einer aussichtsreichen Kandidatin wegen der Teilnahme an der Sendung zu gefährden, nimmt Rachel deren Rekrutierung selbst in die Hand. Sie arbeitet dabei mit ähnlichen Methoden wie Quinn beim Streit mit dem Senderchef. Sie zitiert ein paar angebliche Statistiken über die positiven Veränderungen, die das Reality-TV hervorgebracht haben soll, und ergänzt süffisant: „Yeah, TV's super useless as a medium for change.

Beim ersten großen Konflikt übernimmt Quinn (Constanze Zimmer) die Kontrolle. © Lifetime
Beim ersten großen Konflikt übernimmt Quinn (Constanze Zimmer) die Kontrolle. © Lifetime

Ruby (Denée Benton) kann also gewonnen werden, ebenso wie Quinns Wunschkandidatinnen - das wifey, die Bösewichtin, die vermeintliche Rassistin mit Konföderationsbikini oder das Mädchen pakistanischer Abstammung, dem eine Verbindung zu Osama bin Laden angedichtet wird. Wem das noch nicht genug Abscheulichkeit ist, der bekommt hernach eine doppelte Dosis von Rachel serviert. Sie präsentiert eindrucksvoll, worum es in dieser zweiten Staffel gehen wird - die Erlangung und den Missbrauch von Macht.

We don't solve problems, we create them

Zunächst wird sie von Quinn davon abgehalten, Jeremy wegen dessen Aufsässigkeit zu entlassen, was sie aber nicht daran hindert, dessen focus puller zu feuern: „Turns out that being a sexist man-baby on my set has consequences.“ Währenddessen versucht sie krampfhaft, diesen Triumph nicht allzu ausgiebig auszukosten. Als sie dem dezimierten Kamerateam aber den Rücken zukehrt, kann sie ihre Freude über diese Machtdemonstration nicht mehr unterdrücken. Mit breitem Grinsen schreitet sie zur nächsten Tat - und die ist, man glaubt es kaum, noch niederträchtiger.

Die in der ersten Staffel dank einer sexuellen Gefälligkeit gegenüber Chet zur Producerin beförderte Madison (Genevieve Buechner) bekommt dabei eine aufwühlende Lehrstunde. Für das Promomaterial soll sie eine besonders eindrückliche Szene mit Chantal (Meagan Tandy) aufnehmen, was sie erst schafft, nachdem sie von Rachel in die knallharten Realitäten ihres Jobs eingeführt wurde. Hernach agiert die Erfahrenere auf Anraten Quinns als Strippenzieherin ihrer Schülerin: „Get in the idiot's ear and tell her what to do.

Was danach kommt, ist abstoßend und unterhaltsam zugleich und lässt sowohl die Kandidatin als auch die Produzentin in Tränen aufgelöst zurück: „There's our damn promo line.“ Wenig später segelt Madison aber auf einem Adrenalinhigh. Sie hat vom Göttersaft gekostet, den sich Rachel längst mit beiden Händen unter den sorgenvollen Blicken ihrer Kollegen in den Hals geschüttet hat: „I feel like God.“ Der Kater lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Weil Chet versucht, die Show wieder an sich zu reißen, nimmt Quinn die Zügel kurzfristig zurück in die eigene Hand.

Wenn das kein Rezept für außerordentliches Drama ist, was dann?

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 7. Juni 2016

UnREAL 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(UnREAL 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Krieg
Titel der Episode im Original
War
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 6. Juni 2016 (Lifetime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 10. Juni 2016
Regisseur
Peter O'Fallon

Schauspieler in der Episode UnREAL 2x01

Darsteller
Rolle
Jeffrey Bowyer-Chapman
Jay
Josh Kelly
Michael Rady
Meagan Tandy
Christopher Cousins

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