Twin Peaks 3x18

Twin Peaks 3x18

Mit einer Doppelfolge verabschiedet sich Twin Peaks - The Return von den Fernsehbildschirmen und liefert ein kontroverses Mindfuck-Ende, das eigentlich ganz genau so zu erwarten war. Hier unser abschließendes Review zum dritten Staffelfinale.

It has happened again... / (c) Showtime
It has happened again... / (c) Showtime
© t has happened again... / (c) Showtime

Mindfuck-Maestro David Lynch hat wieder zugeschlagen und entlĂ€sst uns mit zwei atemberaubenden wie aufreibenden Stunden aus seiner Neuauflage von Twin Peaks - und wenn Ihr ganz genau hinhört, könnt Ihr in der Ferne die FernsehgerĂ€te hören, die erbost und verwirrt aus den Fenstern geworfen werden. Ihr habt Antworten auf die Mysterien erwartet? Ihr mĂŒsst neu hier sein...

Jao Dei

Deputy Director Gordon Cole (David Lynch) schenkt Albert (Miguel Ferrer) und Tammy (Chrysta Bell) endlich reinen Kaffee ein und weiht sie in den geheimen Plan ein, den Major Briggs (Don S. Davis) und Cooper (Kyle MacLachlan) vor ĂŒber 25 Jahren geschmiedet haben, als den Blue-Rose-Ermittlern die Existenz einer dunklen EntitĂ€t namens Jao Dei bekannt wurde. Ein Wesen, das dank Lautverschiebung heute als Judy bekannt ist, wobei es sich vermutlich um das Mutterwesen handelt, das BOB (Frank Silva) auf die Welt brachte.

Unterdessen findet Mr. C. im Wald einen Eingang zur schwarz-weißen Welt des Riesen/Fireman (die White Lodge?), der wie Glastonbury Grove aussieht, nur dass statt eines Baumkreises lediglich ein einzelner Sycamore Tree neben einer PfĂŒtze steht. Major Briggs schickt den Eindringling jedoch gleich unfrankiert weiter und so landet Schatten-Cooper direkt vor dem Sheriff's Department in Twin Peaks, wo es zum finalen Showdown zwischen ihm (beziehungsweise seinem dunklen GefĂ€hrten BOB) und dem aufrichtigen Original-Cooper kommt.

Showtime
Showtime - © Showtime

Die guten Leute aus der Sheriff-Station ahnen zunĂ€chst nicht, dass sie den bösen DoppelgĂ€nger vor sich haben, auch wenn ein Cooper, der eine Tasse Kaffee ablehnt, sofort verdĂ€chtig stimmen mĂŒsste. Als Sheriff Truman (Robert Forster) nach einem Anruf des echten Cooper im Begriff ist, erschossen zu werden, ist es Lucy (Kimmy Robertson), die ihm in letzter Sekunde die Haut rettet. In der zweiten HĂ€lfte des Endboss-Kampfes, fĂŒr welchen wir endlich versammelt sind, ist es Freddy (Jack Wardle), der mit seiner grĂŒnen Superheldenfaust sein Schicksal erfĂŒllt und der bösen BOB-Kugel den Garaus macht, ehe Coopers DoppelgĂ€nger mithilfe des Eulenrings zurĂŒck in die Lodge transportiert wird.

Naido (Nae) entpuppt sich als die echte Diane, was Laura Dern die Möglichkeit gibt, eine weitere PerĂŒcke (diesmal in Rot) aufzuziehen und dadurch Bilder zulĂ€sst, die man sich sofort gerahmt an die Wand hĂ€ngen könnte. Ein Verkleidungsspiel ĂŒbrigens, das schon viele Schauspielerinnen in Lynch-Werken durchgemacht haben, so auch Sheryl Lee, die nach dem Tod von Laura Palmer zu ihrer braunhaarigen Zwillingscousine Maddy wurde.

See you at the curtain call

Mit dem SchlĂŒssel zu seinem alten Raum 315 im Great Northern Hotel verabschiedet sich Cooper von den Anwesenden und wird am Ursprungsort des seltsamen GerĂ€uschs vom Einarmigen (Al Strobel) empfangen, der ihn zum dampfenden Jeffries-Kessel fĂŒhrt. Das Eulensymbol wird zur Ziffer 8 (in Anspielung auf das Unendlichkeitszeichen oder als Hinweis auf die SchlĂŒsselepisode The Return - Part 8?) und erlaubt Cooper, durch die Zeit zurĂŒck zum 23. Februar 1989 zu reisen - in jene schicksalhafte Nacht, in der Laura Palmer starb. Kann es wirklich sein, dass das letzte Tabu gebrochen wird und wir Zeugen der Umkehrung des alles in Gang setzenden Todes von Laura werden?

TatsĂ€chlich finden wir uns in einer Szene aus dem Prequel-Film „Twin Peaks: Fire Walk With Me“ wieder und wohnen dem letzten Treffen zwischen der in die Dunkelheit abdriftenden Laura und ihrem heimlichen Freund James (James Marshall) bei, wĂ€hrend Cooper in den BĂŒschen lauert. Clever eingearbeitet ist jener Moment, in dem Laura etwas Unerwartetes in der Ferne entdeckt und zu schreien beginnt, was schon immer Cooper gewesen ist, wie wir nun feststellen. Als sie James an der Kreuzung Sparkwood and 21 schließlich vom Motorrad springt, um sich mit Leo Johnson (Eric DaRe), Jaques Renault (Walter Olkewicz) und Ronette (Phoebe Augustine) zu treffen, fĂ€ngt Cooper sie im Wald ab und verhindert somit, dass sie spĂ€ter von ihrem von BOB besessenen Vater Leland (Ray Wise) aufgelesen und ermordet wird.

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Showtime - © Showtime

Der Übergang von den alten Filmszenen zum neuen Material geschieht regelrecht nahtlos und funktioniert erstaunlich effektiv durch eine kĂŒnstlich verjĂŒngerte Sheryl Lee, die direkt an ihre intensive Performance von 1992 anknĂŒpft. Als Fan hat man gleichzeitig das GefĂŒhl, hier werde ein Sakrileg begangen, indem das Original-Gospel der Laura angerĂŒhrt und verĂ€ndert wird. Die neue RealitĂ€t manifestiert sich, indem wir von Schwarz-Weiß zu Farbe wechseln und zur allerersten Szene der damals ersten Episode springen. Josie (Joan Chen) sitzt nachdenklich am Schminktisch, wĂ€hrend Pete Martell (Jack Nance) sich von Catherine (Piper Laurie) verabschiedet und zum Fischen geht. Nur entdeckt er dieses Mal keine in Plastik gewickelte Leiche neben dem Riesenscheit am Ufer.

Der Preis fĂŒr die unheimlichste Szene geht in einem der rĂ€tselhaftesten Momente erneut an Sarah Palmer (Grace Zabriskie), die wie vom Teufel (Mother?) besessen Lauras Portrait angreift, nachdem ihre Ermordung ungeschehen gemacht wurde. War sie schon immer Judy? Oder zumindest ein Avatar beziehungsweise eine Agentin der dĂŒsteren EntitĂ€t? Was fĂŒr ein Horrorhaus der Palmer-Haushalt ist! Sie hat jedenfalls noch ein Wörtchen mitzureden, denn mit einem elektrischen Knistern verschwindet Laura aus Coopers Obhut, was SĂ€ngerin Julie Cruise mit ihrem traurigen Song „The World Spins“ fĂŒr den Abspann auf den Plan ruft. Zuletzt sang sie ihn nach der Ermordung von Maddy.

The story of the little girl who lived down the lane

Cooper wird nach Lauras Verschwinden in die Lodge gezogen, wo ein weiterer DoppelgĂ€nger kreiert wird, um Familie Jones ein Happy End mit der RĂŒckkehr von Dougie zu bescheren. Danach durchlebt er noch einmal seine Odyssee durch die Welt der roten VorhĂ€nge, die wir auf fast identische Weise in The Return - Part 1 gesehen haben. Dieses Mal kann er allerdings selbst die DurchgĂ€nge kontrollieren und tritt in Glastonbury Grove aus der Lodge hinaus, wo Diane bereits auf ihn wartet. Gemeinsam suchen sie nach einem 430 Meilen entfernten Durchgang zu... ja zu was? Der neu geschaffenen Zeitlinie? Einer Paralleldimension?

Wie so oft bei Lynch wird die Transition von einem Zustand zu einem anderen durch eine verstörende Sexszene markiert. Cooper und Diane in diesem Fall, nachdem sie kurz davor eine weitere DoppelgĂ€ngerin von sich erspĂ€ht und einen extrem gestressten Eindruck macht, wĂ€hrend sie zu den KlĂ€ngen von „My Prayer“ von den Platters Liebe machen. Am nĂ€chsten Morgen ist Diane verschwunden, sie und Cooper werden nun Linda und Richard genannt (wie in der Prophezeiung des Riesen) und Coopers Reise geht weiter. An dieser Stelle könnte man vermuten, dass ein Showdown mit Judy ansteht und Coopers Besuch im Restaurant Eat at Judy's scheint diesen Verdacht zunĂ€chst zu bestĂ€tigen.

Weit gefehlt, wie sich herausstellen soll! Nach einer Konfrontation mit drei Cowboys (just go with it) erhĂ€lt Cooper von der Kellnerin die Adresse ihrer seit drei Tagen fehlenden Kollegen, die (wie Mordopfer Teresa Banks aus dem Fat Trout Trailer Park) in einem Haus mit einem Strommast der Nummer 6 trĂ€gt, lebt. Wer ihm öffnet, ist eine ebenfalls von Sheryl Lee gespielte Frau, die sich als Carrie Paige vorstellt und als verzerrtes Spiegelbild zu Laura einen Mann umgebracht hat, der noch tot in ihrem Haus liegt. Von Cooper lĂ€sst sie sich in einer langen (langen!) Autofahrt nach Twin Peaks kutschieren, wo anstelle einer Auflösung oder Konfrontation im Palmer-Haus der grĂ¶ĂŸtmögliche Anti-Klimax lauert.

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Showtime - © Showtime

Eine fremde Frau öffnet die TĂŒr und stellt sich in einer letzten Referenz auf die Originalserie unter dem Namen Alice Tremond vor. Jener Nachname also, den die alte Dame (Frances Bay) und ihr zaubernder Enkelsohn, der die Maiscreme verschwinden ließ, trugen, ehe sie kurz darauf selbst verschwanden und eine andere, völlig ahnungslose Frau sich als Mrs. Tremond vorstellte. Bei diesen Lodge-Bewohnern handelt es sich auch um die Chalfonts, die neben Teresa im Trailer Park lebten. Meta-Fun-Fact: Die hier vor Cooper und Laura/Carrie stehende Frau namens Mary Reber ist in Wirklichkeit die Besitzerin des Hauses, das wir in der Serie als Zuhause der Palmers kennen.

Nachdem Cooper desillusioniert fragt, welches Jahr gerade ist, beginnt die ElektrizitĂ€t der Residenz verrĂŒckt zu spielen, Sarahs Stimme ruft nach dem Nichts nach ihrer Tochter und Sheryl Lee darf ein letztes Mal einen ihrer perfekten, ins Mark gehenden Schreie von sich geben. The End. (Fuck you, Gordon!)

Fazit

The Return - Part 17 liefert einen Showdown, einigermaßen im Einklang mit heutigen Fernsehgewohnheiten, in welchem sogar der Superheldenverschnitt Freddy den finalen Schlag gegen Big Bad BOB ausfĂŒhren darf und ein Zeitreiseelement eingefĂŒhrt wird, mit dem womöglich alles gut gezaubert werden kann. The Return - Part 18 beweist danach abermals, wie wenig David Lynch an solchen Konventionen des GeschichtenerzĂ€hlens interessiert ist und prĂ€sentiert ein geradezu schockierendes Unende, das anstelle eines Finalkampfs mit der neu identifizierten, bösen OberentitĂ€t Judy eine gemĂ€chliche Autofahrt mit den beiden SchlĂŒsselfiguren der Saga, Agent Cooper und Laura Palmer, prĂ€sentiert. Wir sind also wieder genau dort, wo wir vor ĂŒber 25 Jahren mit dem Cliffhanger-Ende der zweiten Staffel hĂ€ngengelassen wurden.

Als Zuschauer kann man nun verwirrt und verĂ€rgert resignieren oder sĂ€mtliche Querverbindungen interpretieren, um diverse ErklĂ€rungsversuche zurechtzulegen. Doch selbst, wenn die wohl weitestgehend unauflösbare Traumlogik nach weiteren Sichtungen an manchen Stellen konkretere Mechanismen aufzeigt, freue ich mich in diesem Moment vor allem darĂŒber, dass die Motive der Wesen aus der Lodge weiterhin undurchsichtig geheimnisvoll bleiben und feiere die Tatsache, Zeuge dieser 18 unmöglichen Stunden Antifernsehen inklusive obligatorischem Aufreger-Ende geworden zu sein. Eine dermaßen kompromisslose Vision kommt selbst im goldenen TV-Zeitalter nur selten daher.

I don't think that people accept the fact that life doesn't make sense. I think it makes people terribly uncomfortable.“ - David Lynch

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 4. September 2017
Episode
Staffel 3, Episode 18
(Twin Peaks 3x18)
Deutscher Titel der Episode
Teil 18
Titel der Episode im Original
The Return - Part 18
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 3. September 2017 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 4. September 2017

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