Twin Peaks 3x11

© BI-Meeting bei Kaffee und Donuts. / (c) Showtime
Die Episode The Return - Part 11 von Twin Peaks zeigt einige neue Verbindungen auf, die wir bisher nicht erahnen konnten. Sowohl was Charakterbeziehungen angeht als auch die Mythologie, welcher das Sheriff's Department in Twin Peaks sowie das FBI auf den Grund geht.
Becky, don't!
Nachdem wir in der ersten Szene darüber informiert werden, dass Miriam (Sarah Jean Long) den brutalen Angriff von Richard Horne (Eamon Farren) überlebt hat, wechseln wir vom Horne- zum Briggs-Familiendrama und erhalten endlich die Bestätigung, dass es sich bei Becky (Amanda Seyfried) um die Tochter von Shelly (Mädchen Amick) und Bobby Briggs (Dana Ashbrook) handelt. Die Kellnerin und der ehemalige Bad Boy haben sogar geheiratet, wie Shellys Nachname verrät. Allerdings scheinen sie getrennt zu leben, denn Shelly ist mit Red (Balthazar Getty) zusammen, den wir in Verbindung mit Richards finsteren Machenschaften kennen. An Shellys Geschmack für gefährliche Typen à la Leo Johnson (Eric DaRe) hat sich demnach nichts geändert.
Wütend auf Steven (Caleb Landry Jones) und vermutlich mit dem einen oder anderen Pulver in der Nase, fährt Becky bewaffnet und ihre Mutter von der Windschutzscheibe schleudernd zum Apartment der vermeintlichen Geliebten ihres Mannes, die wir schließlich auch zu Gesicht bekommen. Falls Ihr sie nicht gleich wiedererkennt, helfen wieder einmal die Credits aus: Es handelt sich um Gersten Hayward (Alicia Witt), die klavierspielende kleine Schwester von Donna (Lara Flynn Boyle), die wir nur ein Mal in der Originalserie gesehen haben, als sie Sarah (Grace Zabriskie) und Leland Palmer (Ray Wise) während eines Besuchs bei den Haywards ein Stück vorspielte.

Interessant ist jedenfalls, dass Becky, die nach ihrem ersten Auftritt als Laura-Analog identifiziert wurde, beinahe selbst zur Killerin wird und eine Hayward-Schwester nicht zur besten Freundin, sondern zur Erzfeindin nimmt. Das gelbe Treppenhaus erinnert darüber hinaus an den Aufgang zu Lauras Zimmer im Haus der Palmers, wo der unheilvoll surrende Deckenventilator hing. Verzerrte Spiegelbilder und Dopplungen wohin man sieht.
Nicht unerwähnt bleiben darf der wie aus dem Nichts kommende Einsatz für Deputy Briggs, nachdem während der Familienkonferenz eine Kugel im RR Diner landet. Wie sich herausstellt lediglich ein Unfall, bei welchem ein kleiner Junge die Knarre seiner Eltern im Auto fand. Der Wagen dahinter wird von einer endlos hupenden Frau gefahren, die ein zombieartiges Mädchen mit rollenden Augen und grünem Erbrochenen als Beifahrer hat. Offensichtlich eine in Lynchs Geduldsproben-Machart verpackte „The Exorcist“-Referenz. Der als Ralph identifizierte kleine Schütze hingegen könnte an den Jungen aus dem Weihnachtsfilmklassiker „A Christmas Story“ („Fröhliche Weihnachten“) angelehnt sein, der sich eine Waffe zu Weihnachten wünschte. Dass das Thema hier böse bzw. besessene Kinder ist, kommt jedenfalls nicht von ungefähr.
The Place
Mit William Hastings (Matthew Lillard) und Diane (Laura Dern) im Schlepptau, fahren die FBI-Agenten Gordon (David Lynch) und Albert (Miguel Ferrer) zu jenem Ort, an dem Bill auf Major Briggs (Don S. Davis) getroffen sein soll. Zwischen mehreren heruntergekommenen Häusern scheint es nur so vor den dunklen Vagabunden zu wimmeln und als Gordon sich schließlich einem sich öffnenden Vortex nähert, wird er beinahe in die schwarz-weiße Welt des Convenience Stores hineingezogen, wo die dreckigen, bärtigen Männer residieren. Nachdem Albert ihn zurückzieht, entdecken sie schließlich auch die enthauptete Leiche von Ruth Davenport, deren Kopf mit dem Körper des Majors aufgefunden wurde. Bleibt nur die Frage: Was geschah mit dem Kopf des Majors? Hatten wir es doch mit Garland zu tun, als Cooper (Kyle MacLachlan) in The Return - Part 3 dem schwebenden Glatzkopf im All begegnete?
Bill fällt schließlich einem der Woodsmen zum Opfer und erleidet die gleiche unappetitliche Kopfwunde wie das Paar vor der Glasbox in New York. Diane ist wie Gordon sogar in der Lage, die Kreatur zu sehen, verzieht aber keine Miene und verhält sich auch sonst sehr auffällig. Vor allem, während Gordon die auf Ruths Arm notierten Koordinaten präsentiert und sie sich die Zahlen einzuprägen scheint. Bei diesen wird es sich um jene Information handeln, hinter welchen der böse Cooper (ihr heimlicher Verbündeter) seit Anfang der neuen Serie her ist.
There's fire where you're going
In Twin Peaks arbeiten Sheriff Truman (Robert Foster) und Hawk (Michael Horse) an einer nicht unverwandten Angelegenheit. Vermutlich sind es nämlich die selben Koordinaten, die zu jenem Ort führen, den Hawk auf seiner alten indianischen Karte ausmacht. Ganz nebenbei ist es schon irgendwie witzig, dass der Deputy mit Ureinwohner-Wurzeln stets die Augen verdreht oder spartanisch reagiert, wenn man ihm mit Klischees über seine Abstammung kommt... und dann höchstpersönlich eine speckige Indianerkarte mit mystischen Symbolen wie aus einem Western hervorholt. Jene Symbole übrigens, die auf dem Hinweis des Majors zu finden waren.
Wir erfahren an dieser Stelle erstmals, dass das häufig erwähnte Feuer und die seit „Twin Peaks: Fire Walk With Me“ immer öfter erwähnte Elektrizität ein und dasselbe sind. Nicht wirklich Feuer, sondern das Symbol für etwas anderes. Eine Kraft, die in Verbindung mit dem schwarzen Mais (Garmonbozia?) eine dunkle Version des Feuers ergibt. Dabei sei vor allem die gute oder schlechte Intention wichtig - eine Aussage, die nach Unterhaltungen über Atomkraft klingt, die in The Return - Part 8 mit den Wesen der „Twin Peaks“-Mythologie in Verbindung gebracht wurde.
Ein weiterer Anruf der Log Lady (Catherine E. Coulson) bestätigt, dass Hawks Weg die Ermittler zum Feuer führen wird, doch über das Hasen/Eulensymbol auf der Karte und der Notiz des Majors will er Truman (und uns) auf keinen Fall Aufschluss geben. „Frank, you don't ever wanna know about that.“ Hawk, Hüter der Geheimnisse von Twin Peaks.
Ein Traum von Kirschkuchen
Die gesamte zweite Hälfte der Episode befasst sich mit Dougie (MacLachlan) und seinem wichtigen Meeting mit den brandgefährlichen Mitchum-Brüdern. Anders als diesen zuletzt berichtet wurde, ist er nämlich nicht dafür verantwortlich, dass den Casino-Betreibern die 30 Millionen Dollar Brandschutzversicherung verweigert wurden, ganz im Gegenteil. Seine aufdeckende Arbeit bestätigte im Nachhinein, dass es sich um einen legitimen Brand handelte, weshalb er persönlich den Scheck überbringen soll. Besonders Bradley (Jim Belushi) kann es kaum erwarten, Mr. Jackpot, der sie danach noch im Casino ausnahm, den Garaus zu machen, erinnert sich dann aber an einen seltsamen Traum der letzten Nacht.

In seinem Traum war Rodneys (Robert Knepper) Verletzung, die er in der letzten Folge von Candie (Amy Shiels) erhalten hatte, längst verheilt, was sich unter dem Pflaster erstaunlicherweise als wahr entpuppt. Als Dougie plötzlich mit einem Karton vor ihnen steht, fällt Bradley ein weiteres Detail aus dem Traum ein und sollte in der Box sein, was er vermutet, werden sie ihn verschonen. Tatsächlich ist Dougie mit lebensrettendem Cherry Pie bewaffnet und als dann noch der Scheck zum Vorschein kommt, ist die Freude groß und es wird angemessen gefeiert. Mit Kirschkuchen selbstverständlich, der Dougie beinahe wieder zurück in Agent Cooper verwandelt.
Findige „Twin Peaks“-Detectives sind sicher längst darauf gekommen, dass der Einarmige (Al Strobel) seine Hand im Spiel hatte, um Dougie ein weiteres Mal zu beschützen. Ist er Agent Cooper während des Palmer-Falls nicht auch im Traum erschienen, um ihn auf den richtigen Weg zu führen? Fragt sich nur, ob die geheilte Verletzung von Candie, die ganz nebenbei ebenso abwesend wie Dougie erscheint, eine weitere Bewandtnis hat.
Fazit
Während in The Return - Part 11 wieder neue Verwandtschafts- und Beziehungsverhältnisse enthüllt wurden, tickt im Hintergrund der Countdown zum großen Event, zu welchem die Koordinaten sowohl das FBI als auch die Ermittler des Sheriff's Departments aus Twin Peaks (und vielleicht sogar den bösen Cooper) führen. Es fühlt sich alles sehr nach der damaligen Suche nach der Black Lodge in Glastonbury Grove an, doch wer weiß, womit die erweiterte Mythologie am Ende dieser Reise aufwarten wird - und inwieweit sich diese mit den Angaben aus Mark Frosts Buch „The Secret History of Twin Peaks“ decken wird.
Mittlerweile haben sich hoffentlich alle damit abgefunden, dass wir den guten alten Agent Cooper wohl frühestens gegen Ende in alter Form zurückbekommen werden. Sobald dementsprechend Geduld für die Dougie-Szenen aufgebracht wird, kann man sich endlich auf das von Kyle MacLachlan abgelieferte Comedy-Gold konzentrieren, welches in Verbindung mit den brillant gespielten Mitchum-Brüdern in dieser Folge seinen Höhepunkt erreicht, auch wenn lebensrettender Traum-Kirschkuchen nach ganz schlimmem Fanservice klingt.
Anstelle eines Roadhouse-Auftritts bekommen wir diese Woche übrigens ein von David Lynch und Komponist Angelo Badalamenti geschriebenes Stück namens „Heartbreaking“ auf dem Piano präsentiert.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 24. Juli 2017(Twin Peaks 3x11)
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