
In Machart und Stil erinnert das neue AMC-Spionagedrama Turn an ein Schwesterprodukt des gleichen Senders. Auch Hell on Wheels konnte zum Start (die Serie befindet sich mittlerweile in der dritten Staffel) mit überzeugender Ausstattung und detailgetreuem Kulisseneinsatz punkten, die Leistungen der Hauptdarsteller waren solide. Trotzdem fehlte der Westernserie das Fleisch auf den Knochen, sie schaffte es zu keinem Zeitpunkt, in den Rang der großen Historienstücke wie Boardwalk Empire oder Mad Men aufgenommen zu werden.
Legacy is everything
Wenngleich ein Urteil nach der Pilotepisode noch verfrüht ist, so deutet die Umsetzung des dramaturgischen Stoffes von Turn eine ähnliche Entwicklung an. Der Inhalt der Folge hätte in weniger Zeit abgearbeitet werden können. Zudem wäre es hilfreicher gewesen, die Verwandlung von Abraham Woodhull (Jamie Bell) in einen Spion der revolutionären Kräfte im Amerika des Jahres 1776 zügiger voranzutreiben. Etwas mehr Überzeugung stünde dem Charakter sicherlich gut zu Gesicht, „Abe“ ist jedoch ständig hin- und hergerissen zwischen den Vorstellungen seines Vaters und den eigenen Gefühlen gegenüber der Revolution.
Die Handlung von Turn beginnt im Herbst des Jahres 1776, ein Jahr nach dem Ausbruch des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges der 13 Kolonien gegen die britische Kolonialmacht. Im Juli des gleichen Jahres war die von Thomas Jefferson verfasste amerikanische Unabhängigkeitserklärung verabschiedet worden. Abraham Woodhull lebt als Landwirt mit seiner Familie, Ehefrau Mary (Meegan Warner) und einem kleinen Sohn, in Setauket, einem kleinen Ort in Long Island.
Er scheint zwischen seiner Familie und seiner ehemaligen Verlobten Anna (Heather Lind) zu stehen, die mit Selah (Robert Beitzel) verheiratet ist. Die beiden betreiben gemeinsam einen Gasthof. Selah ist ein Hitzkopf, der nicht lange fackelt, den Vertretern der englischen Kolonialmacht die Meinung zu geigen und dabei auch handgreiflich zu werden. Es dauert also nicht lange, bis er sich und Abraham in Schwierigkeiten bringt, als er einen Kommandanten während einer Rangelei verletzt. Die beiden werden von Leutnant John Simcoe (Samuel Roukin) festgenommen und eingesperrt.

Abrahams Vater Richard (Kevin McNally) ist Richter mit guten Beziehungen zu den Vertretern der englischen Kolonialmacht. Ihm gelingt es, Major Hewlett (Burn Gorman) davon zu überzeugen, seinen Sohn freizulassen. Selah hingegen bleibt in Haft und muss sich gar Foltermethoden gefallen lassen. Er ringt Abe das Versprechen ab, dass der sich um Anna kümmere. Die wird später vom Widerling Simcoe aufgesucht, der bei ihr einziehen will.
I know you lied
Bald darauf wird der zuvor von Selah angegangene Kommandant Joyce ermordet aufgefunden. Seine Leiche liegt in einem abgeernteten Kohlfeld, mehrere Maden quillen aus der tödlichen Schnittwunde am Hals. Weil zuvor gezeigt wurde, dass Abrahams Kohlköpfe von Maden befallen sind und er deshalb mit großen Ernteausfällen zu rechnen hat, fällt der Verdacht des Zuschauers sofort auf ihn. Später wird dies durch seine flammenden Plädoyers für seine Unschuld konterkariert. Die Obrigkeit macht sich indes sofort auf die Suche nach ihm.
Abraham ist da jedoch schon auf dem Weg zu seinem alten Freund Caleb Brewster (Daniel Henshall), einem Händler, der aus Setauket flüchten musste, weil er allzu offensichtlich mit revolutionären Ideen geflirtet hatte. Mit ihm tauscht er einige verbliebene Kohlköpfe gegen Silberstücke und ein Stück Seide. Was Abraham zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er befindet sich in einem ersten Rekrutierungsgespräch. Caleb fühlt ihm unauffällig auf den Zahn, um zu prüfen, ob er geeignet wäre, in den Dienst der Aufständischen zu treten.
Während der nächtlichen Rückfahrt wird Abraham in seinem Boot kontrolliert und wegen Schmuggelei festgenommen. Im Gefängnis wird er mittels Waterboarding gefoltert, bis ihn ein weiterer alter Freund, Ben Talmadge (Seth Numrich), erlöst. Ihn hatten wir bereits in einer Auftaktszene kennengelernt, in der es ihm gelang, einer Miliz von Söldnern der Kolonialmacht unter Führung des grobschlächtigen Haudegen Robert Rogers (Angus Macfadyen) zu entkommen. Nun führt er mit Abraham ein zweites Rekrutierungsgespräch, in dem der die Grundvoraussetzung erfüllt, weil er Caleb wegen des Schmuggels nicht verrät.

Abraham lässt sich zur Kooperation überreden: „All I ask is that you fight for what you believe in.“ Wegen seiner guten Kontakte zur Besatzungsmacht soll er als Spion eingesetzt werden. Er wird also zurück nach Setauket geschickt, wo ihn sogleich die britischen Soldaten festnehmen. Er gibt seine Schmuggelaktivitäten freimütig zu und bekommt dank der Lobbyarbeit seines Vaters die milde Strafe, in aller Öffentlichkeit einen Treueschwur auf den englischen König George III. leisten zu müssen. Gleichzeitig nennt er gegenüber Hewlett und seinem Vater einige erfundene Namen von Männern, die ihm beim Schmuggeln geholfen haben sollen.
I'm done protecting you
Später stattet er Anna einen Besuch ab und erfährt, dass Simcoe bei ihr eingezogen ist und sie überwacht. Als sie erfährt, dass er von Ben rekrutiert wurde, drängt sie ihn dazu, die Aufgabe anzunehmen. Seine Ehefrau Mary hält davon hingegen überhaupt nichts. Die eine will sich gegen die Obrigkeit auflehnen, die andere den Kopf einziehen und sich mit der Situation arrangieren. Abraham steht genau dazwischen.
Die Pilotepisode ist schon beinahe vorbei, da kommt es sehr spät zur ersten Spionageaktivität. Abraham bricht in Hewletts Arbeitszimmer ein und entdeckt dort eine verschlüsselte Botschaft. Demnach sei ein Angriff auf ein Geheimversteck der Revolutionäre geplant. Er gibt diese Informationen weiter und verspricht gleichzeitig Anna, dass er wisse, wie sie Simcoe loswerden könne. Bald darauf geraten die Soldaten des Königs in einen Hinterhalt. Ben, Caleb und die restlichen Blaujacken nehmen Simcoe gefangen und erschießen alle anderen. Dies führt jedoch dazu, dass Richard ein Verdacht beschleicht: Weil Abraham zuvor schon falsche Namen genannt hatte, könnte er nun auch mit dem Angriff im Zusammenhang stehen.
Dafür, dass Turn als Spionageserie vermarktet wird, sind in der Auftaktepisode nur sehr wenige Spionagetechniken zu sehen. Außer einem geheimen Zeichen (der schwarze Petticoat) und einem Entschlüsselungstableau gab es nichts zu bestaunen. Dabei macht der wunderbar animierte Vorspann so viel Lust auf diese Zeit und ihre rudimentären Einsatzmittel. Die Eröffnung bietet gute Schauspielleistungen und eine Geschichte mit Potential. Im Pilot wurde dies jedoch nur stellenweise abgerufen. Ansonsten fehlte der Episode der Punch, der beim Zuschauer echte Begeisterung entfacht und für neue Serienproduktionen so wichtig ist. Vielleicht folgt er ja noch.