Trust 1x10

© . Paul Getty I (Donald Sutherland) und J. Paul Getty III (Harris Dicksinson) treffen sich von Angesicht zu Angesicht. (c) FX
Am vergangenen Sonntag beendeten zwei neue Serien aus den USA ihre jeweiligen Auftaktstaffeln: Killing Eve von BBC America und Trust von FX. Und wĂ€hrend ich erstgenannte in meinem Review noch als „beste neue Serie im Jahr 2018“ bezeichnet hatte, so gebĂŒhrt der zweiten wenigstens der Titel der „schönsten neuen Serie im Jahr 2018“. Entscheidet der Kopf, gewinnt natĂŒrlich „die beste“. Doch geht es nach dem Herzen, triumphiert zu guter Letzt „die schönste“.
SJ-Therapie 2x08: Trust und die verrückten Milliardäre
FĂŒr nĂŒchterne Rationalisten, denen die Serie wahrscheinlich eh nicht gefallen wird, hier also die Warnung: Die folgende Kritik der ersten und hoffentlich nicht letzten Staffel Trust wird alles andere als objektiv oder analytisch. Vielmehr gebe ich mich, noch immer trunken vom grandiosen Finale, den eigenen GefĂŒhlen hin. FĂŒr mich ist dies nicht einfach eine Serie, sondern ein GemĂ€lde Michelangelos (was die Bildkompositionen und Kamerafahrten betrifft) oder fast schon eine Oper von Puccini (mit Blick auf die herrliche Melodramatik und AbsurditĂ€t).
Eine echte Schande, dass Sky Atlantic die geplante Deutschlandpremiere Anfang Mai aus sogenannten lizenzrechtlichen GrĂŒnden auf unbestimmte Zeit verschieben musste. Ganz ohne Spoiler kommt man bei der Besprechung leider nicht aus. Wer sich hinsichtlich der Handlung ĂŒberraschen lassen will, kann aber wenigstens zur letzten Seite springen, auf der ich die schönsten Szenenbilder dieser Staffel gesammelt habe. Und wenn die den Appetit nicht anregen, dann weiĂ ich auch nicht...
Gettys italienische Reise
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Die Serie Trust erzĂ€hlt vom Mythos der Familie Getty, die in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts als reichster Clan der Welt betrachtet wurde. Ich sage bewusst „Mythos“, denn die Serienmacher Danny Boyle und Simon Beaufoy, die als eingespieltes Regisseur-Autoren-Duo auch Filme wie „Slumdog Millionaire“ und „127 Hours“ schufen, nehmen sich sehr groĂe Freiheiten. So groĂ, dass eine Getty-Erbin sogar Klage einreichte. Doch als Zuschauer kann man nur froh darĂŒber sein, dass sich Boyle und Beaufoy nicht sklavisch an die Fakten halten. Gleiches gilt ĂŒbrigens auch fĂŒr „Alles Geld der Welt“, den ebenfalls 2018 erschienen Film von Ridley Scott, der dieselbe Geschichte aufarbeitet.

Doch was ist die Geschichte ĂŒberhaupt? Im Zentrum stehen drei MĂ€nner, die allesamt denselben Namen tragen: Jean/John Paul Getty. J. Paul Getty I (Donald Sutherland) ist der Patriarch, der die Familie, aber vor allem den Treuhandfonds zusammenhĂ€lt. J. Paul Getty II (Michael Esper) ist sein Junkiesohn, der dem stĂ€ndigen Druck seines Ăbervaters nicht standhielt. Und J. Paul Getty III (Harris Dickinson) ist der Enkel, der charmante HoffnungstrĂ€ger der Familie, dem allerdings ein tragisches Schicksal widerfĂ€hrt - so wie am Ende auch den anderen.
Seinen Beginn nimmt das Drama - wie so viele groĂe Dramen der Geschichte - in Bella Italia, genauer gesagt in Rom, der Wahlheimat des jungen Paul. Fern vom ĂlgeschĂ€ft seiner Familie und der BĂŒrde, die der Name Getty mit sich bringt, lebt er dort das schöne Leben. Mit den deutschen Zwillingsschwestern Jutta (Sarah Bellini) und Martine (Laura Bellini) geht er feiern, tanzen, rebellieren und nimmt auch jede Menge Drogen. Mal besuchen sie eine Party des Regisseurs Polanski, mal werfen sie Steine auf die Carabinieri. Was soll man sagen? Es sind eben die Siebziger und die drei Möchtegern-Hippies sind jung, dumm und glĂŒcklich. Nur leider sorgt die Dummheit bald fĂŒr das Ende ihres GlĂŒcks.
Eine Sommerliebe mit der Mafia
Wenn sich Hollywood dem Stiefel SĂŒdeuropas annimmt, kann man sicher sein, dass auch das organisierte Verbrechen eine Rolle spielt. Als Paul wegen einer Summe von 6000 Dollar in Misskredit gerĂ€t, hilft ihm der Familienfonds nicht weiter. In seinem Ăbermut nimmt er die Sache selbst in die Hand und verkauft sich kurzerhand an Gangster. Gemeinsam mit seinem Bekannten Bertolini (Giuseppe Battiston) arrangiert er die eigene EntfĂŒhrung. Denn, wenn der Thronfolger der reichsten Dynastie der Welt gekidnappt wird, scheint der Geldregen unvermeidlich. Allerdings hat Paul die Rechnung nicht mit seinem geizigen GroĂvater gemacht, der trotz schlimmster Drohungen nicht einen Cent bezahlen will.
Stattdessen schickt der MilliardĂ€r seinen Problemlöser nach Europa, den Texaner Fletcher Chace (Brendan Fraser). Und was Fraser aus dieser Rolle macht, ist wirklich groĂes Kino und lĂ€sst einen als Zuschauer um all die verlorenen Jahre weinen, in denen der Schauspieler wie vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Ein Mann mit seinem Charisma muss einfach ein Weltstar sein - und jeder, der die Serie sieht, wird das bestĂ€tigen. Obwohl Trust noch viele andere fantastische Darstellerinnen und Darsteller zu bieten hat: Von der zweifachen OscarpreistrĂ€gerin Hilary Swank als Pauls Mutter Gail ĂŒber Silas Carson als sympathischen Butler Bullimore bis hin zum Italiener Luca Marinelli, der mit seinem Primo den wohl coolsten Kriminellen dieses Jahres spielt.

Mit Primo und Fletcher Chace, der quasi als ErzĂ€hler der Serie fungiert und der als einziger die fetzigen Montageszenen einleiten kann, die der Geschichte durch bunte Originalaufnahmen den nötigen Zeitgeist einhauchen, beginnt Trust ab Episode zwei, so richtig SpaĂ zu machen. Denn die Serie ist nicht etwa nur dramatisch und emotional, sondern auch wahnsinnig witzig - eben ganz genau wie The Young Pope. Die besten SprĂŒche haben natĂŒrlich der schmalzige Mafioso und der taffe Hobby-Cowboy. Doch alle anderen MĂ€nner versuchen nicht weniger zu beweisen, wie stark und abgeklĂ€rt sie sind. Immer wieder betonen sie, wie wichtig ihr Business sei, wĂ€hrend die Frauen den Blick fĂŒr das wirklich Wichtige behalten, nĂ€mlich dafĂŒr, dass keiner verletzt wird...
Die Poesie der Gewalt
Ohne das VergieĂen von Blut kann ein Drama wie Trust allerdings nicht enden. So ziemlich alles, was schiefgehen kann, geht schief - besonders aufseiten der Verbrecher, die sich mit der EntfĂŒhrung des Getty-Jungen mehr als offensichtlich ĂŒbernommen haben. Gleich mehrmals gelingt dem jungen Paul die Flucht, doch durch unglĂŒckliche UmstĂ€nde landet er immer wieder in den FĂ€ngen seiner Peiniger. Obwohl er eigentlich kein groĂes Leid erfĂ€hrt, denn auch sie schlieĂen den freundlichen MilliardĂ€rsspross, der sie mit Respekt behandelt und Schattenspiele fĂŒr sie auffĂŒhrt, schnell in ihre Herzen. Mit dem Ăbersetzer Angelo (Andrea Arcangeli) verbrĂŒdert er sich sogar, was Mitte der Staffel fĂŒr eine der herzerwĂ€rmendsten und dann herzzerreiĂendsten Szenen dieser Serie sorgt.
Mit der Zeit weicht aber auch die kategorische Ablehnung von Getty Senior auf, auf die Lösegeldforderungen einzugehen. Man erkennt tatsĂ€chlich, dass dem alten Mann an seinem Enkel etwas liegt. Als er ihn durch ein MissverstĂ€ndnis kurzzeitig fĂŒr tot hĂ€lt, fĂ€ngt er sogar an, zu weinen. Aber natĂŒrlich wĂ€re der GeschĂ€ftsmann nie so reich geworden, wenn er nicht auch in den heikelsten Situationen noch verhandeln wĂŒrde. Aus 17 Millionen Dollar werden rasch nur noch fĂŒnf. Allerdings ist auch an diesem Deal noch eine irrwitzige Bedingung geknĂŒpft: Bezahlen soll sie nĂ€mlich der zugedröhnte Getty II, der den Kredit aus dem Fonds jedoch nur mit Zinsen aufnehmen darf. Soll heiĂen: Getty I verdient an der EntfĂŒhrung mit.
Die arme Mutter Gail kann dieses furchtbare Theater gröĂtenteils nur hilflos mitverfolgen, doch gegen Ende der Staffel wird sie in ihrer Verzweiflung immer aktiver. Nicht einmal ihr Aufpasser Chace kann sie nun noch aufhalten, um ihr heimliches Lieblingskind sicher und gesund zurĂŒckzukriegen. Sie ist die wahre oder vielleicht sogar die einzige Heldin der Geschichte - obwohl ihr Geschmack in Sachen MĂ€nnern durchaus zu wĂŒnschen ĂŒbriglĂ€sst. Ernsthaft, Gail, diese beiden Typen?!?

Bevor es aber in die Besprechung des Finales geht, hier noch einmal die Empfehlung, der Serie Trust eine Chance zu geben: Zugegeben, das Familiendrama ist grotesk, an vielen Stellen zu dick aufgetragen und als Dokumentation ĂŒber die Geschichte der Familie Getty taugt das Ganze auch nicht. Doch zumindest fĂŒr Ăstheten dĂŒrfte die Serie ein echter Volltreffer sein, denn: Was uns Boyle und Beaufoy allein auf visueller Ebene servieren, ist absolute Spitzenklasse (einige Kostproben gibt es auf der nĂ€chsten Seite). Und wer anfangs Probleme hat, reinzukommen, dem sei gesagt, dass die Auftaktstaffel in ihrer zweiten HĂ€lfte noch einmal deutlich zulegt. Besonders die Episoden In the Name of the Father (1x08) und White Car in a Snowstorm (1x09) sind dabei positiv hervorzuheben, obwohl auch die Finalfolge Consequences (1x10) einiges zu bieten hat.
Der Schlussakt
Nachdem Paul bereits im Vorfinale freikam - oder eigentlich dem echten Finale, denn die letzte Episode ist eher ein Epilog - geht es, wie der Titel schon verrĂ€t, nun um Konsequenzen. Fletcher Chace erklĂ€rt, dass Geschichten nie einfach nur enden wie in Filmen. Es geht immer weiter und am Schluss erwartet uns alle sowieso dasselbe Schicksal. FĂŒr Paul steht zunĂ€chst die Hochzeit mit Martine an, die ihn aber weniger aus Liebe, sondern vielmehr aus SchuldgefĂŒhlen heiratet. Und natĂŒrlich geht das auf lange Sicht nicht gut. Auch beim jĂŒngsten Getty nimmt mit der Zeit die Drogensucht die Ăberhand. Wer wissen will, wie das Ganze im wahren Leben ausging, der soll es einfach googlen, so der ErzĂ€hler.
Am besten endet die Geschichte fĂŒr die Mafiosi. Primo lĂ€sst auf seine groĂen Worte groĂe Taten folgen und investiert das Lösegeld in einen Hafen in Kalabrien. Wie er schon sagte: Er will MĂ€nner wie Getty nicht ausrauben, sondern Getty sein. Zuvor muss er aber noch ein paar Hindernisse aus dem Weg rĂ€umen, was dem Finale die nötige Mindestmenge Blut verleiht.
Das dramatischste Ende wird dem groĂen Patriarchen, dem alten Getty, zuteil. Nach der Befreiung seines Enkels scheint all das GlĂŒck, das er in seinem Leben hatte, aufgebraucht. Sein Plan, das prĂ€chtigste Museum der Welt zu bauen, das noch heute in Los Angeles stehende J. Paul Getty Museum, macht ihn zur Lachnummer. Seine Frauen verlassen ihn, wobei vor allem der Verlust der selbstbewussten Penelope (Anna Chancellor) schmerzt. Und sein Butler Bullimore, der ja eigentlich ganz anders heiĂt, kehrt ihm ebenfalls den RĂŒcken. Getty sah sich stets als Reinkarnation des Imperators Hadrian, ein missverstandener Kaiser, der nur das Beste fĂŒr Rom wollte. Am Ende muss er erkennen, dass er einem anderen Monarchen gleicht, dem verfluchten König Midas, der mit seiner BerĂŒhrung alles zu Gold verwandelt und am Schluss verhungert.
Herrlich ĂŒbertrieben und pathetisch wird Sutherland verabschiedet. Den emotionalen Höhepunkt liefert aber der ErzĂ€hler selbst, der als einziger aus den Fehlern des Stolzes gelernt zu haben scheint. Statt wie Getty in der Einsamkeit zu bleiben, springt er ĂŒber seinen Schatten und fĂ€hrt zu seiner Familie. Allein fĂŒr diese letzte Mimik, die uns Fraser prĂ€sentiert, hĂ€tte er einen Emmy verdient. Was fĂŒr eine Freude, ihm zuzuschauen! Und was fĂŒr eine tolle Serie!
Wie versprochen, seht Ihr auf der nĂ€chsten Seite die zehn schönsten Szenenbilder der ersten Staffel âTrustâ...
Die schönsten Szenenbilder der ersten Staffel âTrustâ...
Oft sind es die Schauspieler, Regisseure oder Autoren, die eine Serie auf ein anderes Level heben können, doch im Fall von Trust haben eindeutig die Kameraleute Christopher Ross, Monika Lenczewska und Oliver Curtis den besten Job gemacht. Das gilt es nun zu zelebrieren, vor allem, weil ich beim Schauen ohnehin nicht anders konnte, als stĂ€ndig Screenshots zu schieĂen. Besonderes Markenzeichen der Serie: eine schiefe Perspektive, die viele der bizarrsten Momente bildlich unterstĂŒtzt. Vor allem bei meinem persönlichen Lieblingsbild ist kaum noch zu unterscheiden, ob es sich nun um einen Serienschnipsel handelt oder um ein GemĂ€lde von van Gogh. Einfach atemberaubend!
Platz 10: Das Anwesen der Familie Getty

Platz 9: Eine Spritztour durch die Idylle Italiens

Platz 8: Ein Telefonat vor dem Pantheon in Rom

Platz 7: Getty Senior und seine Frauen

Platz 6: Primo und Fifty in den Ruinen Roms

Platz 5: Die Statue weist Gail den Weg

Platz 4: Martine vor dem Kolosseum

Platz 3: WeiĂes Auto im Schneesturm

Platz 2: Fletcher Chace zieht von dannen

Platz 1: Paul und Primo im Sonnenblumenfeld

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Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 29. Mai 2018(Trust 1x10)
Schauspieler in der Episode Trust 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?