Trust 1x01

© ??Trust“ (c) FX
Doppelt hält besser. Nur wenige Monate nach dem US-Kinostart von Sir Ridley Scotts „All the Money in the World“ (in Deutschland lief der Film Mitte Februar an), gibt es nun ein kleines Déjà-vu mit der sonderbaren Familiengeschichte, die sich rund um den milliardenschweren Unternehmer J. Paul Getty vor mehr als 40 Jahren zugetragen hat. Der amerikanische Bezahlsender FX hat mit dem renommierten britischen Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“, „Steve Jobs“) und dem Drehbuchautor Simon Beaufoy kollaboriert, um die Anthologieserie Trust aus der Taufe zu heben. Und in deren erster Staffel befasst man sich eben mit diesem brisanten Fall, dem sich Scott und TriStar Pictures mit ihrem Spielfilm angenommen haben.
Laut diversen Quellen wurde Ridley Scott gar dazu angehalten, dass sein Film doch bitte vor der Serie fertig werden sollte. Verständlich, denn die zweifache filmische beziehungsweise serielle Adaption ein und derselben Geschichte kann schon ein wenig überflüssig wirken. Da sollte man doch möglichst zuerst aus den Startlöchern kommen. Nachdem Kevin Spacey aus bekannten Gründen wenige Wochen vor dem Starttermin von „All the Money in the World“ durch Christopher Plummer ersetzt worden war, der Film bei den großen Award-Shows des Geschäfts keine wirkliche Rolle gespielt hat und bis dato auch die Einspielergebnisse (trotz solider bis guter Kritiken wohlgemerkt) überschaubar waren, sehen die Chance für die FX-Serie aber gar nicht mal so schlecht aus, die filmische Konkurrenz zu überflügeln.
Business as usual
Und schaut man sich nur die hervorragende Pilotfolge des Neustarts an, die unnachahmlich von Danny Boyle inszeniert wurde, fühlt man sich in dieser Prognose sogleich bestätigt. Eine ganze Stunde wird dem Zuschauer abverlangt, sich in dem Setting der Geschichte und der mitunter unvorstellbaren Lebensrealität des speziellen Hauptcharakters J. Paul Getty (Donald Sutherland) zu verlieren. Und man genießt jede einzelne Sekunde dieses absurden Trips hinein ins Wesen eines Menschen, der größer als das Leben selbst ist. Der abwechslungsreiche, teils obskure und oftmals allein durch die sorgfältig in Szene gesetzten Bilder vielsagende Auftakt entwickelt rasend schnell eine sehenswerte Eigendynamik. Langweilig wird es dabei nie. Vielmehr finden Boyle und Beaufoy, die beide bereits an Filmen wie „Slumdog Millionaire“ oder „127 Hours“ zusammengearbeitet haben, eine spielerische Freude daran, dieser einzigartigen Geschichte mit einzigartigen Charakteren neues Leben einzuhauchen.
The old king
Die Handlung von „Trust“ setzt im Jahr 1973 ein und beginnt mit einer verstörenden Szene, als sich ein Mann vor den Augen seiner vier Liebschaften mit einer großen Steakgabel das Leben nimmt. Der Verstorbene ist der Sohn des Ölmagnaten und schwerreichen Geschäftsmannes J. Paul Getty, Gründer von Getty Oil, er galt eigentlich als designierter Erbe des Familienunternehmens. Jetzt muss der Patriarch einen neuen Kandidaten für die schwierige Aufgaben finden, sein Vermächtnis weiterzutragen. Vom sonnigen, grellen Hollywood geht es schnurstracks ins graue, regnerische Großbritannien, zum dunklen Anwesen von Getty, in dem er wie ein unfehlbarer König Hof hält. Von seiner finsteren Festung aus reagiert er mit harter Hand über seine Angestellten wie über seine Familie, die eine Enttäuschung nach der anderen für ihn bereithält.
In seinem gerade mal 16-jährigen Enkel John Paul Getty III. (Harris Dickinson) sieht er aber einen Hoffnungsschimmer für sein immenses Erbe. Der junge Bursche macht zunächst den Eindruck eines lässigen, sorglosen Surfertyps, völlig harm-, aber eben auch ambitions- und ziellos. Doch schnell findet Getty senior Gefallen an seinem Nachfolger in spe, bis ihm klar wird, dass auch dieser wie jedes andere, blutsaugende Familienmitglied an sein gewaltiges Vermögen will. Doch damit ist die Erzählung gerade mal an ihrem unkomplizierten Anfang angekommen. Der junge John Paul Getty III. hat nämlich deftige Schulden bei der italienischen Mafia. So wird er eines Tages in Rom entführt, womit das Drama, welches in insgesamt zehn Episoden ergründet wird, erst seinen Lauf nimmt. Wer aber glaubt, dass der milliardenschwere Opa einfach mal seinen Geldbeutel zückt, um seinen trügerischen Enkel aus der Bredouille zu boxen, ist schief gewickelt...

Own the world
Die Entführung von John Paul Getty III. im Jahr 1973 war ein großes mediales Ereignis. Dessen Großvater sträubte sich lange Zeit, die geforderte Lösegeldsumme zu zahlen, die Mutter des Entführten, Gail Getty (in der Serie von Hilary Swank verkörpert), arbeitete derweil mit einem Privatermittler (in der ersten Folge kurz zu sehen: Brendan Fraser als James Fletcher Chace) zusammen, um John Paul zu befreien. Irgendwann - und nachdem John Paul ein Ohr abgeschnitten wurde, das seine Familie als Drohung zugeschickt bekam - knickte Getty Sr. ein und zahlte eine Summe von 2,9 Millionen US-Dollar, um seinen Enkel zu retten. 2,2 Millionen davon waren von der Steuer absetzbar, der Rest war eine Leihe an den entführten John Paul Getty III., die er seinem Großvater zurückzahlen sollte - inklusive einem Zinssatz von 4 %.
Diese kleine Anekdote gibt dem Zuschauer einen ersten Vorgeschmack, was für ein Typ Mensch J. Paul Getty gewesen ist. Die Serie selbst lässt aber ebenfalls keine Zweifel daran, dass es sich bei ihm um eine Persönlichkeit sondergleichen gehandelt hat. Serienschöpfer Simon Beaufoy und Danny Boyle wandeln auf einem schmalen Grat: Auf der einen Seite erzeugen sie ein bisweilen abstoßendes Bild von einem alten, bitteren, knausrigen Kanten, der eine perverse Freude daran hat, seine Schar an Geliebten gegeneinander auszuspielen und diverse Schlupflöcher auszunutzen, um sein Vermögen zu vermehren. Auf der anderen Seite ist dieser Charakter - wie er tickt, was ihn antreibt (Gier, Macht und die Angst vor dem Vergessenwerden) und welche menschlichen Untiefen für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden sind - ungemein faszinierend. Man möchte fast schon Zeit mit diesem harten Hund verbringen, der von seinem eigenen Blut und von seinen Bediensteten gleichermaßen gefürchtet und verabscheut wird.
The coolest dude
Man erhält einen erschreckenden, kurzweiligen Einblick in das alltägliche Leben von J. Paul Getty, der mit so viel kühler Fassung, sezierenden Blicken und niemals aufhörender Verachtung für seine Mitmenschen von Donald Sutherland gespielt wird. Nach gut der Hälfte der Auftaktepisode The House of Getty kommt jedoch plötzlich frischer Wind in das verkrustete Gemäuer des Getty-Anwesen und des Familienoberhauptes selbst herein. In Person seines Enkels John Paul Getty III., der mit einer tapsigen Unschuld von Harris Dickinson verkörpert wird, trifft ein Extrem auf ein anderes. Und doch findet das ungleiche Duo zueinander, Getty ist mehr als angetan von dem jungen Spross, der wie eine Frischzellenkur für den Senior ist. Umso mehr trifft es ihn, dass auch der Enkel nur eine weitere Enttäuschung ist, wie alle anderen zuvor auch, die sich als seine Nachfolger und Erben angebiedert haben.
Welcome to the spider's web
Aber nicht nur die fernab von der Realität lebenden Charaktere, die diese bizarre Geschichte energisch vorantreiben, wecken Interesse. Es ist vor allem auch Danny Boyles sehr expressive, mit Doppeldeutigkeiten gespickte Inszenierung, die „Trust“ so einnehmend und spannend macht. Manchmal büßt man dadurch ein wenig Subtilität ein (das gesamte Anwesen von Getty ist rein optisch ein Vorort der Hölle, wo kleine Maulwürfe plattgeschlagen und schwarze Gänse über den Haufen gefahren werden, wenn sie nicht rechtzeitig ausweichen), doch die überspitzte Darstellung hat einen sehr hohen Unterhaltungswert. Teilweise wirkt die Geschichte wie ein schauerliches Märchen um einen skrupellosen, mächtigen Greis, der mit seinen knochigen Fingern die Strippen zieht. Dann lässt Boyle wieder etwas mehr Licht in diese Welt (über John Paul Getty III. zum Beispiel), das dann zum Ende wieder gnadenlos erstickt wird.
Wenn der junge John Paul in einem pechschwarzen Swimmingpool seine Bahnen zieht, könnte man fast meinen, er bade im zähflüssigen Öl, dass ihn langsam runterzieht. Boyle und Beaufoy spielen mit dieser überdeutlichen Ambivalenz, die Kamerawinkel und Einstellungen (großartig: In einer Szene verzerrt ein kleiner Spiegel die Visage von Getty extrem, wodurch sich das Monster zeigt, das er ist) variieren stark, wodurch ein herrliches Bild dieser verformten, unrealen Welt entsteht, durch die sich die Figuren bewegen. Ob man dieses hohe Niveau hinter der Linse (Danny Boyle hat die Regie für die ersten drei Episoden übernommen) beibehalten kann, wird sich im Laufe der ersten Staffel von Trust noch zeigen müssen. Der Auftakt ist in audiovisueller Hinsicht eine lehrbuchhafte Glanzleistung und die sonderbare Geschichte entfaltet innerhalb kürzester Zeit eine Art Sogwirkung, wodurch man nur noch tiefer in diese einmalige Familiensaga hineingezogen wird.
Und dabei hat das eigentliche Drama noch gar nicht angefangen. Dass man dennoch sofort weiterschauen will, spricht für sich und zeigt, welch fantastische Arbeit man mit dieser starken Pilotepisode geleistet hat.
Die erste Staffel von „Trust“ ist in Deutschland ab dem 9. Mai auf Sky Atlantic HD sowie auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen.
Trailer zu „Trust“:
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 26. März 2018(Trust 1x01)
Schauspieler in der Episode Trust 1x01
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