True Blood 6x10

True Blood 6x10

Das Staffelfinale Radioactive kann nicht mit der Vorgängerepisode mithalten. Die Defizite in puncto Spannung versucht True Blood durch einen Zeitsprung und die splitternackte Haut von Eric Northman wettzumachen.

Sookie (Anna Paquin) und Ben (Robert Kazinsky) in „True Blood“ / (c) HBO
Sookie (Anna Paquin) und Ben (Robert Kazinsky) in „True Blood“ / (c) HBO

Das Erste, was einem nach der Betrachtung der Episode Radioactive ins Auge sticht, ist ihr unpassender Titel. Obwohl die Namen der Songs, die True Blood stets zu Folgentiteln macht, mal besser zu der betreffenden Episode passen und mal schlechter, hat das Staffelfinale doch ganz sicher nichts „Radioaktives“ an sich. Ist die Apokalypse, die von „Imagine Dragons“ in diesem Lied besungen wird, eine Anspielung auf die Vampirzombieinvasion, die den Menschen aus der Welt von „True Blood“ bevorsteht? Oder bezieht sich das „new age“, das in dem Lied angekündigt wird, auf die Strukturierung der Serie selbst? Wird sie sich von nun an öfter von ihrem gradlinigen zeitlichen Erzählkonzept trennen, um die Serie künftig mit der Hilfe von Zeitsprüngen in Schwung zu bringen?

Rettung und Euphorie

Bevor sich die Handlung der Serie sechs Monate in die Zukunft katapultiert, stehen die aus dem Vampcamp befreiten Vampire und Sookies (Anna Paquin) Liebeswirren im Vordergrund. Der Handlungsstrang der Blutsauger zeichnet sich vorwiegend durch die ausgeprägte Promiskuität auf der einen und die ungewohnt farbenfrohen Klamotten auf der anderen Seite aus. Sookie hingegen muss letztendlich die düstere Wahrheit über ihren Lebensgefährten in spe erfahren. So banal wie ihr Vorschlag anmutet, vor der ewigen Vereinigung erst ein paar Dates zu absolvieren, so unangekündigt outet sich Warlow (Robert Kazinsky) als chauvinistisches Stinktier mit snobistischen Tendenzen. Schließlich hatte er sich in den vergangenen Episoden doch äußerst einfühlsam gegeben. Ebenso überraschend und beliebig ist das Auftauchen von Niall (Rutger Hauer) als Retter in der Not, der der x-ten „Wir-retten-Sookie“-Unternehmung ein gutes Ende bereitet.

Ein zahnloser Kampf

Die zwischenzeitliche Allianz aus Jason (Ryan Kwanten), Bill (Stephen Moyer), Andy (Chris Bauer) und seiner merkwürdigerweise im Altern stagnierten Halbfeentochter Adilyn (Bailey Noble) bringt kleinere Lichtblicke mit sich. Doch während Adilyns verzweifeltes „I am like two weeks old“ oder ihr in logischer Konsequenz mit einem Pflaster versehener Hals hübsch anzusehen sind, will in dem Kampf gegen Warlow keine rechte Spannung aufkommen. Zudem fühlt sich nun Sookies zeitintensive, aber recht unspektakuläre Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit aus der Episode Dead Meat (6x08) wie verschwendete Spielzeit an. Ebenso verhält es sich mit Alcides (Joe Manganiello) unendlicher Irrfahrt als packmaster, an deren Ende der Werwolf ohne irgendwelche erkennbare Veränderung wieder sein altes, shirtloses Selbst ist. Bill hat sämtliche Lilith-induzierten Verfehlungen ebenfalls wieder abgelegt. Und noch eine Sache hat der Exgott mit Alcide - und auch Warlow - gemein: Sookie ist wieder die oberste Priorität.

Eric

Pam (Kristin Bauer van Straten) macht sich in ihrer neuerlich viel zu knapp bemessenen Spielzeit auf die Suche nach Eric. Dieser weilt jedoch mittlerweile weit weg von den schwülen Gefilden von Bon Temps - wo übrigens gern auch einmal ein Alligator auf den Grill kommt. Stattdessen ist er zu seinen skandinavischen Wurzeln zurückgekehrt und aalt sich in Schweden auf einer schneebedeckten Bergkuppe. Dort wartet auf den splitter(!)faser(!)nackt sonnenbadenden Eric eine feurige Überraschung, als sein temporärer Lichtschutz nach Warlows Tod seine Wirkung verliert. Obwohl sein Aufenthaltsort in luftigen Höhen nicht sonderlich überzeugend in Szene gesetzt ist, bringt Erics brennender Körper doch einen kleinen Schockmoment mit sich. Allerdings möchte die Rezensentin doch sehr stark bezweifeln, dass dies tatsächlich das Ende des Mr. Northman gewesen sein soll. Schließlich haben wir keinen blutigen Matsch oder eine sich windende Willa (Amelia Rose Blaire) gesehen... und Pam gibt es ja auch noch.

Den Bewohnern von Bon Temps steht eine kleine %26bdquo;Vombie%26ldquo;-Invasion bevor. © HBO
Den Bewohnern von Bon Temps steht eine kleine %26bdquo;Vombie%26ldquo;-Invasion bevor. © HBO

Ein guter Zeitsprung?

Der sechsmonatige Zeitsprung stellt an sich ein zweischneidiges Schwert dar. Auf der einen Seite profitiert die Dynamik der Serie stark von den Entwicklungen, die sich in diesem Zeitraum manifestiert haben. Aufgrund der Positionierung des Sprunges in der Episodenmitte - und nicht etwa zwischen den Staffeln - entsteht aber gleichzeitig der Eindruck, als hätten die Drehbuchautoren vor den komplexen innerfigürlichen Prozessen kapituliert, die die besagten Veränderungen schlüssig begründen. In jedem Falle ist es ein cleverer und dem Geist unserer Zeit entsprechender Einfall, Bill ein Buch über seine Erlebnisse als Gott schreiben zu lassen - und sein Werk „And God Bled“ dann auch noch in MSNBCs „The Last Word with Lawrence O'Donnell“ publik zu machen. Doch selbst der Hintergrund eines realen TV-Formats kann Bills Überzeugung kaum plausibler erscheinen lassen, für den Mord an diversen Wachleuten - und dem Governor Burrell selbst - keinerlei Konsequenzen befürchten zu müssen.

Neuerungen

Zu den weiteren einschneidenden Entwicklungen des vergangenen Halbjahrs zählen die Formation des Paares aus Alcide und Sookie und Arlenes (Carrie Preston) Erwerb von Sams (Sam Trammell) Restaurant, das nun auf den Namen „Bellefleur's Bar and Grill“ umgetauft ist. Außerdem hat sich der Vorbesitzer des Etablissements inzwischen zum Bürgermeister von Bon Temps aufgeschwungen. Sams Engagement dürfte wohl auf den Einfluss seiner politisch aktiven Freundin und den Wunsch zurückzuführen sein, die Welt für sein ungeborenes Kind zu einem stabileren Ort zu machen. Dabei wäre aber ein Nebensatz Arlenes über ihre Querelen mit einer misstrauischen Versicherung ein netter Bonus gewesen.

Jasons Beziehung zu Violet (Karolina Wydra) hat die vergangenen sechs Monate sowie 178 unvergoltene Oralsexeinlagen überdauert. Leider macht die besitzergreifende Vampirin - trotz ihrer Schlüsselrolle bei Sookies Befreiung und trotz ihrer unverkennbaren optischen Vorzüge - einen derartig unbeherrschten und unsympatischen Eindruck, dass ihre Nähe zu Jason sich zu einem Ärgernis entwickelt.

Ach ja, und ein Achtel der Vampirpopulation streift ganz im Stile von The Walking Dead mordend und ohne klaren Verstand auf Futtersuche durch das Land.

Lose Enden

Während Jason und Jessica (Deborah Ann Woll) in der vorangegangenen Episode ihre gemeinsame Vergangenheit völlig vergessen zu haben schienen, wird ihr in Radioactive zumindest ein Schmetterball gewidmet. Auch an anderer Stelle werden in diesem Staffelfinale Begebenheiten nachgereicht, die der Vergangenheit Rechnung tragen. Jessica darf sich endlich selbst bei Andy für den Mord an seinen Töchtern entschuldigen und auch Lettie Mae (Adina Porter) nutzt die Atmosphäre der generellen Gleichheit, um bei ihrer Tochter Tara (Rutina Wesley) um Absolution zu bitten. Während es sehr positiv zu bewerten ist, dass Taras über Ewigkeiten vernachlässigter Charakter wieder ein wenig Spielzeit erhält, geht mit ihrer Fütterung durch die tränenüberströmte Lettie ein unheilschwangeres Gefühl einher. Wie sie wohl bei dem Hep-V-Test abgeschnitten hatte?

Sookie (Anna Paquin) hat sich durch Warlow täuschen lassen. © HBO
Sookie (Anna Paquin) hat sich durch Warlow täuschen lassen. © HBO

Selbst das Schicksal von Hido Takahashi (Keone Young) ist nicht länger ein Geheimnis! In Anbetracht der vielen Antworten kann man sicherlich darüber hinwegsehen, dass weder Nialls Zukunftspläne noch die Lösung des Rätsels, wer denn jetzt das Massaker im Feenzelt angerichtet hatte, explizit abgehandelt werden. Sehr viel schwerer fällt es der Rezensentin jedoch, es den Machern von True Blood zu vergeben, die Zuschauer um die erotischen Traumsequenzen zwischen Eric und Jason betrogen zu haben.

Fazit

Nach der wirklich hervorragenden Episode Life Matters war es für das Staffelfinale nicht leicht, das gleiche Niveau zu halten. So ist die Folge Radioactive auch weit weniger dreist und mitreißend geraten. Nach den teils schwer zu ertragenden Bildern aus dem Vampircamp legt True Blood nun einen etwas konservativeren Ton an den Tag. Am Ende der Jagd nach Warlow wird der unverkennbar als böse gebrandmarkte Bösewicht kurz und fast schmerzlos ins endgültige Jenseits verfrachtet, während in den heiligen Hallen einer Kirche der Trennung zwischen Schwarz und Weiß und Vampir und Mensch gleichermaßen der Kampf angesagt wird. In diesem Zusammenhang wird es interessant, zu erfahren, wie sich die monogamen, symbiotischen Beziehungen, die Sam proklamiert, auf die Völkerverständigung auswirken werden.

Der Rückzieher in Bezug auf eine Sookie mit Fangzähnen ist besonders aus dem Grunde schade, dass sie daraufhin automatisch wieder zur Madame in Not degradiert wird, die von den unheilvoll blickenden Alcide und Bill geschützt werden muss. Ein schlechtes Gewissen der Drehbuchautoren lässt sich an dem überproportionalen Vorhandensein von knackiger, nackter Haut ablesen. Ein entblätterter Eric oder eine stöhnende Violet sind zwar Blickfänge, können aber auf Dauer keine dramaturgische Finesse ersetzen.

Auf der anderen Seite haben die Autoren in dieser Folge gute Arbeit dabei geleistet, einige lose dramaturgische Enden miteinander zu verknüpfen. Doch vielleicht hätte dieses Staffelfinale lieber für die vertiefte Einführung der Konflikte verwendet werden sollen, die uns in der siebten Staffel von True Blood bevorstehen... Denn weder die vergifteten „Vombies“, die sich gerade Sookie und den anderen Feiernden nähern, noch der sicherlich nur angedeutete Niedergang des Mr. Northman können als Cliffhanger die Art von Anspannung erzeugen, die Millionen von Zuschauern bis zum Beginn der nächsten Folge den Schlaf rauben würden... Im Ganzen handelt es sich bei Radioactive um einen durchwachsenen Abschluss für eine durchwachsene sechste Staffel von True Blood.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 19. August 2013

True Blood 6x10 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 10
(True Blood 6x10)
Deutscher Titel der Episode
Radioaktiv
Titel der Episode im Original
Radioactive
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 18. August 2013 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 5. Dezember 2013
Autor
Kate Barnow
Regisseur
Scott Winant

Schauspieler in der Episode True Blood 6x10

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