True Blood 5x07

Vom Saulus zum Paulus?
So spektakulär, wie die Episode Hopeless endete, nimmt In The Beginning den Erzählfaden wieder auf: Roman (Christopher Meloni) ist nur noch blutiger Matsch und das Chaos ist perfekt. Dann tritt eine Sicherheitsvorkehrung der Autorität in Kraft und ehe sich der True Blood-Zuschauer versieht, ist Eric (Alexander Skarsgard) an der Decke fixiert und Russell Edgington (Denis O'Hare) findet sich unter einem Netz aus Silber wieder.
In einem Sturm aus Schimpftiraden und ausgefahrenen Reißzähnen, in dem sich besonders der passionierte Eric hervortut, offenbaren sich Nora (Lucy Griffiths) und Salome Agrippa (Valentina Cervi) endgültig als Russells Komplizinnen. Mr. Edgington (Denis O'Hare) hingegen erfüllt mit seinem etwas kindisch anmutenden Erschreck-Manöver und seiner geisteskranken Manie sämtliche Erwartungen, die in den irren Alten gesetzt wurden. Doch bedauerlicherweise darf der Egomane seinen Rachefeldzug nicht ungehemmt fortsetzen. Er outet sich stattdessen als bekehrten Sanguinista, und wird somit ein Teil der Herde unter der spirituellen Führung von Agrippa.
Zum Glück kann Russell auch so mit seinen individuellen Vorzügen glänzen (Dieters (Christopher Heyerdahl) Kopf!). Außerdem kann man Russell nicht wirklich den geläuterten Sünder abnehmen. Damit bleibt immerhin die Möglichkeit bestehen, doch noch einmal in den Genuss eines blutigen Alleinganges des 3000-jährigen Vampires zu kommen.
Als Nora Bill (Stephen Moyer) und ihren Bruder darum bittet, sich doch ihrer Sache anzuschließen, widersetzt sich Eric zunächst gewohnt inbrünstig. Selbst Bill, der in jüngster Vergangenheit ein recht flexibles Rückgrat bewiesen hatte, will nicht vom Entwurf des Mainstream abrücken.
Feige Feen, schnüffelnde Shifter und ein verwirrter Mensch
Im Feenzelt wird Sookie (Anna Paquin) durch eine Warnung Claudes (Giles Matthey) mit der unverhofften Möglichkeit konfrontiert, alles Übernatürliche an sich loszuwerden. Da es sich bei ihr nicht um eine „reinrassige“ Fee handelt, werde ihre Magie nicht unerschöpflich sein. In den Augen der von Schicksalsschlägen verfolgten Sookie bietet sich dadurch endlich die Chance auf das normale Leben, das sie sich so sehr wünscht.
Sam (Sam Trammell) stellt unterdessen seine Fähigkeiten in den Dienst der Polizei und kann so die Gummimasken erschnüffeln, die die Shifter-Jäger verwenden. Sams Prioritäten haben sich durch die Bedrohung seiner Wahl-Familie mit Luna (Janina Gavankar) und Emma (Chloe Noelle) geändert. So stellt er nun die Ergreifung der Mörder über sein Bedürfnis, mitsamt seiner Fähigkeiten im Hintergrund zu verbleiben. In seinem Spürhund-ähnlichen Betragen macht er dabei eine zwar etwas lächerliche, aber nicht unsympathische Figur.
Armer, verwirrter Hoyt (Jim Parrack). Sein verzweifelter Kampf um Liebe und Zugehörigkeit treibt ihn ausgerechnet in die Fänge einer selbsternannten „Hate-Group“. Dass es sich bei den Mitgliedern dieser Vereinigung nicht gerade um die Intelligenz-Elite handelt, wird schnell deutlich. Auf geschickte Art hält True Blood so den derartigen Gruppierungen in der Realität den Spiegel vor. Die Hate-Group wird so als Sammelstelle für Entwurzelte entlarvt, die sich auf der Suche nach Zusammengehörigkeit instrumentalisieren lassen. Der obligatorische Strippenzieher im Hintergrund wird nur Dragon genannt - ein merkwürdiger Name für das Oberhaupt einer Bewegung, die sich dem Kampf gegen alles Übernatürliche verschrieben hat.
Eine bessere Welt?
Arlene (Carrie Preston) trauert Terry (Todd Lowe) hinterher und schaut sich ihr Hochzeitsvideo an. Das Bildmaterial wirkt für sie wie ein Ausflug in schönere Zeiten. Bei der Gelegenheit ist es an Holly (Lauren Bowles), ihre Freundin darauf aufmerksam zu machen, dass in einer Welt wie der ihren ein „loderndes Rachemonster“ vielleicht gar nicht so abwegig ist. Zum Thema Ifrit: Während Terry und Patrick (Scott Foley) noch einmal mit heiler Haut davonkommen, macht sich die Kreatur nach einer unorthodoxen Lachsalve aus dem Staub. Wahrscheinlich wird sich Arlene also bald selbst davon überzeugen können, dass ihr Gatte doch nicht verrückt ist.
Das Hochzeitsvideo erfüllt jedoch noch eine zweite Funktion, indem es einen Einblick in eine Welt ohne Sookie bietet, denn die war zur Zeit der Hochzeit in der Feenwelt verschollen. Ohne die Halb-Fee scheinen alle Einwohner von Bon Temps glücklicher zu sein - zumindest wird zur Zeit der Aufnahmen niemand ermordet. Selbst Jasons Trauer ist nicht so tief verortet, dass ein attraktives weibliches Geschöpf ihn nicht schnell auf andere Gedanken bringen könnte.
In Anbetracht von Sookies Entwicklung im Laufe der Episode scheint ein Sookie-freies True Blood nicht der schlimmste Gedanke zu sein. Ihr Bedürfnis, ein durchschnittliches, dafür aber ungefährlicheres Leben zu führen, ist nachvollziehbar. So teilt auch Sam zuweilen die Abneigung gegenüber den Komplikationen, die eine übernatürliche Existenz mit sich bringt. Doch ist sich der Shifter auch der Verantwortung bewusst, die mit den Kräften einhergeht.
Zu Sookies Verteidigung muss jedoch angemerkt werden, dass es unter anderem ihrer Übernatürlichkeit zuzuschreiben ist, dass Menschen in ihrem Umfeld zu Schaden gekommen sind. Dementsprechend spricht aus ihren Bemühungen auch der Wunsch, ihre Lieben zu schützen.
Anstatt aber zu zeigen, wie Sookie trotzig ihre Feenenergie verpulvert, wäre die Zeit lieber in einen anderen Erzählstrang investiert worden. Vielleicht bringt ja die Suche nach Erkenntnissen über den Tod ihrer Eltern wieder frische Impulse in das Leben der Protagonistin.
V, nein Danke!
Alcide (Joe Manganiello) bereitet sich mit der Hilfe von seiner Sekundantin Rikki (Kelly Overton) auf den Kampf gegen J.D. (Louis Herthum) vor. Dabei zeigt Erics Einflussnahme einen nachhaltigen Erfolg, weswegen der Werwolf im Training ungehemmt über seine agile Gespielin herfallen kann.
Alcide macht sich keine großen Hoffnungen, über J.D. zu triumphieren. Schließlich ist er im Gegensatz zu seinem Kontrahenten nicht bereit, auf Vampirblut als Doping zurückzugreifen („Es ist wie flüssiger Tod. Wenn du es trinkst, stirbst du von innen.“).
Während es noch nicht zum unvermeidlichen Rangkampf kommt, kann im Laufe der Episode zumindest Martha (Dale Dickey) von ihrer Loyalität gegenüber J.D. abgebracht werden. Dieser hatte es zwar Marcus gestattet, an seiner Stelle zum Rudelführer aufzusteigen, doch der V-Missbrauch wird von der alten Wölfin nicht toleriert - schon gar nicht im Umfeld ihrer Schutzbefohlenen. Die kleine Emma ist jetzt trotzdem im Besitz einer Portion Vampirblut. Welche Auswirkungen die Substanz auf einen Wolf im Wachstum haben könnten, ist ungewiss. Vielleicht würde der Konsum ja in Kombination mit den Shifter-Genen bislang ungesehene Blüten tragen. Oder die Portion wird als Rettungselixir für Alcide fungieren...
Jesus, Lilith und LSB
Genug der Mutmaßungen, zurück zu den Serienfakten: Gerade als Tara (Rutina Wesley) - in einem stramm-ledernen Outfit - ihre neuen Tanzbewegungen zur Schau stellt, taucht ausgerechnet Lettie Mae (Adina Porter) auf. Doch diesmal nicht, um ihre Tochter zu bekehren, sondern um sie zu verstoßen. Es ist bewundernswert und fast ein bisschen schade, dass Tara ihrer selbst- und jesussüchtigen Mutter nicht an Ort und Stelle den Gar ausmacht. Umso schöner ist dafür der Moment, als Pam (Kristin Bauer van Straten) ihrem Schützling Trost spendet: „In hundert Jahren wirst du dich nicht einmal mehr an sie erinnern können!“
In Anbetracht der konstant-unangenehmen Lettie ist dies durchaus ein Statement, das mit einer Umarmung honoriert werden sollte. Die Tara-Pam Dynamik gewinnt so zwar an Nähe, doch werden Gefühlsduseleien bei Pams mentaler Beschaffenheit wohl eher spärlich gesät bleiben. Eine vielversprechende Ausgangssituation für die Zukunft.
Während Sookie nach Normalität sucht, lassen die Mitglieder, die noch von der Autorität übrig sind, den Alltag hinter sich. Auf Erics Fehlprognose, dass das heilige Blut schon keine Wirkung zeigen wird, folgt ein famoses Spektakel. Der Streifzug der benebelten Bande gehört definitiv zu den Highlights der Episode. Das Vermächtnis von Lilith setzt in den Vampiren alle Ambitionen für die gemäßigte Lebensweise des Mainstream außer Kraft. Wie eine Horde blutrünstiger Hippies strömen sie durch die Straßen. Eric hat Nora wieder gern und der edle Tropfen wirkt nicht nur enthemmend, sondern scheint auch ein immenses halluzinogenes Wirkungspotential zu haben: Zum einen kommt ein Abbild der Göttin Lilith zum Vorschein, das den Blutrausch der Vampire noch verstärkt. Mit Erics Trugbild des sanftmütigen Godric (Allan Hyde) darf ein weiterer Toter kurzzeitig wieder in die Welt von True Blood eintreten und der grausamen Göttin Paroli bieten.
Die Macht der Frauen
Der kurze Auftritt von Ex-Sheriff Dearborne (William Sanderson) bringt die Story zwar nicht voran. Dabei hat die selbstverständliche Spitzfindigkeit, die sich der Hüter des Gesetzes in seinem Ruhestand auferlegt hat, aber einen possierlichen Charme an sich. So verzeiht man Dearborne sein verwerfliches Treiben eher als Jason dessen Wutausbruch gegenüber Jessica (Deborah Ann Woll). Dabei hat Jasons - in Anbetracht seiner eigenen Routine - unangebrachte Eifersucht jedoch immerhin einen intensiven Schlagabtausch zur Folge. Dadurch verliert Jason auch einen Großteil der Restsympathien, die er dank Jessika noch den Vampiren entgegengebracht hatte. Die Grundlage für eine schonungslose und aggressive Fahndung nach den Mördern seiner Eltern ist somit gelegt.
Gerade als man dachte, dass die Handlung um Lafayette (Nelsan Ellis) den Höhepunkt ihres Irrsinns erreicht hat, geht es noch einmal richtig los. Erst wird man mit den grässlich-zugenähten Lippen des unfreiwilligen Brujo konfrontiert. Bevor man sich jedoch ernsthafte Sorgen um den Gefangenen machen kann, tritt Maria (Valenzia Algarin) plötzlich aus ihrer Rolle des schwangeren Anhängsels heraus - und ermordet Don Bartolo (Del Zamora) auf eine energische Art und Weise. Auch, wenn die Rezensentin nicht recht weiß, was es damit auf sich hat, freut sie sich umso mehr auf den Fortgang dieser willkürlichen Absurdität.
Fazit
Das übergreifende Thema der Episode In The Beginning ist die Verantwortung: Sowohl Alcide als auch Sam scheuen nicht länger davor zurück. Während der Werwolf sein Rudel in den unruhigen Zeiten nicht einem V-Junkie überlassen möchte, versucht Sam, seine kleine Familie zu schützen. Auch Andy ist sich der Last auf seinen Schultern bewusst, weswegen er sich nach einem Ratschlag sehnt. Sookie hat die Verantwortung satt, und versucht sich ihr mitsamt der Kräfte zu entledigen. Weder Alcides Vorbereitungen für den Rangkampf, noch der alberne Ifrit oder Sookies nur mäßig unterhaltsamer Drang nach einer normalen Existenz haben es vermocht, gänzlich zu überzeugen. Glücklicherweise gibt es noch den famos-absurden Erzählstrang mit Lafayette und - vor allem - den unberechenbaren Russell (Denis O'Hare). Ob es sich bei der barbusigen Vampirin tatsächlich um die wieder auferstandene Lilith handelt, wird hoffentlich die Episode Somebody That I Used To Know enthüllen.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 26. Juli 2012(True Blood 5x07)
Schauspieler in der Episode True Blood 5x07
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