True Blood 5x05

True Blood 5x05

Wer sich von Let's Boot and Rally vor allem Antworten auf die vielen offenen Fragen erhofft hat, wird enttäuscht sein. Alle anderen dürfen sich auf ein Bombardement an kreativen Entwicklungen und einen niedlichen Schrumpfkopf freuen.

Christopher Melonis Roman hält verbissen am Mainstream fest. / (c) HBO
Christopher Melonis Roman hält verbissen am Mainstream fest. / (c) HBO

Sookie, die spuckende Power-Fee

Sookie ist und bleibt der Normalo unter den mystischen Kreaturen des True Blood-Universums. Anstatt souverän und mit gespenstisch verdrehten Gliedmaßen den Akt der Liebe mit Alcide (Joe Manganiello) zu vollziehen, spuckt sie dem knackigen Werwolf doch glatt vor die Füße - und wird dabei zu allem Überfluss auch noch von Eric (Alexander Skarsgard) und Bill (Stephen Moyer) beobachtet, die in ihrer vampirigen Coolness wie immer eine gute Figur machen.

Abgesehen von der wenig schmeichelhaften Auflösung des Cliffhangers von We'll Meet Again, macht Sookie in dieser Episode aber eine sehr gute Figur:

Onwards into the jaws of death!“ Eine potente Mischung aus Restalkohol und den Schrecken der Vergangenheit zeigen auf eindrucksvolle Weise die Veränderung auf, die Sookie seit der ersten Staffel vollzogen hat. Ihr Glaube an das Gute wurde durch Zynismus ersetzt. Getreu dem Episodentitel Let's Boot and Rally, lässt sich Sookie von ein bisschen Erbrochenem nicht von der Arbeit abhalten. Die störrische Gleichgültigkeit, mit der sie sich daran macht, Russell (Denis O'Hare) aufzuspüren, hat nichts mehr mit der gerechtigkeitsdürstenden Motivation zu tun, die sie einst dazu brachte, Bill vor den Drainern zu retten.

Als wäre die Suche nach dem mächtigen Russell Edgington nicht schon gefährlich genug, aktiviert die technisch versierte Mollie (Tina Majorino) - die in ihrer Hipsterie schwerer zu ertragen ist als jede Silberinfusion - auch noch die ferngesteuerten Pfählungsapparaturen, die die stattlichen Oberkörper von Eric und Bill verunstalten.

Vor der Kulisse von Russells gemütlichem Zufluchtsort begeistert Sookie einmal mehr durch ihre neue, abgebrühte Art. Sie verfügt schließlich über „Mikrowellenhände“ und kann - verdammt noch mal - selbst entscheiden, was für sie zu gefährlich ist. Diese Entwicklung wird wenig subtil durch den Kontrast zu dem wackelpuddingartigen Handlanger Doug (Jayden Lund) hervorgehoben.

Nicht nur, dass das verlassene Krankenhaus schon in gefühlten 74 Horrorstreifen zum Einsatz gekommen ist - es kann auch noch mit der obligatorischen Ratte für den (Er-)Schreckmoment herhalten. Dies wird allein durch die Sprüche der abgebrühten Protagonisten erträglich. Durch ihren Galgenhumor bewahren die blutarmen Helden ihre Serie geschickt vor unfreiwilliger Komik.

Den inneren Schweinepriester überwinden...

Lafayette (Nelsan Ellis) führt indessen einen Kampf gegen den Brujo, der sich in ihm eingenistet hat. Bei dem schaurigen Anblick der Schamanenfratze im Spiegel ist es kein Wunder, dass er sich die Hilfe von Jesús (Kevin Alejandro) herbeisehnt. Ellis schafft es dabei fabelhaft, den inneren Kampf seines Alter Egos nach außen zu projizieren.

Als dann auch noch in der Mutter aller wtf-Momente Jesús' Kopf mitsamt zugenähten Lippen auf dem Wohnzimmertisch auftaucht, möchte man vor so viel unerwartetem Irrsinn am liebsten in die Hände klatschen.

Terry: Von tiefer Schuld und brennender Rache

Weniger nervenaufreibend geht es hingegen bei Terry (Todd Lowe) und dessen Militärfreund Patrick (Scott Foley) weiter. Deren Antagonist Brian Eller (Brian Geraghty) ist zwar bis an die Zähne bewaffnet - hat aber wenigstens keine Hörner.

Doch True Blood wäre nicht True Blood, wenn hier alles mit irdischen Dingen zugehen sollte. So entpuppt sich die Feuerserie als Fluch, der den Soldaten von einer sterbenden Frau im Irak auf den Hals gehetzt wurde.

Mit dem Ifrit-Dämon wird der Hilflosigkeit der Opfer von Kriegsverbrechen ein mächtiger Rachegeist an die Hand gegeben. Vor der fiktiven Kulisse von Bon Temps üben die True Blood-Macher so auf unkonventionelle Weise Kritik am Krieg im Allgemeinen. Sei es nun ein für die Haupthandlung überflüssiger Erzählstrang oder nicht - die Intensität, die die Bezugnahme auf einen realen Krieg mit in die Serie einfließen lässt, ist überwältigend. So ist es unmöglich, nicht vor Terrys kaltblütiger Ausführung von Patricks Tötungsbefehl zurückzuschrecken.

Eindrucksvoll ist dabei auch die Parallele zwischen dem Leichenhaufen im Irak und dem, auf dem Russells Speisereste aufgetürmt sind: Nicht nur Vampire sind des Unmenschlichen mächtig.

Zwischen Tinker Bell und Ewoks

Jason findet sich nach seinem Abstecher in das wollüstige Feenzelt in der eigenen Vergangenheit wieder. Trotz der vernebelten Wahrnehmung setzt sich Jason wie selbstverständlich an den - mit einem bekannten Cornflakes-Label gedeckten - Frühstückstisch. Die Kellogg's erhalten in Form des Blutes von Jasons Eltern allerdings eine recht unorthodoxe Komponente und Hadleys (Lindsey Haun) Andeutungen verwandeln das Szenario in einen Albtraum. Dass seine Mutter Jason daraufhin ganz beiläufig einen Blowjob anbietet, ist zwar moralisch anfechtbar, doch manifestiert sich auf diese Weise sehr treffend Jasons mentale Konstitution.

Neben den schrecklichen Traumvisionen scheint die Feenattacke am Ende der Episode We'll Meet Again zunächst keine weiteren Konsequenzen für Andy (Chris Bauer) und Jason nach sich zu ziehen. Obwohl dieser Handlungsstrang stagniert, ist die Andy/Jason-Konstellation gewohnt unterhaltsam mit anzusehen. Es ist einfach rührend, wie die beiden ihre limitierten kognitiven Mittel zusammenwerfen („Tinker Bell“ vs. „I fucked a fairy?“ vs. „I don't care if those ladies were fairies or leprechauns or freaking ewoks“), um dahinterzukommen, was mit ihnen geschehen ist. Die beiden tollpatschigen Charaktere bringen, wie so oft, einen selbstironischen Touch in das Format, wenn sie resigniert all die Unmöglichkeiten aufzählen, mit denen es die Einwohner von Bon Temps zu tun bekommen. Dabei klammern sie sich doch krampfhaft an die Realität - oder das, was davon in dieser Stadt noch übrig ist. So handelt es sich schließlich auch bei Emory (Chris Butler) und Suzanne (Christina Moore) - deren Tod als Nächstes auf ihrer Ermittlungsliste steht - nicht um menschliche Wesen. Die Mörder der beiden machen in ihrem Streifzug gegen das Übernatürliche auch vor Sam und Luna (Janina Gavankar) nicht halt.

BFFs und Futterneid

Tara (Rutina Wesley), deren zornige Grundstimmung dank ihrer neuen übernatürlichen Beschaffenheit eine neue Potenz innehat, hat in Pam (Kristin Bauer van Straten) genau den richtigen Maker an ihrer Seite. Von antiautoritärer Erziehung hält die Freundin der dominaesken Outfits genauso wenig wie davon, ihren neuen Schützling auf der faulen Haut liegen zu lassen. Man empfindet regelrecht Dankbarkeit, als sie Tara in gewohnt forscher Art ihre Grenzen aufzeigt.

Als Jessica (Deborah Ann Woll) sich der frisch Gebissenen annähert, erwartet man schon einen Tara-typischen Ausbruch. Doch wider Erwarten nimmt Tara das Angebot zur vampirischen Gesprächstherapie an. Das Resultat erinnert dabei auf hübsche Weise an zwei pubertierende Teenager, die sich über erste Erfahrungen mit den Verlockungen der Erwachsenenwelt austauschen. Die optimistisch-aufgeregte Komponente, die Taras „Wiedergeburt“ ermöglicht, passt auf jeden Fall besser zu ihr als Pams Outfits.

Wie tief die neue Freundschaft zu Jessica sein kann, ist ungewiss. Schließlich schlägt Tara Hoyt (Jim Parrack) trotz dessen zum Fremdschämen animierender Garderobe ihre Fänge in den Hals.

Der blutige Pfad Romans

Roman (Christopher Meloni), der Kopf der Vampirautorität, quält sich mit dem Gedanken, Alexander Drews (Jacob Hopkins) falsches Spiel nicht eher durchschaut zu haben. Dabei leistet ihm Salome (Valentina Cervi) Beistand, während Nora (Lucy Griffiths) sich vor der UV-Folter in die Gebete zu Lilith flüchtet. Dabei hat Angela Robinson geschickt zwei potentielle Russell-Befreierinnen ins Rennen geschickt - schließlich wird neben Noras auch Salomes Dekolleté von dem Anhänger geziert, den Sookie als Merkmal der Verräterin erspäht hatte. Auf diese Weise können für den Rest der Episode fleißig Mutmaßungen angestellt werden: Hat sich Eric wirklich durch seine Schwester täuschen lassen? Oder ist doch Salome der spitzzahnige Maulwurf? Letztere nutzt auf jeden Fall die schrumpfende Anzahl der Ratsmitglieder, um bei Roman ein gutes Wort für die „Sanguinistas“ einzulegen.

Fazit

Roman möchte genau die rücksichtslose Auslebung triebhafter Vampirimpulse unterbinden, die scheinbar auch zum Tod von Mr. und Mrs. Stackhouse geführt hat. Er glaubt an ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Vampir. Doch wird es ihm in Anbetracht der antihumanen Bewegung, die die Autorität untergräbt, gelingen, an seinem Mainstreamkurs festzuhalten? Welches As hat Russell noch zwischen den Fängen - hat er sich mit Alcide etwa einen Werwolf ins Boot geholt? Wer verbirgt sich hinter der neuen Anti-Shifter-Bewegung? Vielleicht gelingt es ja mithilfe derartiger Überlegungen, die Sorgen um Sam bis zur nächsten Episode zu verdrängen. Er würde doch so einen großartigen Vater für das Wölfchen abgeben...

Let's Boot and Rally ist eine spannende Episode. Sie begnügt sich nicht damit, ungeklärte Fragen auch weiterhin offenzulassen, sondern lässt im Gegenzug noch weitere aufkommen. Zwischen Ifrit, Russell-Gehilfen und Schrumpfkopf werden gleich mehrere solide Grundsteine für die weitere Handlung gelegt. Das True Blood-Gebilde ist komplex und bedrohlich wie eh und je: Die feste Institution der Autorität gerät mitsamt ihres Mainstreamideals ins Wanken. Man darf sich also freuen, an der Seite der härter gewordenen Sookie den kommenden Schrecken entgegenzusehen.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 9. Juli 2012
Episode
Staffel 5, Episode 5
(True Blood 5x05)
Deutscher Titel der Episode
Die Party geht weiter
Titel der Episode im Original
Let's Boot and Rally
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 8. Juli 2012 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 25. November 2012
Autor
Angela Robinson-Witherspoon
Regisseur
Michael Lehmann

Schauspieler in der Episode True Blood 5x05

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