Transparent 2x10

Schon im letzten Jahr war die Amazon-Dramedy Transparent von Jill Soloway so vieles - eine Erkundung menschlicher Sexualität, eine Betrachtung von Geschlechterverhältnissen, die Geschichte einer Familie, deren Mitglieder schon vor dem Coming Out ihres Oberhaupts verzweifelt nach ihrem Platz in der Welt suchten. Besagter Moment war der Startschuss für das Format, doch schon in der Pilotepisode wurde klar, dass es dabei nicht bleiben würde. Soloway richtet ihren Blick gnadenlos auf das Innenleben ihrer Protagonisten, sie kehrt deren Seelenwelt für uns Zuschauer mit famoser Präzision nach außen.
Just be yourself
Ich habe die Serie in der Einleitung als Dramedy bezeichnet, ebenso gut könnte man sie aber als reines Drama einordnen - so eindrücklich sind die Verwerfungen innerhalb des Pfefferman-Clans. Im Zentrum steht weiterhin Maura (Jeffrey Tambor), wenngleich die Auswirkungen ihrer Verlautbarung auf die restlichen Familienmitglieder keine so tragende Rolle mehr spielen wie in der ersten Staffel. Sie alle haben sie in unterschiedlichem Maße so angenommen, wie sie jetzt ist. Das wird gleich zu Beginn der Staffel offensichtlich, als sich die gesamte Familie auf der Hochzeit von Sarah (Amy Landecker) und Tammy (Melora Hardin) versammelt.
Es soll ein Bild vom Familienkern aufgenommen werden, wobei sowohl Fotograf als auch wedding planner größte Schwierigkeiten haben, die Aufmerksamkeit des wilden Haufens zu ergattern. Als es endlich soweit ist, will Maura wissen, von welcher Seite sie am besten aussieht. Der Fotograf spricht sie daraufhin mit „Sir“ an, woraufhin sie keine Sekunde zögert und den Fototermin platzen lässt. Niemand beschwert sich darüber, dass es jetzt kein gutes Foto geben wird. Alle wissen, dass dieser Fauxpas ein für Maura unverzeihlicher ist, hadert sie doch selbst noch mit der eigenen gesellschaftlichen Anerkennung.
Die Hochzeit ist denn auch der Ort, wo die meisten Handlungsbögen der Staffel ihren Anfang nehmen beziehungsweise zu ihrem Ende finden. Sarah realisiert, dass sie gar nicht mit Tammy zusammen sein, geschweige denn sie heiraten will, und sorgt so für die traurigste Hochzeitsnacht, die man sich nur vorstellen kann. Josh (Jay Duplass) schafft es derweil nicht, die freudige Nachricht über die Schwangerschaft seiner Freundin Raquel (Kathryn Hahn) für sich zu behalten, was einige Folgen später zu einem Schwächeanfall von Mutter Shelly (Judith Light) führen wird.

Die erste Hälfte der Staffel ist für Maura, Ali (Gaby Hoffmann) und Sarah von unterschiedlich geartetem Aufbruch gekennzeichnet, während Josh unter wachsender Verzweiflung an seiner Doppelrolle zu zerbrechen droht. Allmählich wird klar, dass er sich zwischen Raquel und seinem Sohn Colton (Alex MacNicoll) entscheiden muss. Sie versteht zwar, dass er Colton nicht verlieren will, nachdem er gerade erst von ihm erfahren hat. Jedoch legt dessen Familiengeschichte der eigenen eine zu hohe Hürde in den Weg.
Forgive yourself
Der Handlungsbogen kulminiert in einer wahrlich herzzerreißenden Szene, in der Colton seinen Vater mit flehenden Augen um ein Zeichen bittet, bei ihm zu bleiben. In diesem Moment entscheidet sich Josh aber gegen ihn. Selbst ein stummer Blick wird dem bemitleidenswerten Colton verweigert, woraufhin er sich schwermütig ins Wohnmobil seiner Zieheltern begibt. Wie ein Häufchen Elend steht Josh nun da - und versucht, zu ergründen, wie er sich solch großen Kummer jemals eingebrockt haben mag.
Erst ganz am Ende eröffnet ihm der neue Freund seiner Mutter, Buzz (Richard Masur), was ihn plagt. Es ist der Verlust des Vaters, über den Josh vielleicht schon nachgedacht, sich aber angesichts der Sensibilität des Themas nie getraut hat, das laut auszusprechen. Nachdem sie gemeinsam einer Ente das Leben gerettet haben, kann Josh an der Schulter des mächtigen Buzz hemmungslos weinen - der Verlust seines Sohnes, der Verlust seines ungeborenen Kindes und der Verlust seine zukünftigen Ehefrau drängen nach draußen. Es ist eine zutiefst berührende Szene. Eine von der Sorte, die für diese außergewöhnliche Serie längst zum Markenzeichen geworden ist.
Während der Handlungsbogen ihres Bruders also in tiefdüstere Gefilde abgleitet, sorgt Sarah wohl für die größte Portion an comic relief. Nach der geplatzten Heirat gerät sie vollständig aus der Balance, was nicht nur in einer Affäre mit ihrem Drogendealer Dr. Steve (Jason Mantzoukas) mündet, sondern auch in einem sehr öffentlichen Zusammenbruch auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung der Schule ihrer Töchter. Halt findet sie schließlich auf einem exklusiv weiblichen Musikfestival, wo sie, Ali und Maura Zuflucht vor ihren Alltagsproblemen suchen. Durch eine Fantasie über ihren ehemaligen Sportlehrer angestachelt, begibt sie sich in die Hände einer Domina, die sie behutsam an SM-Praktiken heranführt.

Am Ende sitzt sie mit ihrem desillusionierten Exmann Len (Rob Huebel) auf dessen neuer ungemütlicher Inneneinrichtung, die seine Exfreundin ausgesucht hat. Ein bisschen freut sie sich darüber, dass er verlassen wurde und sich nun in ähnlichem emotionalen Fahrwasser befindet wie sie. Es ist ein versöhnlicher Abschluss für einen mitunter spektakulär peinlichen Handlungsbogen. Ganz unpeinlich ist indes die Entwicklung von Ali, die sich nach einem kurzen Intermezzo mit ihrer ehemals besten Freundin Syd (Carrie Brownstein) dazu entschließt, endlich ihren Hochschulabschluss zu machen.
It's a boy
An der Uni trifft sie auf die Genderaktivistin und -forscherin Leslie (Cherry Jones), in der sie nicht nur eine fachliche Mentorin, sondern auch eine neue Liebe findet. Dieser Erzählstrang ist der dezidiert politischste. Auf besagtem Festival wird offen und mit spitzer Zunge über die Durchlässigkeit von Gendergrenzen diskutiert. Maura fühlt sich dadurch brüskiert und fordert ihre Tochter zum Gehen auf, doch die will unbedingt bleiben. Der Zusammenhalt bei den Pfeffermans ist ohne Zweifel vorhanden, aber ganz sicher nicht absolut. Maura gereicht diese Ablehnung indes zum Glück - sie trifft die von Anjelica Huston wunderbar warmherzig gespielte Vicky, in die sie sich gleich ein bisschen verliebt.
Doch ein Besuch bei Mauras Mutter Rose (Shannon Welles), die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und die auch nichts von ihrer Transidentität weiß, ist selbst für die sanftmütige Vicky noch zu viel. Stattdessen springt Ali ein (da ist er also wieder, der Zusammenhalt), wodurch der Handlungsbogen, in den die gesamte Staffel eingebettet ist, zu einem fantastischen Höhepunkt gelangt. In Rückblenden wird nämlich die Kindheits- und Jugendgeschichte von Rose in Nazi-Deutschland erzählt - von der Emigration ihres Vaters Haim (Michael Stuhlbarg) über den gewaltsamen Abtransport ihrer transidenten Schwester Gittel (Hari Nef) bis zu ihrer eigenen Flucht mit Mutter Yetta (Michaela Watkins) in die USA.
Nun ist Rose altersschwach und kann sich kaum noch an die Gesichter erinnern, die sie umgeben. Den Perlenring, den sie auf dem Schiff von Deutschland nach Amerika geschmuggelt hat, und den nun Ali um den Hals trägt, erkennt sie jedoch. Die Geschichte dreier Generationen kulminiert hier in zärtlicher, liebevoller, zutiefst emotionaler Art und Weise. Gemeinsam schauen sie aufs Meer und fragen sich, was da noch kommen mag. Ich frage mich indes, wann ich endlich wieder dem Leben der Pfeffermans beiwohnen darf.
Liebe Jill Soloway und Team, bitte schreibt noch viele neue Geschichten aus dieser Welt. Sie sind wichtig, und echt, und wundervoll.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 20. Dezember 2015(Transparent 2x10)
Schauspieler in der Episode Transparent 2x10
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