Torchwood 4x10

In Shanghai verfolgt Gwen (Eve Myles) die Bahn von Jacks (John Barrowman) Blut bis zu einer Gasse, an die der Zugang zum Blessing grenzt. Das Gleiche tun Rex (Mekhi Phifer) und Esther (Alexa Havins) in Buenos Aires. Doch die Familien (vertreten durch Frances Fisher und Chris Butler) haben mit ihrem Besuch schon gerechnet - und planen eine explosive Überraschung, mittels derer die Zugänge zum Blessing versiegelt werden soll.
Shapiro (John de Lancie) entscheidet sich unterdessen, zur Schonung des IT-Systems auf eine Enttarnung des Verräters in den eigenen Reihen zu verzichten, was eine Einheit argentinischer Soldaten mit dem Leben bezahlen muss. Und sie sind nicht die einzigen...
Es gibt (mindestens) zwei Arten, auf die man sich Miracle Day: The Blood Line nähern kann: Einmal, indem man versucht, nicht all zu genau über das, was sich in dieser Episode abspielt, nachzudenken. Zum anderen jedoch, indem man genau das tut. Beide Arten führen zu einem höchst gegenteiligen Rezeptionseindruck.
Beginnen wir mit der Rezeption ohne großes Nachdenken: In dieser Variante ist das Finale der vierten Staffel durchaus unterhaltsam. Russell T Davies weiß genau, wie ein Ende zu sein hat: Es muss ordentlich zur Sache gehen. Es muss groß, ja, episch sein. Und eine Bombe mit im Spiel zu haben, ist ebenfalls nicht verkehrt. Eine? Ach was, nehmen wir doch gleich drei!
Aber im Ernst: Zum Finale hin dreht „Torchwood: Miracle Day“ noch einmal richtig auf. In Sachen Action, Tempo und Wendungen kann man sich über die letzte Folge der Staffel wahrlich nicht beschweren. Ähnlich wie beim Staffelauftakt kommt ein wohliges Blockbuster-Gefühl auf. Dieses verdankt sich nicht zuletzt so grandiosen Szenen wie der Selbstaufopferung von Jack, der sich mit ausgestreckten Armen vor dem Blessing aufbaut und sich von Gwen hinterrücks erschießen lässt.
Das ist ein intensiver, bildgewaltiger Moment, der einen geradezu nach Luft schnappen lässt. Ähnlich fällt die Reaktion aus, als die Kamera auf Esthers Beerdigung die Reihe der Trauernden abfährt - und wir auf einmal unvermittelt neben Rex die Verräterin Charlotte (Marina Benedict) entdecken.
Keine Frage: Miracle Day: The Blood Line hat großartige Augenblicke, die jedem Staffelfinale zur Ehre gereichen würden. Dazu zählt natürlich auch, dass ausgerechnet Rex, welcher sonst so wenig für „World War II“ (sprich: Jack) übrig hat - und stets ungläubig geblieben ist, was die übernatürlichen Aspekte der „Torchwood“-Arbeit angeht, nun auf einmal derjenige ist, den mit Jack mehr verbindet, als er sich jemals hätte träumen lassen. Das ist eine höchst amüsante Wende, von deren Art wir im Verlauf von „Miracle Day“ insgesamt viel zu wenig gesehen haben.
So weit zu den positiven Aspekten des Staffelfinales.
Glücklich müssen sich diejenigen schätzen, die es dabei bewenden lassen können. Wer jedoch anfängt, über die Handlung des Finales nur ein klein wenig näher nachzudenken, dem springen Aspekte ins Auge, die einen wahlweise fassungslos den Kopf schütteln lassen - oder sogar wütend die Faust gen Himmel strecken.
Das beginnt mit der eklatanten Lüge - oder zumindest: hochgradig irreführenden Aussage -, welche im Vorfeld der Ausstrahlung von den Machern, aber auch von den Schauspielern gestreut worden ist, derzufolge alle Fragen am Ende von „Miracle Day“ beantwortet werden. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Was genau hat es mit den Familien auf sich? Wieso sind sie dermaßen an Jilly Kitzinger (Lauren Ambrose) interessiert? Ist es nur die gemeinsame sozialdarwinistische Ideologie, oder steckt noch mehr dahinter? Inwiefern war der Miracle Day nur ein Probelauf? Was ist ihr Plan B?
Und dann The Blessing: Wir erfahren nicht, worum es sich dabei eigentlich handelt. Es ist einfach da. Es ist am Leben. Und es sendet ein morphisches Feld aus, welches die Lebenserwartung der Menschheit synchronisiert. In seiner Freizeit führt es den Menschen, die sich in seine Nähe begeben, außerdem ein Spiegelbild ihrer selbst zum Zweck der Selbsterkenntnis vor.
Einmal ganz abgesehen davon, dass die Grundidee hinter dem Miracle Day (falscher Input führt zu kollektiver Veränderung, die durch den richtigen Input rückgängig gemacht werden kann) einem als Doctor Who-Fan SEHR bekannt vorkommt (The Doctor Dances (2)), erweckt The Blessing den Anschein einer hochgradig willkürlichen Konstrukts, welches wohl nur noch dadurch hätte getoppt werden können, wenn RTD oben drauf eine Insel gesetzt hätte, welche den Spalt wie ein Korken verschließt...
Am Rande stellt Jack die Vermutung auf, dass die Silurians hinter der Erdspalte stehen, er weiß es aber nicht. Mit der Doctor Who-Referenz versucht RTD, sich aus der Affäre zu ziehen, indem er eine hypothetische Erklärung in den Raum stellt, sie aber nicht bestätigt (und damit de facto keine wirkliche Erklärung liefert). Das ist clever gedacht (den Langzeit-Fans einen Brocken hinwerfen, mit dem sie etwas anfangen können, welcher die neuen US-Zuschauer aber nicht all zu sehr verwirrt), ist jedoch letztlich unbefriedigend, da es einem nur noch mal ins Bewusstsein ruft, welch schöne Möglichkeiten es gegeben hätte, den Miracle Day mit der etablierten Vorgeschichte des Whoniverse sinnvoll zu verbinden.
Miracle Day: The Blood Line endet letztlich mit einem - doppelten - Cliffhanger. Wie man da von einer Auflösung sprechen kann, ist gelinde gesagt schleierhaft.
Da Rex nun über die gleiche Unsterblichkeit verfügt wie Jack, kann man wohl davon ausgehen, dass die Eigenschaften, welche Jack zu einem fixed point in time machen, offenbar doch in seinem Blut liegen (auch wenn die Staffel uns bis zu diesem Punkt weismachen wollte, dass dem nicht so ist).
Esther stirbt genau in dem Augenblick, als die Figur anfingt, nicht mehr zu nerven. Ihr Tod ruft einem noch einmal in Erinnerung, wieviel effektiver, wieviel emotionaler ihr Abgang gewesen wäre, wenn sie nicht die meiste Zeit der Staffel über als unnötiges, ja störendes Element empfunden worden wäre.
Was nun Oswald Danes (Bill Pullman) angeht - die Figur von Frances Fisher sagt an einer Stelle der Episode über ihn: „You were just a byproduct, not relevant at all.“ Wahrere Worte sind in dieser Staffel von Torchwood selten gesprochen worden. Zu keinem Zeitpunkt war Danes für die Handlung wirklich wichtig.
Jack und Gwen hätten am Ende der Folge Frances Fisher genau so gut allein mit einer tickenden Zeitbombe zurücklassen können. Es hätte keinen Unterschied gemacht. Man muss noch nicht einmal Aristoteles bemühen, um zu erkennen, dass das so ziemlich das vernichtendste Urteil ist, welches man über die Rolle eines - im Vorspann ausgewiesenen - Hauptdarstellers fällen kann.
Fazit
Es wäre unfair zu sagen, dass „Miracle Day“ überhaupt keinen Spaß gemacht hat. Das ist keineswegs der Fall. Die Staffel wusste sehr wohl zu unterhalten. Nur an die Messlatte, die über ihr schwebte, „Children of Earth“, kam sie zu keinem Zeitpunkt heran. Russell T Davies stellte zwar ähnlich wie bei CoE eine große, reichlich sozialen Sprengstoff bergende Prämisse in den Mittelpunkt der Handlung.
Dabei ergaben sich jedoch zwei Probleme: Erstens, den Folgen mangelte es an Kontinuität. Die Autoren schienen eher neben- als miteinander zu arbeiten, um die Geschichte zu erzählen. Niemals machte „Miracle Day“ den Eindruck, eine Produktion „aus einem Guss“ zu sein, wie dies das Format des fortlaufend erzählten SciFi-Thrillers eigentlich erfordern würde. Diesem Umstand sind wohl auch die zahlreichen Plotprobleme zuzuschreiben. Das ist nicht nur ein Scheitern der US-Autoren am britischen Ausgangsmaterial, sondern - und es schmerzt mich sehr, dies als ein großer RTD-Fan sagen zu müssen - ein Versagen des Showrunners.
Zweitens, verstand es „Miracle Day“ nur selten bis nie, aus der interessanten Prämisse einen echten moralischen Konflikt zu generieren. Dazu hätte beispielsweise ein Aufzeigen von Alternativen gehört: Wie hätte man mit dem Miracle Day anders umgehen können? Auch Gwens Dilemma in der Finalfolge wirkt deshalb nicht wirklich überzeugend: Ja, durch Beendigung des Wunders führt sie den Tod ihres Vaters herbei. Wirklich lebendig war er aber die meiste Zeit der Staffel ohnehin nicht (und stand kurz davor, durch ein Ofenrohr geschickt zu werden). Zu einem echten Konflikt gehören Alternativen. Und die fehlten einfach. Entsprechend geringer ausgeprägt war das emotionale Engagement, welches man als Zuschauer aufbringen konnte.
Der „Miracle Day“ ist vorbei. Wie es mit Torchwood weitergeht, ist höchst ungewiss. Das Cliffhanger-Ende scheint eine Fortsetzung in den USA nahelegen zu wollen (wenn es denn überhaupt eine Fortsetzung geben wird). Diese Aussicht dürfte bei vielen Fans auf nicht gerade die wärmste Zustimmung stoßen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 11. September 2011(Torchwood 4x10)
Schauspieler in der Episode Torchwood 4x10
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