Too Old to Die Young: Kritik zur Amazon-Serie von Nicolas Winding Refn

Too Old to Die Young: Kritik zur Amazon-Serie von Nicolas Winding Refn

Bei Amazon Prime Video startete kürzlich die zehnteilige Dramaserie Too Old to Die Young vom dänischen Filmemacher Nicolas Winding Refn. Lohnt sich der stylische Sommerkrimi auch unterhalb der Oberfläche?

Miles Teller und Lance Gross in „Too Old to Die Young“ (c) Amazon Prime Video
Miles Teller und Lance Gross in „Too Old to Die Young“ (c) Amazon Prime Video
© iles Teller und Lance Gross in „Too Old to Die Young“ (c) Amazon Prime Video

Neonlichter, Elektromusik und Gewaltexzesse sind die Markenzeichen des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn. Mit dieser Kombi schuf er aufsehenerregende Thriller wie „Drive“, „Only God Forgives“ und „The Neon Demon“. In manchen Cineastenkreisen gilt Winding Refn als derjenige Filmemacher der Gegenwart mit dem vielleicht ausgeprägtesten Sinn für Ästhetik. Andere sehen in ihm den fanatischsten Anhänger der Philosophie style over substance, also Stil über Substanz.

Für Amazon Prime Video durfte der Däne nun eine zehnteilige Dramaserie namens Too Old to Die Young produzieren, schreiben und inszenieren. Unterstützung erhielt er dabei als Showrunner von Ed Brubaker (Westworld). Die Laufzeiten der einzelnen Episoden variieren zwischen 31 und 97 Minuten. Die zentralen Themen dürften für viele zu abgedroschen sein...

Sei der Tiger

Da Amazon im Vorfeld keine Screener bereitgestellt hat, bezieht sich diese Besprechung nur auf die Pilotepisode, die den Titel Volume One: The Devil (1x01) trägt. Im Deutschen heißt die Folge tatsächlich „Band 1: Der Teufel“. Scheint also, als wäre hier der Google Translator am Werk gewesen. Die US-Kollegen, denen doch eine Vorschau zur Verfügung gestellt wurde, mussten ausgerechnet mit den Episoden vier und fünf vorliebnehmen. Der Albtraum einer/eines jeden Kritikerin/Kritikers!

Aber genug mit dem Selbstmitleid. Die eigentliche Frage lautet natürlich: Erweckt wenigstens die erste Episode einen guten Eindruck? Eher nein. Oder sagen wir es so: Vor fünf Jahren wäre Too Old to Die Young wahrscheinlich der Hit gewesen, doch inzwischen wirkt die einst so bewährte Winding-Refn-Formel einfach nur noch abgenutzt und langweilig (und ich schreibe das als jemand, der sogar ein paar Poster seiner Filme an der Wand hängen hat). Klischees über korrupte Polizisten reihen sich an sinnlose Morde und Gewalt gegen Frauen. Und nicht mal mehr das Visuelle ist hierbei wirklich herausragend.

William Baldwin in Too Old to Die Young
William Baldwin in Too Old to Die Young - © Amazon Prime Video

Miles Teller spielt in der anderthalb Stunden langen Folge - die übrigens genauso gut auch in der Hälfte der Zeit hätte erzählt werden können, wenn die Figuren nicht allesamt wie Schlaftabletten sprechen würden - einen Cop aus Los Angeles, bekanntlich die Lieblingsstadt des Regisseurs. Gleich zu Beginn wird sein Partner, gespielt von Lance Gross, erschossen, womit für Tellers Alter Ego eine Odyssee durch die kriminelle Unterwelt beginnt. Um die seelischen Abgründe des Protagonisten deutlich zu machen, wird nebenbei noch eine Lovestory mit einer Minderjährigen und mit deren zugekokstem Vater eingestreut. Dabei gestalten sich diese Szenen mit Nell Tiger Free und William Baldwin aber noch am spannendsten.

Die einzig denkwürdige Einstellung der gesamten Episode zeigt Baldwin, wie er Richard Nixon imitiert und seinem grenzpädophilen neuen Schwiegersohn die berühmten Worte „I'm not a crook!“ entgegenruft. Kurz zuvor sieht man, wie sich die beiden Männer mit Stofftigern gegenseitig anbrüllen. Doch damit verleiht ihnen Winding Refn immer noch viel mehr Tiefe als sämtlichen weiblichen Figuren, die mal wieder nur eines im Kopf haben: „Do you wanna fuck me?“ Überraschenderweise fühlt sich die Serie trotzdem alles andere als sinnlich an, falls darin der Bewertungsrahmen liegen sollte. In Cannes sollen einige Premierengäste aufgrund dieser absoluten Uninspiriertheit sogar den Kinosaal verlassen haben...

Fazit

Eine so lange Dramaserie wie Too Old to Die Young - übrigens ein Serientitel, der klingt, als hätte ihn ein edgy Teenager auf seine Wand tätowiert - nach nur einer Folge zu verurteilen, wäre nicht fair. So einfallslos und lieblos das jüngste Werk von Nicolas Winding Refn auch insgesamt erscheinen mag, hin und wieder blitzt sein einzigartiger Stil doch durch. Nicht auszuschließen, dass sich unter den zehn Kapiteln noch die eine oder andere Perle verbirgt. Ich für meinen Teil werde zumindest noch weiterschauen und gegebenenfalls vielleicht sogar eine Staffelkritik schreiben.

Für einen stimmungsvollen Sommernachtskrimi bin ich stets zu haben. Falls sich Too Old to Die Young tatsächlich als Flop erweisen sollte, kann man immer noch getrost auf alte Michael-Mann-Streifen zurückgreifen. Mit Blick auf Amazon beschleicht mich derweil der Verdacht, dass nach The Romanoffs von Mad Men-Macher Matthew Weiner nun erneut einem vermeintlich visionären Filmemacher schlichtweg zu viele Freiheiten geboten wurden. Ein klein wenig Druck von oben hätte sicherlich nicht schaden können, statt dem genialen Genie ja nicht auf die Finger zu schauen.

In der Urversion des Artikels war von einer Anthologieserie die Rede. Tatsächlich handelt es sich um eine lineare Dramaserie.

Hier abschließend der Trailer zur neuen Amazon-Serie „Too Old to Die Young":

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