Tokyo Vice 1x01

© nsel Elgort und Ken Watanabe in der Serie Tokyo Vice (c) HBO Max/Wowow
Schon seit langem hat die SERIENJUNKIES.DE®-Redaktion Tokyo Vice auf dem Zettel stehen. Die Eckdaten der neuen Eigen-Produktion von HBO Max und dem japanischen Sender WOWOW lesen sich einfach zu gut: „Heat“-Regisseur Michael Mann dreht einen Neo-Noir-Krimi in der größten und aufregendsten Metropole der Welt. Dazu basiert das Format auf den faszinierenden Memoiren Jake Adelsteins („Tokyo Vice: An American Reporter on the Police Beat in Japan“). Nun endlich kriegen wir das Resultat zu sehen - und sind nach dem Auftakt vorsichtig optimistisch.
Adaptiert wurde das Crimedrama, das in der Auftaktstaffel zehn Episoden umfasst, vom Bühnenautor J. T. Rogers („Oslo“). Die Hauptrolle des jungen amerikanischen Journalisten, der Ende der 90er als erster Ausländer bei der größten Tageszeitung Japans anheuert und es bald mit der legendären Yakuza zu tun kriegt, ging an Ansel Elgort („West Side Story“, „Baby Driver“). Der internationale Filmstar Ken Watanabe („Last Samurai“, „Inception“) spielt einen hartgesottenen Polizisten, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Auch Rachel Keller (Legion) und die Schweizerin Ella Rumpf (Freud) sind im Cast.
Worum geht's?
„Tokyo Vice“ stellt uns zunächst einen konventionellen Hauptcharakter in ziemlich unkonventionellen Lebensumständen vor: Jake Adelstein (Elgort) stammt aus Missouri und zog nach Japan, weil ihm die Literatur im „Reich der aufgehenden Sonne“ gefiel. Inzwischen interessiert er sich mehr für die kriminelle Unterwelt von Tokio und will als Polizeireporter darüber berichten. In einer etwas albernen Montage sehen wir, wie sehr sich Jake bemüht, die japanische Kultur aufzusaugen. Wir sollen sehen, wie klug er ist - und wie freundlich, indem er mit allen möglichen Menschen fließend Smalltalk führt und teils mehr über seine Wunschheimat weiß als deren gebürtige Einwohner.
Dieser leider zu erwartende Aspekt überschattet „Tokyo Vice“ anfangs, zumal der Hauptdarsteller Elgort kein Sympathieträger ist. Er wirkt anmaßend - und trotz all seiner Bemühungen irgendwie doch ignorant. Interessant ist dafür, wie souverän er mit fremdenfeindlichen Anfeindungen seitens der Japaner:innen umgeht (da kann Emily in Paris noch was lernen). Allgemein spielt das Thema Respekt in der Serie eine wichtige Rolle, denn die Machtstrukturen sind überaus komplex. So verachtet beispielsweise Jakes Chefin Eimi (Rinko Kikuchi) ihn für seine Herkunft, während sie selbst damit zu kämpfen hat, als Frau nicht respektiert zu werden. Auch blickt die Polizei voller Verachtung Journalist:innen. Die Yakuza hingegen müssen alle schon aus purem Selbstschutz achten, so mehr man die Verbrecherbande auch verachten mag...

Als sinnvolle Ergänzung zur Buch-Vorlage bringt der Showrunner Rogers neben Jakes Perspektive von außen zusätzlich einen Yakuza-Insider ins Spiel. Der junge Sato (Show Kasamatsu) steht noch ganz am Anfang seiner kriminellen Karriere. Er sieht es tatsächlich als große Ehre an, sich den brutalen Mafiosi anzuschließen, die die Zivilgesellschaft Japans seit Jahrzehnten in Angst versetzen. Wahrscheinlich sind es auch Serien wie Tokyo Vice, die solchen Leuten einen völlig unverdienten Hauch von Glanz verleihen. Aber man versteht schon, was diesen düster schillernden Mikrokosmos - besonders für einen Noir-Visionär wie Michael Mann - so verlockend macht.
Seine Inszenierung, auch wenn nicht ganz frei von Klischees, ist auf Anhieb die größte Stärke der neuen Serie. Wie üblich gelingt dem meisterhaften Regisseur eine - von anderen nur selten erreichte - Symbiose aus Realismus und Ästhetik. Seine Bilder sind schlicht und gleichzeitig brillant. Tokio bietet natürlich mit den vielen charakteristischen Neonlichtern ein ideales Antlitz für solch einen Stil. So langweilt es einen auch nicht, wenn wir Jake einfach nur durch die Straßen oder nachts durch Bars ziehen sehen. Selbst ein alltäglicher Moment in Tokio ist besonders.
Trotzdem sollte man eine Menge Geduld mitbringen, wenn man „Tokyo Vice“ eine Chance geben will. Der Krimi baut nur langsam Spannung auf, obwohl ein anfänglicher Flash-Forward zum Glück schon früh andeutet, auf welche Eskalationsstufe wir uns begeben werden. Durchhalten lassen einen auch die vielversprechenden Nebenfiguren, allen voran Watanabe, der hoffentlich zu einer zweiten Hauptrolle erhoben wird. Aber auch Keller könnte eine sehenswerte Femme fatale werden - beziehungsweise eine modernere Interpretation dieses alten Genre-Typus.
Wie ist es?
Alles in allem bietet „Tokyo Vice“ einen Serienstart, den man nicht übersehen darf. Wer auf Neo-Noir steht und Michael Manns frühere Werke wie „Heat“ oder „Collateral“ mochte, wird wahrscheinlich eh einen Blick riskieren wollen. Aber auch das Setting Tokio macht natürlich einiges her, während die eigentliche Story erst noch beweisen muss, dass sie unsere Aufmerksamkeit verdient. Ansel Elgort bleibt als Star der Serie leider etwas blass, doch Ken Watanabe kann dieses Loch mit seinem Charisma vielleicht noch füllen. Wir bleiben zuversichtlich und geduldig...
Hierzulande geht die zehnteiligen Auftakt-Season von „Tokyo Vice“ erst am 15. Mai bei Starzplay auf Sendung. Zur Deutschlandpremiere werden zwei Folgen auf einen Schlag gezeigt, der Rest folgt im Wochentakt (wir berichteten).
Hier abschließend noch der Trailer zur gerade neu erschienenen Serie Tokyo Vice beim Streamingdienst HBO Max:
Tokio Vice: Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt
Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 8. April 2022Tokyo Vice 1x01 Trailer
(Tokyo Vice 1x01)
Schauspieler in der Episode Tokyo Vice 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?