
© im Roth in „Tin Star“ / (c) Sky Atlantic HD
Die Tarantino-Muse Tim Roth („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „The Hateful Eight“) war dieses Jahr in der Fortsetzung von Twin Peaks zu sehen und spielte dort wieder einen schmierigen Verbrecher. Im Neo-Western Tin Star schlüpft er nun in die Rolle eines Polizisten. Es scheint, als käme er nur für diese beiden Arten von Figuren in Frage. Doch glaubt man dem Zitat, das zu Beginn der als Fun and (S)laughter betitelten Pilotepisode der neuen Serie von Sky Atlantic HD eingeblendet wird, so sind sie eigentlich identisch.
Es liegt ein schmaler Grat zwischen einem Cop und einem Kriminellen - und dass der eine auf der einen und der andere auf der anderen Seite des Gesetzes landet, hängt alleine vom Zufall ab. Das will uns der Serienschöpfer Rowan Joffe („28 Weeks Later“) durch Tin Star deutlich machen und er tut dies, indem er Roths Alter Ego, den charmanten Chief Jim Worth, als Mann mit zwei Persönlichkeiten zeichnet. Zu Beginn sehen wir nur seine gute Seite, doch als dann seine Familie angegriffen wird, nimmt das Böse Überhand.
Afraid of a little crime, chief?
Mit einer atmosphärischen Auftaktszene, die im Rest der Episode leider nicht mehr übertroffen werden kann, legt Tin Star einen echten Glanzstart hin. Wir sind sofort im Setting, ein Provinzstädtchen irgendwo in den kanadischen Rocky Mountains. Ein Mann fährt mit seiner Familie - Frau, Teenietochter und Sohnemann - über eine einsame Landstraße. Alles wirkt ruhig, doch er fährt, als säße ihm der Teufel im Nacken. Plötzlich meldet sich der Tank. Er kehrt um, zur nächsten Zapfsäule. Und dort passiert es: Ein Vermummter tritt mit einer Waffe vor die Windschutzscheibe und schießt. Blut spritzt durch den Wagen. Schnitt.
Ein Jahr vorher: Chief Worth und seine Familie leben erst seit Kurzem in Kanada. Ursprünglich stammen sie aus London, doch aus uns noch unbekannten Gründen mussten sie ihre Heimat verlassen. Was wir wissen: Er ist ein Trinker, allerdings seit zwei Jahren trocken. Im Ort schätzt man ihn als Sheriff. Jeder grüßt ihn und alle lächeln freundlich. Er selbst schätzt indes die Langeweile, die das Städtchen prägt, denn die größte Gefahr sind dort ein paar herumirrende Grizzlybären. Und so kann er seine Tage am Fluss verbringen und angeln. Doch die Ruhe hält nicht lange...

Ein Feind kommt in die Stadt geritten, die skrupellose Ölfirma North Stream, die sich hinter der bezaubernden Christina Hendricks (Mad Men) tarnt. Das Unternehmen sieht in dem Städtchen eine Goldgrube und versucht daher, so viele Grundstücke wie möglich zu kaufen. Doch die alteingesessenen Bürger wehren sich gegen die Raffinerie. Sie befürchten, dass durch die vielen Gastarbeiter die Kriminalität steigen könnte - vom Umweltrisiko einmal ganz zu schweigen. Auch Chief Worth ist gegen die Bohrungen und bietet Hendricks' Figur der Elizabeth Bradshaw daher öffentlich Paroli. Doch verbal kann er ihr nicht das Wasser reichen und so blamiert sie ihn vor versammelter Runde. Er nimmt es mit Humor.
Allerdings endet der Spaß, als Chief Worth die Leiche einer Freundin von den Anonymen Alkoholikern auffindet, die sich ebenfalls mit North Stream angelegt hat. Und wirklich brenzlig wird das Ganze, als der finstere Gagnon (Christopher Heyerdahl), der als Sicherheitschef der Firma glatt einem James-Bond-Film entsprungen sein könnte, auf seinem Privatgrundstück herumlungert. Als ihm eines Nachts eine Schlange auf die Veranda gesetzt wird, weiß Worth, dass er und seine Familie in Lebensgefahr sind. Er flüchtet mit ihnen und so landen wir wieder bei der Anfangsszene. Welches Mitglied der Familie es am Ende erwischt, soll hier noch unerwähnt bleiben. Erwähnenswert ist dafür die Tätowierung einer Schlange - ganz recht, einer Schlange - auf Worths Rücken, die wir kurz vor dem Abspann zu sehen kriegen. Könnte sie vielleicht erklären, was damals in London vorgefallen ist?
Fazit
Neugierig macht die Pilotepisode von Tin Star allemal. Allerdings hätte sie ihre Mysterien deutlich eleganter einführen können - und vor allem nicht gleich alle in der ersten Folge. Über weite Phasen wirkt das Erzähltempo ziemlich überhastet. Auf diese Weise büßt die Serie die Atmosphäre, die sie zu Beginn etabliert hat, rasch wieder ein. Lediglich die hier und da eingestreuten Naturaufnahmen lassen einen kurz durchatmen, dennoch ist der Pilot hoffnungslos überladen. Dabei hat Rowan Joffe als Regisseur und Drehbuchautor eigentlich überhaupt keinen Zeitdruck: Ganze zehn Episoden stehen ihm im Auftaktjahr zur Verfügung. Und Sky hat sogar schon eine zweite Staffel bestellt.
Und das Vertrauen des Senders ist kaum verwunderlich: Sky weiß genau, was für Schätze dort mit Christina Hendricks und Tim Roth geborgen wurden. Man neigt zwar oft dazu, Schauspieler zu loben, doch bei jemandem wie Roth ist es eben doch noch etwas anderes: Er tritt mit einer solchen Intensität auf, dass er wie ein Magnet funktioniert. Außerdem ist niemand besser geeignet, um die in Tin Star thematisierte Dichotomie zwischen Gut und Böse darzustellen. In Hendricks hat er obendrein sein perfektes Gegenstück gefunden. Nur wenige könnten wie sie eine völlig überzeichnete Schurkin so facettenreich porträtieren. Allein für die beiden lohnt es sich also bereits einzuschalten. Und wer dann auch noch eine Schwäche für Westernserien hat, der sollte dies ohnehin tun.
Wann Sky die Serie in Deutschland zeigt, ist unglücklicherweise noch unbekannt.
Der Serientrailer zu „Tin Star“: