
Nicht wenige Zeitreiseserien buhlen seit geraumer Zeit um unsere Aufmerksamkeit und in näherer Zukunft werden es noch einmal mehr, ehe es weniger werden. NBCs Beitrag aus dem Sci-Fi-Untergenre ist Timeless von Shawn Ryan und Eric Kripke, dessen Pilotfolge nun vorliegt. Lassen wir also Fluxkompensatoren, Zeitumkehrer, TARDISse und Future Gadgets hinter uns, um zu sehen, wie das neue Zeitreisemärchen uns den Kopf zum Rauchen bringt.
Und wenn einem schon die gesamte Geschichte zur Verfügung steht, warum nicht gleich mit einem eindrucksvollen, historischen Moment beginnen? So wird uns zunächst eine Nachstellung des Hindenburg-Unglücks von 1937 dargeboten, welches bekanntermaßen auch filmisch festgehalten wurde. An der Stimmung nagen dabei weniger die adäquaten aber mittelmäßigen Spezialeffekte, sondern vielmehr der Darsteller, der sich bemüht, den berühmten Radioreport vom Absturz wiederzugeben und es dabei völlig an den ins Mark gehenden Emotionen der Originalaufnahme mangeln lasst. Oh, the humanity!
Someone who loved history would wanna save it
In der Gegenwart verliert die Serie keine Zeit, die Prämisse zu etablieren und das zeitreisende Abenteuertrio zusammenzutrommeln. Mithilfe eines nützlichen Notizbuches (da fangen die temporalen Verschwurbelungen schon an) und Waffengewalt reißt der ehemalige NSA-Mitarbeiter Garcia Flynn (Goran Visnjic) die im Geheimen entwickelte Zeitmaschine des Unternehmers Connor Mason (Paterson Joseph) an sich. Zum Glück wurde der Prototyp der Maschine als „Rettungsboot“ aufgehoben und kann in der Zeit hinterher springen, auch wenn die genaue Location nicht ausgemacht werden kann.

Regierungsagenten, darunter Agent Christopher (Sakina Jaffrey), stellen deshalb ein Team zusammen, um dem Zeitbanditen zu folgen. Dabei handelt es sich um die Historikerin Lucy Preston (Abigail Spencer), den Delta-Force-Soldaten Wyatt Logan (Matt Lanter) sowie Rufus Carlin (Malcolm Barrett), der als Programmierer an der Entwicklung der Zeitmaschine beteiligt war. Die abgedroschenen must haves aller Zeitreisegeschichten (anfängliche Skepsis der Beteiligten und das gottverdammte Blatt Papier, welches als Repräsentation von Raum-Zeit gebogen wird) lassen wir zum Glück schnell hinter uns, ehe es für die drei Chrononauten ins Jahr 1937 zurück geht - vier Stunden vor dem Hindenburg-Vorfall.
Die Mission lautet: Flynn aufhalten, ehe er jemanden tötet und somit den Lauf der Geschichte ändert. Dies bedeutet zum einen, dass wir wohl es mit einer einzigen linearen Zeitlinie ohne geschlossenen Loop zu tun haben und zum anderen, dass wir nicht zu genau darüber nachdenken dürfen. Wenn nämlich die Integrität der Zeitlinie oberste Priorität hat, würde abgesehen vom offensichtlichen Paradox auch die reine Anwesenheit zeitlich versetzter Fremdkörper die Zusammensetzung kommender Generationen komplett ändern. So genau sieht Timeless es aber nicht und je eher man sich mit dieser Tatsache abfindet, desto schneller kann man sich zurücklehnen und die Serie als das genießen, was sie ist. Zeitreisefiktion ist sowieso selten zu 100 Prozent logisch und am Ende der Episode wird klar, dass die Serie eher eine Mischung aus „Butterfly Effect“ und Sliders sein möchte, dabei aber leider auch auf ironische Schicksal-Esoterik, wie etwa im Remake von „The Time Machine“, zurückgreift.

Eines der großen No-Gos der „Timeless“-Zeitreise besteht darin, nicht in eine Zeit reisen zu können, in der man sich selbst begegnen könnte. So ist es nicht drin, Flynn kurz vor dem Raub der Zeitmaschine aufzuhalten und auch zweite Versuche zu bereits besuchten Zeiten muss sich das Trio abschminken. Besonders enttäuschend fällt diese Klausel für Logan aus, dessen Ehefrau ums Leben kam und somit nicht gerettet werden kann. Als ihnen '37 jedoch die Journalistin Kate Drummond begegnet und einen Hinweis auf Flynns Verbleib gibt, kann er nicht anders, als zu versuchen, sie vor dem Tod während des Absturzes der Hindenburg zu retten. Völlig unnötig, wie sich herausstellt, denn Flynn hat die Umstände dementsprechend geändert, dass es nicht zu dem verheerenden Feuer kommt. Stattdessen soll die Hindenburg beim Abflug mit einem anderen Set an Passagieren in Flammen aufgehen, was prominente, historische Figuren in den Tod reißen und den Verlauf der Geschichte auf unvorhersehbare Weise verändern würde. Es stehen nicht nur Raum und Zeit auf dem Spiel, wie Lucy später aufklärt. Nein, es ist viel schlimmer: Es geht um die Existenz der USA.

Nach einem kurzem Intermezzo im Knast - ein gewisser jemand hat die Cops auf die Zeitreisenden aufmerksam gemacht - gilt es, die Bombe an Bord der Hindenburg zu entschärfen. Die dem Tod über die Schippe gesprungene Kate ist ebenfalls an Bord und den drei Besuchern aus der Zukunft behilflich, wird aber im Showdown-Handgemenge mit Flynn und seinem Handlanger zufällig von einer Kugel getroffen und stirbt, weil es offenbar ihr „Schicksal“ war zu sterben. Dieses galt allerdings nur für sie und nicht für die 35 anderen Überlebenden der Katastrophe. Zurück in der Gegenwart stellen wir fest, dass fast alles noch an seinem Platz ist, obwohl mehrere Dutzend Menschen, die nicht mehr am Leben sein sollten, am Zeitgeschehen der letzten 80 Jahre teilnahmen. Aber wie gesagt: nicht zu genau darüber nachdenken. Für Lucy steht zuletzt noch eine bittersüße Überraschung ins Haus, denn nicht nur der historische Ablauf der verzögerten und weniger tragischen Hindenburg-Katastrophe hat sich in den Geschichtsbüchern geändert: Ihre todkranke Mutter ist auf einmal wohlauf... dafür ist ihre Schwester aus der Zeitline gelöscht worden.
Fazit
Timeless ist am ehesten etwas für alte Fans der Zeitreiseserie Seven Days, denn zum einen eignet sich die Prämisse mit (mehr oder weniger) klar definierten Zeitreiseregeln gleichermaßen als Procedural, zum anderen wirkt das Ganze auf der Charakterseite ein wenig altbacken, so als hätten wir eine Reise in die Serienlandschaft der 80er und 90er unternommen: Die verbissene Wissenschaftlerin, die langsam mit dem unrasierten Militärmann mit frechem Spruch auf den Lippen warm werden muss und ein schwarzer Comic-Relief-Charakter, der den Rassismus der 30er-Jahre ganz schön mit Humor nimmt, damit es nicht zu ernsthaft zugeht.
Einige offene Fragen, wie etwa, was die wahren Intentionen von Mason und Flynn sind, wieso der Gegenspieler im Besitz von Lucys Notizbuch aus der Zukunft ist und ob wir uns nach jeder Episode an eine neue Realität gewöhnen müssen, machen neugierig auf die kommenden Folgen. Trotzdem macht sich nach der Pilotfolge ein wenig Enttäuschung breit. Die nächste NBC-Ausnahmeserie à la Hannibal scheint hier ebenso wenig angekommen zu sein wie eine anspruchsvollere Alternative zu 12 Monkeys.