The Young Pope 1x10

The Young Pope 1x10

In transatlantischer Kooperation ist es Sky, HBO und Canal+ gelungen, den Spitzenregisseur Paolo Sorrentino fürs Fernsehen zu rekrutieren. Dabei ist eine der wohl faszinierendsten Serien des Jahres herausgekommen: The Young Pope.

Pius XIII. (Jude Law) ist der erste Papst aus den Vereinigten Staaten von Amerika. / (c) Sky/HBO/Canal+
Pius XIII. (Jude Law) ist der erste Papst aus den Vereinigten Staaten von Amerika. / (c) Sky/HBO/Canal+

Wie viele Italiener würden es wagen, einen Papst, begraben unter einem Haufen nackter Kinder, zu zeichnen? Wie viele Einwohner dieses gottesfürchtigen Landes würden den entblößten Hintern des heiligen Vaters der katholischen Kirche zur Schau stellen und ihn sich zu den Klängen des LMFAO-Songs „Sexy and I Know It“ bekleiden lassen? Zumindest einer von 60 Millionen tat dies nun: der Bewegtbildkünstler und Oscarpreisträger Paolo Sorrentino („Il Divo“, „La Grande Bellezza“, „Youth“). Zu bewundern sind seine Ketzereien in der Auftaktstaffel seiner Dramaserie The Young Pope, die er für Sky Atlantic HD, HBO und Canal+ entwickelt hat.

Sorrentinos besondere Beziehung zum Glauben und dem Katholizismus ziehen sich durch sein gesamtes Schaffen. Über die Jahre hat er eine unvergleichliche Mixtur aus höhnischem und bissigem Spott gegenüber allem Geistlichen kreiert, die vermutlich auf eine tiefe Sehnsucht nach ebendiesem zurückzuführen ist.

Einen Papst so gutaussehend wie Jesus, so unnahbar wie ein Rockstar und so unzuverlässig wie der Staat Nordkorea - einen solchen hat Sorrentino als Protagonist für The Young Pope ersonnen. Gespielt wird er vom britischen Filmstar Jude Law, der ausreichend Anmut ausstrahlt, um glaubwürdig Gott selbst zu verkörpern.

In vielerlei Hinsicht ist Sorrentinos fiktiver Pius XIII. das exakte Gegenteil des realen Franziskus I. Wo Franziskus Liebe predigt, predigt Pius Unterwerfung. Und wo Franziskus vergibt, verurteilt Pius seine Schäfchen. Humanismus versus Dogmatismus, Liberalismus versus Konservativismus - so unterschiedlich denken die beiden Päpste. Gemeinsam haben sie nur, dass sie als große Reformer gelten und aus der neuen Welt stammen: Franziskus aus Argentinien und Pius aus den USA - genauer genommen aus New York, wo er als Erzbischof Lenny Belardo residierte. Als seine Brüder im Konklave für ihn stimmten, hofften sie, er könnte für den Vatikan zu einer Art Obama 2.0 werden, doch sie unterschätzten ihn und alles kam ganz anders...

What have we forgotten?

Es ist fast diabolisch, wie Sorrentino in der allerersten Szene der Serie, mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. Sie mochten vielleicht vermuten, ein junger Papst aus Amerika würde sich für moderne Themen wie Abtreibung, Verhütung, Masturbation oder die gleichgeschlechtliche Ehe einsetzen. Und so tut Pius auch all das in seiner ersten Rede auf dem Petersplatz, bis sich jedoch herausstellt, dass alles nur ein Albtraum war. Die echte erste Rede vor seinen spirituellen Kindern sollte etwas ganz Besonderes werden, Sorrentino lässt uns allerdings bis zum Ende der zweiten Episode darauf warten. Zunächst lernen wir die übrigen Figuren im Vatikan nach seinem Bilde kennen.

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Ein Anblick für die Götter: Die US-Schauspielerin Diane Keaton in einer biederen Nonnenkluft. © Sky/HBO/Canal+
Ein Anblick für die Götter: Die US-Schauspielerin Diane Keaton in einer biederen Nonnenkluft. © Sky/HBO/Canal+

Die wohl wichtigste Rolle im Leben des jungen Papstes spielt die Nonne Mary (Diane Keaton), die ihn als Waisenkind wie eine Mutter, die er jedoch nie als solche bezeichnen durfte, großzog. Nach seiner „Beförderung“ beruft er sie als seine engste Vertraute in den Vatikan. Und obwohl Mary weiß, dass Lennys Herz aufgrund der Absenz seiner leiblichen Eltern von Dunkelheit erfüllt ist, glaubt sie fest daran, dass er ein Heiliger ist, die Reinkarnation Jesus Christus'. Pius' größter Gegenspieler ist Kardinalstaatssekretär Voiello (Silvio Orlando), ein nuschelnder Fußballfanatiker mit Warze im Gesicht, der als meisterhafter Intrigant zum mächtigsten Mann im Zwergstaat aspirierte.

Erst er machte Lenny zu Pius und damit einen großen Fehler, da sich der junge Amerikaner nicht als die leicht beeinflussbare Marionette herausstellte, die Voiello in ihm sah. Klüger wäre es gewesen, hätte Voiello das Konklave zugunsten des erfahrenen Kardinals Spencer (James Cromwell) manipuliert. Bei diesem handelt es sich um Lennys gehörnten Mentor, der nach seiner Niederlage versuchte, sich das Leben zu nehmen, was der wohl größten Sünde im Katholizismus gleichkommt. Heilig kann sich in Sorrentinos Vatikan also niemand nennen. Eine, die zumindest keinen Hehl aus sich macht, ist die pragmatische Marketingchefin Sofia (Cecile de France), die dem Heiligen Vater immer wieder schöne Blicke zuwirft.

Doch lässt er sie abblitzen, als sie ihm Vermarktungsvorschläge unterbreitet: Sie will sein hübsches Gesicht auf alles drucken, was sich verkaufen lässt und er soll das nette Maskottchen des katholischen Glaubens werden. Pius plant derweil genau das Gegenteil: Sein Antlitz will er verbergen und seine Schäfchen bestrafen. Sofia hält dies für medialen Suizid, er verweist jedoch auf die Tatsache, dass die bedeutendsten Künstler der letzten Dekaden allesamt Mysterien waren - siehe Salinger, Kubrick, Banksy oder Daft Punk. Und so tritt er bei seiner ersten Rede auf dem Petersplatz nur als gespenstischer Schatten vor die Menge. Sie hätten Gott vergessen, wirft er den Menschen vor und sie seien verdammt, wenn sie ihm nicht jede Sekunde ihres Lebens schenkten. In Tränen lässt er sie zurück und dann zieht ein Gewitter auf, als gäbe Gott ihm Recht.

Give me Peace and I give you God!

Wie würde die Welt reagieren, wenn ein solch finsterer Papst sie betreten würde? Vermutlich verstört, aber sicher nicht so verängstigt wie einst im Mittelalter. Dorthin will Pius die Kirche zurückführen, doch als er erkennt, dass seine Schäfchen ihm nicht auf Anhieb folgen wollen, widmet er sich diversen Nebenprojekten: Er befreit zum Beispiel ein, von der australischen Regierung gespendetes, Känguru in den vatikanischen Gärten, hilft einem Schweizergardisten und dessen betrübter Ehefrau Esther (Ludivine Sagnier) bei der Empfängnis, schickt den alkoholkranken Kardinal Gutierrez (Javier Camara) nach New York, damit dieser dort Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen einen Erzbischof untersuchen kann und sammelt pikante Informationen über politische Gegner - allen voran über Voiello.

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Maestro Sorrentino spielt mit Perspektiven: Pius (Jude Law) ist Voiello (Silvio Orlando) überlegen. © Sky/HBO/Canal+
Maestro Sorrentino spielt mit Perspektiven: Pius (Jude Law) ist Voiello (Silvio Orlando) überlegen. © Sky/HBO/Canal+

Doch auch der bringt sich in Stellung für die drohende Eskalation des kalten Krieges zwischen sich und dem Papst. So überredet er die schöne Esther dazu, den Papst in Versuchung zu führen, um ihn später mit belastenden Bildern zu erpressen. Zwar bleibt Pius standhaft, doch gelingt es Voiello dennoch, ein paar verdächtige Fotos zu schießen. Bald sieht er aber ein, dass ein großer Sexskandal der ohnehin schon schwächelnden Kirche den Todesstoß verpassen könnte und so begräbt er vorerst seine Pläne, den Papst zur Abdankung zu zwingen und ihn durch Spencer oder den kurzatmigen Kardinal Caltanissetta (Toni Bertorelli) zu ersetzen. Doch wenn Voiello die Kirche nicht in den Abgrund führt, tut Pius dies wahrscheinlich selbst.

Auch Monate nach seiner Ernennung will sich dieser öffentlich nicht zeigen, lediglich ein paar Staatsgäste empfängt er, die er aber ohne jeden Respekt behandelt. Mit Vehemenz propagiert er weiterhin unpopuläre Positionen wie ein härteres Vorgehen gegen Homosexualität oder ein Verbot von Geburtenkontrolle. Schließlich distanziert sich sogar sein Waisenbruder Andrew (Scott Shepherd) von ihm, der unter Marys Fittichen ebenfalls zum Geistlichen heranwuchs und Pius' rechte Hand werden sollte. Als Andrew zurück in seine Heimat Guatemala fliegt und dort von einem wütenden Drogenbaron erschossen wird, verliert Pius seinen letzten Halt.

Zweifel übermannen ihn und er denkt sogar daran, zurückzutreten. Doch Sofia und Mary reden ihm das aus. Sie sind die einzigen im Vatikan, die noch an ihn glauben, geben ihm aber den Rat, nicht nur auf die Peitsche, sondern auch aufs Zuckerbrot zu setzen. Pius willigt schließlich ein, seine erste päpstliche Reise zu unternehmen - ein genialer Schachzug Sorrentinos, es erst in der achten Episode soweit kommen zu lassen, so ist die Spannung umso größer. Und sie wird nicht enttäuscht, denn in Afrika hält Pius seine zweite große Rede. Wieder offenbart er dabei nicht sein Antlitz, doch seine Botschaft ist hoffnungsvoller als zuvor: „Gebt mir Frieden und ich gebe Euch Gott!“ Es ist die wohl bewegendste Szene der gesamten Staffel, denn hier sehen wir erstmals ein anderes Gesicht des jungen Papstes - obwohl wir es ja eigentlich nicht sehen. Untermalt wird der Auftritt durch ein wundervolles Cover des Beyoncé-Liedes „Halo“.

God Smiles...

Langsam dreht sich der Wind, da schon die geringste Aussicht auf Gott den Menschen ausreicht, sich wieder in den Schoß der Kirche zu begeben. Pius' Strategie, Neugier durch Vorenthaltung zu schüren, scheint doch aufzugehen. Gelernt hat er sie schmerzhaft am eigenen Leibe, als Waisenkind, dessen Hippie-Eltern ihn verlassen haben. Und so kann auch er sich der Neugier nicht erwehren. Immer wieder durchläuft er im Geiste Erinnerungen an Vater und Mutter. Ein Sommertag an einem Fluss in Colorado, er und sein Pfeife rauchender Vater liegen in der Sonne und seine Mutter badet im glänzenden Wasser - so sah für den kleinen Lenny das Paradies aus und so ist es auch heute noch für Pius. Seine letzten Andenken an diese glückliche Zeit, sind der vertraute Duft der Mutter in seiner Nase und die Pfeife des Vaters, die er niemals aus den Augen lässt.

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Treffen sich 16 Päpste - Pius (Jude Law) holt sich imaginären Rat bei seinen Amtsvorgängern. © Sky/HBO/Canal+
Treffen sich 16 Päpste - Pius (Jude Law) holt sich imaginären Rat bei seinen Amtsvorgängern. © Sky/HBO/Canal+

Auf der einen Seite wünscht sich Lenny, seine Eltern wieder bei sich zu haben, auf der anderen erfüllt ihn die Vorstellung aber auch mit Furcht. Dieser Zwiespalt lähmt ihn. Sein Mentor Spencer meint sogar, jedes seiner Probleme sei letztendlich darauf zurückzuführen, da Lenny nie gelernt hätte, zu lieben. So habe er sich in die strenge Auslegung der Bibel verkrochen, ohne dabei die Komponente Mensch zu beachten. Ähnlich wie viele andere berüchtigte Waisenkinder, ob Julius Cäsar, Hitler, Lenin oder Genghis Khan, wurde er zum Tyrann. Und als Spencer schließlich auf dem Totenbett liegt, entscheidet sich Lenny, seinem Rat zu folgen: Er reist nach Venedig, wo seine Eltern ihn einst verließen, um das Kapitel endlich abzuschließen. Indes lernt die Welt noch eine weitere neue Seite des Papstes kennen: Es tauchen Briefe in der Öffentlichkeit auf, Liebesbriefe, um genau zu sein. Geschrieben von Lenny, an eine mysteriöse Jugendliebe aus Kalifornien.

Und auch wenn ein Papst keine fleischliche Beziehung eingehen darf, ist die Welt doch gerührt, von den liebevollen Zeilen, die Lenny seiner Angebeteten schrieb. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten geht es in den Nachrichten nicht um Krieg und Terror, sondern um die Liebe. Die Menschen sind nun bereit für die dritte große Rede des jungen Papstes. Diese hält er auf dem Markusplatz in Venedig. Hunderttausende sind gekommen, die ganze Welt sieht zu. Und nun zeigt Pius erstmals sein Gesicht und seine Botschaft könnte freudiger und universeller nicht sein: „Wir finden Gott im Lachen! Also lacht, meine Brüder und Schwestern!“ Und die Welt lacht. Doch als Pius in der Menge seine Eltern zu glauben sieht, verfliegt das Lachen. Er bricht zusammen und die Kamera fährt langsam Richtung Weltall. „The End“, steht in weißen Lettern geschrieben, doch das ist nicht wahr, denn eine zweite Staffel ist bereits bestellt.

Verdikt:

Diese letzte Szene ist ein Paradebeispiel für Paolo Sorrentinos seltene Gabe, verschiedenste Emotionen in kürzester Zeitspanne abzurufen. Unterstützt durch das grandiose Schauspiel von Jude Law rührt der Papst erst zu Tränen und schürt wenig später Angst. Derselbe Spagat gelingt mit humoristischen Komponenten, die in The Young Pope en masse und in Bravur vorzufinden sind - man denke nur an die sportlichen Nonnen, die Taufe oder Edgaaar! Die Serie bleibt zu jeder Sekunde unberechenbar und damit unterhaltsam. Trägt Sorrentino an der einen oder anderen Stelle etwas zu dick auf? Grenzen manche seiner Einfälle an Prätentiösität oder Theatralik? Vielleicht, es ist jedoch ausreichend Selbstironie zu spüren, dass man ihm das gerne zugesteht.

Gleichzeitig beherrscht er als Regisseur die Techniken der Filmkunst in Perfektion: Seine experimentellen, enigmatischen und fast hypnotisierenden Bildkompositionen werden wohl nur von Fellini übertroffen. Jede seiner Einstellungen ist bis ins kleinste Detail geplant und das Prädikat „stylisch“ kommt einem in den Sinn - schon das Intro ist in dieser Hinsicht brillant. In besagtem Intro offenbart sich Sorrentinos Stilmittel, mithilfe von vatikanischen Statuen und Gemälden, vielsagende Symbole bezüglich der Handlung zu kreieren. Und auch die fabelhafte musikalische Untermalung Lele Marchitellis muss hervorgehoben werden.

Über viele Episoden erschien die rätselhafte Charakterzeichnung Lenny Belardos bedenklich. War er nun ein typischer Antiheld, einer, wie wir ihn schon hundertmal gesehen haben, etwa ein Frank Underwood im Vatikan? Zugegeben: Sein prunkvolles Auftreten, seine Allüren mit den Kardinälen und nicht zuletzt seine erzkonservative Politik lassen ihn reichlich schlecht aussehen. Am Ende findet die Figur aber doch Erlösung in ihrem Streben nach Frieden, den Briefen der Liebe und der kindlichen Sehnsucht nach den Eltern. Pius ist kein einfacher Machiavellist, sondern ein strenggläubiger Christ. Er kokettiert zwar oft damit, nicht an Gott zu glauben, doch seine beherzten Gebete gen Himmel scheinen dem Herrn so gut zu gefallen, dass er sie erhört. Wetter und Gezeiten regen sich für Pius, als Kind heilte er sogar die sterbende Mutter eines Freundes und seine Feinde neigen verdächtig oft dazu, an Krankheiten zu leiden. Hilft Pius seinen Wundern nach, ist er ein großer Schwindler oder gibt es Gott in Sorrentinos Welt tatsächlich? Ich kann es kaum erwarten, mehr davon zu sehen. Eine wirklich faszinierende Serie!

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Verfasser: Bjarne Bock am Samstag, 19. November 2016
Episode
Staffel 1, Episode 10
(The Young Pope 1x10)
Titel der Episode im Original
Episode 10
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Freitag, 18. November 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 18. November 2016
Regisseur
Paolo Sorrentino

Schauspieler in der Episode The Young Pope 1x10

Darsteller
Rolle
Diane Keaton
Silvio Orlando
Cecile De France
Sebastian Roche

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