The X-Files 9x20

The X-Files 9x20

Das Serienfinale von The X-Files lässt noch einmal die gesamte Alienverschwörung Revue passieren, ehe wir endlich die Wahrheit erfahren, nach der auch Protagonist Fox Mulder neun Jahre lang auf der Suche war.

Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) in der letzten Szene der Serie / (c) FOX
Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) in der letzten Szene der Serie / (c) FOX

Hier sind wir nun. Nach neun Staffeln, über 200 Episoden und einem ziemlich guten Kinofilm zwischendrin, stand mit der Doppelepisode „The Truth“ das Serienfinale von The X-Files an. Mulder (David Duchovny) kehrt nach langer Abwesenheit zurück und wir bekommen alle Antworten auf sämtliche Fragen bezüglich der Alienverschwörung, die sich in den zurückliegenden Seasons angesammelt haben. Und genau darin liegt das Problem...

The Truth Is in Here

Fox Mulder kehrt nach längerem Untertauchen zurück und bringt sich auf der Suche nach Antworten noch einmal deftig in Schwierigkeiten, als er in einen Militärkomplex eindringt, in dem er sich in das Computersystem hackt und tatsächlich an die Wahrheit gelangt, die dem Zuschauer noch bis zum Ende der Episode vorenthalten wird. Die ganz Aufmerksamen werden allerdings schon etwas auf seinem Bildschirm entdecken können, das womöglich zu großem Augenrollen führt. Auf der Flucht kommt es zum Gerangel mit einem Soldaten, der von Mulder auf Hochspannungsleitungen befördert wird und augenscheinlich stirbt.

In Militärhaft und wegen Mordes angeklagt muss Mulder sich während des Finales gegen die schweren Vorwürfe verteidigen und beweisen, dass die gesamte Alienverschwörung wahr ist und es sich bei dem angeblich getöteten Mann um einen unverwundbaren Super Soldier handelte. Beim Wiedersehen mit Scully (Gillian Anderson) und Skinner (Mitch Pileggi), die er befremdlicherweise Dana und Walter nennt, kommt es zu einigen sehr gefühlvollen Szenen mit der Mutter seines Kindes, das Scully aus Sicherheitsgründen abgeben musste. Die Wahrheit möchte er allerdings nicht mit ihr teilen.

Mulder hackt sich bis zur Wahrheit. © FOX
Mulder hackt sich bis zur Wahrheit. © FOX

Der Prozess selbst, bei welchem Mulder von Skinner verteidigt wird, ist eine abgesprochene Farce mit einem Schuldspruch, der schon längst von Deputy Director Kersh (James Pickens Jr.) und dem Militär beschlossen wurde. Er erlaubt den Machern allerdings, sämtliche lose Fäden zu verbinden und dem Publikum genau zu erklären, was es mit den Aliens und der Verschwörung auf sich hatte. Das Problem dabei liegt auf der Hand: Wenn Eure Rahmengeschichte schon nur mit Tesafilm und Kaugummi zusammenhält, sollte man nicht noch den Scheinwerfer draufhalten!

Egal, was die Macher heute behaupten: Es ist offensichtlich, dass die Hintergrundgeschichte peu à peu und Staffel um Staffel geschrieben wurde, ohne wirklich eine Ahnung zu haben, wo die Reise hingehen soll. Lost hatte dasselbe Problem, das ebenfalls immer offensichtlicher wurde, je später es in der Serie wurde. Der Versuch, alles aufzudröseln, ist auf der einen Seite löblich, auf der anderen Seite haben sich Chris Carter und Co damit keinen Gefallen getan und das Serienfinale der X-Akten in eine Clipshow verwandelt, die zusammengefasst so lächerlich und weit hergeholt rüberkommt, dass der gegnerische Anwalt (Adam Baldwin) plötzlich der sympathischste Mensch im Gerichtssaal ist.

Hard to keep these Aliens straight without a scorecard

Hier ist die Story, die Scully, Jeffrey Spender (Chris Owens), Marita Covarrubias (Laurie Holden), John Doggett (Robert Patrick) und Monica Reyes (Annabeth Gish) uns nacheinander auftischen: Vor Millionen von Jahren kam der Ursprung menschlichen Lebens via eines Asteroiden vom Mars auf die Erde und brachte dabei ein mit den Aliens kommunizierendes Virus mit, das die Urmenschen befiel, später im Eis schlummerte und schließlich als schwarzes Öl die Kolonialisierung verursachen soll. Die Regierung weiß seit dem Roswell-Vorfall davon und verschwörte sich mit dem Militär und dem Syndikat, welches vorgab, mit den Aliens zu kollaborieren. In Wahrheit wurde an einem Gegenmittel gegen das Alienvirus gearbeitet.

Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) endlich wieder vereint. © FOX
Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) endlich wieder vereint. © FOX

Zu diesem Zweck wurde an Familienmitgliedern der Mitverschwörer herumexperimentiert, zu denen auch Mulders Schwester Samantha zählte. Später wurde eine Gruppe an Frauen entführt - darunter auch Scully - um eine Hybridenrasse zu züchten, die den Aliens als Sklaven dienen sollte. Die Bounty-Hunter-Aliens überwachten den Kolonialisierungsprozess der anderen Außerirdischen, doch eine Splittergruppe stellte sich gegen sie und brachte das Syndikat zu Fall. Die Verschwörung geht jedoch unter der Regie anderer, die nun die Regierung infiltriert haben, weiter.

No one lie can live forever

Ulkig ist dabei, dass Scully und Reyes während ihrer Aussagen von „harten Beweisen“ reden, aber trotz des wissenschaftlichen Hintergrunds komplett vergessen, was das Wort bedeutet und dass „Ich habe da was gesehen und erzähle euch jetzt davon“ nicht unter die Definition fällt. Zusätzlich wird der Prozess für die Verteidigung erschwert, als angeblich die Leiche des Soldaten aufgetaucht sein soll. Etwas, das Scully mit einer fixen Autopsie zu widerlegen weiß. Trotzdem geht der Prozess aus, wie er ausgehen muss und Mulder wird nach einer letzten großen Ansprache des Mordes für schuldig befunden. Kein Wunder, wenn sogar eines der Aliens unter den Richtern ist, wie der gedankenlesende Gibson Praise (Jeff Gulka) offenbart.

Militärgericht mit Quotenalien © FOX
Militärgericht mit Quotenalien © FOX

Mulder soll durch eine Giftspritze hingerichtet werden, doch das lassen seine Freunde nicht zu. Die nicht vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen des Militärs im „X-Files“-Universum, die Mulder bereits gestatteten, an die Wahrheit zu kommen, machen es Doggett und Skinner leicht, ihren Kollegen zu befreien. Während des gesamten Prozesses hat dieser schon Visionen längst Verstorbener gesehen, die vor dem letzten Vorhang noch einen kleinen Auftritt haben dürfen. Darunter das ewige Wiederaufstehmännchen Alex Krycek (Nicholas Lea), Mr. X (Steven Williams) und sogar die Lone Gunmen, die nach ihrem erfolglosen Spin-off in der Serie, aus der sie entsprangen, hingerichtet wurden.

The Truth

Die Suche nach dem weisen Mann, der Mulder zur Wahrheit verholfen hat, dem sogenannten „holder of the truth“, welcher sich in den Ruinen der Anasazi in New Mexico versteckt, führt hingegen zum Wiedersehen mit dem ebenfalls totgeglaubten big bad der Serie: dem Cigarette Smoking Man (William B. Davis), der noch immer stark am Paffen ist und eine schurkische Bösartigkeit gegenüber Mulder an den Tag legt, die den Charakter auf einmal sehr platt erscheinen lässt. Trotz Mulders Einspruch teilt er die Wahrheit mit Scully und dem Zuschauer. Bereit? Dann wollen wir mal:

Die Wahrheit ist ein Datum. Der 22. Dezember 2012, um genau zu sein. Richtig, der Tag, an dem der Maya-Kalender aufhört und nach dem unüberraschend undramatischen Jahrtausendwechsel für viele Spinner als das nächste heiße Apokalypsedatum galt. Hier ist es allerdings überhaupt keine Spinnerei, sondern der Stichtag, an welchem die finale Alieninvasion stattfindet, gegen die es keinerlei Hoffnung auf Verteidigung gibt. Keine schlechte Auflösung, wenn ihr mich fragt, aber eine, die den Maya-Unfug nicht gebraucht hätte und die Frage aufwirft, warum das Syndikat all die Bemühungen unternommen hat, wenn das unvermeidliche Endresultat seit jeher feststand.

I Want to Believe

Mulder und Scully fliehen, ehe ein ihnen geltender Raketenangriff die Ruinen und den CSM ausradiert - diesmal sehen wir ihn sogar bis aufs Skelett verkohlt, damit ja kein Zweifel bleibt. Sie steigen in einem Motel ab, wo sie ganz genau wie im Piloten angeordnet auf dem Bett herumlungern und darüber sinnieren, woran man jetzt noch glauben soll. Ein spiritueller Twist, der hier sehr viel besser gehandhabt wird als im „Lost“-Finale und dennoch ruiniert wird, indem dieser Aspekt nicht wage gehalten wird, sondern plakativ mit Scullys Kruzifixkette in Großaufnahme per christlichem Vorschlaghammer serviert wird.

Nicht totzukriegen: der Raucher (William B. Davis) © FOX
Nicht totzukriegen: der Raucher (William B. Davis) © FOX

Fazit

The Truth“ ist ein problematisches Finale, welches der Serie, die ihm vorausging und die bereits ihren Zenit überschritten hatte, unter keinen Umständen gerecht werden konnte. Dabei werden noch einmal Charaktere vor die Kamera gezerrt, die überhaupt nichts mit der Story zu tun haben. Dies ist besonders tragisch im Fall von Doggett und Reyes, deren Auftritte inklusive der im Nichts endenden Rettungsaktion am Ende höchstens als glorifizierte Cameos durchgehen. Selbst die müden Darbietungen von Anderson und Duchovny, deren Chemie stets das Herzstück der Serie war, lassen an dieser Stelle zu wünschen übrig. Es scheint beinahe so, als wären sie mit ihren Köpfen bereits bei anderen Sachen und hätten mit „The X-Files“ abgeschlossen.

Früher schalteten viele X-Philes vor allem wegen der Alienmythologiefolgen ein, weil wir unbedingt wissen wollten, wie die Geschichte um die Aufdeckung der Verschwörung weitergeht. Heute kommen nicht umsonst eher die alleinstehenden „Monster of the Week“-Episoden besser weg, da uns mittlerweile bewusst ist, als wie überladen und ungeschickt zusammengeflickt sich die ganze Angelegenheit entpuppen würde.

Am 24. Januar 2016 geht es nach all den Jahren (das Desaster „The X Files: I Want to Believe“ von 2008 ignorieren wir gerade mal) mit einer sechsteiligen Miniserie weiter. Die verspätete zehnte Staffel wirft allerdings schon jetzt einige Fragen auf: Warum lebt der CSM noch? Kommt er nur in Flashbacks vor? Gibt es Klone von ihm? Was ist aus der Alieninvasion geworden? Gab es Verzögerungen beim Bau des BER (Battleship Exit Ramp)? Oder spielen die neuen Folgen insgeheim 2012 und enden überraschend mit dem Beginn der Invasion? Das wäre wiederum eine fantastische Ausgangslage für ein weiteres Filmabenteuer, bei welchem ich mit Sicherheit mit meinem Alufolienhut im Kino sitzen würde.

Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 6. Dezember 2015
Episode
Staffel 9, Episode 20
(The X-Files 9x20)
Deutscher Titel der Episode
Die Wahrheit - Teil 2
Titel der Episode im Original
The Truth (2)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 19. Mai 2002 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 24. Februar 2003
Autor
Kimberly Oja
Regisseur
Richard Riehle

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