The Truth about the Harry Quebert Affair: Review der Pilotepisode

© atrick Dempsey in „The Truth about the Harry Quebert Affair“ (c) Epix
Auf dem Papier hat The Truth About the Harry Quebert Affair eine Menge, was für die Krimiserie von Epix spricht. Sie basiert auf einem beliebten Kriminalroman von Joël Dicker und ist das erste Serienprojekt von Regisseur Jean-Jacques Annaud, den man vor allem für die gelungene Umberto-Eco-Verfilmung „Der Name der Rose“ kennt. Gleichzeitig dient sie als Plattform für die TV-Rückkehr von Ex-Grey's Anatomy-McDreamy-Darsteller Patrick Dempsey. Herausgekommen ist aber auf den ersten Blick etwas höchstens Mittelmäßiges, das sich mit seiner moderner wirkenden Krimikonkurrenz kaum messen kann.
Zunächst lernen wir unseren unsympathischen Protagonisten kennen, der uns als arroganter Antiheld verkauft wird, allerdings ohne positive Eigenschaften oder Fähigkeiten, die auch nur einen Funken von Sympathie oder Interesse überspringen lassen. Wir müssen die Serie einfach beim Wort nehmen, dass der von Ben Schnetzer gespielte Marcus Goldman die neue Hoffnung am amerikanischen Literaturhorizont ist. Als ihn jedoch die Deadline für sein zweites Buch unter enormen Erfolgsdruck versetzt, gerät er vollkommen in eine Schreibblockade und wendet sich an seinen alten Dozenten und Mentor, den im Titel platzierten Harry Quebert (Dempsey), der - wie alle Bestsellerautoren in Filmen und Serien - in einem Haus am Meer lebt.
Hier kannst Du „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert: Roman“ bei Amazon.de kaufen
„Grey's Anatomy“-Fans, die sich an den attraktiven Dr. Shepherd erinnern, werden vielleicht ein wenig erstaunt sein, wie sehr Schauspieler Patrick Dempsey für seine neue Rolle auf zauseligen Literaturprofessor getrimmt wurde. Da die Serie sich aber zum Teil in den 70ern abspielt, musste er für die Szenen aus der Gegenwart (des Jahres 2006) etwas gealtert werden, wobei 30 Jahre zwischen seinen beiden unterschiedlichen Make-ups doch ganz schön an die Grenze des Glaubwürdigen stoßen. Damals machte der einst ebenfalls sehr erfolgreiche Romanautor die Bekanntschaft der jungen Nola (Kristine Froseth), die kurz darauf spurlos verschwand.
Kurze Zeit nach seinem Besuch, als Marc noch immer kein Stück weiter mit seinem Folgewerk ist, kommt es zu einer (nicht für uns Zuschauer, aber für die Charaktere) schockierenden Entdeckung: Die Leiche von Nola wurde auf dem Grundstück von Quebert gefunden, gemeinsam mit dem Originalmanuskript seines gefeierten Erfolgromans „The Origin of Evil“. Für die Medien ein gefundenes Fressen, doch Protegé Marc glaubt trotz dringender Verdachtsmomente nach wie vor an die Unschuld seines hilfsbereiten Freundes. Zumindest, bis er ihn mit einer kryptischen Nachricht damit beauftragt, Beweismittel inklusive des Manuskripts zu vernichten.
Kann es sein, dass der große Durchbruch seines großen Vorbilds auf einem Werk fußt, das er gar nicht selbst geschrieben hat und das ihn zum Morden verleitete? Wird er tatsächlich von einer weiteren Partei unschuldig für den Mord angeschwärzt? Oder kann es sogar angehen, dass Quebert das ganze Spektakel inszeniert, um in Marc (der die gesamte Geschichte - als wäre es ein Roman - aus dem Off erzählt) zum Schreiben zu animieren?
Fazit
Es ist vermutlich nicht ganz fair, The Truth About the Harry Quebert Affair direkt nach dem Genuss von Sharp Objects anzusehen und zu bewerten, deshalb wollen wir diplomatisch sein. Es wird allerdings spätestens während des stilistischen Openings offensichtlich, dass man sich hier an einem modernen, stimmungsvollen Thriller versucht, der zuweilen mehr nach Hallmark Channel-Ramsch aussieht und nicht einmal eine Cliffhanger-Landung zur Pilotfolge hinbekommt. Dass Quebert sehr verdächtig wirkt, ist schließlich Teil der Grundprämisse, wodurch die späte Einsicht von Marc kaum als redenswerter Wendepunkt durchgeht. Patrick Dempsey in einer neuen und drastisch anderen Rolle zu sehen, mag ganz erfrischend sein, doch neben dem strauchelnden Hauptdarsteller würde wohl jeder eine gute Figur machen.
Insgesamt ein eher harmloser Eintrag im Genre. Für Tatort-Fans, die es bodenständiger mögen und stilistische Kapriolen für unnötig halten, reicht das Material allemal und eine gelungene Auflösung könnte auch immer noch einiges rausholen.
