
In Kino und Fernsehen wurde der Vampir während des Hypes der letzten Jahre meist als erotisches Wesen porträtiert, Vampire mussten Gefühle entwickeln können, sie mussten gut aussehen und mindestens soviel Lust auf Sex haben wie Durst auf Blut. The Strain bricht auf angenehme Weise mit diesem Trend: Vampire sind hier wieder, was sie ursprünglich mal waren: Furchteinflößende Monster.
This is who you are
Die überlange Pilotepisode der neuen FX-Serie lässt sich viel Zeit, das Mysterium um die Vampire und die einzelnen Charaktere einzuführen - manchmal zu viel Zeit. Stellenweise werden hier Szenen mit vermeintlichen Rätseln aufgeplustert, deren Lösung jeder kennen dürfte, der auch nur einen Trailer gesehen, nur einmal die Serienbeschreibung gelesen hat. Doch am Ende von Night Zero weiß der Zuschauer mehr als die Protagonisten.
Ephraim „Eph“ Goodweather (Corey Stoll) steht im Mittelpunkt der Handlung. Er ist der Leiter des Canary Team des Center for Disease Control (Seuchenschutzbehörde) in New York City. Das ist eine Spezialeinheit, die als erstes den Ort eines Virusausbruchs untersuchen muss, die Keimzelle. Zu Beginn sehen wir ihn in der Paartherapie mit seiner Ehefrau Kelly (Natalie Brown), es geht um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Zach (Ben Hyland).
Schon in dieser frühen Szene beginnen die Probleme der Pilotepisode. Sie hält sich zu oft an wenig interessanten Nebenschauplätzen auf. In der Szene bei der Paartherapeutin wird schnell klar, dass Eph es nicht schafft, Karriere und Familienleben miteinander zu vereinbaren. Er behauptet zwar, dass ihm die Familie mehr bedeute als seine Arbeit, greift dann aber trotzdem sofort zum Handy, wenn dieses klingelt. Außerdem scheint Kelly gar kein Interesse mehr an einer Rettung der Ehe zu haben. Sie hat auch schon einen neuen Freund. Wo diese Geschichte hinführen soll, ob sie als reines Element eingebaut wurde, um dem zentralen Charakter eine gebrochene Biografie zuzuschreiben, wird sich erst in den kommenden Episoden entscheiden.

Diese Szenen blähen den Plot unnötig auf - ohne sie hätte die Pilotepisode schlanke 40 Minuten gehabt. Außerdem ist eine solche Familiengeschichte für den Fortlauf der Handlung in einer Fantasyserie eigentlich gar nicht wichtig. Hier geht es um eine drohende Vampirepidemie, wahrscheinlich ist mindestens New York City, wenn nicht sogar die USA oder gleich die ganze Welt in Gefahr.
This time I cannot fail
Wenn sich die Drehbuchautoren Guillermo Del Toro („Hellboy“, „Pan's Labyrinth“, „Pacific Rim“) und Chuck Hogan, die für das Skript die eigene gleichnamige Comicbuchtrilogie adaptierten, darauf konzentriert hätten, die Vampirgeschichte in all ihrer hanebüchenen Herrlichkeit auszubreiten, hätte die Auftaktepisode sicherlich mehr Punch gehabt. Sie funktionierte nämlich immer dann am besten, wenn Del Toro (der hier auch die Regie übernahm) und Hogan das pulpige Herz ihres Stoffes voller Inbrunst umarmen.
In New York City landet also unter mysteriösen Umständen ein Flugzeug, von dessen 210 Passagieren nur vier überlebt haben - was immer an Bord auch passiert sein mag. Goodweather und sein Team rätseln die ganze Episode darüber, wir Zuschauer wissen schon nach der Auftaktszene, dass im Bauch der Maschine ein Vampir sein Unwesen treibt. Als Goodweather und seine Kollegin Dr. Nora Martinez (Mia Maestro, mit der er - natürlich - eine Affäre hat) an Bord steigen, hat es zunächst den Anschein, als wären sämtliche Passagiere wie Flugbegleiter und Kapitäne tot.
Doch die vermeintlichen Leichen sind nun alle mit einem Virus angesteckt, der von kleinen Würmchen übertragen wird und nach kurzer Inkubationszeit seinen Wirt in einen Vampir verwandelt. Als der alte, aber äußerst renitente und eigenbrötlerische Holocaust-Überlebende Abraham Setrakian (David Bradley) im Fernsehen einen Bericht über das gestrandete Flugzeug sieht, weiß er sofort, welche Stunde es geschlagen hat. Nach einem kurzen Plausch mit dem noch lebenden Herz seiner verstorbenen Ehefrau (das er nebenbei mit seinem Blut füttert) macht er sich mitsamt seinem Gehstockschwert auf den Weg zum Flughafen.

Obwohl er dort hellseherische Fähigkeiten offenbart und über die Existenz der mysteriösen, mit Erde gefüllten Holzkiste Bescheid weiß, wird er von Goodweather nur als verrückter Alter abgestempelt und fortgeschickt. Die Kiste soll indes von einem Gangster aus Harlem für Thomas Eichhorst (Richard Sammel) und Eldritch Palmer (Jonathan Hyde) aus dem abgesperrten Flughafen geschmuggelt werden - wahrscheinlich, um das Virus weiter zu verbreiten. Hinter den Motivationen dieser beiden Anführer einer Organisation namens Stoneheart stehen indes die größten Fragezeichen. Was wollen sie? Warum wollen sie es? Wieso haben sie solch weitreichenden Einfluss?
Love is the one force that cannot be explained
Das Drehbuch findet in zukünftigen Episoden hoffentlich die Balance zwischen wichtigen Handlungsbögen (die Bösewichte und ihre Motivation) und solchen, die vernachlässigt werden können (Goodweathers Familiengeschichte). Im Piloten merkt man der Produktion den Versuch an, dem pulpigen Stoff ein Quality-TV-Gerüst zu verpassen. Das braucht es aber gar nicht, mir persönlich machen solche Formate am meisten Spaß, wenn sie sich selbst nicht allzu ernst nehmen und den eigenen Wahnsinn als Stilmittel einsetzen.
Neben den etwas dürftigen Dialogen fällt auf, dass Del Toro nicht sein volles Regiearsenal aufgefahren hat. Die Actionsequenzen sind bisweilen bieder umgesetzt und erinnern in Optik und Ausstattung an Horrorfilme der 80er und 90er Jahre. Dies kann natürlich dem Budget geschuldet sein, beim Namen Del Toro habe ich trotzdem etwas mehr Fantasie und Extravaganz erwartet. Kleinere Details wie das schlagende Herz im Einmachglas oder die Würmchen sind indes gut gelungen.
Was ich wiederum nicht verstanden habe, war die erzählerische Klammer, die das Voice-over von Abraham Setrakian um die Pilotepisode wickelte. Zu Beginn spricht er über den Unterschied von Hunger und Liebe. Das eine sei das erste menschliche Bedürfnis, das andere das Wesensmerkmal, das die Menschen von den Tieren unterscheidet. Auch am Ende kommt das Voice-over noch einmal zum Einsatz und erklärt bedeutungsschwanger: „Love is our grace. Love is our downfall.“ („Liebe ist unsere Grazie. Liebe ist unser Untergang.“) Weil diejenigen, die lieben, zu zutraulich sind, um zu erkennen, dass die geliebte Person ein Vampir ist?
Auch hier liegt nahe, dass die Produktion durch hochtrabende Drehbuchsätze aufgewertet werden sollte. Das klappt in Night Zero noch nicht und wird hoffentlich bald durch die Erkenntnis ersetzt, dass eine solche Fantasyserie dann am meisten Spaß macht, wenn sie nicht zwanghaft intelligent sein will. Ein Grundinteresse konnte The Strain trotz all dieser Mängel in der Pilotepisode bei mir aber trotzdem wecken. Nach den ersten drei bis vier Episoden sind wir sicherlich schlauer.
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