The Romanoffs 1x01

© ??The Romanoffs“ startet vielversprechend, allerdings mit Luft nach oben. (c) Amazon Prime Video
Die Mad Men sind seit drei Jahren in Rente und ihr Schöpfer Matthew Weiner inzwischen bei Amazon Prime Video unter Vertrag. Mit The Romanoffs präsentiert der siebenfache Emmypreisträger dort nun sein jüngstes Werk, in das er satte 70 Millionen Dollar investieren durfte. Insgesamt sechs Sender hatten um das Großprojekt gebuhlt, das seine Stars und Produzenten in sieben verschiedene Länder führte, verstreut über drei Kontinente. Am Ende kamen acht Episoden zustande, jede einzelne mit 90 Minuten Laufzeit. Veröffentlicht werden sie in den kommenden Wochen. Zum Start gibt es nun gleich zwei Ausgaben der Anthologieserie: The Violet Hour mit Marthe Keller und The Royal We mit Kerry Bishé.
Die Frage nach dem Inhalt der Serie ist nicht leicht zu beantworten: Grob gesagt geht es in jeder Episode um einen selbsternannten oder echten Nachfahren der Romanow-Familie, die bis zur Russischen Revolution 1917 das Zarentum hochhielten. Als Lenins Bolschewisten Nikolaus II., seine Gattin Alix von Hessen-Darmstadt und die fünf gemeinsamen Kinder brutal ermordeten, flohen die Überbleibsel der Dynastie in alle Richtungen. Weltweit tummeln sich die Blaublüter heute noch herum, zwar in Schmach über den gewaltsamen Sturz, aber auch mit Stolz aufgrund der noblen Herkunft. Am besten drückt es Weiner selbst aus, als er Bishé in ihrer Rolle sagen lässt: „I guess they're proud but they're really fucked up.“
Im Interview mit SERIENJUNKIES.DE® (die Veröffentlichung folgt morgen exklusiv bei uns) erklärte der Chefautor und Regisseur aller acht Episoden, dass sein großes Ziel bei The Romanoffs darin gelegen habe, eine Serie zu produzieren, die keinerlei Vorwissen verlange und bei der man mitreden können würde, ohne auf dem aktuellen Stand zu sein. Er selbst habe nach dem Finale von Mad Men Stunden über Stunden damit verbracht, an all die großartigen Fernsehdramen der Gegenwart anzuknüpfen. Er befürchte, die Zuschauer könnten bald schon übersättigt sein, weshalb ihm der Anthologieansatz à la Black Mirror so erfrischend erschien.
Ich persönlich denke eher, dass Weiner nach seinen Erfolgen im Fernsehen einfach mehr Lust aufs Kino hatte. Denn nichts anderes ist The Romanoffs für ihn: die einmalige Gelegenheit, acht individuelle Lichtspiele verschiedenster Genres und mit immer neuen Ensembles zu drehen, wenn auch unter einem gemeinsamen Decknamen. Zuvor brachte Weiner nämlich nur einen Film zustande: die wenig erfolgreiche Owen-Wilson-Komödie „Are You Here“ aus dem Jahre 2013.
Als vielleicht größter Mad Men-Fan der Welt war ich zugegeben etwas skeptisch, was sein neues Werk anging. Mir kam es schlichtweg wie eine Verschwendung vor, einen der besten Serienautoren im Bereich der psychologischen Charakterentwicklung ein Anthologieformat schreiben zu lassen, in dem echte Entwicklung naturgegeben nicht möglich ist. Schaut man aber genauer hin, erkennt man Weiners besondere Stärken trotzdem - und zwar gerade zwischen den Zeilen.
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Die Prinzessin und die Hexe
Die Schweizer Grand Dame Marthe Keller vergleicht die Dialogkunst Matthew Weiners mit Musik. Sie habe beim Rezitieren seiner multilingualen Worte einen einzigartigen Rhythmus gespürt, der einen durch und durch verzaubern würde. Die bis zur Perfektion geschliffenen Drehbücher sind tatsächlich der größte Trumpf von The Romanoffs. „Fahr langsamer, ich will noch ein letztes Mal den Arc de Triomphe sehen“, sagt Kellers Figur der Anushka in ihrer allerersten Szene. Die Aufforderung gilt dem Fahrer des Krankenwagens, der die Seniorin aus Paris gerade zum nächsten Spital kutschiert. Anushka liegt auf dem Sterbebett, allerdings schon zum zigsten Mal in diesem Jahr.
Auch sie ist eine Romanow und daher stolz und gleichzeitig kaputt. Als Hypochonderin sucht sie nach Aufmerksamkeit, denn abgesehen von ihrem Hündchen Alexei und ihrem Neffen Greg (Aaron Eckhart) hat sie niemanden mehr. Und das ist kein Zufall, denn mit ihrer giftigen Art erschreckt sie jeden, der ihr zu nahe kommt. Selbst Greg hält es nur mit ihr aus, weil er eines Tages ihr schickes Apartment erben will, doch bis dahin müssen er und seine deutlich weniger diplomatische Freundin Sofie (Louise Bourgoin) viel Geduld beweisen...
Ein neuer Mensch tritt in Anushkas Leben, als sie zum wiederholten Male ihre Haushaltshilfe vor die Tür setzt. Als neues Mädchen für alles stellt ihr Greg die junge Muslima Hajar (Inès Melab) zur Seite. Eine Zumutung, wie die rassistische alte Hexe meint. Anfangs will sie Hajar nicht einmal die Tür öffnen. Sie sei zwar in Paris willkommen, nicht aber in diesem Apartment, denn hier hätten „die Feinde der Zivilisation“ noch keinen Zutritt.
Ein allzu unrealistisches Szenario zeichnet Weiner in dieser Szene leider nicht, immerhin herrscht Islamophobie noch immer oder immer öfter in Europa vor. Normalerweise sind vor allem die bildungsfernen Schichten davon betroffen, doch Anushka ist nicht ungebildet. Sie kennt sich aus mit Geschichte und zählt Hajar voll Heiterkeit all die Male auf, in denen die Christen die Anhänger Allahs besiegt hätten. Und wie reagiert die Attackierte? Mit entwaffnender Gleichgültigkeit.
So vergeht das erste Drittel dieser Auftaktepisode mit dem poetischen Titel The Violet Hour: Anushka hetzt und Hajar lässt den Hass an sich abprallen. Doch, da es sich hierbei um ein modernes Märchen handeln soll, ändert sich die Dynamik natürlich bald wie durch ein Wunder: Anushka erkennt sich selbst in der tunesisch-französischen Schönheit wieder. Und nachdem Hajar in einer Notsituation den Vierbeiner Alexei rettet, sind alle Vorurteile auf einen Schlag vergessen.
Alles in allem ein netter, aber keineswegs grandioser Einstieg für die Serie. Mich persönlich erinnert die Geschichte viel zu sehr an die französische Klischeekomödie „Ziemlich beste Freunde“ aus dem Jahr 2011. Der Humor in dieser Episode ist längst nicht so clever oder düster wie bei Mad Men, sondern scheint eher auf die breite Masse abzuzielen. Überstürzte und wenig glaubwürdige Wendungen sorgen zudem für unnötige Verwirrung.
Drei Episoden bekamen wir von Amazon vor dem Serienstart zu sehen und in meinen Augen ist diese erste eindeutig die schwächste. Trotz ihres pikanten und hochaktuellen Themas wirkt sie leider viel zu harmlos und fast schon verklärend, was den gefährlichen Antiislamismus angeht, der derzeit weltweit aufkeimt.
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Szenen einer Ehe
Wie gesagt: Jede Episode von The Romanoffs bringt ein frisches Ensemble zusammen und spielt an einem neuen Ort und häufig auch mit einem völlig anderen Genre. Während die Pilotepisode - wenn man sie denn so nennen kann -, als Märchen angelegt war, kommt die zweite Folge, The Royal We, als Ehedrama/Crime-noir-Thriller daher.
Die Grundprämisse erinnert ein wenig an einen Coen-Brothers-Streifen der Sorte „Fargo“: Ein Mann namens Michael (Corey Stoll) ist so genervt von seiner Frau Shelly (Kerry Bishé) und seinem eintönigen Leben in Ohio, dass er sich als Geschworener einberufen lässt, um so eine gemeinsam geplante Kreuzfahrt zu verpassen. Shelly reist schließlich allein und beiden bietet sich so die Gelegenheit für einen kleinen Seitensprung.
Michael hat es auf seine verführerische Mitjurorin Michelle (Janet Montgomery) abgesehen, so dass er das Urteil in dem eigentlich so eindeutigen Mordfall immer wieder platzen lässt, nur damit er mehr Zeit mit ihr verbringen kann. Shelly trifft auf dem Schiff derweil den galanten Ivan (Noah Wyle), der - genau wie Michael - behauptet, ein Romanow zu sein. Tatsächlich ist das ganze Boot voller Romanows, denn sie haben es für ein großes Familientreffen angemietet. Eine unglaublich groteske Veranstaltung, wie Shelly als Außenseiterin bald bemerkt.
Am Ende müssen Michael und Shelly nach ihren kleinen Abenteuern beide zurück ins ganz normale Leben, was vor allem ihm sichtlich schwer fällt. Für ihn war die Affäre mit Michelle nicht einfach nur ein Dampfablassen, sondern der Beginn einer neuen, aufregenden Liebe. Michelle, die selbst auch verheiratet ist, gibt ihm aber einen Korb. Diese Niederlage setzt bei Michael einen düsteren Plan in Gang, der aus dem harmlosen Ehedrama schließlich den versprochenen Crime-Thriller macht.
Auch hier soll das überraschende Finale nicht näher besprochen werden, doch wenigstens so viel sei verraten: Die zweite Episode von The Romanoffs ist deutlich mitreißender als die erste und bietet eine der besten letzten Einstellungen des gesamten Serienjahres und dazu einen denkwürdigen Einsatz des Gloria-Gaynor-Klassikers „I Will Survive" - und wenn das nicht ausreicht, um Neugier zu wecken, dann weiß ich auch nicht...
Vielleicht liegt es daran, dass die Figur von Corey Stoll in ihren Wünschen und Konflikten näher am Mad Men-Held Don Draper (Jon Hamm) dran ist als die von Marthe Keller, irgendwie scheint Weiner in diesen Gefilden jedenfalls deutlich stilsicherer zu sein. Da der Maestro selbst darauf besteht, dass es keine Rolle spiele, in welcher Reihenfolge man die Episoden schaue, würde ich empfehlen, erst zur Ohio-Folge zu greifen und dann zur Pariser.
Serienjunkies mit Geduld sind vielleicht sogar am besten beraten, noch eine Woche zu warten, bis die Episode House of Special Purpose mit Christina Hendricks und Isabelle Huppert erscheint. Wäre dies die Auftaktfolge von The Romanoffs gewesen, hätte ich ohne den geringsten Zweifel fünf volle Sterne vergeben. Eine echte Tour de Force mit mindfuck-Elementen im Stil von Twin Peaks. Und auch der Romanow-Bezug wird hier bislang am deutlichsten.
Alles in allem ist The Romanoffs aber auch so eine sehenswerte Serie/Filmansammlung, allein, weil sie von Matthew Weiner stammt, der mit Mad Men fraglos Fernsehgeschichte geschrieben hat. Aufgrund des abgehackten Anthologieformats ist der Spielraum für die Entwicklung der Charaktere zwar eingeschränkt, doch mit Blick auf die üppige Inszenierung kann der Serienmacher dank Amazon-Budget sogar noch einen draufsetzen. Der eigentliche Grund, um Weiners Werke zu lieben, liegt allerdings in seinen wunderbaren Dialogen, die wie immer messerscharf, tiefgründig und hin und wieder humoristisch sind.
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Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 12. Oktober 2018The Romanoffs 1x01 Trailer
(The Romanoffs 1x01)
Schauspieler in der Episode The Romanoffs 1x01
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