The Righteous Gemstones: Kritik zur neuen HBO-Comedy von und mit Danny McBride

The Righteous Gemstones: Kritik zur neuen HBO-Comedy von und mit Danny McBride

In der neuen HBO-Comedy The Righteous Gemstones erhalten die Zuschauer groteske Einblicke in die Machenschaften einer einflussreichen Dynastie von Fernsehpredigern, die den Glauben an Gott in ein lukratives Geschäft verwandelt haben. Hinter der heiligen Fassade bröckelt es jedoch gewaltig.

The Righteous Gemstones (c) HBO
The Righteous Gemstones (c) HBO
© he Righteous Gemstones (c) HBO

Diese Kritik bezieht sich auf die ersten vier Episoden von The Righteous Gemstones.

Wer mit den gemeinsamen Projekten von Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Danny McBride, dessen regelmäßigem Kollaborateur Jody Hill sowie Produzent und Filmemacher David Gordon Green vertraut ist, der weiß eigentlich, auf was er sich bei einer neuen Serie von diesem Trio einlässt. Nach Eastbound & Down und Vice Principals, zwei HBO-Formate, die unter all dem derben und bisweilen grenzwertigen Humor auch immer wieder mit Momenten wunderbarer, tragikomischer Menschlichkeit glänzten, erfolgt auf dem US-Bezahlsender nun der dritte Streich: Ihr neuestes TV-Projekt heißt The Righteous Gemstones und setzt sich mit einer Familie von Fernsehpredigern in den USA auseinander, die sich im Namen Gottes ein schillerndes Imperium aufgebaut haben.

Die Gemstones, angeführt von dem verwitweten Patriarchen Eli Gemstone (John Goodman), laden wöchentlich tausende Menschen zur Messe in ihre Megakirche ein, rund um den Globus wird nach neuen Anhängern für ihre christliche Religionsgemeinschaft gesucht, um deren Glauben und Geldbeutel anzuzapfen. Eine wichtige Rolle bei der Gestaltung dieses Unternehmens spielen Elis Kinder: sein ältester Sohn und Nachfolger in spe Jesse Gemstone (Danny McBride), Tochter Judy (Edi Patterson) sowie Kelvin (Adam DeVine), der jüngste im Bunde, der mit seinem Bruder Jesse immer wieder um die Gunst und den Respekt ihres strengen Vaters konkurriert. Unter der Führung von Eli arbeitet die gesamte Familie daran, dass diese Dynastie niemals zu Grunde gehen und immer weiter wachsen wird - bis diese Pläne urplötzlich von allen Seiten torpediert werden. Insbesondere, weil es innerhalb der nach außen so makellos erscheinenden Familie zu einem Vorfall kommt, der den tiefen Fall der Gemstones einleiten könnte...

Im Gegensatz zu „Eastbound & Down“ und „Vice Principals“, zwei Serien, in denen die zentralen Charaktere zumeist davon getrieben sind, etwas zu bekommen, was ihnen bisher verwehrt geblieben war, präsentiert man uns in „The Righteous Gemstones“ größtenteils Figuren, die eigentlich schon alles haben, was sie wollen. Einfluss, Respekt, Geld. Die Reizpunkte werden dadurch gesetzt, dass sich all dies in Luft auflösen könnte und die Betroffenen gleichzeitig eine so verschrobene, absurde Selbstwahrnehmung haben, dass sie derartige Verluste als eine dermaßen schreiende Ungerechtigkeit empfinden würden, wie sie sich selbst der liebe Herr im Himmel nicht vorstellen könnte. Die Gemstones leben in einer komplett anderen Welt als die meisten Erdenbürger - und das liegt nicht nur an ihrem exorbitanten Reichtum, ihren Besitztümern oder ihrem extravaganten Lebenstil in glänzendem Gold und reinstem Weiß.

Sie haben ihre Sonderstellung längst internalisiert und glauben fest an ihre Berufung und daran, dass sie anderen Menschen, sofern diese die monetären Mittel aufbringen können, mit ihrem Glauben an Gott helfen können. Werden die grellen Lichter der Massenandacht abgeschaltet und sind all die Dollarscheine erst einmal gezählt, zeigt sich jedoch, dass Familie Gemstone voller eitler, heuchlerischer und unsicherer Charaktere ist, denen einfach der moralische Kompass fehlt, um zu erkennen, was für ein Leben sie eigentlich führen. Umso extremer ist das Erwachen aus dieser Illusion. So zum Beispiel, wenn Familienoberhaupt Eli, der nie wirklich als Vater für seine Kinder da war, es mit einem Pastor aus einer kleineren Gemeinde zu tun bekommt, der ihn als das sieht, was er wirklich ist. Oder, wenn Jesse mit einem handfesten Skandal konfrontiert wird, der mal so gar nicht zum geleckten Image der Gemstones passt und letztlich eine sehr wilde Wendung nimmt.

Doch so realitätsfremd sich die einzelnen Mitglieder der Familie auch verhalten, so steht auch immer wieder zur Debatte, ob sie wirklich so naiv und uneingeschränkt von sich selbst überzeugt sind. Oder, ob sie eben längst den Punkt überschritten haben, an dem sie sich völlig im Klaren darüber sind, was sie tun, aber sich einfach damit abgefunden haben, weil sie nun einmal davon profitieren. Und was gibt es Schöneres als Profit?

Hier kannst Du „Vice Principals: Die 1. Staffel im Stream“ bei Amazon.de kaufen

HBO
HBO - © HBO

Danny McBride, Hauptdarsteller, Autor und federführender Produzent von The Righteous Gemstones, hat unlängst in einem Interview mit Emily Todd VanDerWerff von Vox.com zu verstehen gegeben, dass seine neue Serie keineswegs auf gläubige Christen oder das Christentum per se abzielt. Es interessieren ihn vielmehr die Menschen, die den Glauben anderer schamlos ausnutzen und gleichzeitig nicht erkennen - aus Überzeugung/Gier/Selbstschutz? -, wie verwerflich ihr Handeln doch eigentlich ist. Dass das Geschäftsmodell US-amerikanischer „Televangelists“ an Perversion nur schwer zu überbieten ist, hat „Last Week Tonight“-Host John Oliver bereits vor gut vier Jahren eindringlich in einem 20-minütigen Segment aufgezeigt.

The Righteous Gemstones“ dringt nun noch tiefer in diese Materie ein und vereint dabei das Abbilden unlauterer „Geschäftspraktiken“ der Televangelist-Industrie mit skurrilen, schrillen Charakteren sowie einer Art Humor, der eher simpel anmutet, daher aber auch so hervorragend zu diesen einfachen Menschen passt, die ein wunderschönes Trugbild leben - und einige von ihnen wahrscheinlich sogar mit vollem Bewusstsein. Wenn wir uns nicht den einzelnen Figuren, ihren Macken und fragwürdigen Entscheidungen widmen, geht es den Serienmachern im Großen und Ganzen um die Kommerzialisierung eines eigentlich kommerzbefreiten Lebensbereiches, auch wenn die Realität natürlich komplett anders aussieht. Als Zuschauer verfolgt man im Grunde genommen das Tagesgeschäft eines Familienunternehmens, das nicht in Erdöl, Kohle oder die Herstellung von Kraftfahrzeugen involviert ist, sondern den Glauben an eine höhere Macht verkauft.

Dass dies funktionieren kann, und tatsächlich seit Jahrzehnten in den USA, aber auch in anderen Ländern funktioniert, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Die Verantwortlichen schaffen einen einzigartigen, gesellschaftskritischen Rahmen, der sich sehr nah an unserer Realität bewegt, während sie gleichzeitig darum bemüht sind, diesen realen Irrsinn mit stark überzeichneten Protagonisten zu konterkarieren. Dadurch entsteht eine besondere Mixtur, denn zum einen zeigt man uns ein krasses Problem der heutigen Zeit auf, zum anderen bietet man uns Unterhaltung auf einem fast schon absurden Level. Die privilegierten Gemstones sind kleinlich, kindisch, unfähig, Fehler einzugestehen und können selbst ihren eigenen Familienangehörigen nicht den kleinsten Triumph gönnen. Das macht sie fast schon bemitleidenswert, wäre es streckenweise nicht so urkomisch, wenn man ihnen dabei zusieht, wie sie in manchen Situationen komplett überfordert sind.

Was in einer Serienproduktion von McBride, Hill und Green nicht fehlen darf, ist natürlich eine ordentlich Prise Eskalation, am besten vollkommen unerwartet und so übertrieben, manchmal sogar extrem schmerzhaft und brutal, dass das Publikum für einen kurzen Moment überhaupt nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Auch das ist in „The Righteous Gemstones“ geboten, vermutlich sogar in absoluter Reinform, so zum Beispiel in den letzten Zügen der Pilotepisode. Diese führt uns grundsolide in die unglaubliche Televangelist-Welt und das Leben der Gemstones ein, stellt aber phasenweise auch eine kleine Hürde dar, um vollends in diese Serie eintauchen zu können. Selbst, wenn die gut einstündige Folge auf einem spürbaren Hoch endet und das Interesse am weiteren Verlauf der Staffel geweckt wird, gestaltet sich die Handlung zuvor hier und da etwas schleppend und unfokussiert, so interessant das Setting und so eigen die Figuren auch sein mögen.

Der lange Atem, der einem anfangs abverlangt wird, kann sich aber auszahlen. Auf den ausufernden Auftakt, der fast schon einem klassischen Pilotfilm gleicht, folgen Episoden, die sich bei einer Laufzeit von in etwa 30 Minuten einpendeln. Dieser Rahmen erscheint passender für die Geschichte, die man hier erzählen möchte, in welcher mit Überraschungen und schrägen Gastauftritten (Vorhang auf für Walton Goggins) zwischendurch nicht gegeizt wird. Nach den ersten paar Episoden bleibt abzuwarten, was sich noch alles aus dieser speziellen (Schein-)Welt herausholen lässt, die man hier beleuchtet, und ob die langsame Demontage der Charaktere, die größer als das Leben selbst sind, für diese letztlich zu einer spannenden Erleuchtung, Lektion oder gar Besserung führen wird. Nicht weniger unterhaltsam, geschweige denn passender und bezeichnender wäre es, wenn dieser wertvolle Lernprozess wiederum ausbleibt oder erst ganz zum Schluss der neunteiligen ersten Staffel erfolgt. Es wäre schrecklich menschlich und angesichts der Protagonisten dieser Serie traurigerweise mehr als vorstellbar.

Englischsprachiger Trailer zu „The Righteous Gemstones“:

Diese Serie passen auch zu «The Righteous Gemstones»