The Residence von Netflix ist smart, witzig und abgefahren

The Residence von Netflix ist smart, witzig und abgefahren

Mit „The Residence“ präsentiert Netflix eine witzig-spannende Krimiserie mit unübersehbaren Anleihen an die großen Klassiker des Genres. Darüber hinaus hat die Serie aber noch mehr zu bieten.

„The Residence“ ist bei Netflix gestartet. Wie ist der Auftakt gelungen?
„The Residence“ ist bei Netflix gestartet. Wie ist der Auftakt gelungen?
© Netflix

Das passiert in „The Residence“

Nach der Ermordung des Chief Ushers im Weißen Haus während eines Staatsbanketts, übernimmt das Metropolitan Police Department in The Residence die Ermittlungen. Mit von der Partie ist die geniale Ermittlerin und Beraterin Cordelia Cupp (Uzo Aduba, Orange Is the New Black, die sofort das Ruder an sich reißt.

Trotz des Widerstands des Präsidentenberaters Colin Trask (Dan Perrault) gelingt es Cupp mit Hilfe des FBI-Agenten Edwin Park (Randall Park, Fresh Off the Boat) Spuren zu sichern, die eindeutig beweisen, dass der Usher A.B. Wynter (Andre Braugher, Brooklyn Nine-Nine) ermordet wurde...

Klassiker

The Residence“ ist eine Krimiserie, die mehr als nur offensichtliche Anleihen an die großen Genre-Klassiker nimmt. Das wird einerseits in Titeln wie Der Untergang des Hauses Usher, (Teil eins), Bei Anruf Mord (Teil zwei) oder Der dritte Mann deutlich, andererseits aber auch der Zeichnung der Hauptfigur.

Abgesehen davon werden indes auch moderne Formate wie die großartige Filmreihe Knives Out (Folge drei) rezipiert und zitiert. Allein das macht Spaß, würde aber freilich noch nicht für einen gelungenen Staffelauftakt genügen. Den erreicht Serienerfinder Paul William Davies (For the People) durch eine skurril-witzige Charakterzeichnung seiner Protagonisten sowie reichlich Wortwitz, gepaart mit einigen situationskomödiantischen Einlagen.

Ganz oben auf der Liste seltsamer Gestalten steht die von Uzo Aduba spritzig gespielte Hauptfigur Cordelia. Ähnlich wie Sherlock Holmes verfügt sie nur über wenig Sozialkompetenz, ermittelt aber mit scharfem Verstand und präsentiert dabei Deduktionsfähigkeiten vom Feinsten.

Während der Pilotfolge offenbart sie manch skurrile Attitüden, die sich aber letztlich stets als zielführend erweisen. Jegliche Kritik, Beleidigungen aller Art seitens des Präsidentenberaters Colin Trask und Vertuschungsversuche prallen nutzlos an ihr ab. Dafür saugt sie jedes noch so kleine Detail auf und kombiniert die manchmal staubkornkleinen Puzzleteile, bis sich allmählich ein Bild ergibt.

Nicht nur ein Abklatsch

Das alles sind durchaus klassische Elemente, die man so oder so ähnlich als Krimifan kennt und liebt. Nun könnte man argumentieren, dass „The Residence“ lediglich auf Nummer sicher geht und sich im Grunde genommen nichts Neues traut.

Das stimmt einerseits natürlich, andererseits werden eben genau jene altbekannten Elemente routiniert durcheinanderschüttelt und mit einer Detektivin wieder zusammengeleimt, die sofort für Interesse sorgt. Cupp hat so manch spitzzüngigen Spruch auf den Lippen, wenn es beispielsweise darum geht, dass ihre Ermittlungen im Weißen Haus fast ausschließlich von Männern begleitet werden.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass es keine Frauen gibt. Die von Edwina Findley toll gespielte Sheila Cannon ist beispielsweise die Assistentin des Chief Usher und die einzige Person, die irgendwie geerdet wirkt. Dem gegenüber steht eine Männerwelt, die sich im Großen und Ganzen entweder viel zu wichtig nimmt oder wie der von Barrett Foa gespielte Elliot Morgan vertrottelt ist.

Das mag nun nach einem betont feministischen Konzept klingen, doch ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Kluge Ermittlerinnen sind schließlich in der Krimiwelt nichts Neues, angefangen bei „Miss Marple“, bis hin zu Miss Fisher's Murder Mysteries und Agatha Raisin gibt es da viel zu entdecken.

The Residence“ steht eindeutig in dieser britisch geprägten Tradition, zumal sich Cordelia Cupp in mancherlei Hinsicht nicht unbedingt typisch amerikanisch verhält. Man kann die Serie also einerseits als Kritik an Hollywood lesen, in der selbständig agierende Detektivinnen von je her eine Ausnahme bildeten (High Potential) ist beispielsweise toll, letztlich aber das Remake einer französischen Krimiserie).

Andererseits verteilt Serienerfinder Paul William Davies gelungene Seitenhiebe auf die immer noch überwiegend weiß geprägte Gesellschaft des Weißen Hauses, die Dominanz des Patriarchats, die hier gekonnt ausgehebelt wird sowie die Borniertheit der Reichen und Schönen. Diese Elemente verhelfen dem Neustart zu einer wundervollen Eigenständigkeit, die darüber hinaus mit Charme, Humor und einen offensichtlich komplexen Fall zu gefallen weiß.

Alles drin

Szenenfoto aus der Serie „The Residence“
Szenenfoto aus der Serie „The Residence“ - © Netflix

Mit anderen Worten ist alles vorhanden, was man sich von einem guten Krimi wünscht und sogar noch mehr. Recht hübsch ist zum Beispiel ein Cameoauftritt von Superstar Kylie Minogue, die vor dem Präsidenten und dem australischen Premierminister auftritt.

Regisseurin Liza Johnson setzt die kleine Gastrolle recht pfiffig in Szene, in dem sie die Protagonisten zunächst lediglich über den Weltstar sprechen lässt und ihr Auftritt so verschwommen gefilmt ist, dass man nicht erkennt, ob sie wirklich selbst auf der Bühne steht. Erst gegen Ende der Folge offenbart sich schließlich die Wahrheit, eine witzige Idee.

Von solchen humorvollen Einfällen ist die Pilotfolge übrigens voll. Egal ob die vergrämte Schwiegermutter des Präsidenten im Bademantel gehüllt die Leiche des Chief Usher findet und wie am Spieß schreit, in der Küche ein Koch genervt am Boden kampiert oder der Florist wütend einen Strauß Blumen in den Müll wirft.

Ständig gibt es irgendwo etwas Seltsames zu entdecken, das völlig losgelöst vom Handlungsstrang zu sein scheint, uns aber viel darüber erzählt, wie es im Weißen Haus zugeht und wie die persönlichen Verhältnisse funktionieren, klasse.

Mitten drin ermittelt die manchmal schon unverschämt agierende Cordelia, die ihrem Umfeld bisweilen den letzten Nerv tötet, aber genau weiß, was sie tut. Und da liegt auch manchmal der sprichwörtliche Pfeffer im Hasen, denn bisweilen übertreibt es das Drehbuch ein wenig. Als sich der FBI-Agent Edwin Park der Ermittlerin anschließt, versucht sie ihn mit allen Mitteln loszuwerden und unterstellt ihm unlautere Absichten.

Dies mag dem Erfahrungsschatz der Figur entsprechen und beleuchtet zudem den Charakter weiter, ist aber auch unfair, zumal Park keinerlei Anstalten macht, sie zu behindern. Solche Details könnten sich aber im Verlauf der Staffel noch relativieren - oder je nachdem wie sich Park entwickelt - auch verstärken. Warten wir es ab.

Fazit

Wer hat es getan? Szenenfoto aus der Serie „The Residence“
Wer hat es getan? Szenenfoto aus der Serie „The Residence“ - © Netflix

Mir gefällt die Pilotfolge von „The Residence“ sehr gut. Ich mag das klassische Krimigefühl, das Setting im Weißen Haus, die verrückten Nebenfiguren und finde Uzo Aduba in der Hauptrolle der Cordelia Cupp super. Klar, das Ganze schlägt in eine ähnliche Kerbe wie „Knives Out“ und bisweilen auch „Enola Holmes“. Nichtsdestotrotz gelingt es Serienmacher Paul William Davies, eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren.

Auf technischer Ebene gibt es ebenfalls nicht viel auszusetzen. Die Kameraführung entspricht dem leicht schrägen Humor des Drehbuchs, die Musik von Mark Mothersbaugh (Time Bandits) ist vielleicht nicht überragend, geht aber voll in Ordnung und die Dialogführung ist spritzig. So darf es weitergehen.

4,5 von 5 Ermittlungsansätze

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