Die Gabe: Review der Pilotepisode der Amazon-Serie

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Das passiert
Die Teenagermädchen Allie Halle Bush), Roxy (Ria Zmitrowicz), Jos (Auli'i Cravalho) und Tundes (Toheeb Jimoh) Freundin Adunola leben auf unterschiedlichen Kontinenten, und doch teilen sie dasselbe Schicksal. Wie aus heiterem Himmel sind sie plötzlich in der Lage, Stromschläge aus ihren Händen fahren zu lassen, wenn sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben. In den nächsten Tagen bemerken die jungen Frauen, dass ihre Kräfte wachsen und sie immer stärker werden. Schon bald wird klar, dass sie mit dem Phänomen nicht alleine sind, sondern es sich weltweit häuft und das althergebrachte Machtgefüge die Welt zum Beben bringen wird.
Frauenpower
Der erste Gedanke, der sich beim Schauen der Pilotfolge von The Power aka „Die Gabe“ aufdrängt, ist, dass die Serienerfinderinnen Naomi Alderman, Sarah Quintrell und Raelle Tucker eine Show von Frauen für Frauen kreiert haben. Wer allerdings nun denken sollte, dass sich hier drei ultrafeministische Damen nach Alice-Schwarzer-Vorbild zusammengetan haben, um der Männerwelt kräftig eins auszuwischen, irrt womöglich. Vielmehr geht es den Autorinnen zumindest in A Better Future Is in Your Hands darum, ganz normale Mädchen in eine fast surreal anmutende Situation zu bringen, die ihnen große Macht verleiht. Die Protagonistinnen sind weder männerfeindlich noch machtgierig. Sie alle leben ihr Leben und haben auf die ein oder andere Art ihr Päckchen zu tragen.
Roxy ist die Tochter eines reichen Gangsters, der nicht mit ihr zusammenlebt und sie aus seinen Geschäften heraushalten will. Eines Abends, als sie von der Hochzeit ihres Halbbruders kommt, dringen zwei Männer in ihre Londoner Wohnung ein und ermorden ihre Mutter. Jos lebt wiederum in einem gut situierten Haus und versucht verzweifelt, ihren Weg im Leben zu finden. Allie wohnt in den USA bei Pflegeltern und wird von ihrem Stiefvater missbraucht, bis sie eines Tages eine seltsame Stimme in ihrem Kopf hört (Adina Porter). Als er sich wieder einmal an ihr vergehen will, entdeckt sie ihre Kräfte und tötet ihn. Zu guter Letzt ist da noch der Möchtegernjournalist Tunde, dessen Freundin ihm versehentlich einen Schlag versetzt und der später mitansehen muss, wie eine Gruppe Frauen nur mit ihren Händen Glühlampen zum Brennen bringen.
Der Score
All diese Ereignisse werden in episodischer Form abgehandelt und mit passenden, poppigen Songs unterlegt, die thematisch zu den jeweiligen Situationen passen. Das musikalische Stilmittel etabliert sich neuerdings immer stärker in der Serienlandschaft und fand beispielsweise bei Willow, The Followers und The Flatsharers Anwendung. The Power findet aber im Gegensatz zu manch anderer Serie eine gute Balance und versteht es, gefahrvolle Situationen mit einem passenden Score zu unterlegen und nicht etwa einen zwar gut gemeinten, letztlich aber unpassenden Kontrapunkt zu setzen, der sich negativ auf die Atmosphäre auswirkt.
Wenn, um ein Beispiel zu bemühen, Roxy und ihre Mutter angegriffen werden, verwenden die Serienmacher auch passend dramatische und bewegende Klänge, um die Inszenierung im Lot zu halten. Ähnliches lässt sich beobachten, als Tunde in Afrika einen Hexenzirkel infiltriert und seine Partnerin einer Blitzattacke zum Opfer fällt.
Wachsende Macht
Stark ist zudem, dass die Autorinnen es verstehen, den Heldinnen Raum zu lassen, um ihre Lebensumstände angemessen und ohne störende Nebeneffekte einzuführen. Das schafft Verständnis für die Figuren und baut Spannung auf. Dies wird durch die Einführung der Kräfte noch verstärkt. Erscheinen die Fähigkeiten der Protagonistinnen anfangs zwar mysteriös, aber insgesamt doch harmlos, steigert sich das Potential der Kraft von Minute zu Minute, bis die Frauen merken, dass sie, im wahrsten Sinne des Wortes, mit ihren Händen töten können. Dass es dabei meistens nicht die Falschen trifft, ist eine nette Dreingabe, die unterstreicht, dass die Heldinnen ihre Macht zum einen erst noch entdecken und sie zum anderen einsetzen, um sich ihrer Haut zu erwehren. Allerdings machen die letzten Minuten der Folge auch durchaus deutlich, dass sich dies ändern wird...
Und so wird die Männerwelt bald vor dem erstarkenden, sogenannten „schwachen Geschlecht“ erzittern, was nicht mehr als eine logische Konsequenz aus der Geschichte ist. Es verspricht überaus spannend zu werden, der Frage nachzugehen, wie die Frauen mir ihrer Gabe umgehen werden. Noch interessanter dürfte es aber werden, zu beobachten, wie eine von Männern dominierte Welt immer mehr bröckelt und wie sich die Machthaber gegen den Verlust ihrer einst selbst mit Gewalt geschaffenen Privilegien wehren.
Fazit
Die letzten Minuten der Pilotfolge geben einen Ausblick darauf, was uns in The Power erwartet - und mit Verlaub: Das sieht verdammt spannend aus. Ehrliche, ungeschminkte Frauenpower ist in der Film- und Serienlandschaft noch ein seltener Vertreter. Es wird also Zeit, dass sich Autorinnen und Autoren mit einem ganz speziellen „What-If“-Szenario befassen: Was, wenn Frauen nicht nur mental, sondern auch körperlich plötzlich das wahrhaft „starke Geschlecht“ würden? Wie würden die „Herren der Schöpfung“ auf eklatante Machteinbußen reagieren?
Und würde es das weibliche Geschlecht letztlich wirklich besser machen? Die Debüt-Episode macht jedenfalls einen starken Eindruck und nährt die Hoffnung auf ein nicht nur unterhaltsames, sondern auch gehaltvolles Serienevent, das sich traut, frauenspezifische Themen nicht nur einseitig, sondern auf globaler Ebene zu behandeln. Denn sowohl im wahren Leben, als auch in Film und Fernsehen sind weder Frauen noch Männer allein gut oder böse. Ob die Autorinnen hier die Mitte finden und eine Mysteryserienwelt erschaffen, die trotz der Schwerpunktsetzung allen Geschlechtern gerecht wird, wird sich im Verlauf der Season sicherlich zeigen.
Vier von fünf Blitzen
Die Gabe: Deutscher Serientrailer
Hier abschließend der Trailer zur Serie „The Power“ aka „Die Gabe“: