The Old Man: Kritik zum FX-Serienstart mit Jeff Bridges

© eff Bridges in der Serie The Old Man (c) FX
In einer Zeit, in der fast jeder große Schauspielstar eine eigene Serie bekommt, passiert es leider viel zu oft, dass dafür am Drehbuch gespart wird - oder an anderen Grundmaterialien, die eigentlich viel wichtiger sind als die Prominenz der Protagonist:innen. Im Fall des neuen FX-Formats The Old Man, das für den 72-jährigen Oscarpreisträger Jeff Bridges („The Big Lebowski“, „True Grit“) kreiert wurde, ist dieser Fehler zum Glück nicht passiert.
So kriegt das Publikum neben einer Meisterleistung von Bridges, der während der Dreharbeiten sogar noch seinen Lymphdrüsenkrebs besiegt hat, ein brillantes Skript von Jonathan E. Steinberg und Robert Levine, die als Duo zuvor schon die Geheimtipps Black Sails oder Human Target schufen. Für die genauso kompetente Regie zeichnet Jon Watts verantwortlich (er brach mit dem Superheldenstreifen „Spider-Man: No Way Home“ jüngst alle Kinorekorde der Corona-Ära).
Selbst die Musik der Komponisten T Bone Burnett und Patrick Warren ragt bei der Serie hervor. Man spürt diese besondere Magie, wenn bei einem Werk gleich mehrere Beteiligte über sich hinauswachsen. Zumal neben Bridges dann noch der zweite Titan John Lithgow (Dexter, The Crown) mitspielt und damit ein geniales Gegengewicht darstellt. Amy Brenneman (The Leftovers) und Alia Shawkat (Search Party) bereichern „The Old Man“ ebenso.
Worum geht's?
Zwei jeweils einstündige Episoden wurden von der sechsteiligen Auftaktstaffel, die übrigens die gleichnamige Buchvorlage von Thomas Perry aus dem Jahr 2017 adaptiert, bereits ausgestrahlt. Vor allem die erste Ausgabe, die den sehr schlichten Titel I trägt, könnte runder kaum sein. Das beginnt schon mit der Eröffnungsszene, die wunderbar humorvoll unseren alten Actionhelden vorstellt, dessen größte Herausforderung zu diesem Zeitpunkt darin besteht, nicht fünf-, sondern nur viermal pro Nacht auf die Toilette zu müssen.
Tagsüber verbringt Dan Chase, der noch immer von Albträumen seiner schmerzlich vermissten Ehefrau Abbey (Hiam Abbass) heimgesucht wird, die ruhigeren Stunden mit seinen beiden Hunden, Dave und Carol. Auch telefoniert er viel mit seiner Tochter, mit der er eine sehr ehrliche Beziehung pflegt, was in Anbetracht seiner Lebensgeschichte alles andere als selbstverständlich scheint. Sie lernen wir zunächst aber nur als Stimme kennen. Dafür erfahren wir, dass unser Held an kognitiven Einschränkungen leidet. Dabei wäre es nun wichtiger denn je für Dan, im vollen Besitz seiner geistigen und der verbliebenden physischen Fähigkeiten zu sein...

Die Vergangenheit holt Dan eines Tages ein. Ein Eliteagent der US-Regierung bricht nachts in sein Haus ein, um ihn zu entführen und in ein Flugzeug nach Kabul zu setzen, wo er offenbar noch eine Rechnung aus seinen längst vergangenen Geheimdienstzeiten offen hat. Gewarnt wird Dan von seinem alten Widersacher und früheren Kollegen Harold Harper (Lithgow). Auch ihm ist eine ungewöhnliche Einführung vergönnt, wir treffen ihn nämlich, als sein Enkelsohn ihn grad zum Weinen bringt. Die Serie macht auf Anhieb deutlich, dass sie die Grenzen ihres Genres erweitern will - vor allem, was die Charakterzeichnung angeht, denn wir haben es hier nicht mit jungen Superspionen zu tun, sondern mit alten Herren.
Es ist wirklich erstaunlich, wie emotional es schon ganz zu Anfang zugeht. Dabei führt man uns elegant an die Lebenstragödie von Dan Chase heran, ohne die Dinge auszubuchstabieren. Ähnlich wird es auch gehandhabt, was den Spionage-Plot angeht, der uns erklären soll, welche Verbindung Dan und Harold haben, wenngleich dieses berufliche Feld nicht so spannend ausfällt wie die private Perspektive. Man braucht etwas Geduld, um richtig einsteigen zu können. Gleichzeitig wird man automatisch gebannt sein von den beiden Schwergewichten, die hier miteinander spielen. Selbst, wenn sie nur durch Funk kommunizieren, werden ihre Wortduelle zu besseren Kampfszenen, als die meisten Actionfilme zu bieten haben.
Wie ist es?
Alles in allem ein beeindruckender Serienstart von The Old Man bei FX. Jeff Bridges' Präsenz allein würde vielleicht reichen, um das Ganze sehenswert zu machen, besonders in der einzigartigen Kombination mit John Lithgow. Aber zum Glück wurden auch das Skript und die Inszenierung in gute Hände gelegt. So kriegen wir einen Agententhriller, der trotz seiner betagten Helden junges Blut ins Genre pumpt. Bei dem Überfluss an Serien in fast allen Bereichen, den wir heutzutage erleben, wünscht man sich doch immer nur solche Formate, die sich frisch anfühlen - und das trifft hier eindeutig zu, was nicht unbedingt zu erwarten war (allein der Titel, „Old Man“, spricht schon dagegen).
Trotzdem sollte man noch vorsichtig sein, denn ein starker Auftakt verebbt häufig gegen Mitte einer Staffel, wenn etwa die Story an Fokus verliert. Man kann nur hoffen, dass die Serie eng an den Fersen ihres Titelcharakters bleibt, der sich übrigens auch in seinen körperlichen Kampfszenen fantastisch schlägt. Spätestens in Folge zwei merkt man aber, dass auch die Rückblicke hin zum jungen Dan (Bill Heck) durchaus funktionieren. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Macher:innen Wert darauf gelegt haben, in wirklich allen Bereichen gute Arbeit zu leisten.
Hierzulande wird das Format voraussichtlich im Star-Bereich von Disney+ erscheinen. Ein Termin fehlt aber noch.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen US-Serie „The Old Man“, die nun beim US-Kabelsender FX an den Start gegangen ist: