The OA 1x08

The OA 1x08

Das verwirrte The OA-Pilotreview von letzter Woche wollten wir dann doch nicht so stehenlassen. Deshalb sind wir nach dem Bingen am Wochenende mit einem aufgeklärteren Gesamteindruck der Netflix-Mysteryserie zurück.

Brit Marling in „The OA“ / (c) Netflix
Brit Marling in „The OA“ / (c) Netflix
© rit Marling in „The OA“ / (c) Netflix

Letzte Woche konntet Ihr an dieser Stelle mein Pilotreview zur neuen Netflix-Serie The OA finden, welches ein wenig ratlos daherkam, nachdem die Serienschöpfer Brit Marling und Zal Batmanglij sich weigerten, die eigentliche Prämisse in der ersten Folge zu enthüllen. Ich war ordentlich verwirrt, aber auch interessiert zu erfahren, wo das übernatürliche Melodrama überhaupt hin will. So habe ich das Wochenende dazu genutzt, die restlichen sieben Episoden unter die Lupe zu nehmen, um endlich berichten zu können, worum es eigentlich geht und ob Netflix nach 3% einen weiteren unverhofften Hit gelandet hat. Das Prädikat „einzigartig“ kann „The OA“ jedenfalls ohne Zweifel für sich beanspruchen.

Märchenstunde mit der Ex-Blinden

Nach der Pilotepisode war zumindest schon einmal klar, dass eine Frau namens Prairie (Marling) wieder auftaucht, nachdem sie Jahre lang spurlos verschwunden war und ihr Augenlicht, das sie als kleines Mädchen verloren hatte, wiedererlangt hat. Während sich ihre liebevollen Adpotiveltern (Alice Krige und Scott Wilson) große Sorgen um ihre psychische Verfassung machen, trommelt die sich nun OA nennende Tochter fünf Fremde zusammen, die ihr bei einer Art Mission behilflich sein sollen. Zuerst müssen die Beteiligten allerdings ihrer Geschichte lauschen, die sie in je einstündigen Sessions um Mitternacht in einem noch nicht fertiggestellten Haus erzählt. Die Pilotfolge Homecoming handelte zunächst von ihrer Kindheit in Russland und wie sie nach einer Nahtoderfahrung ihr Augenlicht verlor. Was ihr in den sieben Jahren seit ihres Verschwindens widerfahren ist, wird danach zum Gegenstand.

OA (Brit Marling) erzählt ihre Geschichte.
OA (Brit Marling) erzählt ihre Geschichte. - © Netflix

Auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater (Nikolai Nikolaeff), der ihr in Visionen erschien, machte Prairie sich auf den Weg nach New York. Ihren Vater konnte sie nicht ausfindig machen; stattdessen wurde hier der Wissenschaftler Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) auf ihr andersweltliches Violinenspiel aufmerksam und erklärte ihr, dass er ein Forscher im Bereich NTE sei und mit Personen arbeite, die mit verschiedenen Gaben aus dem Jenseits zurückgekehrt waren. Begeistert bot sich Prairie als weiteres Versuchsobjekt an, nur um letztlich in einem speziell abgeriegelten Labor von ihm eingesperrt zu werden. Von durchsichtigen Wänden getrennt fristete sie hier in den nächsten Jahren mit weiteren Versuchsobjekten ihr Dasein. An diesem Punkt der Handlung macht es endlich klick - wie das Schloss zu Prairies Käfig. Hier wird das Herzstück der Geschichte stattfinden. Dies ist die schlimme Sache, die ihre Göttin aus der Nahtoderfahrung sie nicht sehen lassen wollte. Dies sind die Personen, um deren Rettung es im hier und jetzt geht.

Was „The OA“ bis zu dieser Stelle bereits hervorragend gelingt, ist nicht nur das Schaffen, sondern vor allem das Halten von Interesse. Wie ihr Publikum auf dem von ein paar Kerzen erhellten Dachboden hängen wir Prairie alias OA an den Lippen und können kaum erwarten, mehr zu erfahren, denn die Angelegenheit bleibt weiterhin mysteriös. Ob die Erzählerin eine verlässliche ist, spielt dabei fast keine Rolle, denn fast alle Zuhörer haben einen Grund, Teil von etwas Größerem sein oder einfach nur der Realität entfliehen zu wollen. Da ist der Schulschläger Steve (Patrick Gibson), dessen Eltern ihm ein Umerziehungslager androhen, der Einserschüler French (Brandon Perea), dessen alkoholkranke Mutter ihm Sorgen macht, Transjunge Buck (Ian Alexander), dessen Vater ihn nicht als Sohn anerkennt, Waisenkind Jesse (Brendan Meyer) und die Lehrerin Broderick-Allen (Phyllis Smith), die gerade ihren Zwillingsbruder verloren hat. Doch warum zur Hölle müssen die Beteiligten allesamt agil sein? Geht es etwa um einen Mission-Impossible-Ausbruchsversuch der zurückgelassenen Testpersonen?

The O_______ A____

Zum Glück könnte die Antwort nicht weiter davon entfernt sein und fällt viel kreativer und verrückter aus, als es sich die meisten ausmalen könnten. Oder wie viele Serien kennt Ihr, in denen durch synchronisierten Ausdruckstanz transdimensionale Portale geöffnet werden sollen? Nein, wirklich: Prairie und ihre Mitgefangenen Homer (Emory Cohen), Scott (Will Brill) und Rachel (Sharon Van Etten) wurden jahrelang von Dr. Hap umgebracht und anschießend ins Leben zurückgeholt, um Erkenntnisse über das Nachleben zu gewinnen. Dabei bekamen sie nach und nach Bewegungen vermittelt, die, perfekt als Bewegungsablauf durchgeführt, verschiedene Effekte haben können. Sind alle fünf Bewegungen komplett und werden von fünf Personen perfekt vorgetragen, soll sich angeblich besagtes Tor öffnen - eine Fluchtmöglichkeit, nahmen die sich schließlich für Engel haltenden Gefangenen irgendwann an. Doch wozu sollen OAs Zuhörer nun die Bewegungen lernen?

OA (Marling) und Homer (Emory Cohen) studieren die Bewegungen ein.
OA (Marling) und Homer (Emory Cohen) studieren die Bewegungen ein. - © Netflix

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie „The OA“ an dieser Stelle viele seiner Zuschauer verliert, denn das alles ist ganz schön starker Tobak. Nicht nur auf dem Papier (wie seltsam es sich liest, konntet Ihr soeben feststellen), sondern vor allem auch auf dem Bildschirm. Mitzuerleben, wie die Hauptcharaktere einer Mysteryserie, die man vielleicht eher in der Science-Fiction-Ecke vermutete, sich synchron einem abstrakten Tanz hingeben, ist äußerst bizarr. Wer trotzdem dranbleibt, wird mit einem faszinierenden Ende belohnt, das den Tanz in einem wundervollen ambivalenten Finale einzusetzen weiß. Ähnlich wie im Film „K-Pax“, in welchem Kevin Spaceys Filmfigur behauptet, ein Alien zu sein, bleiben auch in „The OA“ bis zum Ende Zweifel über den Wahrheitsgehalt von OAs Geschichte und ob das Exerzieren der fünf Bewegungen überhaupt etwas bewirkt hat. Zumindest hat es fünf fremde Personen zusammengebracht, die ohne den vermeintlichen Engel vielleicht niemals ihren Horizont erweitert hätten.

Jenseits dieses außergewöhnlichen Konzepts lebt ein Großteil der Serie von der Interaktion zwischen dem determinierten Dr. Hap und seinen Gefangenen, von welcher OA in ihrer Erzählung berichtet. Dr. Hap ist hierbei ein Gegenspieler, der dank Jason Isaacs Schauspiel stets eine menschliche Komponente beibehält. Als Blinde gelang es Prairie, sein Vertrauen zu gewinnen und eine Sonderstellung zu erlangen. So durfte sie hin und wieder aus ihrem Käfig heraus, um im Haushalt zu helfen, was ihr die Möglichkeit gab, Fluchtversuche zu erforschen. Weitere Spannung wird durch eine gewisse Anziehung seitens Hap generiert, der dementsprechend ungern mitansah, wie Prairie und ihr Zellennachbar Homer eine intime Beziehung zueinander aufbauten, auch wenn sie sich in all den Jahren nicht berühren konnten. Eine Geschichte, die fast zu gut ist, um wahr zu sein.

Dr. Hap (Jason Isaac)
Dr. Hap (Jason Isaac) - © Netflix

Fazit

Eigentlich kann oder sollte man überhaupt niemandem erzählen, was The OA wirklich ist oder versucht zu erzählen, da die Geschichte nach ganz furchtbarem Esoterik-Gewäsch klingt. Ich wiederhole: Eingesperrte Engel, die mithilfe von Ausdruckstanz ein transdimensionales Portal öffnen wollen. Die Mischung aus Genreabenteuer und Arthouse-Film wird aber dermaßen konsequent und ohne Furcht davor, prätentiös zu wirken, durchgezogen, dass man das Ergebnis am Ende nur respektieren - oder zumindest über seine Existenz erstaunt sein - kann. Hat etwa jemand einen Engelstanz aufgeführt und uns in ein Paralleluniversum verfrachtet, in welchem Indiefilm-Autoren wie Brit Marling und Zal Batmandglij, die mit High-Concpet-Streifen wie „Another Earth“ oder „Sound of My Voice“ ganz ähnliche Pfade betraten, experimentelle Eigenproduktionen beim größten VoD-Anbieter der Welt bekommen? Halleluja!

Der größte Kritikpunkt wäre, dem Lob bezüglich der Einzigartigkeit und Experimentierfreude folgend, dass sich „The OA“ zuweilen doch viel zu gewöhnlich anfühlt und unnötige B-Handlungsbögen zu Nebencharakteren aufmacht, um die Spielzeit zu füllen. Hätte die Serie am Ende doch besser als knackiger Film funktioniert? Oder haben wir einfach noch nicht gelernt, künstlerisch wertvolleres Material, wie es sonst ins Programmkino gehört, in Serienform unterzubringen, ohne in Konventionen des seriellen Erzählens zu verfallen?

Serientrailer:

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 19. Dezember 2016
Episode
Staffel 1, Episode 8
(The OA 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Unsichtbares Selbst
Titel der Episode im Original
Chapter 8: Invisible Self
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 16. Dezember 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 16. Dezember 2016
Regisseur
Zal Batmanglij

Schauspieler in der Episode The OA 1x08

Darsteller
Rolle
Brit Marling
Emory Cohen
Alice Krige
Brendan Meyer
Brandon Perea
Ian Alexander
Will Brill

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