The Nevers: Touched - Review der Pilotepisode

The Nevers: Touched - Review der Pilotepisode

The Nevers ist seit Dollhouse aus dem Jahr 2009 die erste größere Serienproduktion, an der Buffy-Schöpfer Joss Whedon direkt beteiligt ist respektive war. Im London des späten 19. Jahrhunderts erhalten eine Reihe von Frauen durch einen mysteriösen Vorfall besondere Fähigkeiten. Wie verändern die Touched aka die Berührten die Welt?

Szenenfoto aus der Episode Touched der Serie The Nevers (c) HBO
Szenenfoto aus der Episode Touched der Serie The Nevers (c) HBO
© zenenfoto aus der Episode Touched der Serie The Nevers (c) HBO

Den Namen Joss Whedon verbindet man mit Serien wie Buffy the Vampire Slayer, Angel, Firefly und Dollhouse sowie mit den ersten beiden „Avengers“-Filmen und mit dem Serienpiloten von Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.. Obendrein wurde er nach Zack Snyders Ausstieg bei der Kinofassung von „Justice League“ von Warner Bros. mit der Fertigstellung des DC-Streifens betraut. Cyborg-Darsteller Ray Fisher brachte den Vorwurf des unprofessionellen Verhaltens von Whedon am Set von „Justice League“ zur Sprache und wurde später zunächst von Charisma Carpenter und später von zahlreichen Schauspielkollegen und Machern unterstützt. Noch vor der Weltpremiere hatte Whedon die neue HBO-Serie dann verlassen, wahrscheinlich nicht ganz zufällig... Während er bei den S.H.I.E.L.D.-Agenten zwar den Piloten inszenierte, ist es doch schon gut zehn Jahre her, dass er mit Dollhouse eine Serie direkter betreute. Vor den Anschuldigungen gegen Whedon waren viele seiner Fans sicherlich gespannt darauf, was passieren würde, wenn er im Pay-TV freie kreative Handhabe hätte. The Nevers lässt das zumindest erahnen, denn man merkt der Pilotfolge Touched seine Einflüsse deutlich an, wenn man mit seinem Werk vertraut ist.

Nachfolgend möchte ich den Start der Serie gerne losgelöst von den Problemen um seine Person bewerten. Komplett unerwähnt wollte ich die Probleme zuvor aber dennoch nicht lassen...

1896

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Am 3. August 1896 verändert sich das London aus der Serienwelt der neuen HBO-Serie für immer. Denn ein Vorfall, den wir auch am Episodenende im Detail sehen, modifiziert eine nicht näher bestimmte Anzahl von Personen, meistens weibliche, und stattet sie mit besonderen Kräften aus. Sie selbst nennen sich „Touched“. Drei Jahre später hat Amalia True (Laura Donnelly, Outlander) ein Waisenhaus etabliert und bietet allen Veränderten Zuflucht an. Gemeinsam mit Penance Adair (Ann Skelly, „Red Rock“) sammelt sie Informationen und weitere junge Frauen, die nicht wissen, was mit ihnen am schicksalhaften Tag passiert ist. Die junge Myrtle (Viola Prettejohn) ist eine von ihnen und wird für vom Teufel besessen gehalten, ehe True und Adair herausfinden, dass ihre Gabe das Sprechen in Fremdsprachen ist. Entsprechend fühlt sich der Episodenanfang relativ bekannt an, wenn man mit den „X-Men“-Comics von Marvel vertraut ist, die Joss Whedon auch eine Zeit lang in der Reihe „Ashtonishing X-Men“ betreut hatte. Wobei dort eben ein gewisser Charles Xavier auf der Suche nach seinen „Gifted Children“ aka Mutanten ist, während sein Rivale Magneto mit ihm konkurriert und seine eigene Gruppe um sich schart...

Später sehen wir auch besagtes Waisenhaus und die vielen Bewohner, wobei schnell klar ist, dass nicht nur Frauen Fähigkeiten haben, wie der Fall des Arztes Dr. Horatio Cousens (Zackary Momoh) zeigt, der eine Wunde von True mit Handauflegen behandeln kann, so dass sie sich wieder schließt. True besitzt die Gabe, kleine Momente aus der Zukunft zu sehen, die ihr Anhaltspunke geben, wo sie sein sollte oder was sie tun sollte. Adair ist eine Tüftlerin, die in dieser Steampunk-Welt einige Innovationen in ihrer üppig ausgestatteten Werkstatt zaubern kann, darunter ein Auto - und das in einer Zeit, in der noch mit Kutschen gereist wird - oder andere Waffen und Gadgets, die bei ihren Missionen helfen.

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Was ist typisch Whedon?

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Joss Whedon hat das Drehbuch der ersten Episode geschrieben und auch Regie geführt. Auch für die zweite hat er auf dem Regiestuhl Platz genommen. Er gilt auch als Serienschöpfer, wobei für die zweite Staffel inzwischen Philippa Goslett als Showrunnerin bestätigt wurde.

Der Anfang der Folge ist zwar flott inszeniert, aber in meinen Augen auch etwas zu hastig, weil zu viele Schnitte für Unruhe sorgen. Diverse Whedon-Aspekte wie recht schnelle Ping-Pong-Dialoge (im Englischen würde man banter sagen) und Popkultur-Anspielungen (eben solche, die in die Zeit passen oder Diskussionen über Semantik) sind ebenfalls vorhanden - und ebenso eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Frauenfiguren. Kennt man andere Whedon-Serien, dann findet man auch diverse Figurentypen wieder, auf die er gerne zurückgreift, böse Zungen würden vielleicht sogar sagen, dass er sie nur schablonenhaft aufsetzt. Adair zum Beispiel erinnert an Figuren wie Willow aus der Serie Buffy the Vampire Slayer, Fred aus Angel oder Simmons aus Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D., True an Buffy selbst oder Faith und das Kontrukt der Produktion weckt Erinnerungen an die siebte Staffel von Buffy the Vampire Slayer, in der es nicht nur eine Jägerin gibt, sondern gleich eine ganze Armee von ihnen. Die männlichen Figuren erinnern derweil an die Klienten aus Dollhouse. Eine alternative Geschichte des Londons des späten 19. Jahrhunderts hat sicherlich ihren Reiz und viel Potential, besonders, wenn man die vorherrschenden Strukturen auf den Kopf stellt und dem weiblichen Geschlecht viel früher mehr Macht zugesteht, denn die Männer wollen natürlich ihre gesellschaftlichen Positionen nicht so einfach räumen.

In einer Zukunftsvision sieht True beispielsweise, dass sie in der Oper auftauchen sollte, um vielleicht auf eine weitere Seele in Not zu stoßen. Zwischendurch werden zahlreiche zwielichtige Typen eingeführt, etwa Lord Massen (Pip Torrens, Preacher), der die Interessen des britischen Imperiums vertritt und ein Ex-General ist, welcher sich und seine männlichen Kollegen von den mächtigen Frauen bedroht zu sehen scheint.

Declan Orrun aka the Beggar King (Nick Frost) versorgt die Frauen mit Informationen zu potentiellen Hilfesuchenden, verfolgt aber als treibende Kraft der Kleinkriminellen der Stadt auch eigene Interessen und liefert, wenn die Belohnung stimmt, auch an mehrere Parteien. Detective Frank Mundi (Ben Chaplin) ermittelt in einer Mordserie, die einer gewissen Maladie (Amy Manson) nachgesagt wird, doch nicht alle Toten in der Stadt gehen auf ihr Konto. Er scheint zwar auf der Seite des Gesetzes zu stehen und möchte Verbrechen aufklären, hat wohl allerdings auch einige Geheimnisse...

Hugo Swan (James Norton) wird als Aufreißer und Frauenheld eingeführt, der einen geheimen Club betreibt und eine Ader fürs Erpressen hat. Irgendetwas fasziniert ihn an den „Touched“, allerdings denkt er in der ersten Folge zunächst an sich und seine körperlichen Gelüste. Tatsächlich sind das immer noch längst nicht alle Figuren, die im Piloten eingeführt werden, der sich deswegen auch reichlich vollgepackt anfühlt. Während Whedon bei „Buffy“ eine Formel perfektioniert hat, in der ein einziger „Big Bad“ für eine Staffel die Figuren auf Trab hält, sind in dieser rund einstündigen Folge bereits zu viele Antagonisten vorhanden, so dass der Fokus fehlt und man sich als Zuschauer schnell verloren fühlen kann. Kurz wird nämlich auch noch die Figur Dr. Edmund Hague (Denis O'Hare) gezeigt, während besagte Maladie wohl sozusagen der Magneto der Serie ist.

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Zu viel auf einmal

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Insgesamt würde der ersten Folge ein deutlicherer Fokus und eine Straffung guttun. Ich bin schon länger ein Fan von Auftaktfolgen, die eher zu kurz als zu lang ist, so dass man die Zuschauer nach mehr verlangen lässt. Das ist bei The Nevers in meinen Augen nicht der Fall. Man hätte rund die Hälfte der Figuren wahrscheinlich noch gar nicht zwingend reinpressen müssen, denn so bleibt bei vielen die Handlungsmotivation schlichtweg auf der Strecke. Vielleicht glauben die Autoren rund um Whedon auch, dass das genau in dieser Art und Weise spannend ist und man mehr erfahren möchte, aber das geht nur halbwegs auf...

Die Szene in der Oper führt den Zuschauern dann nämlich neben der Schurkin auch noch die Figur Mary (Eleanor Tomlinson) vor Augen, die wohl noch einige wichtige Rolle spielen soll, weil sie - wie Cerebro bei den „X-Men“ - diejenigen offenbaren kann, die zu den „Touched“ gehören. Entsprechend haben Maladie und ihre Crew genauso ein Interesse an ihr wie auch True. Nur leider weiß ich nach dem Piloten nicht so wirklich, was Maladie eigentlich genau kann (ich nehme an, dass sie andere manipulieren kann) oder warum sie so labil ist (hier wird ein Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt angedeutet).

Als jemand, der große Teile von Whedons bisheriger Arbeit aufmerksam verfolgt hat und auch diverse Probleme mit den Sendern mitbekommen hat, weil viele seiner Serien nie Hits in den Einschaltquoten waren, hatte ich große Hoffnung dahingehend, dass ein Pay-TV-Sender wie HBO eine bessere Heimat für sein kreatives Schaffen ist. Ich kann zwar bisher nur die erste der sechs Folgen bewerten, aber ich habe den Eindruck, dass sich bis auf mehr Budget und einige Freiheiten, was explizite Sprache und Nacktheit angeht (es gibt natürlich die obligatorischen HBO-Brüste zu sehen...), gar nicht so viel im Vergleich zu seinen Network-TV-Zeiten verändert hat.

Die Effekte der Auftaktfolge sind nicht unbedingt der Rede wert - oder reißen mich sogar manchmal etwas aus der Handlung heraus - wie im Falle des großen Mädchens Primrose (Anna Devlin), bei dem der Effekt nie ganz sauber aussieht. Andere HBO-Produktionen der jüngeren Vergangenheit, beispielsweise Lovecraft Country, haben hier vielleicht noch etwas mehr zu bieten - vor allem, was Stimmung und Pacing angeht -, aber nicht unbedingt größere Budgets.

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Mit ist klar, dass Whedon und Co wahrscheinlich kein Marvel-Budget von 200 Millionen US-Dollar und mehr für ihre kleine Serie haben, aber das hat sie in Buffy the Vampire Slayer-Zeiten auch nicht aufgehalten, das Beste aus den vorhandenen Mitteln zu machen. Anders als bei der Vampirserie geht es bei „The Nevers“ auch nicht in eine gewollt trashige Richtung, aber irgendetwas passt halt nicht so ganz - so auch die Szene zum Schluss, die zeigt, wie die Menschen ihre Kräfte erhalten. Der Steampunk-Look ist sicherlich okay, ist aber auch nichts weltbewegend Neues, wenn man beispielsweise die „Sherlock Holmes“-Filme mit Robert Downey Jr. oder Da Vinci's Demons gesehen hat oder mit Alan Moores „League of Extraordinary Gentlemen“ vertraut ist. Mehrfach fühlt sich die Serie zu sehr nach Studio an (beispielsweise in den Straßenszene oder dem Bahntunnel). Vielleicht bin ich aber auch etwas zu streng und von anderen Produktionen, etwa von manchen auf Disney+ oder Netflix, zu sehr verwöhnt.

Die beiden weiblichen Hauptfiguren True und Adair finde ich bisher eigentlich ganz sympathisch und bin an ihren Charakter-Arcs interessiert. Whedon-Figuren tendieren oft zu gewissen extremen Entwicklungen im Laufe einer Staffel, was auch der Trailer zum Rest der Season zumindest für eine andeutet. Beim Rest des Casts bin ich noch etwas skeptischer, vor allem in den Nebenrollen und bei der Schurkin Maladie, die mich in der Opernszene leider wenig überzeugen konnte.

Fazit

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Ob die Erwartungen an die Mischung aus Whedon und HBO zu groß waren oder man sich im Auftakt einfach etwas zu viel aufgebürdet hat, ist mir nicht ganz klar. Doch die erste Folge von The Nevers ist eindeutig zu lang geraten und mit zu vielen (zwielichtigen) Figuren vollgestopft, so dass ich nur bedingt begeistert wurde und mir ein gewisser Wow-Faktor fehlte. Vieles kommt mir nicht nur aus anderen Whedon-Produktionen, sondern auch aus anderen Popkulturwerken bekannt vor, weshalb mir eben bisher etwas an Eigenständigkeit und an einem Alleinstellungsmerkmal fehlt. Natürlich weiß ich sehr wohl, dass auch eine Serie wie Buffy the Vampire Slayer sich erst im Laufe der Zeit finden musste und auch Dollhouse hat lange auf einen ersten großen Twist hingearbeitet, der die Serie erst so richtig sehenswert machte. Allerdings gibt es diesen Luxus in Zeiten von Peak-TV mit rund 500 Serien pro Jahr immer seltener, so dass der Zuschauer bei Mittelmäßigkeit schneller eine Alternative finden kann. Da die Staffel allerdings nur sechs Episoden umfasst, werde ich bestimmt auch in der kommenden Woche reinschauen, wie sich die Sache entwickelt und ich hoffe auf das Beste, weil ich die Idee an sich eigentlich ganz spannend finde...

Hier abschließend noch der Trailer zur nächsten Episode, Exposure (1x02), der gerade neu gestarteten Serie „The Nevers“:

The Nevers läuft wöchentlich immer montags um 20.15 Uhr nach der US-Ausstrahlung in Deutschland bei Sky Atlantic.

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