Die Pilotepisode der achtteiligen Miniserie The Missing schafft es, neben einer spannenden Krimigeschichte vor allem authentische Charaktere zu erzählen und dabei geschickt das Element der doppelten Erzählzeit zu nutzen.

James Nesbitt überzeugt als Tony Hughes in „The Missing“. / (c) BBC / Starz
James Nesbitt überzeugt als Tony Hughes in „The Missing“. / (c) BBC / Starz

Die vom US-Sender Starz und der BBC in Kooperation produzierte Dramaserie The Missing legt mit der Pilotepisode Eden einen äußerst überzeugenden Auftakt hin, was neben dem spannenden Fall der Kindesentführung vor allem an der guten Besetzung und der geschickten Verwendung der doppelten Erzählzeit liegt. So spielt die eine Hälfte in der Jetztzeit, die zweite Hälfte im Juli 2006 - zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft. Dabei wird vor allem deutlich, dass in den dazwischen liegenden acht Jahren so manches passiert ist.

Have you seen this boy?

Die Handlung setzt mitten in der Gegenwart ein, in der Tony Hughes (James Nesbitt) durch den französischen Ort Chalons du Bois tingelt und dabei alles anderes als im Reinen mit sich zu sein scheint. So spricht er unter anderem einen 13 Jahre alten Jungen an und benetzt sich immer wieder seine Lippen. Noch bleibt der Zuschauer im Unklaren, was ihn bewegt. Er ruft schließlich Emily (Frances O'Connor) an und verkündet ihr auf die Mailbox, dass er einen neuen Hinweis hat und diesen verfolgt.

Wir sehen daraufhin, wie Tony, Emily und ihr Sohn Oliver (Oliver Hunt) 2006 versuchen, aus ihrem Urlaub in Nordfrankreich wieder zurück nach London zu fahren. Allerdings bleibt ihr Auto stehen, wodurch sie zu einem kleinen Zwischenaufenthalt in dem französischen Nest verdonnert sind. Dabei kehren sie in dem titelgebenden „Hotel L'eden“ ein. Sie verbringen eine recht erholsame Zeit, bis schließlich der kleine Oliver bei einer Übertragung des Fußballspiels Frankreich - Brasilien spurlos verschwindet und das Drama seinen Lauf nimmt.

Olivers Zeichnung von Tony im Urlaub © Starz/BBC
Olivers Zeichnung von Tony im Urlaub © Starz/BBC

Zunächst versucht Tony selbst, Oliver zu finden, bis er seine Frau informiert und schließlich die Polizei alarmiert wird. Es wird eine national weite Suche gestartet, da die Polizei von einem Entführungsfall ausgeht. Zudem holt sich der französische Polizist Khalid Ziane (Said Taghmaoui) Unterstützung von dem kurz vor der Pension stehenden Julien Baptiste (Tcheky Karyo). Dieser übernimmt die Fahndung und versucht alles, um dem Ehepaar bei der Suche nach ihrem verlorenen Sohn zu helfen.

Life goes on.

Doch nicht nur die Polizei hilft dem Ehepaar, auch Emilys Eltern Penny (Diana Kent) und Robert (Clive Francis) reisen an, um sie zu unterstützen. Auch ein alleinerziehender Vater taucht auf, der anscheinend erhebliche Auswirkungen auf den Beziehungsverlauf von Emily und Tony hat. Als Emily nämlich in dem kleinen James Walsh (Macauley Keeper) glaubt, ihren Sohn zu sehen, lernt sie dessen Vater Mark (Jason Flemyng) kennen. Wie wir acht Jahre später sehen, wohnen nun James, Mark und Emily zusammen, während die Beziehung zwischen ihr und Tony brach zu liegen scheint.

Doch den Verlust von Oliver hat auch Emily noch nicht verkraftet. Sie antwortet zwar nicht auf Tonys Nachricht, jedoch trifft sie sich mit dem Journalisten Malik Suri (Arsher Ali), der bereits 2006 in dem Fall recherchierte, um ihn zu Tony zu schicken. Darüber hinaus zieht sie mit James und Mark zusammen und versucht alles, um ein neues Leben anzufangen. Ob sie dabei versucht, ihr altes mit dem neuen Leben auszutauschen, wird zwar nicht deutlich gezeigt. Dass sie jedoch nun einen Ziehsohn im Alter ihres verlorenen Sohnes hat, wird wohl mehr als ein Zufall sein.

Tcheky Karyo las Julien Baptiste © Starz/BBC
Tcheky Karyo las Julien Baptiste © Starz/BBC

Tony verfolgt derweil eine heiße Spur. So stellt er zusammen mit Baptiste fest, dass der von Oliver getragene Schal zwei Wochen zuvor auf einem Facebook-Foto zu sehen war, da eine chinesische Familie in Chalons du Bois Urlaub machte und den Schal in einem Second-Hand-Geschäft kaufte. So ermitteln sie schließlich die ehemalige Besitzerin des Schals. Diese kann sich allerdings zunächst nicht daran erinnern, erwähnt aber, dass ihr Haus 2006 unbewohnt war und es somit möglich wäre, dass sich Oliver in dem Haus befand. Als Tony daraufhin den Keller absucht, findet er schließlich eine Zeichnung an der Wand, die nicht nur eindeutig von Oliver stammt, sondern ihn auch noch darstellen soll.

Fazit

The Missing legt mit seiner Pilotepisode Eden einen sehr beeindruckenden Start hin, wozu vor allem die Erzählweise beiträgt. So wird sich zwar mit langen Aufnahmen Zeit genommen, die Geschichte und ihre Charaktere zu erzählen. Das aber schafft eine Tiefe, die einem die emotionalen Entwicklungen der einzelnen Charaktere sehr nahe bringt. Allen voran James Nesbitt, Frances O'Connor und Tchéky Karyo bieten hier eine sehr authentische Darstellung ihrer Charaktere, die sich jenseits von Klischees oder unnötigen Erzählsträngen entwickelt.

Tonys verzweifelte Suche, die von den Bewohnern des kleinen Dorfes anscheinend sehr negativ und störend wahrgenommen wird, Juliens emotionale Gebundenheit an ihn, die sich anscheinend irgendwo zwischen einem freundschaftlichen und einem distanzierten Verhältnis abspielt, und der brüchige Versuch Emilys, mit ihrem Leben weiterzumachen, bieten die Erzählstränge, die es im Laufe der acht Episoden aufzuklären gilt. Ob sich dabei die Prophezeiung Roberts bewahrheitet, dass der Entführer jemand bekanntes sei, und was dieser für eine Vergangenheit in sich trägt, bleibt abzuwarten.

Olivers Zeichnung im Keller des Hauses © Starz/BBC
Olivers Zeichnung im Keller des Hauses © Starz/BBC

Zudem erzeugt der Sprung zwischen den beiden Erzählzeiten - ähnlich wie bei True Detective - eine ganz besondere Spannung. Indem der Zuschauer bewusst im Unklaren gelassen wird, was sich in den acht Jahren zwischen dem Urlaub und Tonys jetziger Suche abgespielt hat, hat die Dramaserie die Möglichkeit, mit der Chronologie der Ereignisse zu spielen. Und das wird in der Auftaktepisode mit Bravour erfüllt. Wenn The Missing es schafft, diese emotionale Dichte halten zu können, was bei diesem Cast und einer Anzahl von acht Episoden sehr gut vorstellbar ist, bietet sie ein authentisches Drama, das man nicht verpassen sollte.

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