The Man in the High Castle 1x10

Als Amazon vor mehr als einem Jahr ankündigte, aus dem Philip K. Dick-Roman The Man in the High Castle eine Serie machen zu wollen, war ich zunächst sehr skeptisch. Die Buchprämisse erschien selbst für einen hochbudgetierten Hollywood-Blockbuster kaum machbar. Den Sieg der Achsenmächte über die Alliierten im Zweiten Weltkrieg inklusive sämtlicher Auswirkungen auf die nordamerikanische Gesellschaft auch nur halbwegs authentisch darzustellen, kam mir wie ein aussichtsloses Unterfangen vor.
How is that possible?
Nach Sichtung der ersten Staffel ist meine Skepsis jedoch beinahe gänzlich verflogen. Das world building, das Showrunner Frank Spotnitz und sein Produktionsteam hier betreiben, ist außergewöhnlich. Bis ins kleinste Detail wurde ein Amerika unter deutscher und japanischer Besatzung zuendegedacht. In vielen Einstellungen sind kleine easter eggs versteckt, die uns nahelegen, wie sorgfältig und detailverliebt hier vorgegangen wurde. Auch die visuelle Umsetzung ist von höchster Güte - der Bildkomposition lässt sich entnehmen, dass jede einzelne Einstellung durchdacht ist.
Es macht also alleine schon sehr viel Spaß, sich diese Serie anzusehen. Leider kann die Geschichte nicht mit der grandiosen Visualität (die sich auch auf Kostüm und Setdesign erstreckt) mithalten. Matt Zoller Seitz hat das in seiner Review für Vulture in eine sehr griffige Überschrift gepackt: „The Man in the High Castle is more Boardwalk Empire than Mad Men.“ Das klingt einfach, trifft es aber sehr genau. Wo Boardwalk Empire stets auf stilgenaues Setdesign erpicht war und darin vor allem in den frühen Phasen einer Staffel zu erstarren drohte, konzentrierte sich Mad Men (das auch über tolles Design verfügte) auf die konsistente Fortschreibung der Charakterzeichnung.
Dank der weitsichtigen Vorausplanung von Showrunner Terence Winter wurde „Boardwalk“ bald dafür bekannt, dass man sich als Zuschauer zum Ende der Staffel auf ein atemloses Finale freuen konnte, in dem all die aufgespannten Handlungsbögen auf wundersame Weise zusammenliefen. Bei The Man in the High Castle funktioniert das nun umgekehrt - am Ende der ersten Staffel stehen mehr Fragezeichen als zu Beginn (vor allem nach dieser wahnsinnigen letzten Szene). War alles nur ein Traum? Gibt es verschiedene Parallelwelten? Muss ich Adolf Hitler die Daumen drücken, damit San Francisco - wo ein Großteil unserer Helden lebt - nicht durch eine Atombombenexplosion vernichtet wird (wie es in Washington D.C. geschah)?

So bleiben viele spannende Fragen offen, was für eine noch nicht bestellte zweite Staffel ein guter Ausgangspunkt ist. Schöner wäre es aber gewesen, man hätte den Hauptfiguren schon in der ersten Staffel eine packende Geschichte zugedacht. Dabei fängt alles sehr flott an. Ohne übermäßige Exposition werden wir einfach in diese Welt geworfen. Juliana Crain (Alexa Davalos) und ihr Freund Frank (Rupert Evans) haben sich in der japanischen Besatzungszone eingerichtet. Er arbeitet als Waffenschmied, sie besucht Aikido-Kurse.
Our day has come
In San Francisco werden Juden nicht so streng verfolgt wie im Dritten Reich, weshalb Frank angesichts seiner jüdischen Vorfahrenschaft etwas unbekümmerter durchs Leben gehen kann. Der dramaturgische Stein kommt schließlich ins Rollen, als Juliana den Mord an ihrer Schwester Trudy (Conor Leslie) durch die japanische Geheimpolizei beobachtet. Sie gelangt in den Besitz einer Filmrolle, die Trudy nach Canon City - in die neutrale Zone zwischen Deutschland und Japan - schmuggeln sollte. Um herauszufinden, was mit ihrer Schwester passiert ist, nimmt sie deren Identität an.
Dort kommt es zu mehreren spannenden Ereignissen. Juliana trifft auf ihren Kontaktmann, den Nazi-Doppelagenten Joe (Luke Kleintank), der das eigentlich gar nicht sein will. Oder will er es? Im Verlaufe der ersten Staffel wird nie richtig klar, auf wessen Seite Luke wirklich steht. Erst am Ende, als er von Juliana eigentlich an ihre Mitstreiter ausgeliefert werden soll und auch von den Nazis gesucht wird, scheint er sich für die Seite der Rebellen zu entscheiden. Diese sind von diffuser Zusammensetzung, wir lernen nur zwei von ihnen richtig kennen, wobei sowohl Lem Washington (Rick Worthy) als auch Karen (Camille Sullivan) im Status der Nebenfiguren verbleiben.
Sie kämpfen für die Titelfigur der Serie, den „Man in the High Castle“. Er verbreitet Filme, die alternative Realitäten aufzeigen. Auf Trudys Film ist der Sieg der Alliierten über die Achsenmächte zu sehen. Ein anderer Film, den sich Juliana und Frank am Ende der Staffel ansehen, zeigt jedoch Aufnahmen aus einer Art Parallelwelt. Frank wird darin von SS-Mitglied Joe erschossen. Wie ein solcher Film entstehen konnte, erfahren wir nicht. Hernach ist Juliana jedenfalls entschlossen, ihren eigentlichen Mitstreiter Joe an die Widerstandsgruppe auszuliefern, in letzter Sekunde entscheidet sie sich aber um - und verhilft Joe zur Flucht nach Mexiko.
Sein Befehlshaber John Smith (Rufus Sewell) ist unterdessen mit der Entwirrung eines undurchsichtigen Netzes aus Verrat und Korruption beschäftigt, an dem er selbst gesponnen hat. Zunächst wird seine Figur als böser Obergruppenführer in schwarzer SS-Tracht eingeführt, bevor er eingehendere Charakterisierung erhält. Zwar kann er dieser Figurenzeichnung nur oberflächlich entfliehen, doch wird er mit zunehmend menschlichen Merkmalen ausgestattet. Als bei seinem Sohn eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird, die im Euthanasie-Programm der Nazis seinen sicheren Tod bedeuten würde, muss John selbst die bittere Pille schlucken, die er all den als „Untermenschen“ klassifizierten Kranken und Schwachen selbst in den Rachen gezwungen hat.

Am Ende gerät er in eine Verschwörung gegen Adolf Hitler (Wolf Muser) höchstpersönlich, der von den Scharfmachern in Reihen der Nazis aus dem Weg geräumt werden soll, um seinen Friedenspakt mit dem technologisch unterlegenen Japan aufkündigen und der Koalitionsmacht den Krieg erklären zu können. Hierfür wird der Vaterlandsverräter Rudolph Wegener (Carsten Norgaard) als Attentäter eingesetzt, der es jedoch nicht über sich bringt, den Führer zu erschießen. Überdies werden wir Zuschauer dahingehend manipuliert, für Hitlers Überleben zu buhlen, weil die Pazifikküste Amerikas sonst in Schutt und Asche gelegt und damit unsere dort operierenden Helden ausgelöscht werden würden.
There is no hope. There is no future.
Es ist ein weiser Schachzug von Showrunner Spotnitz, Hitler nur einmal kurz auftreten zu lassen. Ausgiebiger werden da schon die Vorgänge in der japanischen Führungsebene beleuchtet, wo der unnachgiebige Geheimdienstinspektor Kido (Joel de la Fuente) alles daran setzt, den Attentäter des Kaisers ausfindig zu machen und einen Nazi-Angriff auf japanisches Territorium zu verhindern. Früh geht der fanatische Anhänger des eigenen Machtapparats in Opposition zu dessen gemäßigtem Vertreter, dem Wirtschaftsminister Nobusuke Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa).
Ihm gehört indes die letzte - und verwirrendste - Szene der gesamten ersten Staffel. Darin sitzt er auf einer Parkbank und schließt die Augen, in der Hand hält er die Halskette seiner Assistentin Juliana, die Frank nach seinem gescheiterten Attentat auf den Kaiser (das er wegen des Mordes an seiner Schwester sowie Nichte und Neffe verüben wollte) hatte fallen lassen. Als Tagomi die Augen wieder öffnet, sitzt er plötzlich im echten Amerika des Jahres 1962. Die Zeitungen berichten von der Kuba-Krise, Leuchtreklamen bewerben Bier und andere Genussmittel, an einem Essensstand gibt es nicht mehr japanisches Fastfood, sondern Hot Dogs.
Dann ist die erste Staffel zu Ende. Für mich ist es leider ein unbefriedigendes Ende - nicht nur, weil gleich eine ganze neue Möglichkeit aufgetan wird, die das Format auf eine Science-Fiction-Bahn wirft, sondern auch, weil soviele interessante Ansätze aus dem ersten Teil der Staffel nur noch am Rande aufgegriffen wurden. Die Serie heißt The Man in the High Castle, doch nach dem Handlungsbogen in Canon City wird sich seiner Existenz oder der Herstellung und Bedeutung seiner Filme kaum noch gewidmet. Es geht fortan um die Auflösung der Verstrickungen, in die sich die Hauptfiguren verfangen haben.
Weil das oftmals redundant ist (irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen, wie oft Joe von Juliana oder anderen gerettet wird), verliert die Geschichte ihre Wucht vom Anfang. Wunderschön anzusehen bleibt sie aber bis zum Schluss, und ausreichend - eigentlich zu viele - offene Fragen stehen auch im Raum, weshalb ich mir eine zweite Staffel sicherlich anschauen würde - so sie denn bestellt wird.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 5. Dezember 2015(The Man in the High Castle 1x10)
Schauspieler in der Episode The Man in the High Castle 1x10
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